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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 130 Dr Vloch's Wochsnsrtzrift. Nr. S und redigirten alte Handschriften, Notizen und Recensionen, während (1881—1901) ungefähr 500.000 russischer, rumänischer, galizianischer, ungarischer Juden den atlantischen Ocean durchfurchten, in ihrem armseligen Gepäck und besonders in ihren Köpfen und Herzen Bibel und Talmud, den Moreh Nebukim und Jore Deah mit sich führend. Hunderte von „Maskilim", die Humanisten der russischen Judenheit, waren unter den Einwanderern : arm an Dollars, aber reich an Wissen und glühend für die Interessen des Judenthums, legten sie, schier unbewußt, den Grund zur Wiederbelebung der jüdischen Wiffenschaft in der westlichen Hemisphäre. Das einzige Verdienst, das ich persönlich für mich in Anspruch zu nehmen das Recht habe, ist, den richtigen Zeitpunkt erfaßt und mit meiner ganzen Energie und Begeisterung die zerstreuten Elemente der gelehrten jüdischen Sippschaft aus aller Herren Länder um den Riesenbau der jüdischen Encyklopädie gruppirt zu habe». Professor Wilhelm Bacher hat mir die große Ehre erwiesen, mich in seinem glänzenden Artikel über „Eine Hochschule für die Wissenschaft des Judenthüms in Amerika" (Allgemeine Zeitung des Judenthums, 9. August 1901, vergleiche Nr 35 und Brainin's Artikel in Hador Nr. 36) mit „den kühnen Konquistadoren des XVI. Jahrhunderts" zu vergleichen. Lange vor mir jedoch war eine zahlreiche Schaar edler und begeisterter jüdischer Seefahrer aus allen Theilen Europas über denselben atlantischen Ocean gezogen, um in dem jungen Riesencontinente die Keime zu einer neuen, gigantischen Saat auszustreuen: die Baiern Leo Merz b ach er, (geb. 1809, gest. in New-York 1856), Max Lilienthal (geb. 1815, gest. in Cincinnati 1882). David Einhorn (geb. 1819, gest. in New- York 1879) und die noch heute unter den Lebenden wandelnden Bernhard Felsen th al, (geb. 1822, lebt in Chicago und feierte in kö.perlicher und geistiger Frische vor einigen Wochen seinen 80. Geburtstag) und Kaufmann Köhler (geb. 1843, Rabbiner des Temple Beth-EI in New-York und Chef des theologisch-philosphischenDepartemeuts der Juoischen Encyklopädie), die Ungarn Benjamin Szold, (geb. 1830. war lange Jahre Rabbiner in Baltimore und lebt daselbst, umgeben von der Achtung und Liebe seiner jüdischen und christlichen Mitbürger), Adolph Hübsch (geb. 1830. gest. in New-York 1884) und der bereits erwähnte Alexander Kvhut, (geb. 1837. gest. in New- Ivrk 1894;) die Oesterreicher Jsaac M. Wise (geb. 1819, gest. 1900 in Cincinnali) und Gotthard Deutsch (geb. 1859; wi'kr mit glänzendem Erfolge als Professor anr Cincinnatier Hebrew Union Gellege, als Conferencier und Journalist, und wird hier wegen seines tiefen, ousgebreiteten W-ssens und scharfen Witzes bewundert — und gefürchtet); der Hesse: Samuel Adler (geb. 1818, gest. in New-Jork 1891); die Preußen: Samuel Hirsch (Vater des Chicagoer Rabbiners Emil G. Hirsch, geb. 1815, gest. in Philadelphia 1889). Isidor K a l i s ch (geb. 1816, gest. in Newark sm oer Nähe von New-York) 1886). I. K. Gutheim (geb. 1817. gestorben in Ncw-Orleaus 1886). Marcus Jastrow (geb. 1829, lebt in Philadelphia und wirkt trotz seines hohen Alters rüstig und erfolgreich als Präsident der Bibelcommiffion der Jewish Publication Society sbiese Gesellschaft ist nämlich im Begriffe, eine neue englische Uebersetzung der Bibel herauszugeben) und Chef des talmudischen Departements der Jüdischen Encyklopädie; er hatte vor mehreren Wochen die große Freude erlebt, nach I5jähriger Arbeit das Manuscript des letzten Heftes seines vortresslichen Dictionary of the Talmud zum Drucke zu befördern) und Gustav G o t t h e i l (geb. 1827; lebt als Rabbi Emeritus des Temple Emanuel in New-York. nachdem er während mehr als zwei Decennien der unbestritt. ne religiöse Führer der Netv-Yorker Judenheit gewesen), der Vhstphale Jsaac L e e s e r (geb. 1806, gest. in Philadelphia 1868), der Weimaraner Liebman Adler (geb. 1812, gest. in Philadelphia 1868), der Holländer Samuel M. I s a a c s (geb. 1804, gest. in New-York 1878, der Vorgänger des Dr. F. de Sola Mendes, als Rabbiner der Gemeinde Shaare Tefila), der Schwede Morris I. Raphall (geb. 1797. gest. in New-York 1868). der Italiener Sabato Marais (geb. 1823, gest. in Philadelphia 1897, als Präsident des von ihm begründeten orthodoxen Jewish Theological Seminary in New York), endlich der Engländer Abraham de Sola (geb. 1825, gest. in Montreal sCanada) 1882). Diese gelehrten und für die höchste!» Ideale des Judenthums begeisterten wackeren Pion niere legten, wie gesagt, den Grund zu der Saat, die der geniale Rumäne Salomon S ch e ch t e r, der seine glänzende Stellung an den Universitäten Cambridge und London aufgeben wird, um in einigen Monaten sich der Phalanx der amerikanischen Gelehrten auzuschließen, zu reifen berufen zu sein scheint. Er wird die Arbeiten seiner Vorgänger weiter zu führen und in der unter seinem Rectorate neu zu organisirenden theologischen Hochschule von New-York zu krystallisiren suchen. Drei edle jüdische Mäcene, Jacob H. Schiff (100.000Dollars), Leonhard Lewisohn (50.000 Dollars) und Daniel Guggeuheim (50.000 Dollars) hatten sich eines schönen Abends in des Ersteren Wohnung mit dem Mitgliede des Richtercollegiums von Philadelphia, Mayer Sulzburger, der nicht blos zu den scharfsinnigsten Juristen und gelehrtesten Bibliophilen des Landes gezählt wird, sondern als Präsident der literarischen Section der Jewish Publication Society of America auch einer der autorisirtesten Führer der amerikanischen Judenheit ist und mit dessen Vetter Dr. Cyrus Adler, einem der Editoren der Jewish Encyclopedia, Präsidenten der American Jewish Historical Society und künfitgen Berwaltungspräsidenten der neuen Anstalt, zusammengefunden und seance tenante 200.000 Dollars (800.000 Mark) für die Reorganisation des Jewish Theological Seminary gezeichnet. Außerdem erklärte sich Jacob H. Schiff bereit, in der Nähe der Columbia-Universität auf seine Kosten der jüdischen Wissenschaft einen herrlichen Tempel zu errichten — der Bau bat bereits begonnen — und gleichzeitig wurden die nöthigen Schritte gethan, um in naher Zukunft ein Grundcapital von 1,000.000 Dollars (vier Millionen Mark) für die neue Anstalt aufzubringen. Dieser Jacob. H. Schiff, ein geborener Frankfurter und eine der edelsten jüdischen Gestalten der Gegenwart, ist nicht blos einer der Finanzkönige der Vereinigten Staaten, sondern auch ein tiefer Kenner der jüdischen Geschichte und Literatur. Er überläßt am Sabbath sein Riesenbankhaus seinen Beamten, um den Vormittag im Tempel, den Rest des Sabbaths und den folgenden Sonntag fast ausschließlich den Angelegenheiten des Judenthums zu widmen. Unsere jüdischen Francs- oder Mark-Millionäre drüben in Europa, deren Geschäftscapttal in vielen Fällen geringer sein dürfte, als das zweijährige Wohlthätigkeitsbudget Schiff's, sollten sich diesen Mann zum Muster nehmen. E-n die hiesigen Verhältnisse so recht charakterisirendes kleines Ereigniß mag hier gleichsam in Parenthese eingeschoben werden. Vorigen Donnerstag den 30. Jänner fand die Jahresversammlung der American Jewish Historical Society im Sitzungssaal des Temple Emanuel statt. Diese vor 10 Jahren von Cyrus Adler und einigen anderen jüdischen und christlichen Gelehrten in's Leben gerufene Gesellschaft hat den Zweck, Material für die Geschichte der Juden Amerikas zu sammeln. Das Wetter an jenem Tage war ein höchst ungünstiqes; außer den Mitgliedern des Präsidiums (Cyrus Adler, Präsident; Dr. Friedenwald und Max I. Köhler sSohn des Rabbiners), Secretäre; Professor Richard Gottheil, Schatzmeister; die Professoren Morris Jastrow und I. H. Holländer, Mitglieder des Executiv-Comites) waren kaum zwei Dutzend Zuhörer da; (die vorgetragenen historischen Essays sind gelehrter Natur und interessiren das große Publicum recht wenig). Aber Schiff, dessen Vermögen auf mehr als 100 Millionen Mark geschätzt wird, saß rückwärts in einem Winkel und neben ihm saß, ebenso bescheiden, Oscar S. Strauß, der Mann, der zweimal Botschafter der Vereinigten Staaten am türkischen Hofe war und eine der politischen und gesellschastlichen Koryphäen des Continents ist. Diese großen Herren, echt demokratisch, kommen und gehen unangemeldet, drücken dem armen Gelehrten oder Journalisten, wenn sie ihn persönlich kennen, die Hand und zeigen durch ihr ganzes Benehmen, daß sie glücklich sind, die Bestrebungen der jungen Historiker zu ermuthigen, welche sich die Erforschung der Geschichte der Juden Amerikas zur Lebensaufgabe gestellt haben. Um nun auf die unter Anderem mit einer überaus reichen Special-Bibliothek auszustattende Schiff-Lewisohn-Guggenbeim'sche Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums zurückzukommen, so mag es mir hier wohl erlaubt sein, meiner doppelten Genugthuung darüber Ausdruck zu verleihen, daß einerseits sich mein Ideal, wenigstens in dessen Hauptlinien, schneller als ich selbst gehofft, verwirklichen werde und daß andererseits ein Gelehrter aus ou heimatlichen Wiener Schule — Schechter war am Beth Hamidrasch Schüler L. H. Weiß' und Meier Friedmaun's — dazu berufen wurde, die zweite Säule der jüdischen Wiffenschaft auf amerikanischem Boden zu errichten. Die Mittel- und Hauptsäule, eine Akademie der Wissenschast des Judenthums, wird als eine natürliche Fortentwicklung der Encyklopädie und der Hochschule in einem von hiesigen maßgebenden Kreisen bereits jetzt in Aussicht genommenen Zeitpunkte

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