Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021439-3021446--11517-3036059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite S0 Dr. lZloch^s Wochvnschrist« Nr. 6 Armsbruck. Na also, da haben wir's. Das »Tiroler Tagblart", durch nahezu vier Jahrzehnte ein stramm freisinniges Blatt, das sich stets durch eine vornehme Schreibweise und einen maßvollen Ton auszeichnete, ist nunmehr in den rüdesten Antisemitenjargon verfallen. Und das hat der stolze Titel »Organ der deutschen Volkspartei in Tirol", den das Blatt seit 1. Jänner an der Stirne trägt, gethan. Fiiiis Ilion! Zum Teufel ist der Spiritus, der Haß ist geblieben. Bringt da das »Tiroler Tagblatt" in seiner Nummer vom 2. Jänner unter dem Schlagworte »Ein nettes' Brüderpaar" einen Bericht über eine Gerichtsverhandlung, bei dessen Lectüre Schreiber dieser Zeilen seinen Augen kaum traute. Es wird da erzählt, daß sich vor einem Erkenntnißsenate des Innsbrucker Landesgerichtes »zwei talentvolle Jünglinge des auserwählten Volkes" (folgen die Namen) wegen allerlei Betrügereien zu verantworten hatten. Die »talentvollen Jünglinge" kehren in dem Berichte noch einmal wieder, ein andermal werden sie besonders formvollendet »die beiden Böge!" genannt.' Nun sei es fern von uns, .die Sache selbst zu kritisiren, Gauner, Betrüger rc., ob sie nun aus Tirol, Ungarn oder Italien, ob sie Christen, Juden, Botokuden sind, müssen bestraft und unschädlich gemacht werden. Aber gegen die geflissentliche Hervorhebung dex Religionszugehörigkeit muß auf das Entschiedenste protestirt werden. Unter Edlinger wäre so etwas unmöglich gewesen. Allein der jetzige Schriftleiter glaubt dem »Geschmacke" einzelner seiner Leser Rechnung tragen zu sollen, wenn er hie und da dem »Juden" eins am Zeuge flickt. Allein da muß man auch hübsch consequent sein und der »Jude npresse" — nicht wahr, Herr Hugo Greinz, so lautet es doch in der antisemitischen Terminologie? — keine literarischen Beiträge senden? Im Uebrigen werden wir die Local- und Gerichtssaalrubrik im »Tiroler Tagblatt" noch aufmerksamer verfolgen, als bisher, um zu sehen, ob bei den arischen Dieben, Schmugglern, Raub- und Wildschützen, Betrügern, Fälschern, in den Fällen von Nvthzucht. Lustmord, Schändung u. s. w., die ja auch im »Landl" Vorkommen sollen, gleichfalls die Confession und Race gewissenhaft verzeichnet ist. Diakovar. (Vorsteherjubiläum.) Dienstag den 28. v. M. feierte unsere Gemeinde das 25jährige Jubiläum des 1. Vorstehers Herrn Adolf Kohn. Um i/ih Uhr versammelten sich nebst den Mitgliedern der inneren und äußeren Gemeinde, den Spitzen der Behörden viele christliche Notablitäten, ferner eine Abordnung der EffekcrAultusgemeinde unter Führung ihres Präsidenten Herrn Dr. Hugo Spitzer und viele geladene Festgäste im herrlich geschmückten Berathungssaale der Cultusgemeinde. Bei seinem Eintritte wurde der Jubilar mit brausenden ,,Zivio*= Rufen seitens der Anwesenden empfangen, worauf der Obmann des Festcomitss in einer Rede die Verdienste des Jubilars hervorhob. Nach Ueberreichung einer von der Cultusgemeinde gewidmeten, künstlerisch ausgestatteten Adreffe begaben sich sämmtliche Festgäste unter Borantritt des Jubilars in den Tempel. Der Festgottesdiensi, welcher den Mittelpunkt all' der zahlreichen Kundgebungen der Liebe und Verehrung bildete, gestaltete sich zu einer wahrhaft großartigen Feier. Vom Chore herab ertönte beim Eintritt des Gefeierten der Jubelgruß „Boruch habo“ in mächtigen Accorden, worauf der Gottesdienst seinen Anfang nahm. Nach Absingung einzelner Piecen wurde das Minchagebet verrichtet, worauf der neugewählte Oberrabbiner der Esieker Cultusgemeinde, Herr Dr. Simon Ungar, die Kanzel bestieg, um in formvollendeter, wohldurchdachter Rede, die sowohl auf den Jubilar, als auch auf das anwesende Publicum einen mächtigen Eindruck machte, ein Bild von dem segensreichen Wirken und Schaffen des Vorstehers der Drakovarer Cultusgemeinde zu entwerfen. Reichen Beifall erntete auch unser geehrter Obercantor Herr Josef Weißmann für seine hervorragenden Leistungen. In der Wohnung des Jubilars fanden sich zahlreiche Gratulanten ein und konnten die Erschienenen in den geräumigen Localitäten kaum Platz finden. Eine Abordnung der CuÜusgemeinde unter Führung des 2. Vorstehers Herrn Jakob Fuchs verdolmetschte die Gefühle derselben. Herr Moritz Guttmaun überbrachte die Glückwünsche des „Chewra-Kadischa"- Brudervereines, worauf der Religionslehrer Herr Ignatz Aufferber den Wünschen und dem Dank der Cultusbeamten, denen der verehrte Jubilar ein allzeit gerechter und nachsichtiger Borges« tzter war, in beredten Worten Ausdruck verlieh. Sichtlich bewegt dankte Herr Adolf Kohn für die ihm dargebrachten Ovationen. Am Abend vereinigten sich die Festgäste im Grand-Hotel »Stern" zu einem solennen Festessen, bei welchem es hoch herging. Nach dem officiellen Toaste, den Se. Ehrwürden Herr Dr. S. Ungar unserem vielgeliebten Könige widmete, galten die meisten derselben dem verehrten Jubilar. Erwähnt sei noch, daß zahlreiche Glückwunschdepeschen, darunter solche von sehr hochgestellten Persönlichkeiten, als vom Cultus-Chef Armin v. Pavio, dem Obergespan des Beröczer Comitates Levin v. Chavrak rc., eingelanfen sind. Ibr. Das Märchen von der Fleischbesudelung durch israelitische Metzger war Gegenstand einer Verhandlung vor der Strafkammer in Schweinfurt. Angeklagt war der Bäckermeister Johann Schmidt von Nordheim a. Rh. Demselben wurde zur Last gelegt, Anfangs August 1901 öffentlich verbreitet zu haben, daß Metzger Baum vor mehreren Jahren Fleisch besudelte. Hierin wurde eine falsche Anschuldigung erblickt, und Metzger Baum stellte außerdem noch Nebenklage wegen verleumderischer Beleidigung. Schmidt will nach seiner Aussage vor 5 bis 6 Jahren eines Abends beim Eintritt in das Schlachthaus des Baum gesehen haben, wie Baum das Hintertheil eines frischgeschlachteten Stück Viehes verunreinigt habe. Aus dem weiteren Verlauf der Verhandlungen ging hervor, daß der Angeklagte auch nach dem behaupteten Vorgang Fleisch vom Baum bezogen hat, bis im Jahre 1898 der Angeklagte Schmidt eine Kuh gegen ein Pferd von dem Metzger Baum eintauschen wollte. Dieser Tausch soll erst nach längerem Streite zustande gekommen sein und den Angeklagten nicht befriedigt haben, weshalb dieser dem Baum etwas aufsässig geworden sei. Aus den Aussagen des Metzgers Baum sowie dessen Ehefrau und Tochter ging ferner hervor, daß Schmidt nie im Schlachthause Baum's gewesen sei. .Dem Baum wird allseitig bezüglich seines Geschäftes das günstigste Zeugniß gegeben. Der Staatsanwalt beantragte für ein Vergehen der falschen Anschuldigung vier Monate und für ein Vergehen der verleumderischen Beleidigung drei Monate Gefängniß, umzuwandeln in eine Gesammtgefängnißstrafe von sechs Monaten, sowie Tragung sämmtlicher Kosten. Das Gericht sprach eine Gefängnißstrafe von sechs Monaten aus. In der Begründung des Uriheils heißt es: Die ganze Sache fei erdichtet und erlogen. Durch das maßlose und niederträchtige confessionelle Hetzen gewisser Tageszeitungen gegen die Juden sei dem Schmidt das Gift zu dieser gemeinen Verleumdung eingegeben worden. Berlin, 27. Jänner. Im »Verband für Hochschulpädagogik" sprach am 18. Jänner Prof. Dr. Julius Pagel über „Nachexilische Geschich.'e und Literatur der Juden im Universitätsunterricht". Während Geschichte und Literatur des Volkes Israel im Universitätsunterricht eingehende Berücksichtigung erfahren, fehlt es — so führte der Vortragende aus — an Vorlesungen über die Geschichte und Literatur der Juden in der nachexilischen Zeit gänzlich. Der Vortragende suchte nachzuweisen, daß die äußeren Schicksale der Juden in der nachexilischen Zeit zu den interessantesten der Weltgeschichte gehören und daß sie eine überreiche Fülle von solchen Momenten bieten, deren Kenntniß für die sittliche Ausbildung der gesammten akademischen Jugend von Bedeutung sein würde. Der große Einfluß ferner, den jüdische Arbeit an der Erhaltung und Entwicklung aller Wissenschaften, der Astronomie, Mathematik, Medicin, Jurisprudenz, Philosophie, der sprach- und geschichtswisfenschaftlichen Studien namentlich im Mittelalter, aber auch bis in die neueste Zeit hinein, gewonnen hat, wird von allen Seiten anerkannt. Er ist so umfassend, daß es dem Lehrer der betreffenden Disciplinen nicht möglich ist, im Rahmen seines Collegs ihm gerecht zu werden. Der Vortragende hält auch aus diesem Grunde besondere Vorlesungen darüber für wünschenswerth. Des Weiteren erörtert er die Bedeutung der sogenannten „Wissenschaft des Judenthums" in methodologischer und pädagogischer Beziehung. Beispielsweise schätzt er die dialektische und disputatorische Methode einer statarischen (gründlich verweilenden) Talmudlecture für die Geisteszucht und Gymnastik des Verstandes — verhältnißmäßig genommen — so hoch, wie die Beschäftigung mit mathematischen Problemen. Mit einer Darlegung der wohlthätigen Wirkungen, welche die Initiative der Regierungen und akademischen Behörden in der angedeuteten Richtung für eine »Assimilation" in besserem Wortsinn als durch überzeugungslose Taufe, ferner für die Entlastung der übrigen Facultätsstudien haben müßte, schloß der Vortragende. Die darauf folgende Discussion brachte insbesondere verschiedene Thatsachen zur Ergänzung des vom Vortragenden Angeführten vor. Berlin. Am Sonntag den 19. Jänner feierte in dem Städtchen Nicolai in Oberschlesien ein jüdischer Handwerksmeister in ungeminderter Arbeitsfreudigkeit sein 70jähriges Meisterjubiläum. Herr Abraham Opfer, der nicht nur in der Heimat, Stadt, Land und Provinz, sondern in ganz Deutschland und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.