Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021448--11547-3036091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 118 Dr Vloch's Wvchenfchrifl. Rr. 8 „Nur in der Bretagne . . . blieben Judensprossen zurück. Das Volk nannte diese Leute C a c o u x und hielt sie für Nachkommen von Aussätzigen, weil sie meist am Aussatz litten." In der That hießen diese „Cacoux" eigentlich Cagots, in der Bretagne auch Caqueux, Cacoas oder Caquins und waren ein Vvlksstamm in den Pyrenäen mit blauen Augen und schlichten blonden Haaren und stammten von arianischen Gothen her. Sollen wir noch eine weitere Blüthenlese vorführen? Das Gebotene ist wohl hinreichend, das Dictum des fürstlichen Agitators zu illustriren und in bengalischer Beleuchtung zu zeigen das abschreckende Bild der antisemitischen Geschichtsfälschung. Da« System der Bestialität. (Fortsetzung aus Nr. 6.) Noch besser kann man die allmälige Zunahme der Verrohung im parlamentarischen Leben studiren. Und hier ist der Antisemitismus als Träger des Rückschritts noch deutlicher zu erkennen. Man pflegt einen unfeinen Ausdruck als «unparlamentarisch" zu bezeichnen. Die parlamentarische Zulässigkeit gilt also als Norm für die ethische Berechtigung eines Wortes. Offenbar schwebte den Vorkänlpfern der parlamentarischen Institution nicht die raffinirte Fassung einer Beleidigung als Ideal vor, sondern die vornehme Gesinnung. Die Stätte der Volksvertretung soll vorbildlich sein für eine gerechte und vornehme Kampfesweise. Hier soll streng sachlich und wenigstens subjectiv gerecht gestritten werden. Das Volk .soll hier lernen, wie man einander, selbst wenn man in politischer Fehde ist, menschlich begegnet. Und immer vornehmer soll sich diese Art gestalten und sich zur höchsten Vollkommenheit entfalten. Wie weit aber ist die Wirklichkeit noch von diesem Ideal! Ja, noch schlimmer, wir entfernen uns immer mehr von diesem erstrebten Ziele. Wir brauchen nicht erst auf Oesterreich hinzuweisen, wo mit der Erstarkung des Antisemitisnius der Ton in den Parlamenten roher als auf dem Markte geworden ist, und wo die „echten Germanen" einander gemeiner, als Betrunkene in einer Kneipe behandeln. Bleiben wir in Deutschland. Hier ist der Ton leidlich anständig geblieben, aber — wie steht es mit der vornehmen Gesinnung? Man kann hier Schritt für Schritt die Tendenz der Entartung des Parlamentarismus verfolgen und man kann überall den politischen Antisemitismus als Vater dieser Erscheinung erkennen. Wer war es, der das abscheuliche Mauscheln im Reichstage zur Mode machte? Der sittliche Herr v. H a m m e r st e i n, der nachher ins Zuchthaus wanderte. Wer hat die ganze deutsche Regierung mit frecher Stirn als bestochen beschimpft? Der Volksprophet A h l w a r d t, der vorher die Juden anschnorrte und anpumpte und ihnen nachher nicht bezahlte. Wer hat die unwürdigsten Witze über Juden und Judenthum im Reichstage gemacht? Das war der fromme Stöcker, der oft das Gebot der Wahrhaftigkeit vergaß. Wer hat jüngst gegen alle Sitte einen auswärtigen Minister in der flegelhaftesten Weise angegriffen? Das war der Volkstribun Liebermanu v. Sonnenberg. Man kann dieses Thema weiters ausbauen, die Stenogramme des Reichstages bilden ein reiches Material. Und — wunderlich genug — gerade die Conservativen die Herren vom Adel, die doch dem Volke den veredelten Typus einer durch viele Generationen verfeinerten Lebensart vorführen sollten, sind stets in erster Reihe, wenn es gilt, grob, roh und niedrig zu werden. Nicht die aus den Reihen der armen Arbeiter hervorgegangenen socialdemokratischen Abgeordneten, sondern die „Edelsten der Nation", die Stützen von Altar und Thron, verrohen den Ton und die Gesinnung im deutschen Reichstage. Ja, diese edlen Junker sühren immer mehr die Unsitte ein, wenn sie nicht wissen, womit sie ihre würdigen Fractionsgenossen unterhalten sollen, eine Judendebatte vom Zaun zu brechen. Am 25. Jänner hielt der conservative Herr von M a s s o w seine Jungfernrede im Reichstage. Einige Jahre saß er da, ohne den Mund auszuthun, und sah seinen Beruf nur darin, den Kopf horizontal oder vertical zu bewegen. Nun aber galt es, das deutsche Volk vor der Judennoth zu retten — da mußte er reden. Diese erste Leistung ist vielverheißend für die Zukunft, denn wenn es so weiter geht, wird dieser neue Stern bald Herrn v. Liebermann wirksame Concurrenz machen. Herr von M a s s o w sprach über Freizügigkeit, Landwirthschaft und Industrie, also Dinge, die mit Juden und Judenthum nichts zu schaffen haben. Der psychologische Zusammenhang aber liegt darin, daß dieser Herr seine Standesgenossen kennt und wohl weiß, daß er mit gemeinen Witzen bei ihnen am meisten Effect macht. Gewiß, dieser neue edle Kämpfer hat den vollen Beifall der Conservativen und Antisemiten verdient, denn viel besser hätte es selbst Ehren-Ahlwardt nicht machen können. Herr von M a s s o w besitzt einen hohen Grad von Junkerstclz, das ist begreiflich, denn die Junker haben stets in Preußen die erste Rolle gespielt. Wenn aber alle Junker so sind wie dieser, dann hat Preußen wenig Ursache, auf diese edlen Söhne stolz zu sein. Wir sind es gewöhnt, daß ein echter Junker auch Antisemit sein muß, das ist noch ein Erbe von der Zeit der Raubritter, aber etwas feinere Manieren hätten wir wohl auch von einem ostelbischen Junker erwartet. Was will denn der Herr überhaupt von den Juden? Es hat ihn ja kein Jude angegriffen. Um blos Witze zu machen, ist doch der Reichstag schließlich nicht da. Und wie fad sind diese Kalauer! Der urkomische Bendix in Berlin macht für 30 Pfennige Enträe viel bessere. „Wer sitzt denn in den Theaterlogeu, wenn das Lied: „Komm herab, o Madonna Theresa" gesungen wird. (Heiterkeit.) Kümmern wir uns etwa um die Juden da draußen? Ich muß allerdings sagen, Millionen Thränen wären in Deutschland nicht vergossen, wenn damals im Rothen Meer zur rechten Zeit die Klappe zugemacht worden wäre." Das ist die edle Sprache des Herrn v. M a s s o w, das ist der Ton der Vertreter der Vornehmheit. Er scheint gar nicht zu begreifen, wie roh und niedrig diese Art ist. Dieser fromme Christ, dem doch das Alte Testament ein heiliges Buch ist, hätte sich darüber gefreut, wenn das Volk, dem nicht allein die Propheten, sondern auch der Stifter des Christenthums entstammt, zugrunde gegangen wäre. Dann wäre das deutsche Volk heute eine Herde halbthierischer Geschöpfe und in diesen Rahmen hätte Herr v. M a s s o w allerdings besser hineingepaßt. Der gute Herr braucht wahrlich nicht stolz auf sein Debüt zu sein, jeder Metzgergeselle in Berlin kann dasselbe leisten. Unsere Junker scheinen ihre socialen Studien in gewissen Localen Berlins vor Sonnenaufgang zu machen. Herr v. Massow wenigstens ist genau orientirt aus diesem Gebiete. Er ruft aus: „Ja, was wollen Sie? Gehen Sie doch in die Nachtcases! Wer sitzt denn dort Morgens um 6 Uhr, wenn die jungen Lieutenants schon ihre Recruten reiten lassen? Nicht die Cavallerieosficiere in Civil, sondern die Leute, denen durch die Jahrtausende nicht das Kainszeichen abgewaschen worden! (Zustimmung rechts; große Unruhe links.) Die Namen unserer großen Führer sind mit ehernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte eingezeichnet; die Namen Ihrer Führer (nach links) sind aber auf Schiefertafeln geschrieben und die Geschichte kommt und wischt sie weg, daher der Name: Schwamm drüber! (Rufe: Sehr gut! Schwamm drüber! Stürmische Heiterkeit.) Man sagt, bei uns in Ostpreußen sei die Luft alkoholisch vergiftet. Meine Herren, wie Sie sehen, ich bin ein ganz gesunder Junge!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.