Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Olvch's Wochenschrift Seite 79 eine jener Inseln, die von den Meereswogen ewig umbrandet sind, ohne jedoch von denselben berührt zu werden. Schon das alte düstere Gemäuer mit den halberblindeten Bogenfenstern und besonders die über dem Portale desselben im hebräischen Urtexte zu lesende Aufschrift: .Me ehrfurchtsvoll ist dieser Ort — nicht anders, es ist ein Gotteshaus!" flößt einem eine heilige Scheu ein, ähnlich jener, die Emem beim Anblicke eines hohen Greises mit wallendem Silberbarte überkommt. Diese Synagoge hat, wie das in der Mauer bezeichnete Jahresdatum aufweist, ein Alter von nicht weniger als vier Jahrhunderten; der gedrungene, festgefügte Bau jedoch, nut den mächtigen Marmorsäulen, auf welchen die aus Eichen gezimmerte, kühngcschwungene Wölbung sich zu stützen scheint, wie überhaupt dieinnere und äußere Eisenconstruction überzeugen einen bald, daß dieses Gebäude die Bestimmung hat, viele unabsehbare Jahrhunderte zu überdauern, und sich stark genug fühlt, auch dem noch so scharfen Zahn der Zeit zu trotzen, gleich jenem Botte, das hier seinen Gott verehrt. Wie die Synagoge selber, sind auch alle ihre Schriften und Geräthschaften, Die ein gleich hohes Alter aufzuweisen haben, dazu prädestinirt, allen Stürmen der Zeit Stand zu halten. Dies gilt besonders von dem siebemöhrigen, kunstvoll geformten Messingleuchter, der trotz seines zwölfyundertpfundigen Gewichtes von leichter und schwunghafter Bauart ist und sich jedermann mit der am Sockel eingravirten Inschrift vorstellt: „Ahron Heller goß mich in Breslau im Jahre 1430". Unser Cw-rone war der alte Synagogendieuer, ein silberhaariger Greis, der selber in ein früheres Jahrhundert hinemzuragen scheint und im Verlause der Jahre mtt der Synagoge, wie die Schnecke mit ihrem Gehäuse zusammengewachsen war, denn er ist bereits 68 Jahre in derselben bedienstet. Wir brauchten ihn nicht erst zu sagen, was wir hier suchen, denn er begann sofort mit aller Gewffsenhaftlgkeit seines Führeramtes zu walten. Von dem Tresor der Synagoge Holle er sofort ein altes „Peroches" hervor und rollte oasselbe wie eine Mappe vor uns auf, und dies gewährte uns auch thatsächllch den Einblick in ein antikes Stück Welt. In jenem Pecoches ist in goldgestickten Lettern folgende Inschrift in hebräischer Sprache zu lesen: „Gespendet von den Eltern, nämlich von dem Rabbi Jizchock, Rabbiner und Hirten der heiligen Gemeinde zu Kaminko uno seiner frommen und gottesfürchtigen Gattin Namens Rifko, zum Alldenken an ihre beiden Söhne, Rabbi Jehoschua und Rabbi Chaim Reizes, die an einem Tage, am 9. des Monats Jjar im Jahre 454, als heilige Märtyrer gestorben sind für Gott uiid seine Thora". Wir fragten unserem Führer, ob er uns nicht etwas Genaueres von jenen Märtyrern zu erzählen wisse. Statt aller Antwort zog er aus seinem Tresor ein uraltes abgeschliffenes Pergamentbuch hervor, das er vor uns aufschlug. Dieses Pergamentbuch ist im Sinne der früheren Jahrhunderte in kunstvoller Kalligraphie mit reichen Ornamenten ausgeführt, wurde, wie das Datum anzeigt, noch vor 500 Jahren als Gemeindechronik angelegt, bis zum Jahre 1610 fortgesetzt. In dem vor uns aufgeschlagenen „Pinkas" wird von einem Zeitgenossen, frisch unter dem erschütternden Eindrücke das Geschick jener Märtyrer mit folgenden Worten erzählt: „Im Jahre 1604 existirte hier in Lemberg eine große „Jeschuwe", der von allen Gegenden wißbegierige Jünglinge zugeströmt sind, um ihren Durst an der Quelle der Thora zu löschen und dann nach vollendetem Studium sich als große Rabbiner in alle Welt zu zerstreuen. An der Spitze dieser Jeschuwe standen damals zwei Brüder, die sowohl wegen ihrer Gottesfurcht, als wegen ihrer immensen Gelehrsamkeit als zwei Säulen des Judenthums angesehen waren. Der Aeltere. damals 41 Jahre alt, nannte sich Rabbi Chaim Reizes, und der Zweite, der um 10 Jahre jünger war, hieß JehoschuaReizes. Da geschah es um jene Zeit, daß von weiter Ferne ein Renegat nach Lemberg gekommen ist, der seinen Treubruch am Judenthum bereute und sich hier in den Schoß der jüdischen Religion wieder aufnehmen ließ. Das erfuhr die Lemberger Geistlichkeit, unter deren Herrschaft Lemberg damals stand, und verdächtigte sofort die beiden Brüder Reizes als die Urheber dieser, damals als das größte Verbrechen angesehenen That. Beide wurden in einen finsteren Kerker geworfen, wo sie gegen 41 Tage schmachteten und die größten Marter erlitten. Der Renegat, der vom Untersuchungsrichter befragt wurde, wer ihn zum Uebertritte veranlaßt habe, behauptete, er wisse als Fremder keine Namen anzugeben, würde aber die betrrffenden sofort erkennen, falls er sie sehen sollte. Der Erzbischof veranlaßte daher, daß sämmtliche hier wohnenden Juden sich in Reih' und Glied in der Judengasse aufstellten, zu w elchem Zwecke auch di» beiden Brüder Reizes aus der Haft entlassen und zu den Anderen eingereiht wurden. Darauf defilirte der Renegat, begleitet vom Erzbischof und den anderen Geistlichen, die ganze Reihe vorüber, jeden Einzelnen musternd. Als er nun an beiden Brüdern Reizes vorüberging, bemerkte der Jüngere von Ihnen, nämlich Rabbi Jehoschua in lateinischer Sprache zum Erzbischof, er möge sich nun überzeugen, daß er und sein Bruder umsonst verdächtigt wurden. Diese voreilige Bemerkung sollte ihm jedoch zum Verderben werden. Sofort drehte sich der Getaufte um und sagte: „Dieser und der Zweite sind es, die mich beeinflußt haben". Die beiden Brüder wurden hierauf ohne Verhör zum Tode verurtheilt. ein Urtheil. das noch am selben Tage, nämlich am Rüsttage des Wochenfestes, im Jahre 635 an ihnen vollzogen wurde. Und von welcher Art war dieser Tod? Der Eine, nämlich der Aeltere namens Rabbi Chaim Reizes, wurde lebendig verbrannt, nachdem man früher allerhand künstliche Mittel angewendet hatte, daß er vom Feuer nicht auf einmal, sondern langsam verzehrt werde, damit der Spaß nur recht lange andauere und dem P. T. Publicum der Genuß vergönnt sei, ihn zappeln zu sehen und sich daran zu ergötzen. Noch findiger zeigte sich das hohe Tribunal bei der zweiten Todesart, zu welcher der jüngere Bruder Rabbi Jehoschua Reizes verurtheilt wurde. Ihn band man an den Schweif eines wildep Rosses, daß ein Marterknecht, der darauf ritt, in wilden Galopn setzte, so daß das arme Opfer, über den Straßenkoth. über Hecken und Steine fortgeschleift und in einem zappelnden und zuckenden Fleischklumpen verwandelt wurde. Natürlich bereitete das der vergnügungssüchtigen Menge einen noch viel größeren Spaß. Frisch unter dem Eindrücke dieses entsetzlichen Anbückes verfaßte ein Freund jener beiden Märtyrer ein Gebet für deren Seele«,heil, dem wir unter Anderem folgende markerschütternde Schilderung entnehmen: „Am Rüfttag des Wochenfestes war Gräuel und Grauen in unseren Mauern. Da sanken sie wie zwei Schlachtopfer hin, unsere beiden Leuchten, die großen Männer der Thora. Den Jüngeren von ihnen, nämlich Rabbi Jehoschua Reizes ließen sie von einem rasenden Rosse in den Gaffen umhcrschleffen, daß wir bei diesem Anblick in ein lautes Geheul ausbrachen! Und Ihr Himmel, Ihr seht es gleichgtltig zu, wie man den Edelsten und Besten der Menschen, der selber ein Theil von Euch ist — ein Stück Himmel — an eines Rosses Schweif gekettet, in den Straßen umherzerrt, daß der Mund, dem immer das reine Gold der Thora entquoll, sich mit Koth füllte." Und als er so geschleift und zersetzt vor die Ruhestätte unserer Tobten anlangte, da erhob er zu Gott die Stimme, daß darob Himmel und Erde erbebten: „O Du Großer, o Du Mächtiger, laß' mich hier unter meinen Brüdern ein Grab finden." Doch hilflos standen sie da, ferne Brüder, die bleichen Gesichter in Thränen gebadet. Da richtete er das blutüberströmte Gesicht zur Sonne hinauf, die ihm untergeben war, und er flehte mit ersterbender Stimme den Marterknecht, daß er ihm den Gnadenstoß versetze. Erbarmungsvoll führte dieser ihm einen Dolchstoß gegen die dritte Rippe und befreite ihn so aus den irdischen Fesseln, die große Märtyrerseele, die zum Himmel sich emporschwang. O, Du himmlischer Vergelter, Du großer Rachegott, laß' ihr vergoffenes Blut, das zu Dir von der Erde hinaufdampst, und hinaufschreit, nicht unbestraft bleiben!" Dieses markerschütternde, wildheiße Blutgebet werden freilich Biele auf die alte Behauptung zurückführen, die Juden hätten nur einen Rachegott, kennen kein Erbarmen und kein Mitleid gegen ihre Feinde; aber möge nur Jeder ehrlich sich befragen, ob unter dem Eindruck einer solchen Schauerscene die menschliche Seele sich zu einem lammfrommen Gebete stimmen kann. Nein, da kann das Gebet kein sanftes Lispeln sein, sondern ein Rachedonner, ein Wuthausbruch, und den Augen, die das gesehen haben, entfließen keine milden Zähren, sondern heißes, siedendes Blut. (Fortsetzung folgt.) Literatur. 3B. Bacher, D i e Agada der Tannaiten un dAmoräer. Bibelstellenregister. Nebst einem Anhänge: Namenregister zur Agada der babylonischen Amoräer. Straßburg. Verlag vonKarlJ. Triibner. 1902. Das jüdische Schriftthum hat ein eigenes Geschick. Man schrieb jüdische Literaturgeschichte, bevor eine jüdische Literatur bekannt geworden, die Schätze ihrer Weisheit durch Abschrift oder Druck meine