Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021447--11527-3036070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 7 Seite 99 De. Vlvvl's Wochenschrift der armen Arbeiter, der — Exodus nach Ungarn. Es ist unseres Wissens der erste Fall, wo ein österreichischer Fabrikant, allerdings ein solcher, auf den die „Handel und Gewerbe fördernden" Antisemiten es besonders scharf abgesehen hatten, sein Bündel schnürt und ein Land aufsucht, in welchem ihm gestattet ist, Steuern und Arbeitslöhne zu zahlen, ohne seinen Namen in den Koth zerren lassen zu müssen. Wird der Fall vereinzelt bleiben? Diese Frage sollte unseres Erachtens vornehmlich das Interesse unseres Herrn Finanzministers erwecken. Die entlassenen Arbeiter aber, diese beklagenswerthen Opfer antisemitischer Nichtswürdigkeit werden wohl vergebens an die Nächstenliebe Jener appelliren, die ihr Unglück verschuldet haben; von dieser Seite wird ihnen wohl kaum mehr gewährt werden, als das Recht — auf Mißbilligungs-Resolutionen. Ed. Singer. Die Handriskammrr,va>ilen. Der Bürgermeister von Wien und Führer der Antisemiten, Clericaleu, Reactionären und wie die ganze Sippschaft sich noch nennen mag, die auf Schneidens, Liechtensteins und Lueger's Commando hört und in dem Wiener Bürgermeister ihr sichtbares Oberhaupt hat, ist peinlich davon berührt, daß ihm die Liberalen seine Wahlmache abgeguckt haben und es ihm nachmachen wollen. Er schreit nach Politischer Polizei, die ihm helfen soll, seine Hände auch in die Handelskammern zu stecken und Diejenigen abzuwehren, die ohne und gegen ihn dies Terrain erobern oder festhalten wollen. Er hat das „Wählen" schon so sehr als seine Domäne betrachtet, sich so sehr in den Gedanken hineingelebt, alle Wahlen allein dirigireu zu können, daß er es wie einen Angriff behandelt, wenn die Liberalen sich nur auch rühren und den Boden sich nicht entreißen lassen wollen, auf den sie nicht blos vermöge historischer Vergangenheit ein Recht haben, sondern den sie vertheidigen müssen, um nicht wirthschaftliche Gefahren über Oesterreich heraufzubeschwören, welche die unvermeidliche Folge sein würden, wenn Luegers Gefolge sich auch noch der Handelskammern bemächtigen würde. Lueger weiß, wie man Wahlen macht und er zittert bei dem Gedanken, daß es die Andern gerade so treffen könnten, wie er. Er vertraut aber nicht mehr seiner Macht allein und ruft die Regierung zu Hilfe, damit sie die „Wahlfreiheit" schütze und „reine" Wahlen sichere. Es liegt nun ein tüchtig Stück Komik darin, daß Lueger „Wahlfreiheit" und reine Wahlen verlangt, ebenso ein tüchtig Stück Denunciation, die Gegner von vornherein zu verdächtigen, daß sie die Wahlfreiheit beeinträchtigen, die Reinheit der Wahlen trüben. Allein eine derartige Verdächtigung der Gegner ist bei den Antisemiten ein gebräuchliches Manöver. Neuartig dagegen ist der Mißbrauch der Immunität, Persönlichkeiten, die im Parlamente wehrlos sind, weil sie demselben nicht angehören, anzugreifen und zu beschimpfen. Man kann sagen, daß es wohl kaum ein Parlament, ja kaum eine anständige Gesellschaft gibt, wo man solches Vorgehen nur dulden würde. An einem seiner politischen Gegner — einem Urchristen und Urgermanen — kühlt er dabei auch sein Müthchen und greift ihn im Parlamente — wo er wehrlos ist, — an, weil er in ganz rechtmäßiger Weise seine Grundstücke sich von der Commune bezahlen ließ.—Doctor Lueger nennt das sich auf Kosten der Stadt Wien bereichern. und wir führen dies Detail nur deshalb an, weil bekanntlich antisemitische Führer ihre Häuser der Gemeinde zu sehr theuren Preisen verkauften, ohne daß jemand von ihnen sagte, daß sie sich auf Kosten der Gemeinde bereicherten- Noch unerhörter ist der Angriff gegen einen der verdienstvollsten österreichischen Industriellen, der allerdings seine Gesinnung am kräftigsten dadurch manifestirte, daß er einen großen Stiftungsbetrag, den er zu wohlthätigen Zwecken der Stadt Wien zuzuwenden gedacht, nicht in den Händen des Dr. Lueger beließ. Au diesem wird nun Rache geübt und von ihm gesagt, er habe sich das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien „erschwindelt". Und warum all' das? Weil man dem Dr. Lueger in „seine" Wahlen hineinleuchten und hineingreifen will. Aus den Ovationen, welche dem Vieepräsidenten der Produktenbörse kais. Rath W e i l in den letzten Tagen wiederholt dargebracht wurden, konnte Dr. Lueger entnehmen, daß sein Haß für jeden Ehrinmann eine Auszeichnung ist, wenn auch keine seltene. Durch nichts verräth Dr. Lueger seine Schwäche so sehr, als durch den jüngsten Angriff auf seine Gegner. Wüßte er sich stark, so hätke er sie mit der ehrlichen Waffe des Stimmzettels bekämpfen können, er greift aber zur Waffe der Beschimpfung an einem Orte, wo er sich hint.r der Immunität vor jeder Verantwortung verstecken kann. Die Antwort könnten die Wähler geben - indem sie sich von dieser „Moral", von diesem „Muth" lossagen würden. Von Oben her muß begonnen werden und die Haudelskammerwahlen müssen die erste Etappe sein, die zum Siege gegen Lueger führt. Die Haudekskammerwahlen stehen zunächst bevor. Es ist bei ihnen nicht blos das Interesse des Handels und der Industrie auf dem Spiel, die in den Antisemiten die wüthendsten Gegner haben, sie sind schon durch das Recht der Kammern, Abgeordnete zu wählen, politische Wahlen und sie sind es durch die jüngste Aetion des Dr. Lueger in noch höherem Grade geworden. Wer nur einigermaßen fähig ist, zu beurtheilen, welche Folgen ein Sieg Lueger's auf diesem Felde hätte, muß jetzt alle Kräfte anspannen, um eine solche Eventualität fernzuhalten. Auf zur Wahl, es gilt dem Erbfeind! Rumänien. Mein Gedächtniß reicht iu die Zeit zurück, als noch in den meisten europäischen Staaten Kettengerassel die Bolksstimme war und Czar Nikolaus I. den Welttheil beherrschte; in die Zeit der Heiligen Allianz, welche Rußland, Preußen und Oesterreich zusammenkittete, eigentlich?usammenkettete; in die Zeit wo die Leibeignen Westgaliziens — 1846 — ihre Herren massacrirten, ihre stolzen Gebieterinnen schändeten und die Edelsitze verwüsteten; in die Zeit endlich, wo urplötzlich, ungeahnt die Freiheit, gleich einem Wirbelwind, hervorbrach, die festgegliederten Monarchien ins, Wanken brachte, Throne umwarf, Fürsten zur Flucht zwang, die Völker bis zum Paroxismus exaltirte, um dann unter dem Bahrtuche der Reaction zu ersticken. Zu jener ereignißschweren Epoche waren die nun leider unter Einem Herrscher geeinten Donaufürstenthümer, die Moldau und die Wallachei, die Urei-Mikloth der benachbarten Staaten Rußland und Oesterreich, wohin Alles zog, was jene Länder ausspieen, aber auch Viele, welche in Bukarest. Jaffy, Galatz und Braila ihre Capitalien vermehren wollten, ohne daß die damaligen Hospodaren je Schwierigkeiten gemacht hätten. Im Gegentheile begünstigten sie durch alles Entgegenkommen die Einwanderung von Menschen und Geld in ihre dünn bevölkerten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.