Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021446--11519-3036061
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 93 Dr Bloches Wochvnschrrfk. Rr. 6 Jüdische Toleranz und christliche Nächstenliebe. Unter den zahlreichen Stipendien, welche unter der Verwaltung der Moskauer Universitär stehen, befinden sich auch solche, die von Juden mit der bestimmten Weisung gestiftet worden sind, daß dieselben ohne Unterschied der Confession vergeben werden sollen. Die reichen russischen Juden können einmal nicht umhin, in ihrer letzten Stunde auch an die nothleidenden Christen zu denken, obgleich diese selber genug reiche Leute haben und vor den armen Juden überdies noch den Vorzug besitzen, wegen ihrer Confession nicht verfolgt zu werden. Wie den Juden für ihre übertriebene Toleranz gedankt wird, beweist das Beispiel der Moskauer Universität. Dort hat im Jahre 1893 ein jetzt bereits verstorbener Professor der Rechte die rechtswidrige Forderung aufgestellt, jüdische Studenten von dem Genuß aller ohne Unterschied der Confession zu vertheilenden Stipendien mit der Motivirung auszuschließen, daß unter dieser Bestimmung nur die christlichen Confefftonen gemeint sein dürften. Die Moskauer Universität hat sich dieser ebenso unsinnigen wie brutalen Interpretation letztwilliger Bestimmungen jüdischer Wohlthäter angeschlossen und läßt seitdem die jüdischen Studierenden an keinen Stipendien participiren. Die jüdischen Reichen, welche der Moskauer Universität ein confessionsloses Stipendium stiften wollen, würden fortan gutthun, wenn sie dabei sich an die an den russischen Universitäteu so beliebte 10 Percent-Norm halten würden. Sie würden dann einen Theil des Geldes vor den Uebergriffen der christlichen Nächstenliebe schützen und ihn auch armen nothleidenden jüdischen Studenten zuführen. Petersburg. (Zu Gunsten der Juden.) Nachdem das alte Jahr den Juden Rußlands eine ganze Reihe von schweren Bedrückungen und harten Ausnahmegesetzen gebracht hatte, scheint das neue Jahr unter günstigeren Auspicien für sie beginnen zu wollen. Am 18. Jänner trat im Finanzministerium ein Congreß der Directoren sämmtlicher russischer Handelsschulen zusammen, auf dessen Tagesordnung u. A. auch „die Abschaffung der Norm" für die Aufnahme jüdischer Schüler steht. Diese Norm betrug bis vor einem Jahre 60—70 Percent und wurde im vorigen Jahre unter dem Drucke der Pobjedonoszew auf 40—50 Percent aller christlichen Schüler, d. h. auf fast Null herabgedrückt, da die christlichen Schüler, denen ja sämmtliche Gymnasien und Mittelschulen weit offen stehen, die Handelsschulen einfach meiden. Da es aber andererseits nur die Juden sind, welche Handelsschulen gründen und auf ihre Kosten unterhalten, so soll diese percentuelle Norm, durch welche bewirkt wird, daß die Handelsschulen in Rußland leerstehen, aufgehoben werden. Eine zweite Erleichterung, die ebenfalls vom Palais des russischen Finanzministers ausgeht, betrifft die kleineren jüdischen Kaufleute und Händler, deren Mittel es ihnen nicht gestatten, eine Gilde zu lösen. Es soll ihnen gegen eine kleine Steuer erlaubt sein, einen Theil des Jahres außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen und daselbst Handel zu treiben. Die Maßregel dürfte auf das Dringen der Moskauer Fabrikanten zurückzuführen sein, die mit der Austreibung der jüdischen Agenten und Commissionäre aus Centralrußland zugleich mit diesen ihre bisherige Kundschaft an das mit ihnen concurrirende'Lodz abgeben mußten. Eine dritte günstige Nachricht kommt aus Moskau, wo in diesen Wochen der VIII. russische Pirogoffcongreß (Russischer Chirurgencongreß) getagt und zwei Beschlüsse zu Gunsten der Juden gefaßt hat. Am 17. Jänner wurde nach, einem Referat des Dr. Shubankow über den ärztlichen Beruf der Frau beschlossen, bei der Regierung dahin vorstellig zu werden, daß jüdische Mädchen und Frauen in unbeschränkter Zahl zum medicinischen Studium zugelassen werden. Am folgenden Tage ging der Congreß einen Schritt weiter und beschloß nach einem Bortragc des Dr. Saitzew, in einer Eingabe die Regierung um die Aufhebung der die Zulassung der Juden zu den mittleren und höheren Schulen beschränkenden percentuellen Norm zu ersuchen. Die beiden Beschlüsse der in Moskau versammelten Vertreter der russischen Wissenschaft werden vermuthlich unmittelbar günstige Folgen kaum haben, dennoch sind sie mit Freuden als unzweifelhafter Beweis dafür zu begrüßen, daß neben dem allmächtigen judenseindlichen Beamtenthum in Rußland eine zweite judenfreundliche Partei besteht. Und diese Partei umfaßt die Vertreter der Kunst und der Wissenschaft, also der eigentlichen Träger der russischen Cultur und der großen russischen Zukunft. Diese Männer werden die Vertreter der Reaction und der Vergangenheit dereinst sicherlich verdrängen. Leider kann bis dahin noch viel Wasser durch die Newa in den Finnischen Meerbusen fließen und Hunderttausende von jüdischen Existenzen können in- und außerhalb des Ansiedlungsrayons vernichtet werden. Vermilchtes. Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien, 1., Seitensterlengaffe 4, sür arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens der seligen Frau Rosa Ehrlich, Schriftstellersgattin: Von Herrn Leopold Stern, I., Walfischgasse, L 20.—; Regierungsrath v. Winternitz, Vill., Josefstädterstraße 9, K 20.—; Adolf Landesberger, IX., Porzellangasse 5, K 20.—; Edgar v. Spiegl, I., Löwelstraße 12, X 10.—; Dr. Sigmund Ehrlich, I., Stubenbastei 2, L 30.—; Frau Clotilde White, I., Elisabethstraße 8, K 10.—; Frau Dr. Isidor Lederer, IV., Schleifmühlgaffe 9, X 20.—; Heinrich Pokorny in Jglau, X 10.—. Zusammen K 140.—. Anläßlich des Ablebens der seligen Frau Rosa Lemberger: Bon Herrn Moritz Lemberger, I., Schottenring 2, K 20.—; Rudolf Geliert in Budweis, L 20.—; Emil Fürth in Pilsen, L 20; Heinrich Fürth in Pilsen, L 20.—; Ungenanntseinwollender, K 10.—. Zusammen K 90.—. Anläßlich des Ablebens des seligen Herrn Dr. Jakob K o h n, k. k. Landesgerichtsrath: Bon Frau Karoline K o h n, II., Obere Donaüstraße 15, K 10.—. Das antisemitische Treiben in Karlsbad. Zu unserer Correspondenz unter vorstehender Ueberschcift in der letzten Nummer dieses Blattes werden wir ersucht, einen Jrrthum zu berichtigen, dahingehend, daß das Haus ^Wiedersehen" (Egerstraße) zum Besitzer nicht den antisemitischen Arzt Dr. Nagel, sondern Herrn Siegfried L ö b l hat, der es von seinen Eltern Salomon und Therese Löbl seit 1895 übernommen und derzeit noch in seinem Besitze hat. Offenbar liegt hier eine Verwechslung mit einem anderen Hause vor. Wien. Samstag Abends den 1. Februar fand im Stadttempel I., Seitenstettengasse 4, die Trauung des Matrikelamtsofficials der isr. Cultusgemeinde Herrn Jacob S t e i n mit Frau Karoline Ungermünz, geb. W e n g r a f statt. Den Trauungsact vollzogen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Singer. Wien. Sonntag den 16. Februar l. I. um 3 Uhr Nachmittags findet im israelitischen Tempel VI. Schmalzhofgasse 3 die Trauung des Frl. Gertrude Popper, Tochter des Herrn Heinrich Popper mit Herrn Dr. Arthur Janowitzer, Hof- und Gerichtsadvocat, Sohn des Herrn Commercialrathes Albert Janowitzer, statt. Wien. (T r a u u n g.) Sonntag den 9. Februar l. I. um 3 Uhr Nachmittags, findet im israelitischen Tempel, VI. Schmalzhofgasse, die Trauung von Fräulein Elsa R a u m a n n, Tochter des verstorbenen Herrn Dr. Raumann, Curarzt in Franzensbad, mit Herrn Dr. Carl Heinrich K i e s l e r, Curarzt daselbst, statt. — Gleichzeitig begeht der Großvater des Bräutigams, der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde Stanislau, Herr Kassiel K i e s l e r, mit seiner Frau Schöndel das Fest der goldenen Hochzeit. Wien. (T r a u u n g.) Am 26. v. M. fand im Tempel der israelitischen Cultusgemeinde, I. Seitenstetteugasse, die Trauung des Herrn Emil Kolbert, Redacteur der „Reichswehr", mit der Pianistin Fräulein Siddy Lipschütz statt. Die Braut entstammt der bekannten Gelehrtenfamilie Lipschütz und ist die Schwester des Chefredacteur-Stellvertreters der „Reichswehr" und des hiesigen Hof- und Gerichts-Advocaten Dr. Berthold Lipschütz. Der Trauung wohnte ein außergewöhnlich distinguirtes Publicum aus literarischen und anderen Gesellschaftskreisen bei. Der Familie sind aus diesem Anlässe zahlreiche Kundgebungen der Sympathie und Theilnahme zugekommen. Wien. Der israelitische Tempelverein für den IV. und V. Bezirk betheiligt sich an der Festfeier zu Ehren des Herrn Erzherzogs Rainer und der Frau Erzherzogin Marie durch Ueberreichung einer reich ausgestatteten Adresse ans dem Kimstatelier Buchwald, für deren Ueberreichung dem Vorstände eine Audienz am 13. d. M. bewilligt wurde. Ferner findet ein Festgottesdienst am Vorabende des Festtages, d. i. am 20. d. M., 5 Uhr Abends, in unserem Vereinstempel statt, zu welchem auch die staatlichen Funktionäre des IV. Bezirkes geladen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.