Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 124 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 8 und Mitglied des Justizausschusses erfreute sich allgemeinen Ansehens. Ambros Nemänyi, der ständige Referent des Finanzausschusses, Paul Cändor, Josef Veszi, Edmund Barta, Soma Vlsontoi sind Abgeordnete von Ruf, die in allen Kreisen die ihren glänzenden Fähigkeiten entsprechende Anerkennung finden. Die Vergangenheit und die Gegenwart des ungarischen Abgeordnetenhauses, speciell das Wirken der liberalen Abgeordneten geben keinesfalls Anlaß, unser Parlament in solcher Weise anzugreifen, wie es in dem erwähnten Berichte geschehen. Und wenn gerade der Abgeordnete VLzsonyi im Schoße des Parlamentes allseitiger Anfeindung begegnet, dann müssen hiefür andere Gründe maßgebend sein, als sein Judenthum. Die Gründe sind ja allgemein bekannt, ich will dieselben hier weder anführen, noch deren Stichhältigkeit prüfen, ich will nur das Eine constatirt haben, daß unser Parlament auf weit vornehmeren Niveau steht, als daß es sich zu einer Judenhetze erniedrigen könnte. Das Wirken und Walten einer winzigen Fraktion kann keinesfalls dem ganzen ungarischen Parlamente den Stempel der Reaction aufdrücken, zumal die erdrückende Majorität unserer Bolksboten es zu wiederholten Malen documentirt hat, daß sie die Politik und Tendenz dieses lärmenden Häufleins entschieden perhorrescirt. So weit unser geehrter Correspondent. Dagegen wird dem »Berliner Tagblatt" unter folgendem Schlagwort gemeldet: Der Nationalismus in Ungarn. Auch wir kommen, wie einst Oesterreich, alleweil um ein Jahrhundert und eine Idee zu spät. So beginnt denn der Nationalismus, nachdem er sein Spiel in Frankreich zu Ende gespielt, bei uns sein Unwesen zu treiben. Auch hier zeigt ,r dieselben Erscheinungen und Bestandtheile. Klericalisluus und Antisemitismus, gepaart mit dem bekannten Radau-Chauvinismus und Terrorismus. Ganz ebenso wie in Frankreich wettert, schimpft, demonstrirt der Nationalisttius aua; bei uns. imputirt fortwährend seinen Gegnern, daß sie F.'igliuge sind, Haderlumpen, Vaterlandsverrälher und weiß Gott, was sonst noch, und ganz ebenso wie dort spielen auch hier einige Geistliche und Aristokraten die Primgeige, während ein Theil der studirenden Jugend den Chor abgibt. Die Copie ist ziemlich getreu, aber natürlich wie jede Copie, geistloser und bedeutungsloser als das Original. Trotzdem der Nationalismus schon bei allen Parteien zahlreiche Anhänger hat und man sowohl im öffentlichen als im gesellschaftlichen Leben auf Schritt und Tritt den Aeußerungen desselben begegnet, wird derselbe officiell noch immer geleugnet und ignorirt. weil Herr v. Szell unentwegt au der Fiction festhält, daß Lobpreisungen des Liberalismus identisch sind mit dem Liberalismus selbst. Ein großer Theil der akademischen Jugend sieht vollständig im Banne der clericalen Volkspartei u,.d vertreibt sich die Zeit damit, bald chauvinistische bald clericale Demonstationen zu veranstalten, denen natürlich immer eine gehörige Dosis von Antisemitismus beigemengt ist. Jene selbe Studentenpartei, die unter dem Schutze der nationalen Tricolore, der ungarischen Hymne und des Kossuthliedes eimn von der Polizei und allen Chauvinisten begünstigten Feldzug gegen die hiesigen deutschen Singspielhallen führte, hat ganz kurz darauf gelegentlich des Katholikencongresses dem streitbarsten aller ungarischen Römlinge, dem Bischof Grafen Mailath, und seiner clerical-demagogischen Gefolgschaft begeisterte Ovationen bereitet, und jene doch sehr streng katholischen Elemente, wie Graf Albert Appouyi und Ferdinand Horänszky, die aber neben den Forderungen der Kirche auch jenen des Staates gerecht werden wollen, in gröblichster Weise angegriffen. Daß aber nicht nur die Jugend, sondern auch e i n großer Theil des Parlamentes vom Nationalismus angestcckt ist, bewirs die jüngste Affaire Väzsonyi. Dieser einzige Vertreter der Demokratie im ungarischen Abgeordnetenhause hielt vor einiger Zeit in Debreczin eine Rede, in welcher er den üblichen Geschichtsunterricht kritisirte, der nur auf die Kriegs- und Blutthaten Gewicht legt, von den Culturkämpfen schweigt, die Juden glauben läßt, daß nur die Feldherren die wirklichen Größen der Menschheit seien, und so in den Herzen der Jugend den Cultus des Blutvergießens großzieht. Die offen und geheim im Dienste der Reaction stehenden Blätter brachten die Rede gänzlich verkehrt, und gaben vor, Väzsonyi habe sich über verschiedene nationale Helden ungebührlich geäußert. Trotzdem dies von Debreczin aus sofort richtig gestellt wurde, blieben die Gegner Bäzsonyi's bei der Interpretation, verbreiteten in der ganzen Stadt den Redner beleidigende Plakate, veranstalteten auf der Straße Demonstrationen gegen ihn, und schließlich griff ihn dieserhalb sogar ein Mitglied der clericalen Ugron-Fr a ction im Abgeordnetenhause an. Als sich nun Väzsonyi hiergegen vertheidigen wollte, ließen nicht nur die offen Clericalen, sondern auch die Kossuth-Partei und ein großer Tbeil der liberalen Partei Väzsonyi nicht zu Worte kommen. Die sich sonst am radicalsten geberdenden Kossuthianer wollten ihn nicht einmal in ihren Bankreihen dulden, sondern drängten ihn gewaltsam von seinem Sitz fort, ohne daß sich auch nur ein Mann oder auch nur eine Stimme gegen diesen Terrorismus erhoben hätte. Man fand es ganz natürlich, daß die ritterlichen, duellirenden »Herren" den nicht duellirenden »Bürger" aus ihrer Mitte boycottirten. Ebenso scharf äußerte sich der Nationalismus auch im gesellschaftlichen Leben, nur daß er dort den Antisemitismus schärfer hervorkehrt. Die clericalen. und agrarischen Blätter sind vom geheimen zum offenen Antisemitismus übergegangen, und werden vom »Budapesti Hirlap" und »Magyarorinäy" kräftig secundirt. Die kraftlose, nur aus Äeußerli chkeiten gerichtete Politik Kolomann Szell's trägt ihre Früchte. Während die Regierung und die Majorität des Parlamentes noch immer vorgeben, im Zeichen des Liberalismus zu stehen, steht die Gesellschaft schon ganz offen im Zeichen der Rcaction. Wer da aber glaubt, daß sich aus diesem Widerspruch irgend ein Kampf ergibt, der irrt. Jener Liberalismus und diese Reaction vertragen sich sehr gut, ja sie wohnen sogar unter einem Dache. Sie haben eben das Gebiet friedlich unter einander getheilt. Der Liberalismus wahrte sich jenes des Redens, die Reaction jenes der That. So kommt es, daß, während Koloman Szell und seine Anhänger dem Liberalismus fortwährend Preislieder singen, von der Vereinheitlichung und der nothwendigen Harmonie der Gesellschaft sprechen, eine reactionäre Erscheinung nach der anderen sich breit macht und die Gesellschaft selbst in voller Zersetzung begriffen ist und sich in ihre einzelnen nationalen, konfessionellen und wirthschaftlichen Elemente auflöst, die, anstatt gemeinsam zu arbeiten, immer wieder in Kampf miteinander gerathen. Legrad. Am 12. d. M. hat der hier seit 1866 amtirende Cantor und Religionslehrer Herr Salamon Breuer im 82. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet. Auf Ansuchen der Gemeinde erschienen am 14. d. M. der Öberrabbiner Herr Dr. Neu mann und Cantor Herr S. Goldmann aus Gr.-Kanizsa, um dem allgemeiner Liebe und ungetheilter Verehrung sich stets erfreuenden alten Seelsorger das letzte Geleite zu geben. Die Leiche wurde in dem schwarz decorirteu von den Gemeindemitgliedern und namhafteren christlichen Ortspersö'nlichkeiten überfüllten Tempel aufgebahrt, wo Herr Dr. Neumann eine tiefergreifende, die Leistungen des ftommen Hingeschiedenen als Lehrer und Leiter der Gemeinde in würdigendstem Maße darstellende Trauerrede hielt. Die Bahre umstanden eine trauernde greise Witwe, ein Sohn, derzeit e>n bestrenommirter Abvocat in Budapest, der Gemeindevorsteher Herr B. Goldschmied als Schwiegersohn, ferner Töchter, Enkel und Urenkel. Am Grabe widmete noch der evangelische Ortsgeistliche, den Verblichenen in herzlichst collegialer Weise als wahren Menschen schildernd, der bis zum letzten Athemzuge krank und altersschwach im Amte ausbarrte, einen warmen Nachruf. Die rituell üblichen Functionen hat Herr L. Goldmann, welcher hrer im Jahre 1854 seine erste cantorale Thätigkeit begonnen, in vorzüglicher Weise versehen. D . . . Paris. Der Pianist Moriz Rosenthal hat kürzlich seinen vier eigene Concerte umfassenden Cyclus beendet. Der österreichische Künstler fand große Bewunderung bei dem Pariser Publicum, welche auch in der hiesigen Presse zum Ausdruck kommt. Der »Figaro" und der »Matin", constatiren seit Rubinstein habe kein Künstler in Paris solche Triumphe gefeiert. Das von Rosenthal ausgeführte Programm war äußerst anregend. Es umfaßte Meisterwerke der classischen und romantischen Musikliteratur. Besonders wirkten Schuberts »Wanderphantasien", Beethoven's Sonate op. 101, Schumann's »Carneval" und Chopin's beide Sonaten. Mit wahrem Enthusiasmus wurden Bcahm's Paganini-Bariationen ausgenommen, welche in Paris wohl niemals mit solch orchestraler Wirkung gespielt wurden. Der Saal war bei allen vier Concerten vollständig ausverkauft. Warschau. (Reiche Vermächtnisse.) Der am 25. December 1901 verstorbene Jude Jacob Stern hat eine Viertelmillion Rubel für wohlthätige Institutionen der Stadt Warschau hinterlassen. Die näheren Bestimmungen sind noch un-