Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 102 Dr. Bloch's WochenschrM Nr. 7 Der jüdische Hellenismus. Schon um das Jahr 140 v. Chr. kann die Sibylle von dem jüdischen Volke sagen, daß jegliches Land und jegliches Meer von ihm erfüllt sei. Man kann nicht leicht einen Ort der Welt finden, sagt Strabo 50 Jahre später, der nicht dieses Geschlecht ausgenommen habe und von ihm eingenommen werde. Nachdem durch Alexanders Weltreich ein lebhafter Austausch der Völker entstanden war, da begegnete dem Strom der griechischen Einwanderung in den Osten ein fast gleich starker Strom der jüdischen Auswanderung nach dem Westen. Mit einer Leichtigkeit, die wohl einzig dasteht in der Geschichte, opferte der Jude seine Sprache der hellenistischen Umgebung, in die er trat; schon nach wenigen Geschlechtern sprach man in der Diaspora nur noch griechisch. Die Sprache auch des jüdischen Gottesdienstes in der Diaspora ist nachweislich schon früh im Wesentlichen die griechische gewesen. Die Berührung mit dem Griechenthum hatte sich zunächst nur auf das Gebiet des Handels erstreckt. Aber es konnte nicht ausbleiben. daß auch auf geistigem Gebiet eine Wechselwirkung eintrat. Da war es nun eine providentielle Fügung, daß die Philosophie der alexandrinischen Zeit, insbesondere die Schulen Plato's und Pythagoras', stark religiös interessirt und darauf aus waren, religiöse Elemente aus den verschiedenen, jetzt bekannt werdenden Culten des Orients aufzunehmen. Zwischen dieser Philosophie und dem Judenthum mußten nothwendigerweise Beziehungen sich ergeben. ' Eine Convergenz zu griechischem Denken ist bereits bald nach dem Exil in der neugegründeten jüdischen Gemeinde des Mutterlandes zu beobachten. Die Frömmigkeit erhält einen individualistischen Charakter; die Idee der Vergeltung wird auf den Einzelnen bezogen, und an diese Vergeltungslehre schließen sich die der älteren Zeit fremden Gedanken der Auferstehung und des allgemeinen Weltgerichts. Die Gottvorstellung wild iransscendent, und die so erweiterte übersinnliche Welt bevölkert sich mit Mittelwesen. Diese palästinensische Entwicklung verstärkt sich nun bedeutend unter tem Hellenismus in der Diaspora. Eme natürliche Wirkung der Verhältnisse macht sich hier zunächst geltend. Für den Diaspora-Juden mußte das Ceremonialgesetz unwillkürlich an Wichtigkeit verlieren. Sein Gottesdienst konnte ja nur ein geistiger sein, denn opfern durfte er nur in Jerusalem, und dorthin kam er nur selten. So blieb es nicht aus, daß der Opfercultus, der für den jerusalemischen Juden den Mittelpunkt des Gottesdienstes bildete, für ihn zu etwas Unwesentlichem herabsank. Andererseits führte der Verkehr mit Hellenen von selbst dazu, diejenigen Elemente der Religion hervorzukehren, welche diesem unmittelbar verständlich waren, die bildlose monotheistische Gottesverehrung, die Tugendlehre und den Glauben an eine künftige Vergeltung. Das übte dann eine Rückwirkung aus, und so gewöhnte sich der Diaspora-Jude von selbst an eine geistige und freie Austastung seiner Religion. Damit war er eben der Philosophie der Griechen bereits sehr nahe gekommen. Und in Alexandria, der Metropole des Hellenismus, ist es nun auch zu directer Aufnahme griechischer, insbesondere platonischer Philosophie in die jüdische Literatur gekommen. Das erste Beispiel dafür sind die Fragmente des Aristobul ca. 150 v. Chr. Inhaltlich weil starker beeinflußt zeigt sich die circa 50 Jahre jüngere Weisheit Salomons. Bei Philo von Alexandrien (ca. 25 v. Chr. bis 40 n. Chr.) aber ist der griechische Einfluß bereits so sta>k, daß er ebenso in die Geschichte der griechischen Philosophie, wie in die des Judenthums hineingehört. Seine Religionsphilosophie sctzt sich zusammen aus platonischen und stoischen Elementen. Was aber seine griechischen College» aus dem Homer herauslesen mit verwegenster allegorischer Deutung, das entnahm er mit derselben exegetischen Methode dem Alten Testament. In einem Artikel über den „jüdischen Hellenismus^ schreibt Bernh. Beß: Man sollte denken, daß nun dieses Diaspora-Judenthum unaufhaltsam in die hellenische Popularphilosophie sich auflösen würde. Weit gefehlt! Auch den philosophisch gebildeten Juden Alexandriens entschwand nicht das einzigartige Selbstgefühl, welches diesem Volk aus seiner Geschichte her eigen ist. Statt aufzugehen in die hellenistische Cultur, erklärten sie vielmehr ihre eigene Literatur für die Quelle derselben: Plato hat von Moses w'ernt! Und trotz aller Empfänglichkeit für griechische Philos' phie hat doch Philo die religiöse Prärogative seines Volkes aach philosophisch zu wahren gewußt. Plato hatte das höchste Gut oder Gott für ein Object des Erkennens gehalten; Philo behauptete seine absolute Transscendenz: es sei übervernünftig und daher unerreichbar für menschliches Erkennen; der Mensch bedürfe, um zu Gott zu kommen, einer von diesem unmittelbar gewirkten Offenbarung. Damit hat Philo der weiteren Entwicklung der griechischen Philosophie eine wichtige Anregung gegeben: sie ist durch ihn vollends zur Religionsphilosophie geworden, und man kann ihn als den Vater des Neuplatonismus betrachten. Aber auf diese philosophische Anregung beschränkt sich der Einfluß des Judenthums innerhalb der griechisch-römischen Welt nicht. Es ist fortgeschritten zu directer religiöser Propaganda. Die Sehnsucht eines großen Theiles der Gebildeten jener Zeit nach einem festen und greifbaren religiösen Ziel kam ihm entgegen. Weder die abstracten Ideen der Philosophie, noch die Symbolik der Mysterien, noch der geheimnißvolle Zauber der neuen orientalischen Culte boten ein solches. Wohl aber bot dies das Judenthum mit seiner langen Geschichte, mit seiner Literatur. Geistiger Einfluß war schon damals gleichbedeutend mit literarischem. Es unterliegt keinem Zweifel: durch seine Literatur hat das Judenthum eine tiefe, nachhaltige Wirkung auf die Gesellschaft des jungen römischen Kaiserreichs ausgeübt. Zunächst durch Uebersetzung der älteren Literatur. Wir hörten schon; die Sprache des Gottesdienstes in der Diaspora ist sehr früh die griechische gewesen. Das eigene Bedürfniß der Diaspora-Juden hatte dazu gedrängt. Diesem Bedürfniß ist auch die Uebersetzung der heiligen Schriften zunächst entsprungen. Aber sofort hat die Sage ihren Ursprung verhüllt, und indem sie die Initiative dem Ptolemäer Philadelphia beilegt, die universale Bedeutung des Werkes veranschaulicht. In der That, mit dieser Uebersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, ist die jüdische Literatur aus nationaler Abgeschlossenheit in den offenen Bereich der Weltliteratur eingetreten. An die Uebersetzungen reihten sich selbstständige griechische Schriften: Zusätze zu einzelnen Theilen des Testaments, Umarbeitungen und Fortsetzungen. Und mehr und mehr lernte man sich auch wirklich griechisch ausdrücken. Um die Uebersetzung der Thora, des ältesten Theiles der Septuaginta, zu verstehen, muß man nicht selten den Grundtext heranziehen. Die Weisheit Salomons überrascht bereits durch den Reichthum ihres Wortschatzes, durch die freie Bewegung ihrer Satzfügungen, die Länge der Perioden und die festere Jdeenverbindung. Aber das Colorit des hebräischen Bibelstils ist noch erhalten. Diese Schriften waren noch für jüdische Leser zunächst bestimmt. Aber sie boten doch dem gebildeten Hellenen eine Gelegenheit, sich zu orientiren. Und welch eine neue Welt ging ihm hier auf! Vorerst ein Reichthum an religiösen Stimmungen, Bildern und Gedanken, wie ihn keine andere Literatur aufzuweisen hat! Dann aber eine jahrhundertelange Geschichte und in ihr e i n leitender Gedanke — der Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk. — Dieser Gedanke wird nun in der späteren Literatur fortgesponnen, über die Gegenwart hinaus, zu einem umfassenden göttlichen Weltplan, der unaufhaltsam sich entrollt. Die Geschicke der Vergangenheit und der Gegenwart erhalten ihre Deutung von einem über den Wechsel der Zeiten erhabenen Standpunkt, und mit Nothwendigkeit wird daraus, die Zukunft abgeleitet — in glühenden, wechselvollen Bildern dargestellt. Das ist die jüdische Apokalyptik, die Fortsetzung der alttestamentlichen Prophetie, eine religiöse Geschichtsschreibung in großartigstem Maßstabe — packend und unmittelbar interessant für jeden Einzelnen. Nebcn dieser einzigartigen Literaturgattung steht die Spruchweisheit, die Literatur der Sentenz. Sie hat ihre Analogien in der griechischen Literatur, in den Sentenzensammlungen aus älteren Philosophen und in der praktischen Tendenz der Popularphilosophie, insbesondere der jüngeren Stoa. Aber diese jüdischen Produkte sind durchwegs elastische Erzeugnisse, in denen Form und Gedanke in wunderbarer Wechselwirkung stehen; dazu gebieten sie über einen Reichthum und eine Tiefe der Beobachtung, welche die hellenischen weit hinter sich lasten. Auf solche Concurrenz aber beschränkt sich die jüdische Literatur nicht, sie geht über zu directer Propaganda in den gemeinen Formen der Weltliteratur. Unter dem Namen des Phokylides gibt es ein merkwürdiges griechisches Moralgedicht: es schöpft aus den mosaischen Büchern — aber nur den Monotheismus und das Sittengesetz; es vermeidet Alles dem Nichtjuden Anstößige, es will weiteste Kreise anziehen und überzeugen. Hieher gehören nun vor Allem die Sibyllinischen Orakel, das hellenistische Seitenstück zu der genuinjüdischen Apokalyptik. In seinen eigensten poetischen Formen wird