Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Dr. Bloch's Wochenschrrfi. Seite 71 Beziehung ist bei den Nahrungsmitteln Borsorge getroffen, daß dem Organismus keine Krankheitsstoffe zugeführt werden. Den Speisegesetzen wird große Bedeutung zugeschrieben, weil von der exacten Handhabung derselben auch die Gesundheit abhängt. In Bezug auf Nahrungsmittel gelten 1. Vorschriften, betreffend die Mäßigkeit, 2. solche in Bezug auf Qualität. Dieselben dienen zur Förderung der Moralität und der Gesundheit. Zahlreiche interessante Details wären hier anzuführen. Ich citire blos folgende These: Wer seinen Magen mit, gleichviel welcher Speise überladet, den wird ein Fieber ergreifen. Ferner: Gerade wenn eine Mahlzeit Dir schmeckt, mußt Du Dich deren zu enthalten suchen. (Tr. Gittin 70.) Für uns kommt in diesem Momente die Nahrungshygiene nicht wegen des verbotenen Genuffes von Blut, von Opferfleisch, von Fleisch bestimmter Thiergattungen, ebensowenig mit Bezug auf die Hervorkehrung der vorgeschriebenen Mäßigkeit, sondern nur insoferne in Betracht, als Vorsorge zu treffen ist, daß die Berührung mit unreineu Händen, der Zutritt unreiner Luft, pathogener Keime rc. von den Speisen abgehalten werden. Flüssigkeiten und Getränke in Gefäßen, die nicht zugedeckt sind, sind verboten, ebenso Flüchte, die offene, feuchte Risse haben. Man nehme keme Münze in den Mund rc. Es sind also Vorschriften, betreffend die Abwehr von Jnfectionen des Organismus im Wege der Nahrungsmittel, ein Moment, auf welches die neuere Zeit auf Grund von Experimenten und direkten Beobachtungen großes Gewicht legt. Es wird die Autorität der Religion zu Gunsten hygienischer Bestimmungen angerufen. Aus. ich möchte sagen, pädagogischen Gründen wird Reinheit für Gesundheit gesetzt. Kurz Alles, was erfahrungsgemäß schädlich ist, muß gemieden werden und ist viel strenger zu behandeln, als Verbote aus religiösen Motiven nach dem Satze: Chamira Sekanta messura. So stellt Moses das moralische Element obenan, läßt es aber durch das physische leiten und mäßigen. Die mosaische Hygiene berücksichtigt den Einfluß des Magens auf den Kopf und den des Kopfes auf den Magen. Man kann also die Behauptung aufstellen, Hygiene ist Moral und Moral ist Hygiene. Daß die in Rede stehenden Gesetze in erster Linie das Physische im Auge hatten, geht auch daraus hervor, daß der in Aussicht gestellte Lohn oder eine eventuelle Drohung für Befolgung der Gebote blos auf Leben und Gesundheit sich bezog. „Es ist kein leeres Wort für euch, sondern es ist euer Leben und durch dieses Wort werdet ihr euere Tage verlängern. (Deut. XXXH. 47.) Siehe, ich nehme heute Himmel und Erde zu Zeugen, daß ich vor Dich gestellt Leben und Tod, Segen und Fluch. So wähle denn das Leben, auf daß Du lebest, Du und Deine Nachkommen. Ehre Vater und Mutter, damit Dem Leben verlängert werde. Das sind einfache Rathschläge und Voraussetzungen eines Arztes. Jedes Wort kann man mit dem Maßstabe ärztlichen Wissens beurtheilen und es wird als recht befunden werden. Daß Moses gründliches medicinisches Wissen hatte, welches er am egyptischen Hofe und wahrscheinlich auch durch andere fremdländische Lehrer sich erworben hatte, steht außer Zweifel. Ebenso mußten die Priester und Leviten, denen die social-hygienische Leitung des Volkes später anvertraut war, ein umfassendes medicinisches Wissen haben. Die jüdische, von Moses eingeführte und seinen Nachfolgern befolgte Socialhygiene wurde von Maimonides auf Grund der bisherigen jüdischen und arabischen Cultur erneuert. Er trachtete, die Frucht der geistigen Arbeit der Propheten und Talmudisten zu erhalten. Sein kurzgefaßtes Werk -lad hachzakoh enthält daher die hygienischen Gesetze der Thora, ergänzt durch eigene und von fremder Seite adoptirte Verordnungen. Maimonides nimmt das gesammte Gesundheitsregime der Menschen in jenen Codex auf. Die Grundzüge einer alle Lebensseiten umfassenden rationellen Privathygiene werden zu Gesetzen, die Jeden verpflichten. Ohne den religiösen Boden, in welchem die jüdische Socialhygiene wurzelt, zu verlassen, wirkt Maimonides dennoch mit weit mehr Klarheit und Nachdruck aus die Bedeutung der Gesundheitspflege, als es seine Vorgänger zu thun vermochten. Sein Werk Jad hachzokoh gipfelt in dem Endresultat: Die Reinheit, Gesundheit und Blüthe des Körpers wird nicht zum Selbstzweck, sondern zur Vorstufe der moralischen und geistigen Vervollkommnung der Menschen. Dieser Codex ist zweifellos eines der interessantesten und hervorragendsten Monumente der social-hygienischen Gesetzgebung aller Zeiten und Völker. Ja, vielleicht ist niemals ein gleich umfassender Gesundheits-Codex erlaffen worden. Vom 12. bis zum 16. Jahrhundert war der «lad hachzokoh als der allgemein verpflichtende Codex in den Händen der Juden. Dann kam Caro's Schulchan-Aruch, in welchem die socialhygienischen Gesetze noch fester mit religiösen Ceremonien und Geboten verbunden wurden. Die Hauptursache der Krankheiten entsprang nach Maimonides aus Mangel an Wissen. So wie der Blinde, dem das Sehen fehlt, sich fortwährend verwundet und Andere anstößt, wenn er keinen Führer hat, so bereiten die Menschen sich selbst und ihren Nächsten Leiden, da ihnen das Wissen fehlt, denn das Wissen ist das Gesicht des Geistes. Maimonides suchte festzustellen, welche von den socialhygienischen Verordnungen der Thora und des Talmud auch für die Zukunft von Bedeutung seien und geht nach Beseitigung veralteter Bestimmungen an die Erneuerung des Gesetzes und schreibt sein Werk: Sepher hassiboth: Ueber die Ursachen der Krankheiten. Er fußt also ganz auf dem modernen Standpunkte eines Morgagni und Rokitansky (De sedibus et causis morborum). Der Beruf des Arztes stand mit Rücksicht auf die große Bedeutung der Gesundheitspflege bei den Juden in großem Ansehen. Wir staunen über das medicinische Lehrgebäude der Bibel, welches später von den Priestern, den Leviten, ja von den Königen eifrig gepflegt wurde. Salamo schrieb das Werk Sepher Rephuot. Ja die Könige waren überhaupt verpflichtet, Medicin zu studiren. In Jesaias III. 6 lesen wir: Ich bin kein Arzt, macht mich nicht zum Leiter des Volkes. Maimonides stellte die Forderung, daß alle zu gesetzgeberischen Verrichtungen berufenen Männer die Medicin als Ergänzungswiffenschaft kennen müßten. Die sogenannten Talmud- Aerzte nahmen den ärztlichen Beruf sehr ernst. Es ist bekannt, daß sie Sectionen an menschlichen Leichen und physiologische Experimente an Thieren machten, daß die jüdischen Gelehrten es waren, welche die medicinische Wissenschaft, als die Cultur der Snrnzenen zu Grunde ging, als kostbaren Schatz bewahrt und überallhin verbreitet haben, daß sie die medicinische Schule von Montpellier gründeten. Noch anno 1300 war Prvfatus, ein Jude, Rector von Montpellier. Aus allem dem geht hervor, daß die Talmud-Aerzte ein gründliches ärztliches Wissen Hatten. Es sei mir noch gestattet, einen Vorgänger von Maimonides zu erwähnen, den Arzt Jsaac Judaeus, der unter Anderem ein hebräisches Werk unter dem Titel: Führer der Aerzte, verfaßte, das erst im Jahre 1861 wieder entdeckt wurde und folgende Principien aufstellt: Die meisten Krankheiten genesen ohne Beistand des Arztes durch die Hilfe der Natur. — Hast Du die Wahl, durch Nahrungsmittel oder Arzneien zu heilen, so wähle stets die ersten. — Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist es, Erkrankungen zu verhüten. Auch hier ist der naturgemäße und hygienische Charakter der ärztlichen Wirksamkeit gekennzeichnet. * * * So glaube ich denn gezeigt zu haben, daß Medicin und besonders Hygiene von jüdischen Aerzten in einem ganz modernen Sinne cultivirt wurden. Die ersten hygienischen Systeme reiften im Orient heran. Was wir heute mit den Namen: Religion, Ethik, Staatsorganisation, Gesetzgebung. Wisienschaft, Hygiene bezeichnen und als getrenntes Gebiet des Culturlebens betrachten, bildete bei den Völkern des Orients einen einzigen, festgefügten Culturbau, begründet von jenen großen Männern, welche man mit Unrecht blos Religionsstifter nennt, da sie Culturstifter waren, erhalten und fortgesührt von den Weisen, welche nicht nur Priester, sondern auch Staatsmänner und Aerzte waren. Als ein Erfolg der social-hygienischen Gesetzgebung - und Erziehung mag es angesehen werden, wenn das jüdische Volk mit seiner uralten strengen Vorschrift noch fortlebt. Werfen Sie einen Blick auf die vielen Völker, die im Laufe der Jahrtausende erblühten und zu Grunde gingen, weil sie Dinge versuchten, die über ihre Natur gingen. Nur das jüdische Volk blühte auf, verblühte aber nicht. Glücklich in seinem Glauben, in seinem Wissen, kennt es keinen Zwiespalt im Einzelnen, keinen Zwiespalt im Volke, keinen Zwiespalt in der Welt. Jeder Jude ein ganzer Mensch, die gesammte weit zerstreute Nation ohne Vaterland, ohne Verbindung, dennoch ein einiges geistiges Volk von Brüdern. Israel, das seiner Pflicht treu geblieben, ragt noch