Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 115 Nr. 6 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Margarin auf dem Kopfe. — Trau, schau, wem. — Ein würdiges Kleeblatt. — Es hat nur geregnet. — Der Fels im Meere. — Der Appellsenat in Ungnade. — Schonzeit für Jndenmörder. Mit dem Kainszeichen des Verleumders auf der Stirne ist Dr. Karl Lueger aus der Debatte hervorgegangen, die er durch seine Interpellation wegen des Wahlaufrufes der fortschrittlichen Partei entfesselt hat. Diejenigen haben Unrecht behalten, die es als eine verfehlte Tactik bezüchneten, daß Doctor Vogler auf die Provocation Lueger's eingegangen ist und die Eröffnung einer Debatte beantragt hat. Hatte doch der Mann mit der eisernen Stirne seinen Gegnern höhnisch zngerufen, sie mögen es doch wagen, die Eröffnung einer Debatte über die Antwort des Ministerpräsidenten zu beantragen; dann werde er mit Actenstücken herausrücken, durch die er alle seine Behauptungen beweisen werde. Wie hätte der Meister der Lüge es agitatorisch verwerthet, wenn die Fortschrittlichen diese Herausforderung abgelehnt hätten! Seht Ihr, meine lieben „Wiener", hätte er in den Versammlungen erzählt, ich habe mich erboten, Alles zu beweisen, aber die „Judenliberalen" sind dieser Gelegenheit, mich zu widerlegen, feige ausgewichen, weil sie mich nicht widerlegen können, weil sie „Butter auf dem Kopfe" haben. Die Butter auf dem Kopfe, die spielt überhaupt in der Polemik der Christlich-Socialen eine große Rolle. Von ihnen selbst kann man kaum mehr von Butter sprechen, das ist schon Margarin, ein übelriechendes Unschlitt, 'mit allem Schmutz der Corruption vermengt, der der christlichsocialen Partei anhaftet. Die Debatte kam und nunmehr wartete das Publicum auf die sensationellen Enthüllungen. Wo blieben nun die Actenstücke, wo blieben die Beweise? Daß der Hauptling nicht als Erster sich zum Worte meldete, um seine Anklagen und seine Beweise vorzubringen, das allein bedeutete schon den Versuch, auszukneifen, und als er dann einstehen sollte für die diffannrettden Beschuldigungen, die er gegen ehrenhafte Bürger erdichtet halte, da wußte er nichts vorzubringen als plumpe Verdrehungen eines klaren Sachverhaltes und ein jämmerliches Lamento darüber, daß man sich um ein paar Juden annehme. Erlogen ist es, daß Herr Lobmeyer das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien sich „unqualificirbarer Weise erschwindelt hat", und obgleich die Angelegenheit in den Tagesblättern ausführlich genug dargestellt wurde und obgleich das stenographische Protokoll des Abgeordnetenhauses diesen Nachweis enthält, muß es doch auch hier zum ewigen Gedächtnisse festgestellt werden, daß der Bürgermeister von Wien, als er einen in jeder Hinsicht ausgezeichneten Bürger einer solchen Handlungslungsweise zieh, eine gewissenlose Infamie begangen hat. Es gehört ein ungewöhnlicher Grad von Niedertracht dazu, die Ehre und das Ansehen eines Mannes, dem seine Mitbürger die höchste Auszeichnung verliehen haben, über die sie verfügen, den der Kaiser - der Berufung in das Herrenhaus würdig erachtet hat, vernichten zu wollen, den Erfolg eines Menschenlebens, das reich war an Arbeit und an Ehre, hinweglöschen zu wollen. Die Ernennung Lobmeyer's zum Ehrenbürger hatte nichts mit der voll ibm gewidmeten Stiftung zu thun; die Auszeichnung der Ehrenbürgerschaft wäre ihm auch ohne jenen speciellen Wohlthätigkeitsact zutheil geworden. Nehmen wir aber selbst an, obgleich es nicht der Fall war, daß die anonyme Stiftung mit dazu veranlaßt hat, ihm die Ehrenbürgerschaft zu votiren. Ja, was ist denn seitdem geschehen? Hat Herr Lobmeyer vielleicht das Geld, das er seinerzeit dem Bürgermeister Uhl anonym übersendet hat, von Dr. Lueger für sich zurückverlangt und hat er es für sich behalten? Im Gegentheil. Mit dieser Gemeindeverwaltung wollte er nichts zu thun haben, zu dieser Gemeindeverwaltung hatte er nicht das Vertrauen, daß sie die für wohlthätige Zwecke bestimmten Gelder nach seinem Willen und nach den Grundsätzen der Gleichberechtigung verwenden werde. Als ob das Regime Lueger nicht dieses tief wurzelnde und unüberwindliche Mißtrauen im vollsten Maße verdient hätte! Communale Aemter und Lieferungen erhalten in Wien nur Anhänger der herrschenden Partei und in der Armenpflege wird das gleiche System beobachtet. Armenjüdischen Studenten wurde dieBefreiungvom Schulgeld entzogen und für die Erlangung wohlthätiger Legate, die von Juden theils für jüdische Arme, theils für Arme ohne Unterschied der Consession gestiftet worden, hat diese derzeitige Gemeindeverwaltung die Beibringung des Taufscheines gefordert. Corruption und Mißbrauch der Macht auf allen Ecken und Enden, Nepotismus gegenüber den Parteigenossen, Haß und Verfolgung gegenüber Allen, die sich diesem System nicht unterwerfen — und da sollte Derjenige, der die traurige Wandlung im communalen Leben Wiens beobachtet, den derzeitigen Machthabern eine wohlthätige Stiftung anvertrauen? Also nicht zurückgezogen hat Lobmeyer die große Summe, die er hergegeben, sondern er hat sie einer eminent wohlthätigen und für die Wiener Bevölkerung höchst ersprießlichen Institution gewidmet, die von der Gemeinde unabhängig ist und daher von dem corrumpirenden und vergiftenden Einflüsse der Christlich-Socialen verschont ist. Mit Herrn Lobnieyer und dem hochherzigen Wohlthätigkeitsacte, den er geübt, ist nn Laufe der Jahre nicht die geringste Veränderung vargegangen. Aber die Gemeindeverwaltung ist eine ganz andere geworden zum unwiederbringlichen materiellen und moralischen Nachtheile dieser Stadt. So stehen die Dinge und alle Berdrehungs- und Entstellungskünste des Dr. Lueger können diesen einfachen und klaren Sachverhalt nicht verwirren, und seine Lügen werden dadurch nicht wahrer, daß er so schamlos ist, sie zu wiederholen. Als seinerzeit Lobmeyer über seine Stiftung disponirte, da wußte Dr. Lueger nichts davon zu sagen,, daß dieser Mann sich das Ehrenbürgerrecht erschwindelt habe. Er äußerte nur seinen Aerger über die Kundgebung unverhohlenen Mißtrauens und offenkundiger Geringschätzung, als welche er die Mittheilung Lobmcyer's sehr richtig auffaßte, und erst jetzt, wo dieser einflußreiche Mann vor den kommenden Wahlen sich gegen die clericale Parteiherrschaft erklärt, erst jetzt kam die lange verhaltene Wuth Lueger's zum Ausbruch. * * * Welche ehrenrührigen Thatsachen bezüglich der anderen Persönlichkeiten, denen Lueger, Steiner und Geßmann beabsichtigte Wahlbestechungen und Bedrohung der Wahlfreiheit zu uisinuiren sich erkühnten, hat dieses Kleeblatt bewerfen, ja auch nur behaupten können? Welcher Makel lastet auf der ehrwürdigen Gestalt des greisen Oberhauptes der Wiener israelitischen Cultusgemeiude, des kaiserlichen Rathes K l i n g e r? Was können Lueger und seine Spießgesellen Herrn Adolf W i e s e n b u r g nachsagen, was Herrn Dvnat Zifserer? Dem Vicepräfidenten der Fruchtbörse, Herrn Jonas Weil, haben seine Berufsgenoffen anläßlich der ihm seitens Lueger's zu Theil gewordenen Beschimpfung ihre Achtung und Vertrauen ausgesprochen. Diese Kundgebung ist ehrend für Herrn Weil, allein sie war überflüssig. Der einzig richtige Standpunkt ist der des Herrn Lobmeyer : von Lueger und Consorten beschimpft zu werden, ist eine Ehre. Wir sind nicht gesonnen, uns an den Beschimpfungen zu weiden, die dem Dr. Karl Lueger in jener Parlamentsdebatte zu Theil geworden sind, wenn sie auch durch sein unwürdiges Gebühren entschuldbar erscheinen mögen. Beklagenswerth ist es. daß es der Bürgermeister von Wien ist, auf dessen schmachbedecktes Haupt die Ausdrücke tiefster Verachtung niederfielen, denn es ist beschämend für die Reichshauptstadt, für die Metropole Oesterreichs, daß sie einen Bürgermeister hat, dessen Charakter und dessen Betragen zu solchen Ausbrüchen der Entrüstung Anlaß gibt. Der einzige Trost ist, daß für das christlichsociale Jakobinerthum das Ende zu kommen scheint, denn das Attentat Lueger's auf die Ehre achtbarer Bürger hat auch die Indifferenten aufgerüttelt und in der Wiener Bevölkerung die Ueberzeugung wachgerufen, daß es mit dieser Wirthschaft nicht weitergeht. * * * Es ist selbstverständlich, daß das Verganiblatt die in der Luegerischen Interpellation eingebrachten Verleumdungen weiterspinnt und seinen Lesern den Glauben beizubringen sucht, es sei dem Dr. Lueger im Abgeordnetenhause nichts paffirt. es habe nur — geregnet. Nach der Ansicht Bergani's sei Lueger im Parlament dagestanden wie ein „Fels im Meere". Andere Beobachter, die objectiver sind als der nordische Reiseschriftsteller, kamen zu einem anderen Vergleich, nämlich mit einem beim Sonntagspublicum des Praters sehr beliebten und viel beklatschten Mann. * * * Das „Deutsche Volksblatt" berichtet über die Affaire des Hernalser Gymnasialprofiffors S P i ck a, der einen Schüler und dessen Eltern beschimpft hat. Der Richter erster Instanz hat den genannten Herrn bekanntlich freigesprochen, während der Appellsenat ihn schuldig sprach. Das Blatt bemerkt hiezu mit