Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 190 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 8 Vermittlung der handelsbeflissenen Juden in die Welt zu bringen. Im Jahre 1233 übertrug Constantia, die Witwe nach Premysl Ottokar, die Vettheidigung des ganzen Bezirkes Gaya, mithin auch des Städtchens Bisenz, ihrem Sohne Wenzel, der später das herrschaftliche Schloß mit Thurmen und Wallgräben befestigen und auf dem „Stary hrad“ eine kleine Burg errichten ließ. Markgraf Jodokus verlieh im Jahre 1384 den Bisenzer Bürgern das Bierbrauerei- und Propinationsrecht. woran auch die Juden participirten. In den Kriegen zwischen den Königen Georg Podiebrad von Böhmen und Mathias Corvinus von Ungarn im 15. Jahrhundert wurde Bisenz und somit auch das allerdings noch kleine Judenviertel gänzlich verwüstet und kam in häufig wechselnden Privatbesitz. Nach dem herrschaftlichen „Urbarium“ vom Jahre 1604 zählte man wieder 32 Judenhäuser, ein Judenspital (das jetzige Haus Nr. 1) und 17 kleinere Gehöfte, die man „Hoferi Zidovisti“ nannte. Ein Jahr darauf, am 2. Mai 1605, ward die Judenstadt abermals total zerstört, und zwar durch den Feldherrn Stephan Bocskai, so daß noch im Jahre 1655, gelegentlich der Nen-Auflage des Grundbuches, 25 jüdische Gründe wüste Lagen. Interessant und von culturhistorischer Bedeutung sind die Aufzeichnungen über die den Juden auferlegten „Robote", die im obgenannten „Urbarium“ enthalten sind. So hatten z. B. die Juden an persönlichen Roboten zu leisten: 1. Mußten sie, wann und wohin es die Herrschaft befahl mit einem Briefe „lauffen". 2. Mußten sie den zusammengeführten Hopfen „rupfen und abklauben". 3. Das Schloß auskehren, so oft es ihnen befohlen wnrde. 4. Die Aepfel im Garten abschütteln, ins Schloß tragen und an d e n Ort hinschütten, der ihnen angewiesen wurde. 5. Nach der Weinlese mußten sie den „Schröttern" helfen, den Wein in den Keller zu tragen; doch durften sie sich mit den Arbeitern abfinden. 6 Mußten sie, wenn es die Roth erheischte, von jedem Hause einen Hauer in den Weingarten unter dem „8tary hrad“ senden, wofür sie jedoch 3 gr. per Tag erhielten. Später, um das Jahr 1700, zählte die Judengemeinde statt dieser persönlichen Roboten: zu Weihnachten 121 fl. rh, zu GeorgYi 63 fl. 28 gr., zu Laurentii 11 fl. 49 gr. und Wenzeslay 63 fl. 28 gr., und zwar: Bei dem „waynacht Termin" als wegen der freien Wahl der Judenrichter* *) . ... 17 fl. 30 gr. Wegen Bothenlohn..9 „ 20 „ Von 4 Fleischbänken . . . . 18 „ 40 „ Wegen „Nicht Arbeithung" des herrschaftlichen Weingartens. .... 10 „ — „ Wegen „Nicht Klaubung" des Hopfens .... 17 „ 30 „ Wegen „Nicht Haltung" der herrschaftlichen Hunde . . ..20 „ — „ Vom Tabakhandel .15 „ — „ Wegen Ziehung des Drates (Sabbath-Drates) 10 „ — „ Kanzlei Accidentien. •.10 „ — „ Am 6. Jänner 1715 kommt eine Ausgabe vor: Der Rabbiner erlegt 5 fl. rh. wegen „des jüdischen Friedhofes oder Begrabniß-Umzäumung". 1H8 mußte die Gemeinde für die freie Wahl eines Rabbiners 16 fl. zahlen, außerdem der Stadtgemeinde 10 fl. 30 gr. an Hauszinssteuer enttichten. Doch auch Naturalien forderte die Herrschaft von den Juden. So lieferte am 29. Juli 1657 der hiesige Jude Josef für die ihm gestattete Branntweinbrennerei für die herrschaftliche Küche: 1 Loth Kaffee,**) \ Loth ..Blüthe", sowie 40, Pfund Zucker. Für die acht Fleischbänke, die die Herrschaft der Judengemeindc nn Jahre 1604 am großen Platze errichten ließ, mußten die Fleischer wöchentlich 40 Pfund Fleisch gratis in das Schloß abliefern; spater außerdem noch 70 Rindszungen. — Als im Juni 1643 die Schweden alle Ortschaften um Hradisch durch Feuer verwüsteten, kam auch eine feindliche Abtheilung nach dem von der Heerstraße abseits gelegenen Städtchen Bisenz, verließ es jedoch bald wieder, da es nicht viel zu plündern gab. Die Vertreibung der Juden aus Wien durch Leopold I. i»i Jahre 1670 patte zur Folge, daß sich die jüdischen Exulanten nach den an Niederösterreich grenzenden Ländern wendeten. Den ersten Swwall der Auswanderer hatte Mähren aufzunehmen. Auch Bisenz patte einige Flüchtlinge liebreich aufgenommen, darunter den reichen und wohtthätigen Josef Oberländer, der im Ghetto von Wien in dem Premysl Ottokar L, Jodokus, König Sigismund, Ctibor Najda 0422), die Herren v Krawak (darunter besonders zu erwähnen: Petrus StraßnickF), die Ritter von Kropaö, von NevedomY, die Grafen Zierotin u. s. w. *) Gewählte Judenrichter waren in den Jahren: 1657 Lazar Mayer, 1700 Saul Boskowsky, 1714 Berl Salomon, 1717 Jakob Herbatschek. 1722 Abraham Hirsch, 1730 M. Baran, 1741 Abraham Kayser, 1761 Josef Jokl, 1764 Jakob Juhn, 1781 Isaak Spitz, 1789 Abraham Streißler, 1793 Jsak Stößler, 1799 Samuel Fürst u. s. w. **) Juden waren es demnach, die, mit den Türken in Ober- Ungarn in regem Handel stehend, zu allererst den Kaffee nach Oesterreich importirten und nicht, wie bisher allgemein behauptet wurde, der Pole Koltschitzky, der erst im Jahre 1683 das erste Kaffeehaus in Men errichtete. ansehnlichen Hause Nr. 11 in der Tandelmarktgasse gewohnt hatte. Sein Schwiegersohn Josef' Schalom wirkte in Bisenz bis zu seinem 1696 eifolgten Tode als Rabbiner.*) Im ersten schlesischen Kriege (Februar 1742) wurde die Judengemeinde von der Preußeninvasion hart betroffen, zumal deren Bewohner zur allgemeinen Contribution ihren Therl beitragen mußten. Nach Beendigung dieses für die Juden so unheilvollen Krieges wurde von der Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1753 die sogenannte Familienordnung erlassen, laut welcher in Mähren blos 5442 jüdische Familien existiren durften, von denen 137 auf Bisenz entfielen. Am 17. Mai 1777 wurde fast das ganze Judenghetto, in dem bereits 93 Häuser standen, durch Feuer zerstört. Bis zum Jahre 1762 standen die Juden unter dem Schutze der Herrschaft, in criminellen Angelegenheiten aber unter dem der Stadt. Unter den Märzgefallenen vom Jahre 1848 befand sich auch der Bisenzer sind, tech. Carl Heinrich Spitzer, der als Erster vom Kampfplatze getragen wurde. Von den Ereignissen der neueren Zeit wäre zu erwähnen : Die Constituirung einer politischisraelitischen Gemeinde im Jahre 1852 und die Erbauung einer neuen Synagoge im Jahre 1861 (nach den Plänen des Architekten Förster), die Prediger Doctor A. Jellinek s. A. feierlich einweihte. Israel Jakoltsoh« «ad Molf Kreidenkach, Förderer der Gmarreipalrorr der Jaden in Deutschland. Wie Cerf Beer und Furtado in Frankreich, haben sich Jakobsohn und Breidenbach in Deutschland um die Beseitigung schmachvoller, mittelalterlicher Ausnahmsgesetze hohe Verdienste erworben. In Folge ihrer Bemühungen und Anstrengungen wurde in Deutschland der Leibzoll, dieses höchst qualvolle menschenschändende Ausnahmsgesetz abgeschafft. Israel Jakobsohn batte 1788 in Halberstadt das Licht der Welt erblickt. Seine reich begüterten Eltern hatten ihm eine äußerst treffliche Erziehung angedeihen lassen, als hätten sie geahnt. daß ihr geistig begabter Sohn einst berufen sein werde, eine bedeutende Rolle in Israel zu spielen. Als jedoch der Vater unseres Jakobsohn durch Unglucksfälle seines ganzen Vermögens verlustig geworden, sah sich der zartfühlende Sohn, der fast noch im Knabenalter gestanden, veranlaßt, seine jugendliche Kraft zur Unterstützung seines Vaters zu verwenden. Gleich beim ersten Versuch wurde er ein Opfer eines schändlichen Betrügers. Er hatte sich nämlich, erzählt Joloviz, zehn Thaler erspart und wollte damit sein Heil versuchen, da geschah es, daß ihn in Westendorf ein Student aus dem Wirthshause anrief und fragte, ob er nicht eine Uhr zu verkaufen habe? „Ja wohl", erwiderte der Gefragte, „ich will sie gleich herholen", und lies in der Stadt umher, eine zu erhandeln. Das gelang ihm auch und eilends begab er sich zu dem Käufer, um mit ihm den Handel abzuschließen. Die Uhr gefiel dem Studenten und der geforderte Preis schien ihm auch nicht zu hoch. Doch wollte er sie erst einem Sachverständigen zur Prüfung vorlegen und versprach, in einigen Stunden sich wieder im Wirthshause einzustellen. Der noch junge unerfahrene Handelsmann, nichts Arges und Falsches ahnend, vertraute sein einziges Hab und Gut dem unbekannten Fremden. Wie schmerzlich mußte es ihm aber sein, sich bald davon überführt zu sehen, daß er von einem Schurken geprellt worden sei. Denn wer nicht zur verabredeten Zeit im Gasthause sich einfand, das war der angebliche Student, der nach Habhaftwerden der Uhr eilends dem Wirthshause den Rücken kehrte auf — Nimmerwiedersehen. Dieser Verlust war umso herber für Israel, als er ihn zum Theil in kleine Schulden gestürzt hatte; er schreckte ihn jedoch nicht von weiteren Versuchen eines günstigeren Erwerbes ab. und um ähnlichen Prellereien, wie der erlittenen, zu entgehen. trat er in Handelsgemeinschaft mit einem Glaubensgenossen seines Alters. Das erste Geschäft, das ihnen winkte und welches kein geringeres war, als der Ankauf eines angebotenen Klumpen Goldes, brachte ihnen eine tüchtige Tracht Prügel ein, womit sie der Bauer regalirte, als sie das von ihm angebotene Stück Metall als Tomback erkannten. Es war ein heißer Sommertag, nnd ermattet von dem zurückgelegten Wege, niedergeschlagen über die vereitelte Hoffnung des Gewinnstes und mißmuthig über die erlittene pöbelhafte Behandlung, traten sie gebeugt die Rückkehr nach Halberstadt an. Die Kräfte von Israels Gefährten waren bald erschöpft, er konnte den Weg nicht fort- *) S. Kaufmann: „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien". S« 176. — Nachkommen des obgenanntcn Josef Oberländer existiren hier noch heute.