Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 114 Dr. Blach's Wochenschrift. Str. 8 Me goldene Hochzeit des Erzherzogs Rainer. Ein erleuchteter Fürst aus habsburgischem Kaiserhause begeht das Fest seiner goldenen Hochz-it, und inmitten der Völker Oesterreichs, welche diesem Fürsten mit aufrichtiger Verehrung ergeben sind, betet auch das österreichische Judenthum für das lange Leben des erlauchten Paares. Unvergessen bleiben uns die herrlichen Worte, welche der edle Fürst in feierlicher Generalversammlung der Akademie der Wissenschaften im Jahre 1889 gesprochen und welche ein Ereigniß von historischer Bedeutung bildeten. Damals, als die antisemitischen Hetzartikel über die „Berjudung der Wiener Universität", die brutalen Angriffe auf jüdische Docenten und Studenten allgemeine Empörung erregten und im niederösterreichischen Landtag Herr Lueger und seine Genossen in den gemeinsten Schmähungen gegen alle Männer der Naturwissenschaften und der Medicin einander überboten, da war es Erzherzog Rainer, der als Curator der Akademie ein Berdammungsurtheil gesprochen gegen jene Strebungen und Strömungen, welche sich gegen den Fortschritt und die Aufklärung richten. „Leider muß gesagt werden", so sprach der hochsinnige Prinz, „daß ein Kampf gegen die Aufklärung und den Fortschritt eröffnet wurde, den gerade wir doppelt beklagen, weil wir den Werth des Wissens und der Bildung erkennen. Wir wollen hoffen, daß diese Erscheinung eine vorübergehende sein werde." Und unmittelbar, ehe diese wahrhaft fürstlichen Worte gesprochen wurden, vollzog die Jahresversammlung der Akademie einen Act, der glänzendes Zeugniß davon ablegte, daß in den Reihen dieser Männer nur das wahre Verdienst, nur die ernste wissenschaftliche Arbeit und keinerlei engherzige Vorurtheile gelten. Sie ernannte zwei jüdische Gelehrte, den Sprachforscher David Heinrich Müller und oen Pariser Astronomen, Vicedirector M. L e w y, einen geoornen Oesterreicher, zu Mitgliedern der Akademie. Die Ernennung Lewy's war umso bedeutsamer, als dieser berühmte Gelehrte sein Vaterland hatte verlassen müssen, weil hier dem Fortkommen des Juden, der sich nicht „affuniliren" wollte, unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege standen. Seither hat der Jude Lewy der Pariser Sternwarte zu unvergänglichem Ruhme verholfen. In den Kreisen der Hetzparteien hatten die Worte des Erzherzogs ungeheuere Consternauon hervorgerufen, denn wer ow Träger jener Bestrebungen sind, über welche der Erzherzog das Verdammungsurtheil gesprochen, wußte alle Welt. Es ist wahr, diese Worte waren nicht gegen eine einzelne Partei gerichtet, allein sie trafen alle Feinde des Wissens und der Aufklärung und der Humanität i n s g e s a m m t, sie waren einflammender Protest des ringenden und strebenden Menschengeistes gegen alle Rohheit und Gewattthätigkett, gegen alle Beschränkung und Unfreiheit, gegen alle nationalen Uliv consiffionellen Vorurtheile. Was ist denn die Hrtze gegen das Judenthum, was ist denn die Verkündigung des nleorigsten Racenstandpunkles Anderes, als ei» Kampf gegen Ausklärung und Fortschritt? Was sprach aus der Hetze über die angebliche „Verjudung der Wiener Universität" anders, als der brutale Bildungshaß? Ist es nicht die höhere Bildung, die höhere Intelligenz, die man an den Juden bekämpft? Unzertrennlich von den Begriffen der Aufklärung und der Humanität ist der Begriff des Juoentyums. Das blühende Spanien verwandelte sich in eine Wüste, seine hohe Cultur machte der traurigsten Unbildung, der Knechtung des Geistes Platz, als die Juden von den Ufern des Ebro und Guadalquivir vertrieben wurden. Em Jude, Baruch Spinoza, entzündete zuerst die lodernde Fackel, die mit grellem Scheine hlneinleuchtere in die dunklen Gründe des Offenbarungsglaubens. Er war es, der zuerst der forschenden Wissenschaft die ersten Wege bahnte. Ueberall, wo die Schärfe des Funkens zu neuen Zielen führt, stehen die Juden in erster Reihe. Es ist eine Gunst der Vorsehung, unsere seit dem Sinaitage „auserwählte" Sonderstellung im Völkerleben, daß unser Geschick unlöslich verknüpft ist mit dem Schicksal des allgemeinen menschlichen Fortschrittes. Wenn der Aberglaube seine düsteren Schatten über der Menschheit ausbrettet, wenn die Geistestyrannei die Völker umklammert, dann erlischt der Stern Jacobs, der in seinem vollen Glanze am Horizont erscheint, wenn der Fortschritt triumphirt, wenn die Erkenntniß sich ausbreitet, wenn die Humanität, das Einheitsbewnßtsein des Menschengeschlechtes in den Völkern erstarkt. Unser ganzes altes Schriftthum durchzieht der einzige Gedanke, daß Israels Errettung zugleich die gefesselte Gottesidee befreit, daß j<de Wolke aus Jsrael's Lebenshimmel auch die döchsten Erkenntnisse verdunkelt und den Aberglauben zum Triumphe bringt; daß jeder Sieg, den Israel unter oen Menschen erringt, zugleich der Triumph der höchsten göttlichen und menschlichen Ideen im Bewußtsein der Völker ist. Wenn Israel in Roth und Bedrängniß ist, so ist das ein Zeichen, daß die dunklen Mächte des Aberglaubens, die finstern Gewalten der Unbildung und des Hasses die Menschen bethören und verführen, daß nicht der reine Gottesglaube deren Herz erfüllt. Als Israel in der Knechtschaft schmachtete, offenbarte sich Gott im niederen Dorngestrüpp?. (Tonchuma par. Scyemoth u. u. andern Stillen.) Auch in der Geschichte zieht vor Israel eine Feuersäule einher, welche den Aberglauben und die Vorurtheile verzehrt, Licht und Ausklärung verbreitet. O, schmäht es nicht Ueberhebung und hochmülhige E ubildung! Unsere Hasser sind unsere unfreiwilligen Zeugen. Ihr könnt es überall beobachten, daß die Feinde des Wissens und c-er Aufklärung jede Leuchte der Wissenschaft und des menschlichen Fortschritts mit dem Fluche zu beladen suchen, der seit zwei Jahrtausenden aus dem Judentyum lastet — daß man Gelehrten wie Darwin und Lessing, Freiheitskämpfern wie Garibaldi, Jules Simon Gambetta, Castelar die Lüge nachsagr, sie seien jüdischem Stamme entsprossen. Wo nur irgend von einem hervorragenden Manne des Geistes und des Fortschrittes die Rede ist, da kommen die Finsterlinge und rufen „Jud". Der Haß hat seine Jnstincre und wenn diese erleuchteten Männer alle, die man uns freiwillig und unfreiwillig zuwirst, weder nach Confession noch nach Abstammung uns angehören, so siiid sie doch unser im Geiste. Unsere Hasser, unsere blutigen Verfolger waren noch in jeder Epoche auch Feinde des Wissens, Feinde der Freiheit und oes Fortschrittes; die Apostel des Judenhasses in unseren Tagen sind geradezu die Träger der Rohheit und Gemeinheit im öffentlichen Leben. Mit der Ausbreitung des Judenhasses sinkt gleichmäßig die öffentliche Moral, Wissen und Fortschritt werden mißachtet, und der Mensch verfällt oem Spiele seiner bestialischen Jnstincte. Nicht die Gegenwart allein, auch die Geschichte der Vergangenheit in jedem einzelnen Capitel enthält hiefür tausend Zeugnisse. Wie der Jude der erste Träger des reinen Gottesbegriffls war, der den Menschen von einem willenlosen Werkzeuge der rohen Naturkräfte erst zum Menschen erhob, und so war und ist er durch die Flucht der Jahrhunderte der Träger jenes großen Humanitätsgedankens, der als letztes Ziel alles menschlichen Ringens und Schaffens die Vereinigung aller Völker im Dienste der Cultur und der Freiheit bezeichnet. Das ist ein Theil unserer messtanischen Idee, welche die Krönung der jüdischen Weltanschauung bildet und welcher jeder Racen- und Classenstandpunkt, jedes nationale und confesslonelle Vorurtheil zuwiderläust. Der Aufstieg der Menschheit zu den Höhen des Wisst ns, der Bildung, der Freiheit, das ist das Ziel des Judenthums der Rückfall der Menschheit in ihren bestialischen Urzustand, in die Tiefe der Geistesnacht, der Unfreiheit, das ist das Ziel derer, die das Judenthum bekämpfen. Die Ziele dieser rückläufigen Strömungen hat der große österreichische Dichter Franz Grillparzer in dem ätzenden Worte zusammengefaßt: „Von Humanität — durch Nationalität — zur Bestialität." Und darum dürfen die Juden aus den herrlichen Worten des Erzherzogs Rainer Trost und Zuversicht für die Zukunft schöpfen. Zu den Höhen wahrhaft fürstlicher Gesinnung und ernsten wissenschaftlichen Strebens reicht der Slurm nicht hinan, der gegenwärtig durch unseren Welttheil braust und mit seinem Staubwirbel das Licht der Sonne verfinstern will. Mit ewigen Lettern haben Juden ihre Namen in die Annalen der Wissenschaft eingezeichnet, und, unvergänglich wie diese, ist das Judenthum selbst und die große Mission, die es zu erfüllen hat. Dem erlauchten Fürsten aber, der von ragender Höh' herab ein unvergeßliches Wort der Erlösung und Erleuchtung gesprochen, zollen wir aus tiefbewegtem Herzen unseren ehrfurchtsvollen Dank. Darum fleht das österreichische Judenthum aus Anlaß dieses goldenen Festes die Segnungen des Himmels herab aus die erleuchteten Häupter des erzherzoglichen Jubelpaares.