Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 78 Nr. 6 Dr. Mmh's Wochenschrift. Respect bezeugten, ja mitunter wohl auch bei Leichenbegängnissen die Sänger störten, läßt sich' ohne Weiteres glauben. Selbst ab» gesehen davon, daß, wie gerade von feindlicher Seite bez-ugt wird, gegen solchen Unfug die erwachsenen Juden stets thatkräftig einschritten. lag aber zu einer Aufbauschung solcher Fälle im Sinne der einst so beliebten Hostienschändungsanklagen nicht die geringste Berechtigung vor. Trotzdem meldet am 6. September ein ,Currenten-Meister, Jacob Metzdorf, 46 Jahre alt"', es hätten bei einer Beerdigung Judenjungen ihm Pflaumenkerne in die Perrücke geworfen. Ein anderes Mal habe ein Judenknabe während des Gesanges laut mit der Peitsche geknallt; die sei ihm freilich bald von einem Juden, der hinzugekommen, weggenommen und zerbrochen worden. Das zweite Moment intereffirt uns darum, weil es uns iu dem Verhalten des Senates eine Gesinnung offenbart, wie sie den Juden jener Zeit selten eine Regierung entgegenbrachte. Es ist ein Schriftenaustausch zwischen dem Senat und dem Ministerium (d. h. der hamburgischeu Geistlichkeit) anläßlich des Judentumultes. Der Senat hat jenen Prediger, dessen Worte angeblich das Volk gegen die Juden gereizt haben sollten, sogleich zur Verantwortung ziehen lasten und am Sonnabend, den 26. August, au die Geistlichkeit in höflichem Ton das Ersuchen gerichtet, daß sein oben erwähntes Mandat zur Wiederherstellung der Ruhe, .nicht nur morgendes Tages von den Cantzeln in allen Kirchen abgelcsen, sondern auch in den Predigten bey solcher Gelegenheit, die größte Sünde und das schwehre Verbrechen des Aufruhrs und Ungehorsams gegen eine von Gott Vorgesetzte Obrigkeit u. s. w. u. s. w. denen Gemeinen recht ans Hertz und Gewissen gelegt toerbe*. Trotz der Milse der Fassung gibt dieses Schreiben der Geistlichkeit zu einer längeren Gegenerklärung Anlaß, in der man versucht, die Schuld an dem Aufruhr vor Allem .der bisherigen Connivenz des Senates gegen die Juden zuzuschieben". Die Animosität des Volkes gegen die Juden wird durch ein beigefügtes Promemoria im Einzelnen begründet, welches die Behörde mit Randbemerkungen versieht, wie: .Die Juden müssen es thun vermöge ihrer Religion"' oder: .folgt, weil sie die Religion frey Haber/ u. s. w. Die Antwort des Senates erscheint uns so wichtig, daß wir sie im Auszug wörtlich wiederzugeben nicht umhin können. Es heißt darin: .Den Senat habe das Schreiben des Ministeriums umsomehr befremdet, als daraus erhelle, daß E. Ehrw. Ministerium von obrigkeitlichen Verfügungen und Erinnerungen sich gleichsam exiwiren, einer E. E. Rath angedichteten Connivence mit den Juden die Schuld des neulich entstandenen Tumultes nicht undeutlich bkynnssen, ja sich sogar der Drohung, öffentlich wider die Juden zu eifern, verlauten lassen und hin und wieder solche Gründe mit anziehen wollen, welche je weniger selbige das Ministerium angehen, eben desto mehr die darunter verborgene sehr bedenkliche und höchst schädliche Absichten nur gar zu klahr zu Tage legen. E. E. Raths Gonclusum vom 26. August wäre zwar überall nicht solchergestalt abgefaffet, daß es, der Stylisirung nach, die Benennung eines Befehls verdiente. Er vermeine aber mit Recht, es werde kein christlich lutherisches Ministerium in Abrede seyn, daß es der Obrigkeit gleich anderen Bürgern und Einwohnern unterworfen und dessen Geboht und Berboht insonderheit in solchen Fällen gebührend zu beobachten von Gewissens wegen verbunden, wo man demselben nichts gegen die Wahrheit der christlichen Lehre und wieder Gott und den Nächsten schuldigen Pflichten zumuthet, sondern vielmehr nur Friede und Wahrheit mit zu befördern verlanget. Gleich wie nun hierinn E. E. Rath seinem obrigkeitlichen Amte eben so wenig als andere Obrigkeiten jemahlen etwas abbrechen lassen werde, also müßte Er in solcher Qualität, ob zwar ungerne, E. Ehrw. Ministern hiedurch Vorhalten, wasmaffen es nicht nur alles Grundes und Befugnisse ermangele, wenn es die Schuld des neulichen Tumultes der Connivence mit den Juden und den Klagen des Kramer-Amts beygemessen, sondern auch bey den daneben angezeigten Special- FAlen so wenig, wie es sich gebühret hätte, eine gründliche Erkundigung derselben einzuziehen sich angelegen seyn lassen, daß bei geschehener Nachforschung von allen den Beschuldigungen entweder sich nichts geäußert oder jedoch dieselben keine Excesse, sondern vielmehr solche Sachen zu seyn befunden worden, welche die gantze Stadt der Judenschaft vermöge der mit ihr geschloffenen Contracte publica fide zugestanden hat und folglich zu halten verbunden ist. E. E. Rath habe eben dieses letzteren wegen um desto mehr Ursache überhaupt sich zu beschweren, als er mit Leidwesen angemerket, wie leicht einige im Ministerio übelbegründeten Berichten Glauben beylegen, und ohne Beobachtung der von allen und jeden erforderlichen, nicht nur der gesunden Vernunft gemässen, sondern auch durch die Christliche Lehre befohlenen graduum admonitionis, sofort der Gemeine, als ob keine Obrigkeit vorhanden wäre, die Sachen verstellen und dadurch zuweilen Anlaß geben, daß nicht nur unbeschuldete privat! sondern auch das publicum selbst geärgert und in unverdienten Ruf und Blame gesetzet werden. Wiewohl nun E. E. Rath zu Rev. Ministerio das Vertrauen heget, daß keiner in demselben seinem Neben Christen oder gemeinen Stadt einiges Nachtheil dadurch zuzuziehen intendire, dennoch aber da E. E. Rath dem von Ihm jederzeit hochgeachteten, dem Ministerio von der Christlichen Kirche anvertrauten Lehr- und Predig-Amt und der hierbey zum Lehren und Predigen nöthigen Autorität wieder alle Beeinträchtigungen und Verkleinerung, als eine christliche Obrigkeit, aller erforderlichen Schutz und Btystand leisten wird, .also verspricht [er] sich auch von demselben hinwieder, daß es nicht weniger sein obrigkeitliches Amt nach der göttlichen Ordnung gebührend ansehen, bey vorkommenden Fällen alles mit theologischer Klugheit und Moderation überlegen, durch keine Uebereilung E. E. Rath und der gantzen Stadt zum Mißvergnügen Ursache geben, sondern vielmehr Eintracht und Liebe zwischen Obern und Untern, Lehrern und Zuhörern nach Vermögen befördern helfen würde/ Auf eine nochmalige Erwiderung der Geistlichkeit mit neuen Beschwerden über das Verhalten der Juden entgegnet der Senat in ziemlich energischem Tone, man möge doch nicht immer wieder dieselben Beschuldigungen gegen die Juden erheben, welche, wie der Senat dem Ministerio selbst wiederholt im Einzelnen bewiesen habe, jeder thatsächlichen Begründung entbehren. * * Zum Schluß ein Wort über die Quellen, aus denen wir diese Darstellung des Vorganges geschöpft haben, über den uns von verschiedenen Seiten falsche oder unzulängliche Berichte erhalten sind. Es sind zunächst gedruckte sowie handschriftliche Chroniken der hiesigen Commerz-Bibliothek und der Bücherei des Vereins für Hamburgische Geschichte zu nennen, vor Allem aber urkundliches Material im hiesigen Staatsarchiv lwoselbst auch gelegentlich ein Bericht über eine verloren gegangene hebräische Beschreibung des Vorfalles) und dem der hiesigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde, deren Verwaltungen wir für ihr außerordentlich freundliches Entgegenkommen an dieser Stelle den gebührenden Dank aussprechen. Eine hebräische Monographie über den Tumult, welcher die Darstellung in dem jüdischdeutschen Scheerit Jisrael (Dyhr. 1799 S. 55 f.) entlehnt ist, verdanken wir dem oben bereits eitirten Augenzeugen, einem gewissen Salomon Salman aus Dessau, welcher 1734 zu Amsterdam seine Hamburger Erlebnisse darin schildert. Er nennt sein Schriftchen, von dessen Erlös er sich einen reichen Beitrag zur Mitgift seiner Tochter verspricht, .Die Veste ihrer Zuversicht"' nach Spr. Sal. 21, 22: .Die Stadt des Helden ersteigt der Kluge und stürzt nieder die Veste ihrer Zuversicht/ Sogleich auf dem Titelblatt gedenkt der Verfasser in den rühmendsten Ausdrücken der Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit des Hamburger Senates. Wenige Seiten darauf feiert er ihn als eine Regierung, welche in Fragen der Gerechtigkeit keinen Unterschied zwischen Juden und Andersgläubigen gelten lasse. .Wie eine Mauer von Eisen standen die hohen Herren zu unserem Schutz und Heil/ Alt-Kemberg. Von Nathan Samuel y. I. Mitten im hastigen Getriebe unser Großstadt, wo die Erscheinungen wellenartig kommen und verschwinden, gibt es hier einen stillen, abgesonderten, weltvergessenen Winkel, in welchem die früheren Jahrhunderte noch immer eine Art von schattenhafter Existenz fortführen. Wer Gelegenheit hat, diese Stelle zu besuchen, fühlt sich unheimlich, wie vom modrigen Hauch einer versunkenen Welt berührt, ja er glaubt, die Schemen jener Jahrhunderte vor sich austauchen zu sehen und ihren traurigen Geschichten zu lauschen, jenen traurigen Geschichten von Blut und Thränen. Jüngstens besuchte ich mit noch zweien meiner Freunde jene traurige Stätte. Diese führt hier den Namen „Tire-sohew»@gitögog$"'. Sie befindet sich in einer der lebhaftesten Gaffen und erinnert so an