Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 6 Br. Bloch's Wochenschrift. Sette 75 Paris. (Waldeck-Rousseau über den Antisemitismus.) Auf seiner Agitationsreise, die Herr Waldeck- Rousseau in Begleitung einiger Minister nach St. Etienne unternommen hatte, wurde er unter Anderem auch von einer jüdischen Deputation unter Führung des Rabbiners M. Söches empfangen. Auf die übliche Ansprache, in welcher der Rabbiner dem Minister, der den religiösen Frieden in Frankreich wiederhergestellt habe, die Dankbarkeit aller französischen Juden betheuerte, erwiderte Waldeck-Rousseau: „Die Zwistigkeiten, auf die Sie angespielt haben, können auf die Dauer weder in einem Lande, das seine Pflicht in Bezug auf Gleichheit und Gerechtigkeit kennt, noch bei einer auf der Gleichheit aller Stände und Bekenntnisse fußenden Regierung Anklang finden. Der Religions- und Racenhaß ist ein Ueberbleibsel aus vergangenen barbarischen Zeiten, welches von allen Parteien gleichmäßig weit zurückgewiesen werden sollte. Die Regierung aber will ihr Bestes thun. um Ihr Vertrauen zu rechtfertigen, und darauf bedacht sein, daß sie bei der Gewährung dieser Freiheit niemals zweierlei Maß anwenden wird. London. Nahezu 3000 jüdische Soldaten sollen jetzt in Südafrika auf englischer Seite kämpfen. Es ist jedoch nicht leicht, dies ziffermäßig nachzuweisen, da zahlreiche Juden durchaus unjüdisch klingende Namen führen und überdies viele Juden bei ihrem Eintritt in das englische Heer ihre Namen ändern, wobei sie aus begreiflichen Gründen nicht gerade prononcirt jüdisch klingende Namen wählen. So sind vor einiger Zeit zwei Juden, Vater und.Sohn, in einem und demselben Treffen gefallen. Der Sohn hieß aber Jsaacs, während der Vater unter dem Namen Ingram in den Listen geführt wurde. London. (Auf zur Abwehr!) Die große antisemitische Versammlung im People Palace hat alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Englands zur kräftigen Abwehr der seit nunmehr zwei Jahren unter dem Deckmantel eines Kampfes gegen die fremden „Paupers" geführten antisemitischen Propaganda geführt. In diesem alle Merkmale einer antisemitischen Raudauversammlung tragenden Maffenmeeting ist nämlich zum ersten Male das Wort „Jude" in Verbindung mit dem des „Fremden Pauper" gebraucht worden. Gleichzeitig sind im Styl der antisemitischen Radauversammlungen in Berlin und Wien diesen fremden Juden die unsinnigsten Verbrechen und Laster in die I huhe geschoben worden. Von der Beschuldigung, daß die „Fremden Berditschew" den lammfrommen englischen „Hooligan" das Messerstechen gelehrt hätten, bis zur Anklage des Ritualmordes ist der Weg nicht gar so sehr mehr weit, und der Pöbel, einmal gegen die fremden, eben eingewanderten Juden mobil gemacht, wird chald dazu schreiten, auch gegen den vor 2 bis 3 Generationen eingewanderten Juden vorzugehen. Solche Betrachtungen haben auch die alteingesessenen englischen Juden aus ihrer Indolenz emporgerüttelt. Einige Maßregeln sind bereits ergriffen und sehr zahlreiche in Vorschlag gebracht worden. Zu den letzteren gehört der Plan, eine Schrift herauszngeben und maffenhaft zu verbreiten, in welcher alle gegen die Fremden erhobenen Beschuldigungen in knapper und leicht faßlicher Fo m schlagend widerlegt werden sollen. Freilich wird eine kleine Schrift bei L-uten vom Schlage des Mr. Shaw, der auf die Statistik „pfeifst", vollständig ihre Wirkung verfehlen, allein es gibt noch in England genug ehrliche Antialienisten, welche die „Britischen Brüder" sofort von ihren Rockschößen abschütteln werden, wenn sie erfahren, daß diese nichts als verkappte Antisemiten sind. Eine weit kräftigere Maßregel wurde am 12. Jänner von zahlreichen angesehenen Juden East-Londons ergriffen, welche sich in einer Versammlung zu einer „Fremdenschutzliga" verbunden haben. Auch Oberst Goldfmid hat versucht, zum Schutze der Fremden das Seinige zu thun. Er führte die von ihm befehligte „Jüdische Jugendbrigade" im Theater Sr. Majestät einem ausgesuchten Publicum in Gegenwart zahlreicher höherer Militärs vor. Die militärischen Leistungen der Brigade haben die ungeheuchelte Bewunderung aller Anwesenden hervorgerufen und Oberst Goldsmid benützte diesen günstigen Eindruck als Abwehrmittel. indem er die zahlreichen einflußreichen christlichen Zuschauer darauf aufmerksam machte, daß 75 Procent dieser Jugendbrigade Söhne eingewanderter Juden sind. Die Newyorker Friedensconferenz. N e w y o r t, 18. Jänner. Es verdient, als ein besonders wichtiges Ereigniß bezeichnet zu werden, daß die hier im vorigen Monat versammelt gewesene Conferenz der hervorragendsten amerikanischen Trustmagnaten, Arbeiterführer und „Neutralen" zur Regelung des Verhältnisses von Capital und Arbeit mit geradezu verblüffender Schnelligkeit ein wirklich brauchbares und zweckentsprechendes Auskunftsmittel gefunden hat. Die Newyorker „Friedensconferenz" — wie sie unter Anspielung auf ihre Haager Vorgängerin von der Preffe getauft wurde — beschloß die Einsetzung eines permanenten Ausschusses, zu gleichen Theilen aus Capitalisten, Arbeitern und Neutralen zusammengesetzt, der vermöge des persönlich n Ansehens seiner Mitglieder und der Unterstützung der öffentlichen Meinung als höchste Instanz zur Erhaltung des industriellen Friedens dienen und besonders dann in Function treten soll, wenn sich etwa eine Arbeitseinstellung oder Arbeiteraussperrung von Bedeutung für die nationale Production ereignen sollte, ohne daß die Nächstbetheiligten sich unter einander zu einigen vermöchten. Schon vor längerer Zeit hatte die „National Ciyic Federation“, deren treibende Elemente man in Deutschland als „Kathedersocialisten" classificiren würde, mit den Führern der ökonomischen Parteien des Landes Verhandlungen wegen Einsetzung eines nationalen Schiedgerichts für alle Conflicte zwischen Capital und Arbeit geführt, die bei den Betreffenden günstige Aufnahme fanden. Nachdem alsdann die Roosevelt'sche Jnaugurationsbotschaft vom 3. d. M. ein so reiches socialpolitisches Material enthielt, daß sich mit den Zielen der Föderation seiner Tendenz nach vollständig deckte, schien es geboten, die Ausführung des Unternehmens keinen Tag länger zu verschieben. Bei der Auswahl der Theilnehmer der Conferenz konnte kein anderer Gesichtspunkt maßgebend sein als der, die einflußreichsten und hervorragendsten Männer jeder in Betracht kommenden Kategorie heranzuziehen. So waren denn neben den Präsidenten der großen Gewerkschaften (Trade Unions) solche Repräsentanten des Großkapitals anwesend, wie der bekannte Senator Hanna und Herr Schwab, der Präsident des Stahltrusts. Das neutrale Element aber vertraten etliche namhafte Staatsmänner, Geistliche, Gelehrte und praktische Philanthropen, die auch in der einberufenden Gesellschaft tonangebend sind. Zu dieser Kategorie gehörte auch der Leiter der Verhandlungen Herr Oscar I. Straus. New-Porker Großkaufmann und ehemaliger Gesandter der Vereinigten Staaten in Connantinopel. Herr Straus betonte in seiner Eröffnungsrede, daß der gewünschte industrielle Friede nicht durch Furcht oder das Recht des Stärkeren herbeigeführt werden solle, sondern durchaus auf gegenseitigem guten Willen und der Respectirung der Rechte des anderen Theiles beruhen müsse Die amerikanischen Arbeiter seien besser gestellt als die aller anderen Länder der Welt. Ihre Prosperität ginge aus der Thatsache hervor, daß sie über Ersparnisse von dem gewaltigen Betrage von 2,50«',0< 0.000 Dollars (über 10 Milliarden Reichsmark) in Form von Bankguthaben verfügten und auch sonst bessere Gelegenheit hätten, sich emporzuarbeiten als anderswo. Von den folgenden zahlreichen Rednern betonten die Neutralen namentlich die Principien der Humanität und Nächstenliebe, die bei den Beziehungen von Capital und Arbeit vollkommen zu ihrem Rechte kommen müßten. Der interessanteste Redner dieser Kategorie war aber Herr James L. Rehnold, Secretär des neuerwählten New-Iorker Bürgermeisters Seth Low. Er betonte, daß er schon öfters bei- Streikes als Schiedsrichter fungirt habe, daher aus eigener Erfahrung wiffe, wie viele derartige Conflicte nur auf Mißverständniffe und das Fehlen geeigneter Vermittler zurückzuführen seien. Als einen wesentlichen Schritt in der rechten Richtung bezeichnete es der Redner, wenn der Unternehmer bei derartigen Verhandlungen von vornherein einen vermittelnden Vertrauensmann heranzöge, an Stelle des Werkführers oder Vormannes, die vielfach mit Mißtrauen angesehen oder für frühere unliebsame Vorgänge verantwortlich gemacht würden. Von den Rednern der Capitalisten fanden natürlich Schwab und Hanna die meiste Beachtung. Ersterer wurde vom Vorsitzenden als der hervorragendste Typus eines Mannes vorgestellt, der aus den Reihen der Arbeiter bis in die einflußreichste und höchstdotirte Stellung in der Industrie des ganzen Landes aufgerückt sei. Schwab führte aus, daß von der ftiedlichen Beilegung der Differenzen von Capital und Arbeit zum großen Theile die Prosperität der Nation abhänge. Der commercielle Niedergang mancher europäischer. Länder beruhe nur auf dem ungeregelten Verhältniß von Arbeitern und Capitalisten. Das Vorwärtskommen und Gedeihen des Arbeiters hänge von der Prosperität des Geschäftes ab, für das er thätig sei. Wenn mau das begriffe, würde die Conferenz es gewiß erreichen, beide Theile einander näher zu bringen. Während sich Herr Schwab nur als bedingter Freund der Arbeiterorganisatwnen zu erkennen gab, entpuppte sich der als Arbeiterfeind par excellence verrufene Senator Hanna in seiner Rede als das directe Gegentheil. Er habe schon im Jahre 1874 beim großen Kohlengräberstreik in Ohio sich durch persönliche Erfahrung von den guten Absichten der Gewerkschaften überzeugt. Die Bereitwilligkeit dieser Organisation, sich durchaus einem unparteiischen Schiedsgericht zu unterwerfen, habe ihn zum Freunde und Fürsprecher der Arbeitersache gemacht. „Ich sah es damals ein", schloß Redner, „daß Arbeit und Capital in beffere Beziehungen zu einander gebracht werden müßten. Ich bi« überzeugt, daß dieses Ziel wirklich erreicht werden kann." Von besonderer Bedeutung war die längere Rede von Samuel Gompers, dem langjährigen Präsidenten der mächtigen „American Federation of Labor", der die Geschichte der Arbeüerbewegung von Anbeginn an Revue passiren ließ und die These vertrat, daß de?