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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 70 Nr. 5 Dr. Bloch's Wochvnschrifl« Diese strenge Weisung läßt die Annahme zu, daß jene Gelehrten nur an organische Substanzen dachten. Sie beweisen dieses auch durch folgenden Satz (in Berachot 6a) nusn ,T3W pp'?en ’jao ps nisn*? pyb Wäre es dem Auge möglich zu sehen, so würde kein Geschöpf wegen der Masikin bestehen können. Hieher gehört auch die Bezeichnung des aus einem Friedhof stammenden Wassers als unrein, so daß es zum Baden und Trinken verboten war, offenbar in richtiger Erkenntniß, daß es faule, krankmachende Stoffe enthält. Im Orach Chaim (4, 18), verlangt Josef Caro beim Aufstehen, daß man sich dreimal die Hände übergieße, um das schädliche Pneuma nyn Mi von den Händen wegzubringen. Wenn hier von njn nn, einem bösen Geist und anderwärts von;yijn jnrrn, bösen Geistern die Rede ist, so ist wohl die Annahme, daß im Sinne der damaligen Anschauung nicht immer an organische Substanzen gedacht wurde, statthaft, aber ursprünglich mochten doch nur diese gemeint gewesen sein. Die Annahme einer prophetischen Ahnung ist wohl statthaft, da von Historikern und Staatsmännern, von Gelehrten und Dichtern solche Vorhersagen bekannt sind. Sogar Märchendichter scheinen derlei Ahnungen gehabt zu haben, wenn man deren Beschreibung und die»fortschrittlichen Ereignisse (elektrische Beleuchtung, Telephon-rc.) ins Auge faßt. Die prophetische Ahnung der jüdischen Lehrer, der vielgelästerten Talmudjuden, ist in Erfüllung gegangen durch die wissenschaftliche Leistung des jüdischen Gelehrten Professors Ferdinand Cohn, der die Mikroben, Coccen und Bacillen entdeckte. Um nochmals auf den früheren G genstand zurückzukommen, so erwähne ich, daß z. B. auf un gewaschenen Händen des Morgens ein böser Geist mit Namen Schiwtha ruhe. Dieser vergiftet jede Speise, die mit ungewaschenen Händen bereitet oder dargereicht wird. Wenn nun ein Kind mit solchen Händen die Nahrung erhält, so überfällt es ein schweres Halsleiden, Bräune, wahrscheinlich Diphtherie (Joma 77. 2.) Eine sonderbare Ansicht besteht in Bezug auf eine Krankheit, die im Talmud Roszon pun genannt wird und mit der sogenannten Rotzkrankheit, einer Jnfection durch das Pferd, identisch sein dürfte. Die Talmudisten suchten den Grund der Krankheit in einem thierischen Parasiten des Gehirns und schlugen eine operative Eröffnung der Hirnschale und Herausbeförderung des Parasiten mittelst Zange vor (Ketub. 77. 2). Nach neuen Erfahrungen und Studien auf diesem Gebiete ist die Annahme der Talmudärzte vollkommen begründet. Bezüglich des Schweißes heißt es im Joreh Deah (116), daß jede Ausschwitzung wie Gift sei, mit Ausnahme der des Gesichtes. Man dürfte daher keinen Brodlaib unter den Arm in die Achselhöhle nehmen. Erst in der neueren Zeit wurden Mittheilungen publicirt, denen zufolge durch Bücher ansteckende Krankheiten vermittelt wurden. Den Talmudlehrern muß diese Thatsache bekannt gewesen sein. Sie schrieben in dem oben erwähnten Tr. Jadaim: D*TTI ns sS2Lv tJHip ^>2 (Alle heiligen Schriften verunreinigen dre Hände.) Die Commentatoren waren nicht im Stande, für diesen Satz eine Erklärung zu finden. Heute besitzen wir diese auf Grund der Lehre vom Mikroben. Diese heiligen Bücher und Schriften waren nämlich auf Pergament mit öliger Tinte geschrieben, als organische Körper also für Mikroben sehr günstig. Daher kommt es, daß wenig gebräuchliche Bücher, das sind solche, die von verschiedenen Händen weniger berührt werden, z. B. Homer's Buch, nicht als unrein galten. Auf Wundpflege speciell bezieht sich das biblische Gebot: Achte auf die Wunde des Aussatzes, auf daß du strenge beobachtest und Alles thust, was der Priester vom Stamm Levi Euch lehren wird. (Deuter: XXIV. 8. Num. V. 2—4.) Als wesentlicher Träger von Krankheitskeimen wird die Luft angesehen, namentlich schlechte Luft nach dem Satze in Babamezia 107, wo es heißt, daß Krankheiten durch die Luft erzeugt werden können, denn die Luft ist die Ursache aller Krankheiten. Ueber den pathogenen Emfluß verdorbener Luft äußert sich Maimonides in seinen Tractaten nach Art eines modernen Hygienikers: Aus der reinen Luft und gutem Wasser wird der größte Tbeil jener Stoffe bereitet, welche die Aerzte Lebensgeister nennen. Nach dem Princip der P leumatiker, dem auch Galen zugethan war, hängt nämlich das Leben der Menschen lediglich von den in der Atmosphäre enthaltenen Lebensgeistern ab. Wer seine Hand in das Haus eines Aussätzigen gesteckt, dtssen Hand ist nach R. Akiba im ersten Grad unrein, denn Alles kommt vo! der Luft, pflegte dieser zu sagen. Auch eine Art von Desinfection findet sich schon unter den mosaischen Vorschriften. Ich meine die mit der Asche der rothen Kuh. Eine Quantität Asche mit fließendem Wasser gemengt, bildet das Reinigungswasser, mit welcher alle unreinen Personen besprengt werden. Allem Anscheine nach vertritt dieses Wasser die Stelle der modernen Desinfectionsmittel. . Diese und anderen Desinfectionsnormen zeigen uns, daß der Verfaffer der Bibel die Mikroben so weit gekannt hat, als dies ohne Mikroskop möglich ist, daß er die desinficirende Wirkung tes Feuers und Wassers begriff und angewendet hat. Maimonides gesteht übrigens in Nore nebauchim, daß er die Bedeutung dieser Vorschrift und die Zusammensetzung der Bestandtheile sich nicht erklären könne. Im Uebrigen besteht über diese Asche der rothen Kuh eine ganze Literatur. Jnficirte Kleider werden sieben Tage vom Priester isolirt, eventuell gewaschen oder verbrannt (Leviticus XIII. 47—53), genau wie es die modernen Desinfectionsvorschriften fordern. Es ist das erstemal in der Geschichte, sagt Gueneau de Mussy, daß Kleider als Vehikel pathogener Keime betrachtet werden. Auch die Anzeigepflicht, die bei Infektionskrankheiten in der Neuzeit strenge gehaiidhabt wird, bestand schon als Theil der social-hygienischen Vorschriften bei den Juden. In Bezug auf Reinlichkeit, welche zur Erhaltung unserer Gesundheit, namentlich mit Rücksicht auf Pflege der Haut unumgänglich nothweudig ist, heißt es in der Bibel ny ^>22 n'jsb T’Tjn v.T, deine Kleider müssen jederzeit weiß — will heißen unbefleckt — sein. — Im Anschlüsse daran sei der Satz angeführt: S'22 rrrpa mnto ^rh Aeußere R inlichkeit hat innere Herzensreinheit zur Folge (Tr. Sota 49). Ein zweiter Satz: Die Reinheit führt zur Heiligkeit nvpj nwnp ,Tt? S’22. Im Allgemeinen: unrein-ansteckend. Selbst die Priester mußten sich nicht nur beim Amtsantritt» sondern auch während ihrer Amtsverrichtungen im Tempel theils waschen, theils baden. Besonders waren es während des nachexilischen Zeitraumes die Pharisäer und Essäer, die sich durch ihre strengen Reinlichkeitsgebräuche auszeichneten. Der Seder Taharath ist ein Reinheits- und Desinfections- Codex. in dem Alles mit Sorgfalt und minutiöser Genauigkeit ausgeführt wird. Die in demselben angegebene prophylaktische Vorschrift empfiehlt zunächst' die Vermeidung aller Ursachen der Verunreinigung und bezeichnet das Wasser als Hauptdesinfectionsmittel, genau wie es bei der Hygiene der Neuzeit der Fall ist. Die moderne Wissenschaft muß die meisten Principien des Seder Taharath billigen, ja die genaue Kenntniß der Wege, aus denen Kcankheitskeime acquirirt werden, bewundern. Die social-hygienischen Einrichtungen der mosaischen Religion, sagt Nos sig in seinem bortrefftichen Buche, sind die Blüthen der altorientalischen Gesundheitsphilosophie, und Leven bezeichnet die Hygiene Mosis als den Ausdruck einer bewunderungswürdigen Anpassung an die Natur des menschlichen Organismus. Im T. Sanhedrin 7 heißt es : In der Stadt, wo Polizei und Badestube fehle, darf kein gebildeter Mann (Schüler der Weisen) wohnen. Nach Maimonides ist es verboten, eine Gemeinde zu bewohnen, in welcher folgende Dinge nicht vorhanden sind: 1. Ein Arzt, 2. ein Chirurg, 3. ein Bad, 4. ein Anstandsort, 5. Wasser: Flüsse oder Quellen, 6. eine Synagoge. 7. ein Knabenerzieher, 8. ein Schreiber, 9. ein Almosensammler, 10. eine Behörde mit dem Rechte, ins Gefängniß zu werfen. Der Umstand ist doch bemerkenswerth. daß der Arzt an erster, die Synagoge an sechster Stelle erscheint. Werfen wir nun die Frage auf. welchen Zweck hatten die strengen Vorschriften des jüdischen Ceremoniells? Welche Bewandtniß hatte dieses mit den antiseptischen Grundsätzen, deren Analogie sich als zweifellos herausstellt? In erster Linie war es die Nahrungshygiene, welche hier in Betracht kommt, und auf die erst in der Neuzeit großes Gewicht gelegt wird. Der Nahrungscodex verbietet den Gebrauch von Genußmitteln, welche ungesund sind. d. b. bei denen die Möglichkeit thierischer oder pflanzlicher Parasiten besteht. Das aüs dem Innern des Thierkörpers stammende Fett ist verboten, .weil es, in der Nachbarschaft der großen Lymphdrüsen gelegen, oft Keime von Krankheiten beherbergt. Maimonides führt ausdrücklich an: Alle verbotenen Speisen sind ungesund. In jeder

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