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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Zweite 86 Dr. Blmh's Wochrnfchrifi. Str. 6 ihrem Glauben zu wechseln, sie sind unter den Abessiniern ausgegangen, behielten jedoch einen kleinen Theil ihrer alten jüdischen Gewohnheiten bei, daher der Bericht, daß der ausgesundene Stamm kein jüdischer, sondern ein ursprünglicher Negerstamm wäre und in Abessinien nach weiteren Resten nicht zu suchen sei. Diese Behauptung beruht jedoch, wie die Erfahrungen anderer Reisender lehrten, auf Unkenntniß der abessinischen Volksverhältnisse; wären sie, gleich ihren späteren Collegen, in die westlichen Gebirge und zwar in die Landschaften von Semien, Agaumeder, Wogera, Dembea, Begemeder, Komba, Walyayca, Purage und Gezzv gewandert und hätten sie auf Grund der genauen Kenntniß des Mischen Ritualgesetzes und der jüdischen Literatur die Gebräuche und Sitten des dort im Gebirge friedlich weilenden Bolksstammes mit den unsrigen verglichen, so würden sie jenen, unter dem Namen Falascha bekannten Volks stamm gefunden haben, der in der Thai ein versprengter und verlassener Zweig unseres jüdischen Glaubensvolkes ist. Dieser im Laufe der Jahrtausende uns entfremdete kleine Theil Israels ist vorhanden, und was vorhanden, danach braucht nicht mehr geforscht zu werden. Die Alles aufstöbernde Mission hat sich bis in jene Berge hinaufgewagt und soll wie der kürzlich erschienene Baseler Miffionsbericht sagt, daselbst bereits festen Fuß gefaßt haben, so daß die Missionäre im Jahre durchschnittlich 100 Falascha in ihre Netze locken. Kläglich ist wohl das Resultat dieser seelenfängerischen Thätigkeit. denn die Missionäre, zumeist Protestanten, sind gezwungen, ihre Beute der abessinischen Landeskirche zuzuführen, weil sie sich sonst der Gefahr der Ausweisung aussetzen, aber die Sorge ist nicht ausgeschlossen, daß im Laufe der Jahre dieser sich selbst überlassene, von uns unberücksichtigte Zweig unseres Glaubensstammes aus Mangel an Verbindungen mit den Juden der anderen Erdtheile und daher aus Mangel an Aufmunterung sich auflösen werde. Was uns bereits verloren ging; ist nicht mehr zu retten, aberwas noch vorhanden, sollte erhalten bleiben. Der gerechte und weise Negus Merielik würde solchen Bestrebungen nicht hindernd im Wege stehen, denn was er, wie der Baseler Bericht zeigt, den einheimischen Missionären gestattet, würde er auch uns durch unter den Falaschas zu verbreitende Schriften und Berichte ihrer Stammesbrüder nicht versagen. Die jetzt in Abessinien herrschende Ruhe wäre sür diese mit den verlassenen Brüdern herzustellende Verbindung nicht ungünstig. Die Verdienste, welche sich durch diesen Schritt die „Anglo Jewish Association“^ oder die „Alliance israelite universelle“ oder sonstige Bereinigungen, doe den Juden im Orient Eultur bringen wollen, erringen würden, wären große und dankenswerthe. DiefolgendeZusammenstellung derSitten undGebräuchederFalascha soll es Nachweisen, daß es sich hier nichtum eine Hypothese, sondern um die Thatsache handelt, daß wir indenFalaschasJuden zu suchen haben und zwar die nicht geringe Zahl von nahezu 900.000 Juden. Es dürsten uns wohl manche Gebräuche fremd, manche sogar christlich erscheinen, aber wie bereits erwähnt, durch die Berührung mit den christlichen Abessiniern und durch ihre Abgeschlossenheit von ihren andern Glaubensbrüdern, welcher Umstand hauptsächlich zu ihrer Unkenntniß der Tradition geführt hat, ist es leicht begreiflich, daß auch viele Abweichungen von unseren Riten platzgegriffen haben. Ob wir in den Falaschas einen Theil der Abkömmlinge der verloren gegangenen zehn Stämme zu erblicken hätten, ist eine andere Frage, die ich des Näheren in meiner jüngst erschienenen Schrift: „SB o wären die zehn Stämme Israels zu suchen?“ — Verlag Kaufmann, Frankfurt'a. M. 1901 — erläutert habe. Ich beschränke mich hier nur aus die Schilderung der religiösen Gebräuche dieses verlassenen Bruderstammes; die Belege, Quellen und Erläuterungen der angeführten Thatsachen habe ich in meiner genannten Arbeit geboten. Diese Juden, welche sich F a l a s i a n -- Falascha--Berbannte nennen, halten sich an den größeren Theil der biblischen Satzungen. Der Sabbath ist ihnen der hettigste Tag, den sie durch Arbeit nicht entweihen. Sie nennen ihn Ursabbath, weil er nach alexandrinischer Auffassung schon vor Erschaffung der Welt festgesetzt war. Sie stellen sich ibn verkörpert vor und schreiben ihm übernatürliche Kraft zu; sie beten zu ihm, opfern ihm; die Kranken spenden ihre Gelübde für ihn und werde er ihnen zur Zeit der Erlösung durch den Messias ins Land vorauseilen. Sie sprechen von der Heiligkeit Jerusalems und beten um die Wiedererrichtung des Tempels. Anstatt des Wortes „M essias“ gebrauchen sie den Ausdruck „Gur Arje“, weil der Erlöser, nach ihrer Auffassung von Juda abstammen werde, der den Namen „Gur Arje" führt. Sie' glauben ferner an die Kraft der Engels an das Paradies n id an die Auferstehung. Sie haben in iHrem Kreise Priester und einen „N a s i r“-Orden. Die Nesirim, als die religiösen Häupter, sind maßgebend in allen rituellen Angelegenheiten. Aba Zebra hat nach ihrer Ueberlieferung im Hl. Jahrhundert p. n. diesen Orden gegründet. Er soll in der Gegend von Armatschoho in der Höhle Hohareva sein Leben dem Studium der Thora geweiht haben. Eine große Anzahl von Jüngern versammelte sich um ihn, und um diese ganz für seine Auffassung der Gvttgeweihtheit zu gewinnen, gebot er ihnen die Verstümmelung ihres Körpers, damit sie den irdischen Gelüsten entfremdet werden. Diesen Sitten und den gleichen Ideen leben die heutigen, sehr zahreichen Nasiräer, welche in einem Dorfe in der Nähe jener Höhle wohnen, wohin die Falascha, wie zu einer heiligen Stätte wallfahren. Die Zahl der Anhänger dieses Ordens, obgleich dessen Mitglieder unverheiratet bleiben, wächst von Jahr zu Jahr und kann von ihnen dasselbe gesagt werden, wie einst i Plinius von den Essäern gesprochen : „Ita per saeculorurn milia incredibile dietu, gens aetema est, in qua nemo naseitur“ — „so besteht denn seit Jahrtausenden ein ewiges Geschlecht, in welchem niemals Jemand geboren wird.“ — Dieses Räthsel dürfte darin seine Lösung finden, daß die Nasiräer nicht nur freiwilligen Zuzug von begeisterten Jünglingen erhalten, sondern daß auch die Falascha gewöhnlich ihren Erstgeborenen diesem Orden bestimmen und das Kind, so es zehn Jahre alt ist, den Nasiräern überantwortet wird. Das Noviziat der Neueingetretenen währt einige Jahre und werden die Jünger in dieser Zeit in den Psalmen, Gebeten, in der Geer-Sprache — die bei ihnen eine besondere Heiligkeit besitzt und darum zur Gelehrten- und Gebetsprache erhoben wurde — und in der Literatur unterwiesen. Nach Ablauf dieser Zeit wird ihnen die Wahl gestellt, dem Orden anzugehören oder heimzukehren. Ist Ersteres der Fall, wird ein Festmahl veranstaltet und dann folgt die erwähnte Verstümmelung des Körpers. Das gottgeweihte Ordensleben hat biemit seinen Anfang genommen. Sie weilen an menschenleeren Orten, nähren sich von Kräutern, die nur von Mitgliedern des Ordens zubereitet werden dürfen; manche wählen den Hungertod oder stürzen sich von einem Felsen, um früher des jenseitigen Lebens theilhaftig zu werden. Ein Fremder darf ihre Schwelle nicht betreten^, Ihre Beschäftigung besteht in ihren Functionen im Bethause, in dem Religionsunterricht, im Ackerbau und in der Anfertigung von Holzgeräthen. Ihr Oberhaupt, Abuna genannt, hat seinen Sitz in Kuara. Da es den Ordensmitgliedern nicht möglich ist, alle ihre Glaubensgenossen persönlich aufzusuchen, substituiren sie die Priester an ihrer Stelle. Diese haben die Pflicht, zu heiraten, so ihnen jedoch das Weib stirbt, ist ihnen die Wiederverehelichung untersagt. Die gleiche Vorschrift besteht auch bei den christlichen Priestern Abessiniens. Die Priester versehen das Schächteramt und erhalten für jedes von ihnen geschlachtete Opfer einen Fuß und die Brust und für das Privatschächten den Hals des Thieres. Die Falascha haben ferner Wanderprediger unter sich, die in prophetischer Weise die Zukunft Vorhersagen und das Volk belehren. Ihre Bethäuser haben zwei Abtheilungen, das Heiligthum und das Allerheiligste. Im Letzteren liegt auf einem Tische ein in der Geer-Sprache gehaltener Pentateuch, links ist die Priestergarderobe, nicht weit davon stehen zwei Gefäße, das eine birgt „Asche der rothen Kuh“ und das zweite „Entsündigungswasser“. Der Opferaltar ist aus unbehauenen Steinen verfertigt und hat eine Lange von fünf, eine Breite von fünf und eine Höhe von einer Elle. In Anwesenheit der Gemeinde opfern die Priester unter den Gesängen der Männer und unter Musikbegleitung das Neumond-, Pessach- und Erstlingsopfer, ferner gelobte Opfer und beobachten hiebei die vorgeschriebenen Opfergebräuche der Thora,. Das Blut wird in einer Schale aufgefaWen und verbrannt. Mit Ausnahme des Sabbaths. der Wochentage und des Versöhnungstages werden an den Fasttagen auch Räucheropfer gebracht. Ihre religiösen Feste sind folgende: der Neumondstag, jeder zehnte und fünfzehnte Tag jedes Monates. Der Erstere zur Erinnerung an den Versöhnungstag, der an dem zehnten des Monates Tischri und der Letztere an das Pessachfest, das an dem 15. Nissan fällt. Am 11., 12. und 13. Nissan genießen sie nur Brod aus Hülsenfrüchten, Schimbera genannt; vom Vorabende des Pessach bis zum Pessach-Abende fasten sie und dieses Fasten ersetzt bei A ihnen das „bittere Kraut“ unserer „Seder-Abende“., Vor Ein- Ä gang des Festes schlachten sie auf den Altären ihrer Pempel das Mf Passahlamm. Das Schebuot oder Wochenfest feiern sie am 822. Sivan; denn sie zählen die vorgeschriebenen „sieben Wochen“ "ober „50 Tage“ nicht vom Abende des zweiten Pessachtages,

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