Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 68 Br. Vloch's WvüMlchrM Nr 5 „Katholisch" eine Beleidigung. Die katholische „Kölnische Volkszeitung" vom 18. November 1901 schrieb: „Im „Rostocker Anzeiger" vom 10. November findet sich im Anzeigenteil folgende Erklärung: „Ich bedauere, daß ich dem Arbeiter Hermann Böse in Lülze nachgeredet, derselbe führe einen falschen Namen und sei katholisch gewesen, ich nehme dies zurück und erkläre, daß ich von demselben nur Ehrenhaftes und Gutes weiß. Th. Hintze." Dieser Böse hat es demnach als Beleidigung aufgefaßt, daß ihm nachgeredet wurde, er sei katholisch gewesen. Auf die Denkweise gewisser Protestanten in Mecklenburg wirft es ein grelles Licht." Den Fall Sternberg hat die antisemitische Preffe und speciell die „Staatsbürger- Zeitung" nach Kräften gegen das Judenthum auszubeuten gesucht. Nun lesen wir in dem Berliner Antisemitenblatt (15. 1.): „Große Erregung herrscht gegenwärtig in Neustettin über eine schmutzige Angelegenheü, die viel Aehnlichkeit mit der Berliner Sternberg-Affaire hat, ja diese sogar an gemeinen Einzelheiten noch übertreffen soll. Am Dienstag Nachmittag sah man die Gerichtsdiener Kinder zum Gericht führen, und dann wurde alsbald die Inhaftnahme zweier Personen (einer männlichen und einer weiblichen) bekannt. Noch Abends nach H) Uhr sah man die Terminszimmer hell erleuchtet. Gestern Abend hat nun die Verhaftung weiterer acht Personen stattgefunden, die dem Gerichtsgefängniß zugeführt wurden. Wie verlautet, haben die Jnternirten zu der Frau eines Locomotivführers und mit deren Einverständnis (!) zu ihren jugendlichen Kindern in Beziehungen gestanden, welche wir nicht einmal andeuten können und wollen." Also berichtet die „Staatsbürger-Zeitung" aus Neustettin, einer Hochburg der Antisemiten! Aatiseptik und Iudenthum. Vortrag, gehalten in der Plenarversammlung der „Oesterreichisch- Jsraelttischen Union" am 25. Jänner 1902 von Docent Dr. Josef Grünfeld. Das abgelaufene Jahrhundert war für die medicinische Wiffenschaft sowohl in ihren Hauptzweigen als auch in den einzelnen Theilen von epochaler Bedeutung. In den ersten Jahrzehnten noch bewegte sich die Medicin auf mehr empirischen, philosophischen oder speculativen Bahnen, bis die Wiener medicinische Schule, in der glücklichen Gruppirung einer Anzahl von genialen Männern, eine neue Grundlage schuf. Auf dieser kam ein herrlicher Bau zu Stande, und so wurde die Umgestaltung der Medicin zu einer exacten Wiffenschaft durchgeführt. Von Wien aus nahm die neue Richtung ihren Weg durch die ganze Welt. Die dermalige Generation ist noch so glücklich, die Lehren jener Reformatoren direct empfangen zu haben. Einen der Hauptzweige der medicinischen Wiffenschaft bildet die Chirurgie. Die Erfolge, die sie in der Jetztzeit zu verzeichnen hat, verdankt sie neben den enormen Fortschritten der Technik, der Methoden sowie der verschiedenen Hilfswissenschaften, insbesondere den drei der Neuzeit entstammenden Hauptbedinnungen, nämlich der Narcose, der Blutsparung und der antiseptischen Wundbehandlung. Die Entdeckung dieser Methoden erfolgte etappenweise, und jede einzelne bildet einen Markstein in der Entwicklung der chirurgischen Kunst. Denn mit Recht kann man auf diesem Gebiete von Künstlern und Kunst sprechen. Für den Laien haben allerdings Narcose und Blutsparung die größere Bedeutung. Die erstere spart den Schmerz, zieht einen für den Kranken dichten Schleier vor dem gruseligen Arbeitsfelde, und der Erwachende findet das Werk vollendet, während die Blutsparung augenscheinlich mit Erhaltung von Kraft und Stoff identisch erscheint. Anders ist es mit dem dritten Elemente der Operation, der antiseptischen Wundbehandlung. Diese jüngste Errungenschaft hat ihre Geburtsstätte in England. Ihr Vater heißt Joseph Lister. Vor dieser Entdeckung war die einfachste, sowie die größte, geschickteste und gelungenste Operation vor unangenehmen Zufällen nicht bewahrt. Das so sehr gefürchtete Wundfieber konnte sich einstellen, Leben und Gesundheit waren bedroht. Die größte Uebung und meisterhafte Ausführung der Operation konnten eine Reihe von Nachkrankheiten nicht hintanhalten. Der Chirurg sah stets das Damoklesschwert über dem Kranken hängen, ohne die Ursachen der Gefahr zu kennen, die er so gerne beschworen hätte. In der alten Chirurgie galt der von Ambroise Para ausgesprochene Satz: Mon frere, je t’ai opere, que Dieu te guerisse. Mein Bruder ich habe dich operirt, Gott möge dich heilen. Wie heute die Dinge klar liegen, hätte der Satz eigentlich lauten sollen: Mein Bruder, ich habe Dich operirt, Gott schütze Dich vor meinen Händen! Denn nicht dem Messer sind die vielen Operirten zum Opfer gefallen, sondern der Hand des Chirurgen. Es war die Kunst der unreinen Hände. Welche sittliche Bedeutung die Thatsachen haben, geht aus der einfachen Erwägung hervor, daß heute,, wenn eine Eiterung sich zeigt, der Arzt in Angst geräth, weil ein Fehler geschehen sein mußte, während früher einfach das Schicksal angeklagt wurde, wenn Pyämie oder Sepsis einen Kranken nach dem andern hinraffte. Schicksal und Schuld sind die Stichworte dieser Wandlung. Um nur ein hieher gehöriges Beispiel anzuführen, so war es keine Seltenheit, daß der Operateur vorerst in der Leichenkammer irgend eine Untersuchung vvrnahm und sodann im Operationssaal den Kranken instrumentuell behandelte. Resultat ein Mißerfolg! Heute ist ein derartiger Vorgang verpönt und als höchst gefährlich bekannt. Da kam nämlich Lister und zeigte, daß die ganze Serie von üblen Zufällew der Wundbehandlung, die sogenannten Wundkrankheiten, durch ein einziges Moment bedingt sind, nämlich durch Mikroben. Das sind pflanzliche und thierische Organismen. Ihre Keime sind in der Luft suspendirt, haften an Verbandstoff, Medicamenten, Instrumenten, Händen der Operateure; ja sogar im. sogenannten reinen Wasser fehlen sie nicht. Die auf oder in der Wunde sich etablirenden und rasch vermehrenden Keime inficiren dieselbe und üben einen ungünstigen Einfluß auf den Wundverlauf. Wer den Mikroben den Zutritt zur Wunde verwehrt, erzielt Heilung ohne Eiterung, ohne Wundfieber, ohne jegliche Wundkrankheit. Keimfrei muß also die das Operationsfeld umgebende Luft sein, keimfrei müffen die Hände des Operateurs, seine Instrumente und alle anderen mit dem betreffenden Organ in nähere oder nächste Berührung gelangenden Objecte sein. Diese Alles durchdringenden Keime in entsprechender Weise zu zerstören, ist die erste Aufgabe des Arztes. Zur Erreichung dieses Zieles war daher ein genaues Studium jener Mikroben erforderlich. Ihr Nachweis, ihre Lebensfähigkeit, ihre Verbreitung, ihr Verhalten gegenüber Medicamenten, verschiedenen Temperaturen rc. mußten mit allen modernen Hilfsmitteln, der Bakteriologie, Mikroskopie, Mikrochemie u. dgl. erforscht werden. Wer die Waffen und Ausrüstung seines Gegners genau kennt und nicht unterschätzt, kann auf einen sichern Sieg rechnen. Das gelang Lister und nach ihm, vor kaum einem Vierteljahrhunderte, jenen Männern, welche dieses ebenso schwierige als erfolgreiche Feld cultivirten. Der Kampf gegen jene Mikroben, mit dem technischen Namen Antiseptik — Sepsis ist der Inbegriff der Wundkrankheiten — muß freilich mit Rücksicht aus die Allgegenwart und das rasche Gedeihen dieser pflanzlichen und thierischen Parasiten sehr exact sein und hat bereits eine festgegliederte Reihe von strengen Vorschriften zur Voraussetzung. Diese Vorschriften wollen wir, wenn auch nur mit Schlagworten, aufzählen: 1. Sorgfältiges Waschen der Hände. 2. Gründliche Reinigung der Nägel, welche gefährliche Keime enthalten. 3. Ein Bad in gewissen Fällen. 4. Bekleidung mit einem keimfreien Mantel. 5. Eventuell Bedeckung des Kopfes, damit keine Keime auf das Organ herunterfallen. 6. Reinigung des Operationsfeldes, der Instrumente, Apparate rc. 7. Verwendung ausschließlich keimfreier Verbandmittel. 8. Verbot der Vornahme einer Operation nach Berührung einer Leiche oder selbst nach dem Betreten der Leichenhalle. Erforderlich jedenfalls ein Bad. Die Aufzählung dieser rein technischen Vorbereitungsmaßregeln fcfjvit dürfte manchen meiner verehrten Zuhörer an gewisse bei Juden übliche Vorschriften erinnern, Vorschriften, welche allerdings nicht einer Operation, sondern cultuellen Uebungen, Mahlzeiten rc. voranzugehen, respective nachzufolgen Pflegen. Die Uebereinstimmung zwischen den modernen Forderungen der Antiseptik und den verschiedenen biblischen und nachbiblischen Gesetzen ist eine ganz auffallende. In letzterer Beziehung spricht man von Ceremonien, von religiösen Vorschriften und dergleichen. Sie beziehen sich nicht allein auf das individuelle Verhalten des Einzelnen in den meisten Phasen seines alltäglichen Lebens, sondern auch auf die socialen Verhältnisse der Juden im Allgemeinen, auf das Zusammenleben kleinerer und größerer Gruppen von Menschen.