Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 85 Gruppe schöner Eichen sind die Grabtafeln angehäuft von mehr als tausend Jahren her,' darunter einige von ehrwürdigem und seltsamen Aussehen, bedeckt mit hebräischen Buchstaben von veralteter Form. Von diesem schattigen friedlichen Wäldchen aus genießt man eine reizende Aussicht. Vor uns der sonnenverbrannte Bergkamm von Tsufut-Kald, die Festung und die an den Abgründen stehenden Ruinen; hinter uns die Unordnungen der Krimgebirge, die meisten vereinzelten Plateaus, wie das, welches wir eben verließen, getrennt von einander durch die waldigen Thäler, die der Salghir durchzieht. Die Erhöhungen verlieren sich gegen die Steppe hin nach der Richtung von Simpheropol, das im Dust am Horizont erscheint. Aber nicht allein die malerische Wildheit der Gegend ist es, die uns hier fesselt; das Interesse wird erregt durch Exemplare der ältesten und interessantesten Menschenracen. In einem Umkreis von zwei Kilometern finden wir vier Racen nebeneinander; die Tartaren von Baktschi-Sara!, die letzten Ueberreste der Mongolen; die Zigeuner, wie sie einst aus der Ebene des Ganges kamen; die Karaiten, ein losgelöster Zweig vom Stamme Juda; endlich die Russen von dem Kloster Himmelfahrt. Also Turanier, Arier, Söhne Sem's und Söhne Japhet's. Vier Racen, vier Sprachen, vier Typen, die man auf den Blick erkennt und drei Religionen — es wäre anmaßend, diejenige der Zigeuner bestimmen zu wollen. Seit undenklicher Zeit wohnen diese Elemente nebeneinander, jetzt in völliger Eintracht, aber nie kommt ein Tropfen Blutes von einem Stamm in einen anderen, sie vermischen sich nicht. Der Orient imponirt uns oft durch die Schönheit seiner Landschaften und seiner Denkmäler; wir haben schönere bei uns; aber was er allein vorführen kann, das sind die sichtbaren Schichten der alten Geschichte, das übersichtliche Bild der Racen, die unempfänglich für alle Verschmelzung sind. Nichts Aehnliches läßt sich in unserem von der Cultur überschwemmten Europa denken. . Gin verlassener Krndrrstamm. Vor nicht langer Zeit machte ein interessanter und witziger Bericht die Runde durch manche Zeitungen. König Menelik, so hieß es darin, soll einen Missionär, der Abessinien bereiste, vor seinen Thron beschieden und an ihn die Frage gestellt haben, welchen Zweck er mit seinem Aufenthalte im Lande verfolge. Dieser gab dem Negus zur Antwort, daß er die Juden Abesiiniens zum Christenthume bekehren wolle. „Hast Du denn, bis Du an die Grenze meines Reiches kämest, keine Juden gefunden?" „Jawohl, aber meine Mühe war vergebens/ „Habt Ihr denn in Eurem Lande keine Juden, daß Du gezwungen bist, in ferne Länder zu wandern?" „Jawohl", war die Missionärsüntwort. „Nun denn Freund! mache vorerst Deiue Bekehrungsversuche bei Euch daheim und wenn Du alle Juden Englands zu Christen bekehrt hast, dann erlaube ich Dir auch meine Juden in Arbeit zu nehmen. Damit Du daheim Deinem gottgefälligen Leben bald zugeführt werdest, will ich Dir kundige und gut bewaffnete Wegweiser geben, die Dich so rasch als möglich an meines Landes Grenze bringen/ Noch am selben Tage soll der Missionär wohlbehalten unter sicherer Escorte die Grenze Abessiniens überschritten haben. Dieser witzige Bericht, welcher offenbar die Wirkungslosigkeit der Missionsbestrebungen in Abessinien kennzeichnen wollte, hat sicherlich die Miffion in Basel veranlaßt, früher als sonst ihre Erfolge im Lande Meneliks in die Welt zu posaunen. Wie der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" in Nr. 35 d. I. zu entnehmen ist, war in jüngster Zeit in der Zeitschrift „Dibre Emet“, welche häufig die Berichte der Baseler Mission enthält, zu lesen, daß nicht Fremde, sondern Einheimische und nicht im Christenthum Geborene, sondern abessinische Juden die Missionsthätigkeit besorgen. Acht Missionäre und mehrere Gehilfen sollen die Bekehrung der abessinischen Juden, der sogenannten Falascha, in die Hand genommen haben. Es wäre daher sehr verdienstvoll und höchst wünschenswerth, wenn die durch diesen Bericht veranlaßte Anregung des Herrn Dr. Karpeles, daß man dem uns bis jetzt fremden Bruderstamme in Abessinien größere Aufmerksamkeit zuwende, in maßgebenden Kreisen auf fruchtbaren Boden fiele. Die stets rührige und allezeit hilfsbereite „Alliance israelite universelle“ hat wohl im Jahre 1868 den Prof. Halevy und im Jahre 1900 HerM Rappaport nach Abeffinien entsendet, um Näheres über-die Lage der dortigen Juden zu berichten, aber die von Ersterem aufgefundenen Spuren sollen in Folge der langjährigen Kämpfe mit den Derwischen verloren gegangen sein und Letzterer hat schon in Kairo den Rückweg angetreten. Wir verdanken die bis jetzt vorhandenen Berichte über die Juden in Abeffinien einigen Missionären und christlichen Forschungsreisenden, zu denen in erster Reihe Ludolf, Rüppelt, Rohlfs. Heuglin, Bruce, Flaad und A. d'Abbadie gehören. A. Eppstein hat, wie stets, auch hier seine Gründlichkeit und Gelehrsamkeit bekundet durch seine geistvolle, zusammenfaffende Darstellung der Berichte über die Falascha. Um den Ursprung eines Volkes zu erforschen, bedarf es mehr als des aufmerksamen Beobachtens der Sitten und Gebräuche desselben, und zwar die genaue Kenntniß der Sitten und Gebräuche und auch der Literatur anderer Völker, um den zu erforschenden Stamm mit diesen vergleichen zu können, denn aus manchen einzelnen, scheinbar geringfügigen Zügen eines Volkes wird der auch mit fremden Verhältnissen Vertraute die Zugehörigkeit desselben zu einem anderen und die gemeinsame Abstammung zu erkennen vermögen^ während der Uneingeweihte, nur die Hauptzüge, die' für ihn^den Reiz der Neuheit haben, ins Auge fassend, zu falschen Konsequenzen gelangt. Um daher die Zugehörigkeit der Falascha zu dem jüdischen Stamme richtig beurtheileu zu können, bedarf es eines in der jüdischen Literatur bewanderten und mit dem Jahrtausende alten und seit der Zerstörung Jerusalems theils außer Kraft getretenen, theils noch in Kraft bestehenden Gesetzen und Gebräuchen des jüdischen Volkes vertrauten Geistes. Wem daher auf Grund der Darstellung Eppstein's die Literatur, die Sitten und Gebräuche der Falascha vor Augen geführt werden, der wird nicht zu dem Schluss? mancher christlicher, mit dem jüdischen Ritus nicht vertrauter Reisender gelangen, die da behaupten, daß die Falascha nicht der jüdischen Nationalität angehören, sondern Hamiten mit einer Beimischung von Negerblut sind. Durch das Streben nach allzu raschem Erreichen ihres Zieles find jene Reisende auf halbem Wege stehen geblieben. Sie sind'wohl, wie sie sagen, in Abeffinien auf einen Stamm gestoßen, der seinen Ursprung bis auf Salomo zurückoatirt und der auch einige, den jüdischen ähnliche Gebräuche übt, da aber auch die abeffinischen Christen sich der gleichen Abstammung rühmen und auch die abessinische Landeskirche, diese sonderbare Abart des Christenthumes, zum Theile den jüdischen verwandte Gebräuche in sich ausgenommen hat, so kamen jene Reisende zu dem falschen Schluffe, daß der von ihnen geschilderte Volksstamm kein jüdischer, sondern einer der vielen abeffinischen Volksstämme sei. Ihre Schlüffe waren zu rasch gezogen, denn wir haben unter den Juden Abeffiniens zwei Classen zu unterscheiden, und zwar solche, die sich in Sitten und religiösen Anschauungen den Abessiniern anpaßten, und solche, die unter dem Namen Falascha bekannt sind und, jüdische Gebräuche, übend, sich der Landeskirche und den abeffinischen Sitten im Große n und Ganzen fern halte n.. Beide Classen bildeten ursprünglich, uno zwar vom IX. bis XIII. Jahrhundert einen einheitlichen Volksstamm mit selbstständiger Verwaltung und dieser riß die Herrschaft des Landes an sich. In Folge der Uebermacht und des geregeltes jüdischen Staatswesens dieses jüdischen Stammes, ist es leicht begreiflich, daß die Andersgläubigen Abeffiniens durch die enge Verbindung mit diesen Juden Einiges in ihren Cultus ausgenommen haben und auch umgekehrt die Juden theils durch den Verkehr mit den Andersgläubigen manche nichtjüdische Anschauung sich zu eigen machten und theils durch den Einfluß der religiösen Anschauungen und Gebräuche der verschiedenen Elemente, aus denen dieser jüdische Bolksstamm zusammengesetzt war — es war eine Verschmelzung der jerusalemischen, samaritanischen und essenischen Anschauungen — ihren religiösen Gebräuchen ein uns zum Theile fremdes Gepräge gegeben haben. Aus bisnun unbekannten Ursachen zerfiel das Reich, die Juden waren vielseitigen Verfolgungen von Seiten mancher Eroberer ausge etzt, die Abessinier hatten die Oberhand gewonnen und vertrieben den herrschenden jüdischen Stamm. Wie einst zur Zeit der Zweitheilung des jüdischen Reiches, hatte sich auch hier ein Theil der Juden den Abeffiniern angeschlossen und nahm ihre Sitten und Gebräuche an; der andere, beim jüdischen Glauben ausharrende größere Theil flüchtete in die westliche Gegend der äthiopischen Gebirge. Der erste, mit den Abessiniern sich amalgamirende Theil, der seinen Wohnsitz im Lande Schoa, in den Gallaländern und Somali nahm, war nun jener von einigen christlichen Reisenden aufgefundene, den Abeffiniern sich angeschloffene jüdische VolRstamm, den für das Christenthum zu gewinnen keine große Ueberredungskunst bedurfte. Diese Elemente hatten nicht viel in