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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 10Ö Nr 7 Dx. BlEs Ebenen und in ihre armseligen, schmutzstarrenden Städte, in denen neben den verwahrlosten Palästen der Großen die hinfälligen Hütten der Armen standen, neben der Aristokratie das Proletariat wohnte. Gerade die Einwanderung der Juden wurde damals besonders begünstigt, weil sie den Handel belebten und den reichen Bodenproducten der Fürstenthümer die Wege ins Ausland öffneten. Die Bojaren, welche stets mehr brauchten als sie hatten, immer die Ernte im Halme, die Ochsen vor der Geburt, die Wolle vor der Schur und den Wein vor der Kelterung zu verkaufen pflegten, konnten sich jetzt mit größerer Leichtigkeit Geld verschaffen, um ihre Frauen nach Paris zu schicken und sich von dort ihre Maitressen kommen zu lassen. Aber auch das Handwerk wurde zumeist von Juden ausgeübt, die nicht nur in den Palästen, sondern sogar in den Kirchen und Klöstern als Maler, Lackirer, Glaser, Schlaffer und Decorateure arbeiteten, manches wunderthätige Heiligenbild für den feierlichen Umzug anstrichen und manchen Geistlichen neu kleideten. Von Antisemitismus keine Spur! Die Juden konnten ganz unbehelligt wohnen, wo sie wollten, treiben, was sie wollten, und waren dabei abgabe- und militärfrei unter dem Schutze der beiden österreichischen General-Consulate. Der Einbruch des Nationalitätenhaders in die früher friedlichen europäischen Völkerfamilien, die stramme Concentrirung der Deutschen und Italiener gemahnten auch die kleinen und kleinsten Volksstämmchen, die bis dahin keine besondere nationale Individualität, keine historische Vergangenheit hatten, an ihre wenig bekannte und beachtete Existenz und sie sandten ihre Delegirten in die Antichambres der Berathungssäle, wo Fürst Bismarck die Karte Europas revidirte und corrigirte. Zuerst schüchtern, wurden sie dann lauter, zuletzt aufdringlich und arrogant, begehrlicher, je mehr man ihnen gewährte. Alle beanspruchten für sich ihren eigenen, umfriedeten Globus, ein ausschließliches Existenzprivilegium. Selbstverständlich auch die Moldauer und Wallachen, die ihr Tartarennaturell mit französischem Lack überfirnißten und sich als Träger der Civilisation präsentirten. Sie vertauschten vorerst die zwei alten Fürstenstühle gegen ein modern gearbeitetes Thrönchen, zu dessen Besetzung sie einen deutschen Fürsten acquirirten, der postenlos war und bereitwillig in die Donauniederungen hinunterstieg, um sich von den Bojaren regieren zu lassen. Zur selbstständigen Macht geworden, galt es mitzuthun, was andere ältere Völker thaten; vor Allem zu zeigen, daß man in die Reihe der Culturvölker eingetreten. Dazu empfiehlt sich eine Judenverfolgung. Es kostet nichts, man riskirt nichts, es amusirt den vornehmen und den niederen Plebs und macht von sich reden. So wurde die alte liberale Ordnung demolirt und an ihre Stelle barbarische Willkür gesetzt. Die Büttel wurden in die Dörfer geschickt, erbgeseffene, friedlich ihrem Erwerbe lebende Juden hinauszutreiben und ruhige Existenzen mit Kolbenstößen niederzustoßen — ganz nach dem Muster einer benachbarten Großmacht. Man begann von Rumänien zu sprechen; die Bojaren wieherten vor Lust und Stolz; die Minister spreizten sich; der König schwieg und die Königin machte Gedichte, sie besang die Freiheit, die Humanität, die idealen Güter des Lebens, während unter ihren Füßen die Verwilderung und die Verrohung Zunahmen. „Sie singt von Lenz und Liebe, von seliger goldener Zeit, Bon Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit, Sie singt von allem Hohen, was Menschenherz erhebt, Sie singt von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt. Die Höflingsschaar im Kreise —" Nun, die Höflingsschaar im Kreise schmiedet Judengesetze im Geiste der Jgnatiew und Pobiedoneszew um das Land, in das die Juden Handel, Verkehr und Gewerbe brachten, dessen Liegenschaften sie einen höheren Werth gaben, dessen Creditverhältniffe, die so arg lagen, sie emporhoben, von ihnen zu säubern! . Aber Rumänien ist nicht Rußland, der Zwerg kein Koloß. Mit einem Staate dieses Kalibers, dieser inneren Beschaffenheit und dieser nichts weniger als consolidirten Verhältnisse kann man auch ohne Interventionen, Deputationen und Petitionen fertig werden, wenn die jüdische Solidarität geharnischt auf den Plan tritt und Rumänien dort packt, wo es am schwächsten ist, bei den Finanzen. Wenn sie mit den rumänischen Werthen so verfährt, wie jene Regierung mit den Juden — sie verjagt und nie die Hand nach einem rumänischen Papier ausstreckt, mag es noch so billig sein! Hier wäre ein Feld für die jüdischen Großen aller Länder, die von den Antisemiten begeiferte Macht auf finanziellem Gebiete in der That auch zu belbätigen, und die Gelegenheit, ihren Feinden durch Eintracht und Einfluß zu imponiren! Eine solche Vfl Phalanx, die Oesterreich, Deutschland, Frankreich und England umspannen würde, müßte die faulen Finanzen des Mizraim an der Donau in den Grund bohren, und nicht blos jenem Staate, sondern auch besser situirten Staaten zu denken geben. Man würde doch zur Erkenntniß kommen, daß das Judenthum nicht ein Volk von Parias und daß es nicht ganz wehrlos sei, wenn es übermüthig angegriffen wird. Ich muß bekennen, daß ich wenig Hoffnung habe, diese Mahnung realisirt zu sehen. Das Judenthum hat jetzt keine Leuchte, die voranschreiten und der man willig folgen würde. Die Moses Montefiores und Adolphe Cremieux leben nicht mehr; der älteste und umfassendste Hilfsverein der Juden, die ehemals so rührige und energische Alliance Israelite Universelle scheint altersschwach geworden zu sein, und die vielen Vereine, die entstanden und in lobenswerter Weise wirken, sind noch kein Verein, der die Gesammtheit repräsentirt und führt, wie ihn die Polen und Czechen haben, wie ihn die Italiener und Irländer hatten. Dieser Mangel ist unsere Schwäche, uns fehlt die Organisation, die Centralisation, eine gemeinsame Repräsentanz nach Außen, würdig eines Volkes von acht Millionen Menschen, die ihre Rechte gegen Banditenthum verteidigen sollen! Meran, 10. Februar. Leo Herzberg-Fränkel. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Ehrabschneider im Parlament. — Politische Erpressung. — Man säubere das Rathhaus! — Einige kleine Antisemitic a. — Ein Wort an Herrn D a s z i n s k y.) Die Sprache der Gesitteten verfügt kaum über einen Ausdruck, der stark genug wäre, um das Attentat des Dr. Lueger auf die Ehre hochgeachteter Wiener zu brandmarken und die Verachtung, die ihm dafür gebührt, zum Ausdruck zu bringen. Unter dem Schutze der Immunität erhebt dieser Mann, dessen Gebühren der Stadt Wien zur Schande gereicht, perfide Beschuldigungen gegen das fortschrittliche Wahlcomits und gegen die Unterzeichner jenes Aufrufes an die fortschrittliche Wählerschaft, in welchem zu Beiträgen für den Wahlfond aufgefordert wird. Nicht für Agitationszwecke, nicht für die Abhaltung von Versammlungen, nicht für Drucksorten, Porto und Wagen, sondern für schändlichen Stimmenkauf sammeln diese Männer Geld — so behauptet Dr. Lueger, ohne daß für eine solche Verleumdung auch nur der Schatten eines tatsächlichen Anhaltspunktes vorhanden wäre. Weder der Inhalt des Aufrufes, noch der Charakter und die Lebensstellung der Personen, die ihn unterzeichnet haben, bietet auch nur die leiseste Spur, um irgend einen Argwohn, daß es sich um die Beschaffung der Mittel zu unlauteren Wahlmanövern handelt, zu erwecken. Und wenn man fragt, mit welchem Rechte Dr. Lueger sich erfrecht, unbescholtenen Männern, die in Ehren grau geworden, ehrlose Handlungen zuzumuthen, so findet man keine andere Erklärung, als den Uebermuth und die Zügellosigkeit eines Demagogen, dem seine Erfolge jeden Maßstab dafür, was ihm noch erlaubt ist, benommen haben. Sv frech und so feige zugleich ist vielleicht noch niemals ein Mann, der im öffentlichen Leben steht, vorgegangen. Ein Dr. Lueger, der die Gunst der bethörten Volksmasseu erschlichen und erschwindelt hat. ein Politiker, der die Gesinnungen wechselt wie Leibwäsche, der Führer einer Partei, deren Kampfmittel der Terrorismus, der Wahlbetrug und die Verleumdung sind, beschmutzt und besudelt die integre Ehre von Männern, deren Umgang er nicht würdig ist. Von einem Lobmeyer, dessen ehrwürdige Erscheinung das Muster eines Bürgers ist, sagt er, er habe sich das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien „in unqualificirbarer Weise erschwindelt". Wer den Lebensgang und die Wirksamkeit Lobmeyer's kennt, ist geradezu sprachlos gegenüber einem so infamen und nichtswürdigen Anwurf. Den Bicepräsidenten der Fruchtbörse Herrn Weil nennt er einen der größten „jüdischen Getreidewucherer". Von dem Jndustrillen Wiesenburg persönlich weiß Dr. Lueger nichts Ehrenrühriges zu sagyi, aber er sucht das Andenken seines Vaters zu beschimpfen, indem er diesen einen Binkeljudeu nennt. Mag sein, daß Herrn Wiesenburgs Vater ein armer Binkeljude war; um so ehrender und anerkennenswerther für Herrn Adolf Wiesenburg, daß er aus eigener Kraft, durch eigenen Fleiß und Tüchtigkeit die sociale Stufenleiter erklommen hat, die ihn zur Stellung eines hervor-

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