Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Bloch O Jahrgang XIX Centrslorgsn für die gessmmten Interrffen des Iudenihums. -^-—— Wien. 7. Februar 1902. -»>« 'K -i —-• Lrsch eint jeden Freitag. - >,« ■> "»-4.- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m ■ - =% K. k. Postsparraffrn-Arnt Clearing -Vrrkrtzr Nr. 610.976. Rrdartion und AdministralionE' Wien IX/1, Berggaffe Nr. 89. Talephon Nr. 14.847. « ■ •••—•% m -- =m Bejugaprsta für Sryrrrrtch Halbjährig 8 Kronen. ' Einzelexemplare 50 Heller, lüc’a Rus' and: I Halbjährig 10 Uronen. { Ganzjährig 20 . I Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Ri ■ -.- =* Inhalt: Leitartikel: Das System der Bestialität. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Antiseptik im Talmud. Jüdische Charakterzüge. Die Metropole der Karaiten. — Ein verlassener Brnderstamm. — R. Leon Modena. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes rc. Aufruf. Wien, Innsbruck, Diakovar, Das Märchen von der Fleischbesudelung. Berlin, Posen, Hagen i. W., Memel, Petersburg, Jüdische Toleranz und christliche Nächstenliebe. Petersburg, London. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Das antisemitische Treiben in Karlsbad. Wien. Grulich, Leitmeritz, Rosenberg, Freiwaldau, Teltsch, Temesvar, Budapest, Leipa, Ung.-Hradisch, Frauenberg, Jerusalem, Kattowitz, Leipzig, Berlin. — Feuilleton: Alt-Lemberg. — Briefkasten. — Inserate. Da» System der Kestialitiit. I. Der Traum, den einst die besten Männer aller civilisirten Nationen geträumt haben, die Bildung des Geistes und des Gemüthes harmonisch zu gestalten, hat sich längst als selten im Leben realisirbar erwiesen. Die humanistische Bildung, die — wie ihr Name besagt — den ganzen Menschen ausbilden soll, ist heute meistens nur in der Lage, den Geist zu vervollkommnen und die intellectuellen Anlagen zu entfalten, das Gemüthsleben bleibt fast ganz unberührt. Unsere Bildung verleiht dem modernen Menschen feinere Lebensformen, aber keinen edlern Lebensinhalt. Sie befaßt sich fast ausschließlich mit dem Können und nicht mit dem Wollen des Menschen. Sie führt uns reiche Kenntnisse zu, hat aber leider nicht die Möglichkeit, eine innere Veredelung des Gemüthes und eine sittliche Erhebung des Charakters herbeizuführen. Eine Rohheit aber wird nicht dadurch besser, daß sie sich hinter schöne Phrasen versteckt. Der Volksmund spricht mit Recht von einer Herzensbildung, die von der geistigen gänzlich getrennt ist. Es mußte auch so kommen, denn der Lehrplan der höheren' Schulen hat sich im Laufe der Zeit immer mehr erweitert und hat mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer neue Fächer aufnehmen müssen. Unsere modernen Schulen sind nur Unterrichts- und keine Erziehungsanstalten, weil sie für die sittliche Entwickelung wenig Raum haben. Die Ausbildung des Gemüths und des Charakters entzieht sich so immermehr der Controle der Schule, sie wird ganz dem Hause überlassen und hängt häufig von gar vielen Zufällen ab. In vielen Fällen waltet hier das iustinctive Element fast unbeschränkt. Das Kind wird häufig dressirt und nicht erzogen. Durch äußere Gewalt gehemmt, kommen die inneren Triebe nicht zum Vorschein, werden sie aber nachher entfesselt, dann wirken sie umso verheerender. Es hat eben hier gar kein normaler Bildungsproceß stattgefunden, es fehlt die eigentliche Pflege des individuellen Wesens. Das Beispiel der Eltern, die Gesinnung des Umganges, die häusliche Lectüre und noch viele andere Factoren gewinnen mehr Einfluß auf die Seele des Kindes als die Schule. Ja, sie machen manchmal das in der Schule Gelehrte ganz illusorisch. Denn schon früh merkt das Kind die tiefe Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Schule und Leben. So mußten wir die beschämende Thatsache erleben, daß die letzten 20 Jahre, die einen nie geahnten Aufschwung der Wissenschaft brachten, auf sittlichem Gebiete eine Epoche des Rückschrittes bildeten. Ja, es gehörte in den letzten Jahren gewissermaßen zum guten Ton, den Begriff der Sittlichkeit zu negiren, — nicht durch philosophische Reflexionen, sondern durch barbarische Thaten. Man machte tabula rasa mit allen Lehren der humanistischen Zeit und höhnte über jede „Humanitätsduselei". Die rohe Kraft wurde plötzlich als hohe Tugend gepriesen und diese neue gefährliche Lehre fand viele Anhänger. Psychologisch erklärt sich diese Epoche als eine Reaction auf die erstarrte Schablone der Moral, die sich dem Geiste der Neuzeit nicht anzupaffen verstand. Aber der neue Zustand kann schlechterdings nur als Anarchie bezeichnet werden, weil man das Alte zerstört hat, ohne etwas Besseres an seine Stelle zu setzen. Man hob mit dem alten Zwang auch die Gesetzmäßigkeit des Gemüths auf und schuf ein Chaos, in dem sich jeder unreife Geist und jede entartete Seele mit Behagen tummeln konnte. Anfangs freilich traute man sich nicht recht mit diesem neuen P r i n c i p der B e st i a l i 1 ä 1 in die Oeffentlichkeit und man hielt den alten Schein aufrecht. Die Bildung verpflichtet ja zu einem feineren Betragen und ein „Gebildeter" am Ende des 19. Jahrhunderts durfte ja nicht mittelalterlich auftreten. Da kam der A n t i s e m i t i s m u s als s y st ematisirte Bestialität und schuf einen Sammelpunkt für alle inhumanen Bestrebungen. Eine gewisse Abneigung war. ja stets latent vorhanden, man hatte den Juden nie besonders lieb gehabt. Aber man prahlte mit diesen Atavismen nicht, man suchte, soweit es ging, sie zu verbergen, weil man sich bewußt war, daß Judenhaß und wahre Bildung zwei Begriffe sind, die einander ausschließen. Nun aber wurden diese Rudimente einer finstern, fanatischen Zeit von den „gelehrten" Antisemiten in nationale Tugenden umgewerthet und als