Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. ö Seite 83 Dr. Bäoch's MochsnschrW. hiebei nicht etwa auf den guten Willen der Andersgläubigen reflectirt wird. Wir Juden sollen einem ungesetzlichen Zwange unterworsen werden, unser Geld sür katholische Cultuszwecke herzugeben, und man verhöhnt uns noch obendrein damit, daß unser „schäumender Zorn" uns nichts nützen wird. Die Geschichte verzeichnet ja so manche Verfolgung und Bedrückung der Juden, die sie wehrlos erdulden mußten. Entsprachen aber diese Vorgänge den Anforderungen der Gerechtigkeit? Herr Graf Kielmansegg erkläre doch ganz ungenirt, daß Gesetz und Recht nicht in Frage kommen, wenn Diejenigen, die sich darauf berufen, Juden sind. Der Herr Graf erkläre doch, daß die Staatsgrundgesetze sür die Juden nicht existiren — dann werden wir seinen Erlaß begreifen. Die Meteorologen des Antisemitismus glauben verkünden zu dürfen, es wehe derzeit beim Verwaltungsgerichtshofe „ein anderer Wind". Den Mantel nach dem Winde zu drehen, das hat Herr Dr. Lueger allezeit verstanden und Herr Graf Kielmansegg hat einigen dieser Drehungen seine Ansichten anzupassen verstanden. Ob diese Methode beim obersten Verwaltungsgerichtshofe Eingang finden wird, das möchten wir ernstlich bezweifeln. * * * An den Herrn Eisenbahnminister Dr. v. W i t t e k gestatten wir uns eine ergebene Anfrage. Das „Deutsche Volksblatt" brachte vor einigen Tagen folgendes Telegramm: „Laibach, 29. Jänner. Aus Aßling kommt die Meldung, daß eine Weisung des Eifenbahnministeriums eintraf, jene Arbeiten, welche jetzt von jüdischen Unternehmern geleitet werden, unverzüglich Einheimischen zu geben und in Hinkunft nicht mehr mit jüdischen Unternehmern eine Verbindung einzugehen." Wir wissen nicht, um welche Arbeiten und um welche Firmen es sich handelt und es interessirt uns auch nicht im Geringsten, es zu wissen. Wir erlauben uns nur die Anfrage, ob die citirte Meldung wahr ist oder ob sie, was wir selbstverständlich für das Wahrscheinlichere halten, eine jener zahlreichen schmutzigen Fälschungen ist, wie sie das „Deutsche Volksblatt" zu Zwecken der Judenhetze zu begehen pflegt. Es ist möglich, daß der Herr Eiseribahnminister irgend einer Firma aus sachlichen Gründen eine Arbeit entzieht, und vas ginge uns nichts an, gleichviel ob die Unternehmer Juden oder Christen sind. Dagegen halten wir es für ganz undenkbar, daß der Minister den Auftrag ertheilen sollte, einer jüdischen Firma eine Arbeit zu entziehen und mit jüdischen Firmen nicht mehr in Verbindung zu treten. Sollte der Herr Eisenbahnminister wirklich den Auftrag gegeben haben, die Geschäftsverbindung mit Unternehmern abzubrechen, und sollte das „Deutsche Bolksblatt" den Umstand, daß die betreffenden Unternehmer Juden sind, dazu benützt haben, um dem Minister nicht etwa eine administrative Maßregel, sondern eine antisemitische Kundgebung zu infinuiren, so läge nur einer jener Schurkenstreiche vor, welche die Praxis des Vrrganiblattes kennzeichnen. Zu unserem lebhaften Befremden ist aber eine amtliche Richtigstellung jenes Telegramms bisher nicht erfolgt, und weil wir vermeinen, daß die persönliche Ehre des Herrn Eisenbahnministers es erfordert, den Verdacht einer solchen Handlungsweise nicht auf sich sitzen zu lassen, so können wir nur vermuthen, daß man im Eisenbahnministerium die oben c*tirtc, angeblich telegraphiere Meldung nicht gelesen hat. Wir gestatten uns daher die Anfrage an den Herrn Eisenbahnminister, ob die Nachricht, er habe eine ihm unterstehende Behörde beauftragt, in Hinkunft mit jüdischen Unternehmern nicht mehr in Verbindung zu treten, wahr oder, wie wir voraussetzen, böswillig erlogen ist? * * Der Herr Pfarrer Mittendorfer von Schwertberg hat das Bedürfniß gefühlt, durch ein Verbiet der Geschwornen sich bescheinigen zu lassen, was er ja ohnehin wußte, daß er nämlick verschiedene unehrenha'te Handlungen begangen hat. Also ein Vergani im Talar. Aus dem unreinlichen Proceffe wollen wir nur einen Ausspruch festhakten, der eine heitere Reminiscenz erweckt. Der Herr Pfarrer erzählte nämlich, die Gemeinde Münzk.rchen habe ihn zum Ehrenbürger ernannt und rief dann aus: .Einen Haderlumpen macht man doch nicht zum Ehrenbürger!" Herr Pfarrer, das war ein verfehltes Argument! Wir kennen einen Ehrenbürger, in dessen zaubergewaltiger Erscheinung die gegentheilige Ansicht verkörpert erscheint. * . * Die ungarische Nation wird das „Deutsche Volksblatt" wegen Ehrenbeleidigung klagen, weil es schreibt: „Der wahrhafte Ungar ist im Großen und Ganzen ein geborener Antisemit." Eine solche Beschimpfung werden sich die Ungarn nicht gefallen lassen; sie steht auch nicht im Einklang mit der feindseligen Haltung der Wiener Christlich-Socialen gegen die Ungarn, denen sie es nicht verzeihen könncn, daß in Ungarn der Antisemitismus mit der ihm gebührenden Verachtung behandelt wird. * * * Als die Deutschen bei Sedan die französische Armee inclusive Napolrum gefangen nahmen, hätte man eine Dithyrambe, wie sie vor einigen Tagen im „Deutschen Volksblatt" gesungen wurde, für eine wahnsinnige Uebertreibung gehalten. Was ist geschehen? Es hat ein judenreiner Schriftstellerball stattzefunden, bei dem es angeblich keine Plattfüße gab. Wir stehen, so ruft der verzückte Schmockologe aus, vor einem neuen Aufschwünge der deutschen Literatur, „der Weg zum Parnaß ist frei'" Ausgerechnet der Parnaß — mit V e r g a n i als Reisedichter auf dem Gipfel, mit M a s a i d e k als Führer und mit Hans Arnold Schwer als Bruder in Apoll. Wir sehen mit hochgespannten Erwartungen den Erzeugnissen der neuen elastischen Periode und ihrer literarischen Würdigung im „Kikeriki" entgegen. * * * Herr Schönerer hat in einem Artikel über die Gegensätze zwischen ihm und K. H. W o l f eine nicht blos den ostdeutschen Recken, sondern auch Herrn Dr. Lueger compromittirende Geschichte ausgeplaudert. Schönerer verlangte als Bedingung eines Compronnsses zwischen den Drutschnationalen und den Christlich-Socialen anläßlich der Gemeinderathswahlen 1895, daß Dr. Lueger „gegen den christlich-socialen Corruptionsmann Vergani, der damals der Unterschlagung von Gemeindegeldern beschuldigt wurde". Stellung nehme. Das hat Herr Dr. Lueger abgelehnt, aber Herr K. H. Wolf ist denn doch auf das Compromiß eingegangen. Notabene das ist derselbe K. H. Wolf, der gegen Vergani den Wahrheitsbeweis der begangenen Unterschlagung von Gemeindegeldern geführt hat, und für die Moral des ostgothischen wie des christlich-socialen Antisemitismus ist es charakteristisch, daß die l'tztere Partei fich des Vergani nach wie vor als publicchischen Anwalts bediente und daß der Idealist aus dem Teutoburger Walde trotzdem mit dieser selben Partei pactirte. Einem solchen Mann steht die Los von Rom-Bewegung nicht gut an; stilgerechter für ihn wäre die Gründung eines alldeutschen Jesuitenordens. * * * Aus Berlin wird uns über die oratorischen Leistungen eines conservativen Junkers Namens M a s s o w berichtet, der im deutschen Reichstag unseren Ernst Schneider copirt. Er bedauerte, daß das Rothe Meer „nicht früher zugeklappt ist". Herr von Maffow ist nicht blos Mitglied der von dem Juden Stahl gegründeten conservativen Partei, sondern er war auch, wie die „Königsberger Hartung'sche Zeitung" mittheilt, einmal Rittmeister in Königsberg. Damals verkehrte er viel und gern in wohlhabenden Kausmannsfamilien, und zwar ohne Rücksicht aus die Confession, ja er bewarb sich sogar um die Hand der Tochter eines sehr reichen jüdischen Großkaufmannes und es soll nicht an ihm gelegen sein, daß er sie nicht erhalten hat. Das war unseres Erachtens nicht klug von jenem reichen Großkaufmann, vorausgesetzt, daß ihm an der Beseitigung des Antisemitismus gelegen war. Das wäre nämlich der sicherste Weg, um unsere strammsten Antisemiten mit dem Judenthum zu versöhnen; man gebe jedem von ihnen eine reiche jüdische Mitgist. Leider ist dieser Gedanke noch nicht allgemein durchgedrungen, obgleich dadurch so mancher Defraudation von Gemeindegeldern rechtzeitig vorgebeugt worden wäre. * Der berüchtigte Denunciant Herzog, dessen traurige Fiour den Sitz eines Volksvertreters einnimmt, ist die geeignetste Person, um die erfolglos gebliebene Denuncirarbeit eines Anderen aufzunehmen und fortzusetzen, und aus dieser seiner persönlichen Eigenschaft heraus erklärt es sich, daß gerade der Denunciant Herzog einen Dringlichkeitsantrag einbrachte, in welchem die Gewerkschaft Witkowitz beschuldigt wird, Stempel-Hinterziehungen begangen zu haben. Daß dies eine miserable Verleumdung ist, braucht wohl nicht erst constatirt zu werden. Aus der bezüglichen Antwort des Finanzministers möchten wir nur einen Satz hervorheben, daß es nämlich nicht zweierlei Recht geben dürfe, eines sür die Armen und eines für die Reichen. Auch dem Reichen gegenüber dürfe man das Recht nicht beugen. Wir möchten die Regierung aufmerksam machen, daß cs auch