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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 82 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 6 der Inbegriff des Deutschthums dargestellt. Man pries plötzlich die Herrschaft des heiligen Jnstinctes als Germanismus und betete den Götzen der Rohheit an. Es entstand ein neuer Katechismus der Kraftanbetung: Du haßt den fremden Juden, der Dir nie etwas gethan hat? Das ist deuts ch. Du kannst Deinen Nachbar nicht leiden, weil er einen alttestamentarischen Namen trägt? Das ist n a t i o n a l. Du beneidest Herrn Cohn wegen seines Reichthums, gönnst ihm seine Villa und seine Luxuspferde nicht? Schäm Dich dieses Triebes nicht, er ist das Merkmal des echten Teutonenthums. Humanität ist Phrase, Toleranz ist ein altmodischer Zopf, das Wort von der Menschengleichsteit vor Gott und vor dem Gesetz ist blos Decoration. Echt ist nur die Race, wahr die Abstammung und heilig das Blut. So fing der Proceß der Volksverrohüng an und er machte von Tag zu Tag größere Fortschritte. Ja, mau kann die sittliche Verwilderung eines Theiles des deutschen Volkes seit SH JahvKi schrittweise verfolgen, und diese traurige Erscheinung hängt überall mit der Zunahme der politischen Classen- und Raceuverhetzung eng zusammen. Der Judenhaß ist so zum sichersten Gradmesser der Gemüthsbildnng der Gesellschaft geworden, und man kann mit Bestimmtheit sagen: je größer der Antisemitismus, desto stärker die Verrohung d er B evö lkerung. Unsere StaatsmWWer verschließen noch die Augen vor dieser Erscheinung und wollen die Consequeuzen nicht ziehen. Aber die Thatsachen sprechen eine beredte Sprache und zwingen jeden Denkerchen, die Kette von Ursache und Wirkung zu verfolgen. Es ist gar keine Frage, wir haben auf dem Gebiete der Herzensbildung Rückschritte gemacht. Wäre es denn in den ersten Siebziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts Möglich gewesen, daß der Professor einer deutschen Universität alles Unanständige im Geschäftsleben öffentlich mit dem „Sammelnamen Lewy" Gezeichnete? Nein, er hätte sich damals einer solchen niedrigen Gesinnung und einer solchen logischen Verwirrung geschämt. Herr Professor H ulwich in Königsberg ist kein A h l w a r d t und kein P ü ck l e r, er ist geistig nicht verkrüppelt und steht sittlich ohne Makel da. Man kann also weder Mangel an gesunder Denkweise, noch moralische Inferiorität 'bei ihm annehmen. Aber — er ist sich wahrscheinlich kaum selber bewußt, wie weit der Proceß der Seelenvergiftung bei ihm gediehen ist. Vor 25—30 Jahren, ja — da war es noch Sitte, mit geistiger Bildung, namentlich mit einem hohen Lehranrt, gewisse ethisch-ästhetische Pflichten zu verbinden. Aber heute, wo die Conservativen den Antisemitismus als Programmpüükt ausgenommen haben, wo der Bund der Landwirthe im Crrkns Busch in Berlin mit cynischen antisemitischen Witzen die größte Begeisterung hervorruft, — heute ist das anders. Heute verleiht man der Gesinnung einer Bestie auch äußerlich die geeignete Sprache. Wo das Schamgefühl gänzlich abgestorben ist, da bildet das Feigenblatt ein überflüssiges Kleidungsstück. Wenn Jemand alles Rückschrittliche, Morsche und Ungesunde als conservativ, alles Schiefe, Lederne und Berschro eue als akademisch bezeichnen würde, so würde sicherlich Jeder diese schreiende Ungerechtigkeit, diese krankhafte Logik tadeln. Aber bei Juden, — das ist etwas Anders. Es gibt ja Leute mit Namen Lewy, es gibt auch unehrliche Kaufleute, warum also soll man sich dem Volke vicht durchs ein Schlagwort verständlich und auf so billige Weise bei ihm beliebt machen? F. S. (Ein Schlußartikel folgt.) Vom Jahrmarkt des Levens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Statthalter und Bürgermeister. — Das Gesetz gilt für Alle. — Eine Anfrage an Herrn von Wittek. -r- Von einem gewissen Ehren bürger. — Der antisemitische Parnaß. — Ein N e c e p t.) Graf Kielmansegg und Dr. Lueger sind dicke Freunde geworden. Bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit lobt der Statthalter den Bürgermeister und der Bürgermeister den Statthalter. Wie in vielen anderen Dingen so hat Doctor Lueger auch bezüglich des Statthalters seine Gesinnung in das gerade Gegentheil verwandelt. Wer sich den Ausspruch Doctor Lueger's gemerkt hat: „So lange dieser Mann Statthalter ist, gibt es kein Glück für Niederösterreich!" hätte es niemals für möglich gehalten, daß die beiden Herren einst einander so gut verstehen werden. Der neueste Erlaß des Statthalters in Angelegenheit der Wiener Kirchenbauten hat vollends das Entzücken der Clericalen erregt, die den Grafen Kielmansegg nunmehr als einen der Ihren betrachten. Das Gesetz verbietet ausdrücklich, daß Leistungen für confessionelle Erfordernisse Angehörigen einer anderen Confession auferlegt werden, und der Verwaltungsgerichtshof hat den Beschluß der Gemeinde Wien, einige Millionen für Kirchenbauten zu votiren, als ungesetzlich erklärt. Die Aufforderung, die Herr Graf Kielmansegg an die Gemeinde richtete, der Frage der finanziellen Beitragsleistung für Kirchenbauten näher zu treten, steht demnach im eclatanten Widerspruche zum Gesetz und zur Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes. Unsere Auschauung in der Frage haben wir erst kürzlich ausgesprochen. Die Juden sind weder rechthaberisch, noch engherzig und um des bürgerlichen Friedens willen würden, sie es sich gefallen lassen, auch für katholische Cultuszwecke zur Beitragsleistung herangezogen zu werden, mögen sie auch nach dem Gesetze nicht dazu verpflichtet sein. Allein die Staatsbehörde ist nicht berechtigt, sie dazu anzuhalten, so lange das bestehende Gesetz in Geltung ist und die frivole Auffassung, welche der Erlaß des Statthalters in den clericalen und antisemitischen Organen findet, nöthigt uns, gegen diesen Erlaß die allerentschiedeuste Rechtsverwahrung einzulegen. Mit einem wahren Triumphgeheul begrüßen diese Blätter den Erlaß nicht etwa als die Aufforderung, ein gütliches Einvernehmen mit den Nichtkatholiken zu erzielen, sondern als einen Sieg des Antisemitismus, an welchem, wie die „Reichspost" ausruft, „der schäumende Zorn des Judenthums" nichts ändere. Der Erlaß sei „ein amtlicher Beleg dafür, daß man in den oberen Regionen des Staates zur Einsicht kommt, es gehe schließlich doch nicht an, daß der Jude den Curs bestimmt. Die Wahrheit, die Freiheit, der Sieg sei auf dem Marsche." Der dröhnenden Phrase setzen wir den richtigen Hinweis auf die klaren Vorschriften des Gesetzes entgegen. Vor Kurzem erst wurde der Beschluß einer Provinzgemeinde, 2000 fl. für den Bau einer protestantischen Kirche auszugeben, sistirt, weil confiffionelle Veranstaltungen nicht in den Bereich der politischen Gemeinden gehören. Was für eine Provinzgemeinde und was für protestantische Kirchen gilt, muß auch für die Hauptstadt und für katholische Kirchen Geltung haben. Der Herr Statthalter ist nicht berechtigt, die Wiener Gemeindeverwaltung zu einer ungesetzlichen Action aufzufordern. Sind die Kirchenbauten unaufschiebbar, so mögen die Katholiken die erforderlichen Summen unter sich aufbringen, gerade so wie die Juden aus eigenen Mitteln ihre Tempel bauen. Die Juden tragen doch wahrlich keine Schuld daran, daß die Pfarrgemeinden, welchen die Sorge für katholische Cultuszwecke obliegen sollte, nicht gebildet worden sind. Es wird die Ansicht ausgesprochen, daß die Religion ein staatserhaltender Factor sei und daß demgemäß der Staat die Verpflichtung auf sich nehmen müsse, die Kosten, welche die öff.ntliche Pflege der Religion verursacht, zu tragen. Wenn das richtig ist, dann möge der Staat die Gotteshäuser bauen, aber nicht blos die katholischen Kirchen, sondern auch die protestantischen Kirchen, die jüdischen Synagogen und im Occupationsgebiete die Moscheen. Die Forderung aber aufzustellen, daß die katholischen Kirchenbauten auf Kosten aller Steuerträger ohne Unterschied der Confession, die übrigen Gotteshäuser jedoch nur auf Kosten der Angehörigen des betreffenden Bekenntnisses errichtet werden, das ist eine so offenliegende Ungerechtigkeit, daß wir gar nicht begreifen können, wie der Chef einer politischen Behörde sich dazu hergeben kann, eine solche Ungerechtigkeit zu ermuthigen. Sie ist umso unerträglicher und bedrückender, als

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