Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 121 setzen, mußte im Grase liegen bleiben und der Hilfe harren, die ihm sein Freund zu verschaffen sich anschickte, denn Israels eigene Kraft reichte nicht aus, den Ermatteten weiter zu befördern. In der Nähe des Weges lag das Kloster Huysberg, dorthin lenkte Israel seine schwankenden Schritte, er klopfte zagend an das Thor und bat den Pförtner um Beistand oder wenigstens um einen Labetrunk für seinen ohnmächtigen Gefährten. Weder die eine noch die andere Bitte ward gewährt, sondern mit boshaften Schimpfworten schloß ihm der Pförtner die Thüre vor der Nase. Schon wanderte er, das Herz gebeugt, traurig zurück, da ließ sich eine Stimme vernehmen, die ihn dringend zurückrief. Es war der Prälat des Klosters, der den Vorgang erfahren hatte und zu Israel sprach: „Wenn Du Schweinefleisch essen willst, so werde ich Deinen Gefährten gleich herholen lassen und euerer beiden Kräfte wieder zu erfrischen suchen. Dies Anerbieten wies Israel unter Hinweis auf die mosaischen Speiseverbote ab und entfernte sich mit den Worten: „So gehe es denn wie Gott will." Er mochte zweihundert Schritte gegangen sein, als der Prälat ihn zurückrief, ihm auf die Schulter klopfte, seine Glaubenstreue lobte und sprach: „Ich habe Dich nur auf die Probe stellen wollen und freue mich, daß Du sie gut bestanden hast." Der Abt ließ nun den ermüdeten Gefährten Israels holen, erquickte sie beide und gewann so viel Zutrauen zu Letzteren, daß er ihn mehrere kleinere Lieferungen für das Kloster anverlraute, die, weil sie immer zur Zufriedenheit des Auftraggebers ausfielen, den Grund zu dem nachherigen Wohlstände Israels legten. (Hilb. Monatsbl., Seite 203.) In feinem neunzehnten Lebensjahr wurde Israel Jakobsohn mit der Tochter des herzoglich-braunschweigischen Kammeragenten R. Herz Samson verehelicht. Noch dem Tode seines Schwiegervaters wurde Israel von dem Fürsten von Braunschweig zu seinem Hofagenten und Finanzrath ernannt. In dieser neuen und einflußreichen Stellung hatte Jakobsohn überaus segensreich für seine Glaubensgenossen gewirkt. Vor Allem war ec bemüht, den Fürsten von Braunschweig, dessen Gunst er sich in hohem Maße zu erfreuen hatte, dafür zu gewinnen, den Leibzoll in den Braunschweig-Lüneburgischen Landen aufzuheben; ferner gründete er in Sensen, einem Flecken zwischen Braunschweig und Göttingen, eine Schule, wodurch er sich um den Jugendunterricht ein unverwüstliches Verdienst erworben hatte. In dieser Anstalt, für die er große materielle Opfer gebracht, wurde armen jüdischen wie christlichen Kindern unentgeltlicher Unterricht ertheilt. Bei der Einweihung der zu dieser Schule erbauten Synagoge fungirte Jakobsohn selber als Prediger. Die deutsche Predigt sowohl als der Choralgottesdienst mit Musikbegleitung erregten damals ungewöhnliche Sensation. Eine braunschweigische Prinzessin beehrte ihn mit einem selbstgewundenen Ehrenkranz und folgendem Gedichte: „Dich rief, ein unterdrücktes Volk zu heben Nach langer, schwerer Zeit die Vorsehung; Verlassenen brachtest Du neues Leben, Du zeigst, was Tugend, Math und Arbeit kann, Darum empfange jetzt den Bürgerkranz." Nicht minder segensreich wirkte für das Judenthum Wolf Breidenbach (geb. in Breidenbach bei Kassel 1751. gest. zu Offenbach 1829). In seiner Jugend besuchte er die talmudische Hochschule zu Frankfurt a. M., wo er sich neben talmudischen Studien auch mit profanen Wissenschaften beschäftigte. Und als er später zu einer würdigen einflußreichen Stellung gelangte, war vor Allem sein Streben dahin gerichtet, die Aufhebung des menschenentwürdigenden Leibzolles zu erwirken. Jakvbsohn's Schwager, Jsak Herz Samson, gründete 1807 in Wolfenbüttel nach dem Muster der Sensener Schule eine Lehranstalt, aus der hervorragende Männer wie Zunz und Jost hervorgegangcn sind. Auch in Cassel, wo das westphälische Consistorium seinen Sitz hatte, gründete Jakobsohn 1809 eine Schule, mit der auch eine Lehrerbildungsanstalt verbunden wurde. Wie in Cassel und Sensen, war Jakobsohn auch in Berlin, wohin er 1815 nachdem Sturze des westphälischen Königreiches übersiedelte, bemüht, in dem von ihm errichteten Beihause den geregelten Gottesdienst mit Cboralgesang und deutscher Predigt einzu'führen. Dieses Bethaus bildete gleichsam die erste Pflanzstätte für angehende moderne jüdische Prediger. Jakob Auerbach, Eduard Klei und O. L. Günsburg haben sich in demselben als Redner herangebildet. Als jedoch die Altfrommen gegen die Jakobsohnfchen Reformen, die ihnen vielleicht gar mit Recht zu radical erschienen, Beschwerde erhoben, wurde auf Anordnung des damaligen Königs Wilhelm III. das Jakobsohn'sche Bethaus geschloffen. Eduard Klei wurde bald darauf nach Hamburg als Director der damals dort neu creirten Freischule berufen, wo er die Gelegenheit benützte, um für die Jakobfohn'schen Reformen Propaganda zu machen. Ungefähr fünfzig Familien waren für die Sache gewonnen und so entstand 1818 in Hamburg der Reform-Tempelverein, der zu äußerst heftigen Streitigkeiten und Zerklüftungen im Judenthume Veranlassung gegeben. Während so das Judenthum durch diesen unnöthiger Weise heraufbeschworenen Streit in feinem Innern erschüttert wurlc, begann der äußere Feind auf's Neue sich zu regen und ihm reck t derbe Hiebe zu versetzen, ohne die radikalen nichtjüdischen Reformen, wie Orgel und Damenchor, die noch nie zur Hebung und Förderung des religiöseu Lebens beigetragen, nur im Entferntesten zu berücksichtigen. Nachdem die Franzosen besiegt und die Kraft des großen heldenmüthigen Napoleon lahmgelegt worden, kannte der Uebermuth der Deutschen keine Grenzen mehr, und vor Allem waren fie bemüht, ihr Müthchen an den armen wehrlosen Juden, die ihre Freiheit den Franzosen und der französischen Revolution zu verbann hatten, zu kühlen. Obgleich eine stattliche Anzahl jüdischer Jünglinge sich an dem Befreiungskriege (1813—1815) recht lebhaft betheiligte, obgleich die Juden Deutschlands sich ihr Heimaisrecht mit den Thränen der Mutter und mit dem Blute ihrer Söhne, die auf dem Felde der Ehre für Thron und Vaterland gefallen sind, erkauft und ihren Patriotismus durch die großen unerschwinglichen Opfer, die sie auf den Altar des Vaterlandes gebracht, bekundet hatten, dachten die wieder zur Macht und Herrschaft gelangten Fürsten denn doch nicht daran, ihr Versprechen, das fie den für fie in den Kampf gezogenen Juden gegeben, zu halten und deren gerechten Wünschen zu entsprechen. Judenfeindliche Schriftsteller, wie Rühß, Fries, Hundt-Radorsky rc. benutzten die reaktionäre Strömung, die die deutschen Fürsten hervorgerufen haben, um ihre gefährlichen Geschosse gegen das aus mittelalterlichem Drucke kaum frei gewordene Israel zu richten, es in Wort und Schrift anzugreifen, zu verdächtigen, zu verunglimpfen, an dl-n Pranger zu stellen und die Gemüther aufzuregen. Auf dem Congreß zu Wien haben allerdings die Vertreter Preußens und Oesterrerchs. nämlich die von dem wackeren M. A. v. Rothschild und der Baronin Fanny v. Arnstein günstig für die Juden gestimmten Minister Metternich und Hardenberg für die Rechte der Juden plaidirt, allein ihre Bemühungen und diesbezüglichen Bestrebungen blieben fruchtlos, denn die Vertreter Baierns und Sachsens traten ihnen entschieden entgegen. In Hannover, Braunschweig, Hessen :c. wurden die Juden ihrer bereits erworbenen Freiheit aufs Neue beraubt und aus Lübeck und Bremen schonungslos ausgewiesen. In den bedeutendsten Städten, wie Frankfurt. Darmstadt, Karlsruhe, Heidelberg, Hamburg rc. rottete sich der süße Pöbel unter dem von Studenten ersonnenen Ruf -HeppHeppI" (Ulerosohma est perckitrO — d. h. Jerusalem ist untergegangen — gegen die Juden zusammen und echt mittelalterliche Judenhetzen, wie wir sie übrigens auch vor wenigen Jahren im goldenen Prag erlebten, waren allerwärts an der Tagesordnung. Gebildete Juden sowohl als auch vorurtheilsfreie Christen sahen sich veranlaßt, das Treiben der Hetzer und Judenfeinde zu geißeln und zu brandmarken. Selbst Börne und H ine kämpften wacker für die Emancipation der Juden und geißelten rücksichtslos das schändliche Benehmen der Judenfeinde. „Der Judenhaß", sagt Börne, „ist einer der pontinifchen Sümpfe, welche das schöne Frühlingsland unserer Freiheit vergiften. Man sieht die hoffnungsvollen Freunde des Vaterlandes mit bleichen Gesichtern hoffnungslos umherwandeln. Der deutsche Geist wohnt auf Alpenhöhen, aber das deutsche Gemüth keucht in feuchten Morschländern. Holst will die Juden todtschlagen, und wenn sie sich zur Wehr setzen, wendet er sich zum Kreise seiner Zuschauer und spricht: „Da sehen sie, wie Recht ich habe, wenn ich die Juden beispiellos frech nenne; sie wollen nicht dulden, daß man ihnen noch so wenig den Kopf abschlage und muksen." — Sind die Juden schlechte Väter, verdorbene Söhne, vcrbuhlte Mütter, verrätherische Freunde? Morden, rauben, stehlen sie? Kennen sie den Ehebruch, die Trunkenheit, die Schwelgerei, die Spielsucht, vertaumeln sie ihr Leben in Sinnenlust? Wenn sie das wären und thäten, dann hätte es der Verfasser sicher gesagt. Aber nein, sie berühren das Wasser kaum mit den Fingerspitzen, sie nehmen zwanzig Percente, sie gewinnen auf zehn Ellen Waare eine achtel Elle, welches bei einem jährlichen Absätze von zeb» Millionen Ellen, einen betrügerischen Gewinnst von 100.000 Ellen machen würde! — Ihr haßt die Juden, nicht weil sie cs