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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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>Jlt. 5 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 69 Zunächst mag die Untersuchung am Platze sein, welche jüdische Ceremonien es sind, die von Moses und nach ihm von den Commentatoren und Rabbinern in prophetischer Ahnung der Existenz von Mikroben Jahrhunderte und Jahrtausende vor Lister dem jüdischen Volke vorgeschrieben wurden. Wir begegnen da einer Reihe von Maßnahmen, deren Begründung und Erklärung uns zum Theile ganz verständlich erscheint. Dagegen sind wir nicht in der Lage, bei anderen Vorschriften irgend einen Zweck oder Sinn ausfindig zu machen, und sind geneigt, dieselben zum Mindesten als antiquirt anzusehen. Ob mit Recht, soll nicht weiter geprüft werden. Untersuchen wir nun vor Allem im Sinne der modernen Anschauungen die in Frage stehenden Ceremonien, so gelangen wir zu dem Resultat, daß die meisten derselben die individuellen und socialen Verhältnisse vom hygienischen Standpunkte in volle Berücksichtigung ziehen. Es zeigt sich da in überraschender Weise, daß die Hygiene, diese jüngste, ins moderne Leben eingeführte Wissenschaft, zugleich vom Standpunkte der Juden die älteste ist. und daß die Socialhygiene, welche die Erhaltung und Förderung der physischen Volkswohlfahrt zur Aufgabe hat, einen derjenigen Pfeiler bildet, auf denen von Juden in der Vorzeit die Civilisation aufgebaut wurde. Doch greifen wir nicht vor. Die einzelnen präparatorischen Maßregeln einerseits vom Standpunkte der Antiseptik, andererseits von dem des jüdischen Ceremoniells ins Auge gefaßt, werden, wie schon angedeutet, mancherlei Analogien asifweisen. Nach beiden Richtungen sind minutiöse Vorschriften geltend. Ziehen wir zunächst die Händewaschungen in Betracht: Diese werden vom Chirurgen ganz strenge und mit Zuhilfenahme einer Reihe von Hilfsmitteln durchgeführt. JnWezug auf die Reinigung der Hände findet man in der jüdischen Literatur einen ganzen Tractat, welcher einen Theil des Seder Taharath (Reinigungs-Codex) bildet, und zwar Nr. 11 Tractat Jadaim-(Hände). „Gleichviel, so heißt es daselbst, ob die Hände durch eine der gewöhnlichen Ursachen der Verunreinigung eine sichtbare Beschmutzung erfahren haben, oder ob es einem verborgen ist, daß seine Hände unrein sind, vor dem Essen der gewöhnlichen Speisen sind all« Hände zu waschen/ (Maimonides.) Genau bestimmt ist die Art und Weise der Händewaschung, sowie das Maaß des zu benützenden Wassers. Genau beschrieben ist die Beschaffenheit des Gefäßes, in welchem Waschwasser aufbewahrt wird: Es muß ganz sein, einen wohlschließenden Deckel haben, damit keine unreine Luft hinzutrete. Verboten ist das Wasser zum Händewaschen, von dem ein Thier getrunken, das schon zu einem anderen Zwecke gedient hat, das durch einen hineingefallenen Gegenstand sein Aussehen verloren hat. Der Schulchan-Aruch ordnet an, daß man sich die Hände wasche: beim Aufstehen, nach dem Nägelschneiden, beim Austritt aus dem Bad. nach Berührung der Sandalen oder Füße, nach einer Nothdurft, nach einem Leichenbegängniß rc. rc. Wie sehr die hygienische Seite in den Vordergrund tritt, geht aus der im Tractat Sabbath (k. 128) vorkommenden Notiz hervor: Man solle sich eher die Hände abschneiden, als die Augen mit einem schmutzigen Finger berühren, (lack l'ain tikzoh) die Ohren sich kratzen und dergleichen, weil in dem einen Falle Erblindung, in dem andern Taubheit folgen kann. Wer des Morgens mit ungewaschener Hand öfters Mund oder Nase betastet (Sabb. 109,1), wird von Polypos oder von einem ekelhaften Geruch aus Mund oder Nase befallen (Ketub 77, 1). Nach Angabe der Talmudisten gibt ein solcher Zustand Grund zur Ehescheidung. Wir Aerzte bestätigen die Möglichkeit der Uebertragung von solchen Krankheiten und wünschen, daß derlei Vorschriften allgemeine Verbreitung finden. Der Schmutz unter den Nägeln gilt nach dem heutigen Stande der Wissenschaft — es bestehen diesbezüglich genaue mikroskopische und bacteriologische Studien — als stark mikrobenhältig und fordert genaue Maßnahmen. Nach den jüdischen Vorschriften ist der Schmutz unter den Nägeln sehr gefährlich. Die abgeschnittenen Nägel müßten daher vernichtet, vergraben oder verbrannt, also nicht einfach weggeworfen werden, damit jedwede Möglichkeit einer Ansteckung ausgeschlossen sei. Daß dies auch vom theokratischen Standpunkte aufgefaßt wird, wundert uns nicht. Man liest nämlich folgenden Satz (Tr. Moed Katan 18a): pnipn pwn fp-in Tön |BVitS*n P'IL Wer sie (die Nägel) vergräbt, ist ein Gerechter, wer sie verbrennt, ein Frommer, wer sie * egwirft, ein Böser. In Bezug auf B ä d e r ist zu bemerken, daß man nicht nur in Flüssen badete, sondern daß in Häusern der Vornehmen auch ein Bad sich befand. (2 B. Sam. 11, 2.) Zur Zeit des Talmud badete man in Flüffen und Teichen namentlich in Quellen, dann in einem eigens zum Reinigungsbade eingerichteten Wasserbehälter von 40 Sea Wasser Belli hatwilah oder Mikwah, ferner in warmen Bädern, und zwar warmen Mineralbädern, warmen Wannen- oder Baffinbädern, endlich Schwitzbädern. Zu bemerken ist, daß zuweilen hiebei auch Apparate mit diversen Parfümerien und riechenden Oelen angewendet wurden. Um den empfohlenen Bädern und Localwaschungen mehr Nachdruck zu geben, sprachen die Talmudisten, dem damaligen Volksglauben entsprechend, von gewissen Dämonen, von welchen ungewaschene Hände nach dem Schlafe oder vor und nach dem Essen besessen werden und welche die Gesundheit beeinträchtigen. (Sabb. 109, 1 Chol. 105, 2.) Bekannt ist, daß in jeder Gemeinde ein Bad (Mikwah) besteht und religiösen Vorschriften unterworfen ist. Ihr Zweck ist Hygiene. Ein hervorragender Chirurg, empfahl nebst dem gründlichen Abwaschen der Hände die Benützung sterilisirter weißer Zwirnhandschuhe (Bedientenhandschuhe), ein vorzügliches Mittel, dessen ich mich bei der Verwendung gewiffer, intensive Reinlichkeit beanspruchender Instrumente seit Jahren systematisch und mit Erfolg bediene. Selbst diese Neuerung findet sich in jüdischen Schriften: Im Schulchan-Aruch lesen wir Folgendes: „Kann im Umkreis von 1500 Ellen kein zum Waschen der Hände geeignetes Wasser erhalten werden, so esse man mit behandschuhter Hand/ In Bezug auf die Berührung todter Körper ist zu bemerken, daß nach mosaischem Gesetze alle menschlichen Leichen als unrein angesehen werden. Die Bibel normirt (Numeri XI, 25) Folgendes: Wer ein Aas berührt, der ist unrein bis zum Abend und muß seine Kleider waschen. Wer einen todten Körper berührt, wird durch 7 Tage unrein sein. (Num. 11.) Wenn ein Mensch in einem Zelte gestorben ist, so wird jeder, der im Zelte war, und jeder, der eintreten wird, durch 7 Tage unrein sein. Und jedes Gefäß, das im Zelte unbedeckt war, wird durch 7 Tage unrein sein. (14, 15.) Alle diese Verordnungen bezwecken neben ihrer theokratischen Beziehung, lediglich auch als Polizeigesetze die Erhaltung des Lebens und der menschlichen Gesundheit. Die Jsolirung von inficirten Personen, die in der Neuzeit auch von der Sanitätsbehörde gefordert wird, gehört also schon zu den alten jüdischen Vorschriften. Auf die vielen bekannten Beschreibungen des Aussatzes und die gegen denselben in Anwendung gebrachte Behandlungsmethode, insbesondere die Jsolirung, auf die strengen Vorschriften für das Geschlechtsleben der Frauen rc., soll nicht weiter eingegangen werden. Erwähnt sei aber, daß das Lepragesetz, wie es in der Bibel vorkommt, uns zeigt, daß Moses die Existenz jener kleinen Krankheitskeime, welche man heute Mikroben nennt, nicht nur ahnte, sondern auch kannte, wenn ihm auch die organische Natur derselben verborgen blieb. Diese Vermuthung pathogenerOrganismen ohne einen effectiven Nachweis kommt erst bei Professor Skoda wieder vor, der auf Grund von logischer Beweisführung die Möglichkeit zugab. daß eine Erkrankung des menschlichen Organismus nicht durch die vulgär angenommene Erkältung, sondern durch pflanzliche oder thierische Invasionen zu Stande komme, die aber bis dahin wissenschaftlich noch nicht erwiesen waren. Heute wissen wir es von einer großen Anzahl von Krankheiten, daß sie durch kleine Organismen, Mikroben, durch Coccen, Bacillen rc. erzeugt werden. Mit der eingeathmeten Luft, mit dem Wasser, mit den Nahrungsmitteln dringen sie in den menschlichen Körper, und je nach ihrer Qualität erregen sie diverse Krankheitsformen. Es ist nun von höchstem Jntereffe, zu erfahren, daß die Rabbiner die Existenz der Mikroben ahnten und sie Masikin fp'Tö nannten. Von dem Waffer, welches einige Zeit in einem unbedeckten Gefäße stand, mußte die obere Schichte vor den Trinken abgegossen werden, weil inzwischen Masikin sich einstellten. Wenn gar das. Waffer über Nacht im unbedeckten Gefäß? war, so mußte es ganz weggegoffen werden, weil die Mnsikui im gesammten Waffer sich verbreitet haben.

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