Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021449--11559-3036104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 9 Dr. Bloch’s Jahrgang XIX Centrslorgsn « — -. ft. ft. xostsparcaffen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Red Artion und Administrativ» Wir« IX/l, Bergsaffe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. für die gesammten Interessen des Iudenthums. Mir«, 38. Fekruar 1902. -.>.» -H1 -- Erscheint jeden Freitag. -•>— .» - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift» Wien. K - - Bezugspreis flir Srstrrrrich Halbjährig 8 Kroueu. Einzelexemplare SO Heller» rür'M Ausland: Halbjährig IO Krone» Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. *- --- : ---- ---ck Inhalt: Leitartikel: Die jüdische Renaissance in Amerika. — Der „Ritualmord" des Herrn Eisenkolb. — Vom Jahrmarkl des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. 'Zur Hilsner-Affaire. Ein Brief an den Prager Erzbischof. Juden und Antisemiten bei Goethe. Eine Erinnerung aus der guten alten Zeit. Arische Sittenprediger. Das Dilettantenthum Houston Stewart Ehamberlaiu's. Das religiöse Gesetz über den Sebstmord. Georg Brandes. — Oesterreichisch-Jüdisches im Hamburger Staatsarchiv. — Corres p o n d e n z e n: Erzherzog Rainer-Jubiläum. „Oesterreichisch-Jsraelitische Union". Z»»r zionistischen Bewegung. Wien, Török- Becse, Prag, Böhmisch-Leipa, Lemberg, Teltsch, Hochenems, Berlin, Gleiwitz, Danzig, Warschau, Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Karlsbad, Olmütz, Kozlow, Troppau, Ungarisch-Brod, Budapest, Berlin, Kattowitz. — Feuilleton: Alt-Lemberg. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Die jüdische Renaissance in Amerika. (AusAnlaßdes25jährigenRabbinerjubiläums des D r. F. de S o l a - M e n d e s.) Von Dr. Isidor Singer, Herausgeber der „Jüdischen Encyklopädie". Die Thätigkeit ist, was den Menschen glücklich macht, Die, erst d>s Gute schaffend, bald ein Hebel selbst Durch göttlich wirkende Gewalt in Gutes kehrr. Drum auf bei Zeiten Morgens I 3«, und fändet Ihr, Was gestern Ihr gebaut, schon wieder erngestürzr, Ameisen gleich nur frisch die Trümmern aufgeräumt, Und neuen plan ersonnen, Mittel neu erdacht! So werdet Ihr, und wenn aus ihren Fugen selbst Die Welt geschoben in sich selbst zertrümmerte. Sie wieder bauen, einer Ewigkeit zur Lust. Goethe. N e w - I o r k den 6. Februar 1902. Als ich im Jahre 1891 in Paris den Grund zu meiner Encyklopädie legte und mein literarisches Sanhedrin (i. e. das aus 72 hervorragenden jüdischen Gelehrten und den Präsidenten der meisten europäischen Großgemeinden bestehende Directions- und Prvpaganda-Comite) constituirte, hatten ich und die mich umgebenden Kreise nur eine sehr ungenaue Kenntniß von den das amerikanische Judenthum beherrschenden Verhältnissen. Die Professoren Morris Jastrow (Cniversity okBerrnsylvania) und Richard Gottheil (Columbia Universily), noch heute geschätzte Mitglieder des Editorial Board de Jewish Encyclopedia waren — neben dem gelehrten New-Aorker Rabbiner Dr. Alexander Kohut, dem Herausgeber des Aruch, der allerdings in meinen Augen nicht so sehr Amerikas als sein eigener Vertreter war — die einzigen Repräsentanten des Jankeejudenthums in jenem großen Comitö, das die Rudimente einer wahren Akademie der Wissenschaft des Judenthums in sich schloß. Seit einigen Jahren scheint jedoch die kontinentale europäische Judenheit größeren Antheil an der Entwicklung des jüngsten überseeischen Zweiges des Stammes Judah zu nehmen und die Namen Cyrus und Felix Adler, Emil G. Hirsch, Marcus Jastrow, Kaufmann Köhler, F. de Sola Mendes, Moses Mielziener, Jacob Voorsanger, sowie — um aus dem Gebiete der Gelehrsamkeit und Theologie in das der Philanthropie und socialen Reform überzugehen — diejenigen von Jacob H. Schiff, dem amerikanischen Rothschild und unbestrittenen Führer der amerikanischen Judenheit, Leonhard Lewisohn, Daniel Guggenheim, Henry Rice, Emanuel Lehman, Louis Stern, Isidor, Nathan und Oscar S. Straus, alle drei „Söhne eines Vaters", Mayer und Cyrus Sulzberger, endlich von Leo N. Levi, dem scharfsinnigen und energischen Präsidenten des Executivcomites des B'ne B'rit- Ordens, sind heute den denkenden und leitenden Juden in Paris und Berlin, Wien und Warschau geläufige Namen. Bor der Schlacht bei Manila (1. Mai 1898) sahen die europäischen Marineminister und Admirale auf die amerikanische Kriegsflotte mit Geringschätzung herab — man glaubte selbst in den maßgebendsten europäischen Kreisen, daß Amerika höchstens eine Handelsflotte besäße — vor der mit so phänomenaler Geschwindigkeit erfolgten, endgiltigen Berjagung der Spanier aus den Philippinnen, Cuba und Portorico hätte der preußische Gardeofficier es als eine Beleidigung angesehen, wenn man den amerikanischen Soldaten mit ihm auf dieselbe Stufe gestellt hätte; die europäischen Höfe und Ministerien des Auswärtigen betrachteten und behandelten die Botschafter und Gesandten der Vereinigten Staaten als eine Art Generalconsuln erster Claffe die New-Iorker, Bostoner und Chicagoer Börsen spielten in den Manipulationen der europäischen Finanzkreise nur eine secundäre Rolle. Heute ist das Alles gründlich geändert. Admiral Dewey steht ebenbürtig neben Nelson und Tegetthoff da; Colonel Theodor Roosevelt, der gegenwärtige Präsident der Bereinigten Staaten, kann sich mit dem kühnsten ungarischen oder französischen Cavallerie-Obersten meffen; während der chinesischen Wirren war Washington der Mittelpunkt der Weltdiplomatie und neben Carnegie, I. Pierpont, Morgan und Banderbilt sinken die europäischen Finanzbarone zu Größen zweiter und dritter Ordnung herab. Heiße man es Vorsehung, Schicksal oder Zufall: es ist jedoch eine Thatsache, daß ich nach siebenjährigem, vergeblichem Suchen nach einem „Erlöser" der encyktopädischen Idee gerade an jenem welthistorischen Tage in den Verband der Funk und Wagnalls Company trat, und daß durch die so hervorgerufene Begründung einer herrlichen und bleibenden Stätte für jüdische Wissenschaft auf amerikanischem Boden ein Wendepunkt auch in der Entwicklungsgeschichte des amerikanischen Judenthums geschaffen wurde. Seit jenem Tage begann das Ansehen des letzteren in den Augen der europäischen Juden zu steigen; man sah nicht länger in Wien, Berlin und Breslau auf die amerikanischen Rabbiner als auf eine bunt zusammengewürfelte Schaar von Ame-ha-Arez, rhetorischer Effecthascher, aufgeblasener Streber und gewissenloser Dollarjäger herab, sondern man begann die Köpfe zu schütteln und frug sich allmälig in vollem Ernste, ob nicht gar etwa die jüdische Renaissance in dem barbarischen Lande der Aankees wirklich ins Leben treten würde. Die gelahrten Herren d'rüben in Europa catalogifirten, compilirten