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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ar. 9 Dr. Blmtz's Wochenschrift. Seite 131 errichtet werden. Bor mehr als zwei Jahren hatte ich Professor Wilhelm Bacher und durch ihn dem Budapester Gelehrtenkreise einen detaillirten Plan für eine solche Akademie unterbreitet (Arbeitsprogramm; die Namen der ersten 40 jüdischen ^Unsterblichen'' rc.): meine Universitätsidee war die Tochter des Akademiegedankens . Wenden wir nun unsere Blicke nach Cincinnati, das durch den großen Reformator und Organisator Dr. Jsaac M. W i s e zum geistigen Mittelpunkt der Judenheit des westlichen Theiles der Vereinigten Staaten geworden war. Wise war ein Idealist, ein Schwärmer; dabei aber auch ein praktischer Mann — allerdings nur sofern es sich um seine vier Lieblingsschöpfungen: den „American lsraelite“, lange Zeit das maßgebende jüdische Organ Amerikas, die „Union ok American Hebrew Gongregations“ (Verband der Israelitischen Reformgemeinden der Bereinigten Staaten), das „Hebrew Union College“, endlich die „Central Conference of American Rabbi’s“ (Verband der amerikanischen Reformrabbiner) gehandelt hatte; denn er selbst war sein Leben lang unbesoldeter Präsident und Professor des Hebrew Union College, gab so lange er nur einen Groschen in der Tasche hatte, und erst wenns damit zu Ende war. appellirte er an Freunde und Fremde. Er war, gleich Zadoc Kahn, dem Oberrabbiner von Frankreich, stolz darauf, zu den erfolgreichsten „Generalschnorrern" der internationalen Judenheit gezählt zu werden. Den reichen und wohlhabenden Juden des Westens (er wurde oft scherzhaft der „jüdische Papst westlich von den Alleghenzgebirgen" genannt) war es einfach unmöglich, diesem liebenswürdigen, alten Herrn „Nein" zu sagen. Er war der Erste, der mich 1897, als ich noch in meinem bescheidenen provisorischen Bureau in der New- Chamber-Street arbeitete, privatim und öffentlich ermuthigte, bei meinem Encyklopädieplane zu verharren, (doch Brainin a. a. O. irrt sich, wenn er behauptet, Jsaac M. Wise wäre der „ehrliche Makler" zwischen der Funk & Wagnalls Company und mir gewesen), und deshalb ist es mir eine große Befriedigung, hier zum erstenmale seinem Namen den ihm gebührenden Tribut zu zollen. Sollten jedoch etwa Wiese's begeisterte Anhänger, seine eigenen Schüler und persönlichen zahlreichen Freunde so bald nach dessen Tode die Ehrenschuld vergessen haben, die sie dem Begründer und Vater des „Hebrew Union College“ schulden? Alea jacta est. Dank der Generosität einiger jüdischer Mäcene New-Aorks ist das dortige conservative „Jewish Theological Seminary“ (der Name der Anstalt wird in der neuen Stistungsurkunde in Anbetracht der höheren Ziele, die der Schule gesteckt wurden, entsprechend modificirt werden) für alle Zeiten auf eine sichere materielle Basis gestellt und sieht einer glänzenden Zukunft entgegen. Ist aber die vor einem Vierteljahrhundert von Jsaac M. Wise begründete progressive theologische Anstalt, trotzdem schier 60 ihrer Schüler auf mehr oder minder fetten Pfründen sitzen und zwar Dank der Aufopferung ihres großen Meisters, der sie gelehrt und gepflegt hatte, sie in ihre Gemeinden einführte und oft noch lange nach ihrer Jnstallirung ihnen Stab und Stütze war, in der Lage, mit der ihr plötzlich erstandenen Rivalin erfolgreich zu kämpfen? Bisher sah die verhältnißmäßig reiche Cincinnatier Anstalt auf die ärmere Schwester in New-Iork mit einer Art Mitleid herab: Institutionen haben eben, gleich Individuen, mit der Laune des Schicksals zu rechnen. Das Ideal, das den beiden Begründern des New-Iorker Seminars, Sabato Morais und Alexander Kohut, vorgeschwebt hatte, war die im ehemaligen Paduaner Collegio Rabbinico und dem Breslauer Seminar verfolgte conservative, religiöse Politik; Jsaac M. Wise hatte an Geiger's Berliner freisinnige „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" gedacht. Nun, in vollem Ernste: wäre es nicht endlich einmal Zeit, 115 Jahre nach dem Tode Moses Mendelssohn's, das Schreckgespenst „Reform" und Urmütterchen „Orthodoxie" in zwei benachbarten Schränken in dem „Museum für jüdische Religions- und Kunstdenkmäler" zu ewiger Ruhe zu betten? Das Judenthum (um dessentwillen sich beide Parteien seit mehr als einem Jahrhunderte in den Haaren liegen), als Religion und philosophische Lebensanschauung, ist und kann als abstracter Begriff nicht in Gefahr sein. Da es der vereinten Arbeit unserer großen Geister in den letzten dreitausend Jahren nicht gelungen ist, die jüdische Idee zur weltbezwingenden Idee zu machen, so ist es wohl eine Vermessenheit von uns Epigonen, wenn wir es uns unter den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen in den Kopf setzen wollten, den Riesenkampf gerade in unseren Tagen siegreich zu Ende führen zu wollen. Prim um virere, deinde philos ophari. Also das Judenthum ist augenblicklich nicht in Lebensgefahr, aber ungefähr acht Millionen Juden sind in Gefahr, physisch, geistig und öconomisch erdrückt zu werden. Der allmächtige Gott wird es den wüthenden Reformern verzeihen, wenn sie um des Gemeindefriedens willen auf die Orgel mit oder ohne christliche Knaben- und Mädchenbegleitung verzichten. und er wird auch den fanatischen Orthodoxen micht gram darüber sein, wenn die Fleischbeschauer und die Mikweh-Jnspectorinnen einige Paragraphe des Schulchan-Aruch in liberalem Sinne interpretiren. Aber Gott kann und wird es uns nicht verzeihen, wenn wir amerikanische und westeuropäische Juden in Frieden, bürgerlicher und politischer Gleichheit und verhältnißmäßigem Wohlstände leben, während acht Millionen Kinder seines Volkes in Rußland. Rumänien, Galizien, Nordafrika und Persien unter der Ruthe des Drängers und unter dem Fluche bitterster Armuth und Verkommenheit erliegen. (Fortsetzung folgt.) Der „Wlnalniord" des Herrn Gifenkolb. A u s s i g, 17. Februar. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom!4. d. M' hat der alldeutsche Abgeordnete Dr. Eisenkolb — „unser" Eisenkolb, wie mau ihn hier lauge mit stolzem Selbstgefühle nannte — den Justizmiuister über einen angeblichen Ritualmord in Aussig interpellirt. Es mußte überraschen, daß der „deutsch-böhmische Papst", der Initiator der „Los von Rom"- Bewegung, der mit wuchtigen Schlägen gegen den religiösen Aberglauben zu Felde gezogen war, plötzlich in den Jargon der Herren Schneider und Vergani verfiel und mit ungeheuerlicher Uebertreibung das Verschwinden eines bei Juden bediensteten Christenmädchens unter dem Schutze der Immunität als „Ritualmord" in die alldeutschen Lande hiuausposanute. Aber wer die wechselnden Stimmungen der deutsch-böhmischen Wählerschaft genauer kennt, verwunderte sich nicht allzusehr über diesen plötzlichen „Umfall" des Herrn Eisenkolb, der für ihn übrigens ein gewaltiger „Reinfall" werden dürfte. Seit der Scandal-Affaire Wolf-Seidl und dem gewaltsamen Riß zwischen Schönerer und Wolf hat die politische Reputation der Alldeutschen, namentlich soweit sie fest zu Schönerer stehen — bedenklichen Schaden gelitten. Das empfindet auch der kleine dickbäuchige Advocat von Karbitz, der die sonst so gelassene und besonnene Wählerschaft des Städtewahlbezirkes Aussig-Teplitz nur deshalb überrumpelte, weil es an einem tüchtigen fortschrittlichen Candidaten im entscheidenden Moment gefehlt hatte. Seit der Spaltung der Alldeutschen, seit der Proclamirung der Trautenauer Moral ist hier auf den flüchtigen Rausch ein arger Katzenjammer gefolgt. Man beginnt zu merken, daß die alldeutschen Jdealmenschen genau dieselben Phrasenhelden und Mandatskleber sind wie die meisten, die den Parlamentarismus als Berufsgeschäft betreiben. Herr Eisenkolb ist ein Mann der raschen Initiative. Um die Scharte, die der Conflict Schönerer-Wolf der Partei geschlagen, auszuwetzen, warf er sich — nach berüchtigten Mustern — auf den — Ritualmord Konnte die Wiedererweckung der mittelalterlichen Blutlüge dem Clericalismus einen neuen Schwung geben, warum nicht auch den Alldeutschen? Daß Herr Eisenkolb da dieselbe Waffe aufgriff, die er den verhaßten Römlingen aus der Hand zu schlagen suchte, die Waffe des Aberglaubens und religiösen Irrwahnes — was verschlugs? Auch hier sollte der Zweck das Mittel heiligen. So fabricirte denn Herr Eisenkolb seine Interpellation, die selbst seine hiesigen Parteifreunde einfach perplex machte. Für so dumm hatten ihn selbst seine intimsten Stammtischgenossen nicht gehalten. Ich theile Ihnen nachstehend den Sachverhalt mit, der den Karbitzer Eisen- und Judenfresser begeisterte, mit den dümmsten Kerlen von Wien um die Palme der Stupidität zu ringen : Am 8. Jänner verschwand die bei dem hiesigen Kleiderhändler Oscar Pick, einem selbst in alldeutschen Kreisen allgemein geachteten Mann, bedienstete Marie Kreysova,

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