Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021439-3021446--11511-3036053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
Sette 84 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 6 in anderer Hinsicht nicht zweierlei Recht geben darf, nämlich eines gegen die Juden und eines gegen die Nichtjuden. Gegen diesen Grundsatz der unverbrüchlichen Rechtsgleichheit wird bei uns öffentlich gesündigt. Isegrim. Antiseptik im Talmud. Herr Dr. Grünfeld hat in seinem Vortrage den Lehrsatz des Midrasch erwähnt, daß „heilige Schriften die Hände verunreinigen" und den Grund klargelegt. Diese heiligen Bücher und Schriften waren auf Pergament mit öliger Tinte geschrieben, als organische Körper also für Mikroben sehr günstig. Daher kommt es, daß wenig gebräuchliche Bücher, die von verschiedenen Händen weniger berührt werden, z. B. Homer's Bücher, nicht als unrein galten. In London herrscht derzeit eine heftige Blatternepidemie, der bereits Hunderte von Menschen erlegen sind. Dieses Moment bietet nun den medicinischen und anderen gebildeten Kreisen Englands Anlaß, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Factoren auf einen forensisch-hygienischen Uebelstand zu lenken, der in der Verpflichtung der Zeugen, vor Gericht bei der Eidesleistung ein und dasselbe alte Exemplar einer Bibel zu küssen, was von vielen Tausenden Menschen geschehe, besteht. Hieraus entstünden nun große Infektionsgefahren für diese Zeugen und indirect auch für die übrige Menschheit. Es werden daher die Leute aufmerksam gemacht, daß das veraltete Gesetz des Bibelküssens bereits vor 13 Jahren aufgehoben, das Aufheben der Hände beim Schwure als genügend erklärt, oder aber an Eidesstatt die Abgabe einer feierlichen Erklärung stipulirt worden sei. Die Unsitte bestehe nur infolge einer unbegreiflichen Fahrlässigkeit m der Handhabung des Gesetzes. Diese Warnung hatte nunmehr die Wirkung, daß sich viele Zeugen weigern, zum Symbol des Schwures die Bibel zu küffen. und zwar unter Berufung auf das über Antrag Charles Bradlaughs vom Parlament beschloffene Gesetz. Jüdische Charakterzüge. Herr D. H. Spitzer aus Budapest publicirt im „Israelit" einige Auszüge aus einem Journal des Jahres 1813, und zwar aus dem auf Befehl des commaudirenden Generals Grafen von Wittgenstein aus seinem Hauptquartier zu Berlin den 14. bis 26. März 1813, und unter der Censur des Ministers des Auswärtigen Grafen v. d. Goltz gestellten, vom kaiserlich-russischen Collegienrathe und Etatsrathe von Kotzebue während der Zeit der großen Kriegsereignisse Napoleon I. herausgegebeneu officiellen Organs: „Ruffisch-Deutsches Volksblatt". In den hiezu gehörenden „Ergänzungs-Blättern" befindet sich in Nr. 2, Berlin, den 3. May 1813, die folgende interessante Notiz: „Es ist bemerkenswerth, daß die Juden, welche in den von den Franzosen überschwemmten russischen Provinzen wohnten, überall große Anhänglichkeit an die Regierung bewiesen haben, die chnen Schutz verliehen. Wo sie nur immer konnten, leisteten sie der russischen Armee eifrige Dienste. In West-Rußland beteten und ftzsteten sie während der ganzen Zeit, da diese Gegend unter feindlichem Joche seufzte. Eines Tages bot ein Jude dem General Miloradowitsch seine Dienste an, der sie auch annahm und ihm Geld geben wollte. Der Jude schlug es aus, sprechend: „für die gute Sache könne auch ein Jude uneigennützig dienen." Er sagte das nicht blos, sondern er hielt auch Wort, und solche Beispiele waren nicht selten". Des Ferneren finden wir in dem „Russisch-Deutschen Volksblatt" Nr. 31, Berlin, den 10. Junius 1813, unter dem Schlagworte: „Vaterlandsliebe" was folgt: „Ein junger Israelit, Meyer Hilsbach, hat in der Schlacht bei Lützen bewiesen, daß die Meinung, als fehle es seinen Glaubensgenoffen an kriegerischem Muthe, wenn es den Ruhm und die Freiheit des Vaterlandes gilt, nur ein Vorurtheil ist. Dreimal verwundet, verließ er dennoch das Schlachtfeld nicht; bis er einen Todesstoß in die' Brust erhielt, dann erst ließ er sich durch seine Freunde aus dem Getümmel führen. Daß er auf dem Schlachtfeld zum Officier ernannt wurde, erlebte er noch. Er studirte zuvor in Breslau, als aber der Aufruf seines Königs erging, war er von seinen Glaubensgenossen der Erste, der unter die Fahnen trat, unter welchen er so rühmlich gefallen ist. Das ist ein Beispiel der rührendsten Vaterlandsliebe." Mau soll aber ja nicht meinen, daß diese Kriegszeitung etwa den Juden wohlgeneigt gewesen wäre, denn in der Nr. 12 dieses Blattes, dto. Berlin, 27. April 1813, lesen wir das Folgende: „Es wird vorgeschlagen, das Kreuz auf den Hüten der Landwehrmänner in ein Eichenblatt zu verwandeln oder sonst ein anderes Zeichen zu wählen, weil es in Deutschland viele Männer gebe (nämlich bi«» Juden), welche die Tragung des Kreuzes, als ein sinnbildliches Zeichen, sich ungern würden gefallen lassen. (Ei nun, sie sollen dabei nicht an den Glauben denken, der verschieden sein mag, sondern an die Sache, die jetzt allen Deutschen gemein ist.)" Die eingeklammerten Stellen rühren vom Herausgeber, dem kaiserlich-russischen Etatsrathe von Kotzebue, her und sind durchaus nicht judenfeindlich . . . Die Metropole der Karaiten. Tsusut Kaltz ist der merkwürdigste Ort der ganzen Krim und ein kurzer Besuch desselben gewährt uns den Anblick aller Racen des Orientes. Um aus der Tartarenstadt Baktschi-Sara! in die Judenstadt zu gelangen, hat man durch das Zigeunerviertel zu gehen. Ein Stamm von Zigeunern bewohnt, dort elende Hütten, die aus ein paar zusammengeleimten Stangen erbaut an der Berglehne kleben und mit einem Fetzen Stoff geschlossen werden. Sie begnügen sich mit dem Geringsten, das zur Existenz eines Menschen nothwendig ist. Diese armen Parias leben nur von der Musik; sie haben keinen anderen Erwerb als die Ständchen, die sie reichen Tartaren bringen. Herr E. M. de Vogue berichtet über diese Stadt in folgender Weise in der „Revue des deux Mondes." Wir gelangen auf eine große Hochebene, schreibt er, welche den Gipfel des Berges bildet, der auf allen Seilen von Abgründen umgeben ist, und wir befinden uns in den Straßen einer zerstörten Stadt, die so todt und still ist wie Pompeji, das ist Tsufut-Kalö, die Metropole der Karaiten. Seit vielen Jahrhunderten, man weiß nicht von welchem Zeitpunkte an, hat hier ein Stamm der Juden auf dieser Hochebene gewohnt, auf den Felsen, ohne Wasser, aber geschützt vor Beraubung und Mißhandlung. Vor fünfzig Jahren war die Mehrzahl dieser Häuser noch bewohnt, man schloß Abends die Thore der Festung und diese Leute mußten eine Stunde weit gehen, um Wasser zu holen im Thale Djuruk-Su. Die Zeiten besserten sich, die Karaiten zogen sich in die Städte der Ebene, besonders nach Simpheropol und Eupatoria, wo sie sich mit Handel beschäftigen. Auf dem Plateau von Tsufut-Kalß wohnen nur noch zwei Familien und ein Rabbiner, der die Synagoge besorgt. Die Anhänger der Secte wallfahren dorthin am Laubhüttenfeste. Die Karaiten haben nichts mit den anderen Juden gemein; sie glauben nicht an den Talmud, sie halten sich an die Bibel und unterscheiden sich durch manche Einrichtungen in der Liturgie. Reinlich und zuvorkommend, haben sie keinen Fehler, den man ihren Glaubensgenossen in Rußland vorwirft; sie genießen im Gegentheile allgemeine Achtung, man lobt ihre Ehrlichkeit und ihre moralischen Eigenschaften. Die Abstammung dieses Zweiges der Israeliten ist ein Problem, das von der Wissenschaft noch nicht ganz gelöst ist. Wenn man ihren eigenen Aussagen glauben darf, hat nach den einen ihr Stamm Jerusalem vor der ersten Zerstreuung der Juden verlassen, nach anderen vor der Zerstörung des zweiten Tempels. Einige Historiker sehen in diesen Karaiten Anhänger des Judenthums ohne Verwandtschaft mit dem Volke Abraham's, welche sich in den ersten Jahrhunderten unserer Aera zum Judenthum gewendet haben sollen. Der Typus der Karäer widerspricht dieser Annahme; er ist rein hebräisch. Der Rabbiner, so schreibt der Reisende, führte mich in die Synagoge, wo er die heiligen Bücher aufbewahrt und wo das Grab der Tochter des Khan liegt. Unter diesem Grabmal ruht die Tochter des Krim-Gurei, der einst nach Tsufut-Kalö stieg, um einen karaitischen Arzt um Hilfe für sein erkranktes Kind zu bitten; sie verliebte sich in den gelehrten Mann, starb in der Blüthe des Lebens und verlangte, neben demjenigen begraben zu werden, der sie nicht zu heilen vermocht hat. Der Rabbiner spricht geläufig russisch; ich versuchte, mir von ihm den Unterschied zwischen seiner Bibel und derjenigen der anderen Juden erklären zu lassen, ich wollte vor Allem wissen, ob sie sich derjenigen der Samaritaner nähert und ob eine Verwandtschaft zwischen den beiden Secten bestehe. Aber von alledem weiß er nichts. Er weiß nur, daß er sehr arm ist; als er mich in sein Haus einlud, das^mit holländischer Reinlichkeit gehalten ist, gab er mir zu verstehM, daß ein Rubel als Gegenwerth für das Glas Milch, das er mir reichte, nicht schlecht angewendet wäre. Nachher stiegen wir in das Thal Josaphat nieder; unter einer