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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Sette 67 Dr. Bloch's Wochsnschrifl. Anrecht, zu leben und zu essen, wenn die „Deutsche Zeitung" auch nicht so gütig sein sollte, dieses Recht anzuerkennen. Die Nothlage der arischen Studenten kann also nicht beseitigt werden, ohne daß auch den jüdischen Studenten geholfen wird. Das wird jeder verständige Mensch begreifen, daher begreift es die „Deutsche Zeitung" nicht, die auch unter ihrer derzeitigen Leitung bestrebt zn sein scheint, den Ruf des dümmsten Blattes von Wien aufrechtzuhalten. Sie ertheilt also den Studenten einen Rath, dessen Befolgung ihnen nicht im Geringsten helfen kann. Es ist auch der Fall möglich, daß die Herren Schriftleiter der „Deutschen Zeitung" selbst ganz gut einsehen, daß mit einem „Zusammenschluß gegen die nichtarischen Elemente" nichts gethan ist und daß sie einen so albernen Rath ertheilt, obgleich sie weiß, daß er nicht zum Ziele führt. Das gehört eben zum Geschäftsantisemitismus und der gewohnte Hinweis darauf, daß die Juden an Allem schuld sind, überhebt die publicistischen Anwälte der „ christlichen Bevölkerung" allerund jeder Nothwendigkeit, über andere Ursachen der wirthschaftlichenNoth nachzudenken und sie klarzulegen. Wenn aber die „Deutsche Zeitung" ihren Lesern vorlügt, daß hauptsächlich jüdische Eltern die Nothlage lectionirender Studenten äusnützen, so offerirer. wir ihr eine Wette in Gestalt einer Rundfrage an alle Unterricht ertheilenden Hochschüler ohne Unterschied der Confession, wo sie besser honorirt werden, ob in den christlichen oder in den jüdischen Familien — die reichsten natürlich ausgenommen. Wir wetten natürlich auf die jüdischen Familien und im Falle als wir gewinnen, soll die „Deutsche Zeitung" verhalten sein, gescheiter zu werden. Sollten wir die Wette verlieren, so unterziehen wir uns der Pönitenz, eine ganze Woche lang täglich die „Deutsche Zeitung" zu lesen, und das wäre doch wahrlich eine genug empfindliche Buße. * * * Von jüdischen Mädchenhändlern, von jüdischen Betrügern, von jüdischen Defraudanten und sonstigen jüdischen Gaunern erzählen uns die Antisemitenblätter. Sogar das im Verborgenen blühende Veilchen, das unter dem Titel „Vaterland" bescheiden duftet, putzt seine Gerichtssaaltitel mit dem Epitheton „jüdisch" auf. Bei den nichtjüdischen Verbrechern ist selbstverständlich niemals von ihrer Confession die Rede. Diese Methode, die Juden im Verbrecherthum als besonders hervorragend hinzustellen, ist nicht neu, .aber sie ist noch immer nach dem Gesetze strafbar, und diese Gehässigkeit wird von den Behörden geduldet, als ob eine solche böswillige Aufreizung eine erlaubte Handlung wäre. Im Hinblick darauf ist es vielleicht nicht unangebracht, daran zu erinnern, daß die antisemitischen Elemente einen viel größeren Percentsatz zum Verbrecherthum stellen, als ihr annähernder Percentsatz zur Bevölkerung entspricht, und jener Mörder, der am letzten Sonntag einen Trödler erschlug, um ihn seiner armseligen paar Gulden zu berauben, war gleichfalls keiner jener „Musterjuden", die uns das „Deutsche Volksblatt" und die „Ostdeutsche Rundschau" als angebliche Repräsentanten jüdischer Moral Vorhalten. Dagegen ist er nicht blos ein zufälliger Glaubensgenosse des Herrn Vergani, sondern auch dessen strammer Gesinnungsgenosse, wie sich aus den wiederholten Aeußerungenen des Mörders ergibt, er werde dem Juden ein paar Ohrfeigen herunterhauen. Ein Mensch, der einem Juden' ein paar Ohrfeigen herunterhaut, ist unseren Antisemiten stets eine sympathische Erscheinung gewesen, und vielleicht erklärt sich daraus der cultur-historisch interessante Umstand, daß jenes Individuum in einem dem Trödlergeschäfte des unglücklichen Israel Keßler gegenüberliegenden Gasthause dem „Juden" stundenlang auflauern konnte, obgleich er laut und zornig seine feindselige Absicht geäußert hatte. Wenn die Zechgenossen dieses Elenden eine Ahnung davon gehabt hätten, daß er beabsichtigte, den Juden zu ermorden, so hätten sie ihn gewiß sofort verhaften lassen. Aber er beabsichtigte ja nur, dem Juden ein paar Ohrfeigen herunterzuhauen, und wegen eines so harmlosen Scherzes, der ja nur dazu beitragen kann, den „Einfluß der Juden im öffentlichen Leben zurückzudrängen", verlohnte es sich wirklich der Mühe nicht, den jüdischen Geschäftsmann vor dem ihm zugedachten Anschläge zu warnen. Das ist die durch den Verganismus erzeugte moderne Auffassung von Menschenpflicht in unserem wegen seiner Gemüthlichkeit berühmten Wien. * * * Wenn die Antisemiten bei Verbrechern mosaischer Confeffion mit gesperrten Lettern hervorheben, daß der Betreffende ein jüdischer Gauner war, so find sie andererseits viel discreter, wenn es sich um Menschen handelt, die durch Geist und Charakter hervorragten und sich im öffentlichen Leben allgemeine Ane: kennung erworben haben. Da feierte kürzlich in Deutschland die conservative Partei den hundertsten Geburtstag Julius S t a h l' s, des Begründers der conservativen Partei in Preußen. Die couservative Presse widmete dem Andenken Stahl's warme Worte und der Führer der conservativen Fraelion des H-rrenhauses, Freiherr v. Manteuffel, legte am Grabe Stahl's aus dem alten Matthäikirchhofe einen Lorbeerkranz mit schwarzweißer Schleife nieder, auf der folgende Widmung steht: „Ihrem unvergeßlichen Vorkämpfer und Führer Dr. Itabl die conservative Fraction des Herrenhauses. — 16. Januar 1802— 1902“. Die „Conservative Correspondevz", das offtcielle Parteiorgan, gedachte des Tages mit folgenden Worten: „Was Stahl in den schweren Stürmen des Jahres 1848 für unser Vaterland und die Monarchie gethan, i st unvergessen. Die conservative Partei aber hat besondere Veranlassung, das Andenken des hochbedeuten den Mannes zu ehren; denn er war der eigentliche Begründer der conservativen Partei, die er als einflußreiches Mitglied des Herrenhauses im Jahre 1849 als „Fraction Stahl" ins parlamentarische Leben rief. Noch beute sind die meisten der von ihrem Begründer aufgestellten Grundsätze für die conservative Partei maßgebend-, darum wird in ihr der Name Stahl zu allen Jetten in Glncti gehalte n, und seiner namentlich an der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages mit Dankbarkeit und mit dem Gelöbnis;, seine Lehren auch ferner hochzuhalten, gedacht werden." Nur eine Erinnerung schien den pieta'vollen Junkern unbequem zu sein. Wir fanden wenigstens in ihren Gedächtnißreden nirgends die Thatsache erwähnt, daß Stahl, der Begründer der conservativen Partei — ein Jude war. Ja, wenn er Banknoten gefälscht oder wenigstens eine kleine Nolhzucht begangen hätte, dann wäre er kein Verbrecher gewesen wie ein anderer, sondern ein jüdischer Fälscher, ein jüdischer Wüstling. Einer aber, dessen Andenken geehrt werden muß, der muß auch darauf verzichten, zum „Musterjuden" ernannt zu werden. i l 8 6 g r i m. Aus dem klassischen Lande antisemitischen Regimes. Dem sächsischen Landtage ist soeben ein Gesetzentwurf über die Zwangserziehung Minderjähriger zugegangen, in dessen Begründung es unter Anderem heißt: Die Verhältnisse drängen auf diesem Gebiete zu durchgreifenden Maßregeln. Die Klagen über Verrohung der Jugend mehren sich bedenklich. Infolge der wirthscbaftlichen und socialen Umgestaltung unserer Verhältnisse wird ein großer Theil der Heranwachsenden Jugend zeitiger als ehedem selbstständig, damit aber zugleich ungebundener und der Verführung zugänglicher. Haltlose Naturen ergeben sich zügellos dem Genuß und schrecken, wenn die Mittel dazu fehlen, vor Diebstahl, Betrug, Unterschlagung und, wie die jüngste Zeit wieder gelehrt hat, selbst vor Raub und Mord nicht zurück. Von Jugendlichen begangene Sachbeschädigung, Körperverletzung, Nöthrgung und Bedrohung sind nur zu häufig, und b e i öffentlichen Unruhen stellen halbwüchsige Burschen die frechsten Ruhe st örer, die gewaltthätigsten Angreifer. Bon der weiblichen Jugend verfällt aber leider ein nur zu großer Theil, kaum der Schule entwachsen, der gewerbsmäßigen Unzucht, ohne daß zur Zeit eine Handhabe gegeben wäre, sie dem unsittlichen Leben eher zu entziehen, als bis sie so weit gesunken sind, daß sie der correctivnellen Nachhaft überwiesen werden können. Hier muß der Staat mit vorbeugenden Maßregeln eingreifen, der Verwahrlosung schon in ihren Anfängen auf das Energische st e entgegentreten, die gefährdeten Jugendlichen aus ihrer verderblichen Umgebung herausreißen und gegen die ihnen innewohnenden schlimmen Neigungen aukämpfen, indem er sie einer geregelten, seelisch und körperlich auf sie einwirkenden Erziehung unterwirft. Houston Stewart Chamberlain behauptet, daß an der Straßburger Universität unter dreißig Professoren der philosophischen Facultät 16 Juden seien. Nun hat aber der Staatssecretär v. Köller in der Reichstagssitzung vom 11. d. M. bei Erörterung des Falles Spahn ausdrücklich erklärt, daß an der gesammten Universität von 72 Pcofefforen — 6 Juden seien! So elegant jonglirt der Vertreter des germanischen Culturideals mit Zahlen!

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