Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Geile 132 Dr. Blorh's Wochenschrrfi. Sir. 9 ohne daß sich bis jetzt eine Spur von ihr gefunden hatte. Herr Pick erstattete sofort die Anzeige bei der städtischen Polizei und der Gendarmerie und verständigte sowohl die im gegenüberliegenden Hause bedienstete Schwester Aloisia des verschwundenen Mädchens, als auch telegraphisch den Vater, der am. folgenden Tage hier eintraf. Die von Herrn Pick selbst geforderte gründliche Untersuchung des ganzen Hauses, die im Beisein des Polizeichefs und der Schwester stattfand, ergab nicht den mindesten Anhaltspunkt für die Beantwortung der Frage, was aus dem Mädchen geworden sei. Man fand ihren Koffer, der 105 fl. in Baargeld und einige Pretiosen enthielt, die von Vater und Schwester sofort getheilt wurden. Wohl aber förderte die Einvernahme der Schwester und einiger anderer Zeugen die gewichtigsten Argumente für die Annahme zu Tage, daß Marie Kreysova freiwillig den Tod in den Fluchen der Elbe gesucht habe. Die Verschwundene hatte ein Verhältniß mit einem gewissen Zaruba, einem Reisenden der Leitmeritzer Kerzeufabrik Hladika und war im sechsten Monate der Schwangerschaft. Vor Kurzem nun hat Marie Kreysova erfahren, daß ihr Geliebter, der ihr die Ehe versprochen hatte, seit 3 Monaten verheiratet sei. Die Nachricht wirkte wie ein Donnerschlag auf das Mädchen. Seit damals äußerte sie zu ihrer Umgebung mehrfach und wiederholt Selbstmordgedanken. Die Schwester Aloisia bemerkte sofort, als sie von dem Verschwinden des Mädchens erfuhr: „Sie hat sich gewiß das Leben genommen" und gab au, daß Marie sie kurz vorher aufgefordert habe, mit ihr gemeinsam zu sterben. Als der Vater ankam, sagte er weinend zu Herrn Pick: „So wahr ich lebe, so wahr hat sie sich das Leben genommen." Nach der Ursache dieser Vermuthung befragt, erwiderte der alte Mann: „Der Liebhaber ist ja schon seit 3 Monaten verheiratet. Die im selben Hause bei Adolf Steiner bedienstete Magd Marie Hruskova hatte die Verschwundene nach der schnellsten und leichtesten Todesart befragt und die Hruskova hatte ihr gesagt: „EÜrinken; man schluckt drei Engel herunter und ist todt." Auch zu der gleichfalls bei Oscar Pick bediensteten Marie Tychotova hatte die Kreysova die Absicht, ins Wasser zu gehen, ausgesprochen und hinzugefügt: „Dann wirst Du mich beerben." Ebenso bestätigt die bei Adolf Steiner bedienstete Bonne, Fräulein Anna Seidl, daß sich die Kreysova mit Selbstmordgedanken trug. Mau sieht, Marie Kreysova ist ein Opfer jener alldeutschen Moral, die Herr K. H. Wolf zu Ehren gebracht hat, und es entbehrt nicht eines pikanten Humors, daß Herr Dr. Eifenkolb just einen solchen Fall zum Anlaß nimmt, um die Aussiger Juden eines Ritualmordes zu beschuldigen. Die Antwort darauf ist ein schallendes Hohngelächter in der ganzen Stadt. Herr Oscar Pick hat in der allgemeinen Achtung nicht die geringste Einbuße erlitten, selbst Alldeutsche sprechen ihm gegenüber ihre Entrüstung über den Schwabenstreich des Herrn Eisenkolb aus. Die paar alten Weiber mänulichen und weiblichen Geschlechtes, die im Spaße oder im Ernste von der Möglichkeit eines Ritualmordes sprachen, hat Herr Pick gerichtlich verfolgt, und sie stehen wegen Verbreitung beunruhigender Gerüchte in Untersuchung beim Kreisgerichte Leitmeritz. Das Aussiger Bezirksgericht hat in Ermanglung jedes strafbaren Thatbestandes Herrn Pick einer einzigen Einvernahme unterzogen, und der Strafrichter, dessen politische Anschauungen jenen des Herrn Eisenkolb ziemlich nahe kommen, hat aus seiner Mißbilligung der unsinnigen Interpellation kein Hehl gemacht. Das ist der Thatbestand des neuesten „Ritualmordes". Sobald die Elbe eisfrei sein wird, wird man zweifellos den Leichmaun des durch einen Nacheiferer Wolfs unglücklich gemachten Mädchens finden. Herr Eisenkolb aber wird aus dieser Campagne nicht mit Lorbeern hervorgeheu. Er hat sein eigenes politisches Prestige rituell geschächtet. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Wir beten Alle zu Einem Gott. — Für wen Doctor Lueger gratnlirt hat. — Die ordinär st e Partei im Hause. — Liechten st ein für Lueger und Lueger für Strobach. — Heinrich Heine in der „Neichspost".) Während die Gesundbeter von Wien in ihren Versammlungen das Volk zu bethören suchen und ihm vorspiegeln, daß in der Judenhetze die Abhilfe gegen alle wirthschaftliche Noth zu finden sei, kommt aus dem Palais des Erzherzogs Rainer ein Trost und Beruhigung für die verfolgte und unterdrückte Judenschaft O-'sterreichs. An anderer Stelle dieses Blattes finden die Leser den officiellen Bericht der Wiener israelitischen Cultusgemeinde über die Audienz der Glückwunschdeputation der Gemeinde beim Erzherzog Rainer, und die gütigen Worte, die der erlauchte Prinz des Hauses Habsburg an die Repräsentanz der Wiener Juden gerichtet hat, verpflichten uns zu heißem Danke. Sie stellen ein historisches Document von der höchsten Wichtigkeit dar, denn sie sind eine entschiedene Absage eines der hervorragendsten Mitglieder des Kaiserhauses an den Antisemitismus. Weisheit und Herzensgüte, Gerechtigkeit und Patriotismus finden ihren Ausdruck in den Worten: „Sie haben in den letzten Jahren manche schwere Stunde gehabt — wirklich ungerechtfertigt. Wir beten Alle zu Einem Gott und wir sind Alle Oesterreicher ohne Unterschied der Confession und Nation. Nur Einigkeit macht stark und wir Oesterreicher brauchen die Einigkeit." Ueberaus maßvoll und vornehm, darum aber auch umso ernster und eindrucksvoller, beklagt der hohe Herr die schweren Kränkungen, denen die jüdischen Bürger Oesterreichs „in den letzten Jahren" schutzlos preisgegeben sind, u. zw. wie Se. kaiserl. Hoheit rückhaltslos erklärt, wirklich ungerechtfertigt. Der edle Charakter, die glänzende Begabung dieses kaiserlichen Prinzen, die ideale Richtung seines Strebens, seine Begeisterung für die Wissenschaft, seine staatsmännische Weisheit, seine Menschenfreundlichkeit und seine Liebe zum Volke, alle diese Eigenschaften, die in diesem Fürsten in so seltener Weise vereinigt sind, wurden in den Tagen der Feier seiner goldenen Hochzeit von der gesammteu Bevölkerung laut und vernehmlich gepriesen. Die Liebe und Verehrung, die Alle ihm entgegenbringen, kam in den ihm gewidmeten Kundgebungen zum Ausdrucke. Wenn darnach allein schon der unermeßliche Werth der Theilnahme zu ermessen ist, die er für die in ihren Rechten und in ihren Gefühlen gekränkten Juden empfindet, so ist noch ganz besonders jene Eigenschaft hervorzuheben, die den Herrn Erzherzog gleich allen anderen Mitgliedern unseres geliebten Kaiserhauses auszeichnet, nämlich der streng religiöse Sinn, die wirkliche und innige Frömmigkeit. Erzherzog Rainer ist ein eifriger Katholik, ein Christ in des Wortes schönster Bedeutung. Und dieser findet es beklagenswerth, daß den Juden schwere Stunden bereitet wurden, erklärt diese schweren Stunden als wirklich ungerechtfertigt, anerkennt auch die jüdischen Bürger als gleichberechtigte Oesterreicher und erachtet die Einigkeit Aller, also auch das einige Zusammenleben der Christen und Juden, als nothwendig für das Gedeihen Oesterreichs. Wie in der Wüste eine Feuersäule dem jüdischen Volke wegweisend voranleuchtete, so sollte diese gütige Mahnung des kaiserlichen Prinzen der Leitstern für jene irregeleitete und fanatisirte Bevölkerung sein, die bisher durch eine wüste Agitation von den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe abgebracht worden ist. Wenn die Bevölkerung Oesterreichs und insbesondere die Bewohnerschaft Wiens noch irgend einer weisen Belehrung, einer wahrhaft väterlichen Mahnung zugänglich ist, dann kann die Kundgebung des Erzherzogs Rainer unmöglich ohne tiefen und nachhaltigen Eindruck auf den Verstand und auf die Herzen der Wiener bleiben. * * * Unter den Gratulanten, die Herr Erzherzog Rainer empfing, war selbstverständlich auch der Bürgermeister der Stadt Wien, und in einem Berichte des Verganiblattes werden alle die verschiedenen Eigenschaften oufgezählt, in welchen Dr. Lueger den Erzherzog beglückwünschte, und darunter finden wir auch die Stellung des Herrn Dr. Lueger als Obmann des antisemitischen Verbandes im niederösterreichischen Landtage verzeichnet. Wir glauben nicht, daß Dr. Lueger speciell antisemitische Glückwünsche vorbrachte; sollte es dennoch geschehen sein, so weiß Herr Dr. Lueger nunmehr, wie Erzherzog Rainer über die Verfolgung der Juden denkt, die von den Antisemiten als Fremdlinge, als