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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-31 · 5 (31.1.1902) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 66 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 5 man mit ihnen getrieben hatte, gebührend kennzeichneten. Aus die antisemitische Geschäftsmoral war das Wort gemünzt, das Herr T eltscher in jener Versammlung dm arischen „Machern" zuries: „Verdient es denn die Gemeinde Wien, daß man ihr ein blühendes Unternehmen gleichsam auf dem Präsentirteller eutgegenbringt?" Aber er predigte tauben Ohren. Die arischen Strohmänner der Deutschen-Bank, die Beamten der judeureinen Musterfirma Siemens u. Halske bekundeten ihre eigenen B griffe von kaufmännischer Ehre. Als der Actionär Marburg ausrief: Die Commune habe die Pflicht, sich selbst zu achten und die Moral aufrechtzuhalten, schrie ihm die antisemitische Strohmänner-Garde zu: „Die Moral st e h t nicht aus der Tageso r d n u n g". Das Wort muß man sich merken — es beleuchtet mit grellem Scheine die antisemitische Auffassung von geschäftlicher Anständigkeit. Noch heute reibt man es den Juden vor, daß ein lchon als Christ geborener Judenstämmliug in einem sensationellen Proceffe erklärte, mit Sittensprüchlein baue man keine Eisenbahnen. Herr Lueger hat von seinen „deutschen Brüderln" oder vielleicht auch diese von ihm seither viel gelernt. Die arisl.-antisemitische Geschäftspraxis verdichtet sich heute in dem Satze, daß man mit der Moral keine Straßenbahnen verstadtliche. Die Deutsche Bank hat sich Fetzen ins Gesicht schlagen lassen, und ihre Vertreter haben mit keiner Wimper gezuckt. In Deutschland hätte sie aus Grund des neuen Actiengesetzes der Staatsanwalt gepackt. In Oesterreich, wo sich die frommen Antisemiten nicht genug über bie_ sogenannte Taruopoler Moral entrüsten können, werden sie straflos ausgeheu und der ehrliche Doctor Lueger w:rd sich lachend die Hände reiben. In dem oben citirten Artikel der „Zeit" heißt es treffend: „Wenn man in einem Lande lebt, wo an und für sich die Rechtsbegriffe auf einer so tiefen Stufe stehen und wo überdies die Bekämpfung der C o rrup t i o n für Viele zu einem einträglicheren Geschäfte geworden ist, als für die anderen die Corruption s e l b st, so ist es kein Wunder, daß ernste Männer in den mißbrauchten und odios gewordenen Ruf nach dem Staatsanwalt nicht einstiiumen wollen." Ob der Stna'.sanwalt auch daun so passiv geblieben wäre, wenn die Millionen gut österreichischen Geldes nicht von racenrtineu Ariern sondern von Juden davongetragcn worden wären? Möglich, denn es gibt Eigenthumsdelicte, die vom Strafgesetz nicht erfaßt werden können und bei denen immer wieder das Sprichwort von den kleinen und großen Dieben recht behält. Aber Herr Lueger hätte dann in der Rolle des biederen Corruplivnstödters nicht übel posirtl Er wäre von Wirthshaus zu Wirthshaus gezogen und hätte Pech und Schwefel aus das Haupt der Sünder herabgerufen, und Herr Vergani hätte sich stolz in die Brust geworfen und entrüstet von den jüdischen Vampyren gesprochen, die dem christlichen Volke das Mark aus den Knochen saugen. Kaufmännische Ehre — die Deutsche Bank, die Firma Siemens u. Halske und die Commune Wien haben uns bewiesen, daß die Moralvorschriften des Talmud mit dem Denken und Empfinden der arischen Völker wirklich in Widerspruch stehen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (D erschreckliche Vergani aufdem Balle der Stadt Wien. — EineFragederSchicklichkeit. — Studentenelend und Antisemitismus. — Der Raubmord am Neubau. — Julius Stahl. Hoch über allen Parteien steht die höchste Person im Staate, zu der wir Alle mit Liebe und Ehrfurcht emporblick^n, und die Sonne seiner Gnade leuchet über alle Bürger ohne Unterschied der Nationalltät und der Conscssion. Das Erscheinen des Monarchen auf dem Balle der Stadt Wien wurde niemals als etwas Anderes aufgefaßt, als eine Auszeichnung für die Bürgerschaft der Metropole, und der Kaiser beehrte den Ball der Stadt Wien zu jener Zeit, als der Gemeinderath liberal war, wie derzeit, wo die Majorität dieser Bürgerschaft der christlichsocialen Partei angehört. Niemals wäre es irgend Jemandem eingefallen, die Anwesenheit Sr. Majestät als eine Sympathiekundgebung für den Liberalismus auszulegen. Emen Ernst Vergani blieb die unerhörte Tactlosigkeit Vorbehalten, den Besuch des Kaisers als eine Manifestation zu Gunsten der in Wien herrschenden Richtung zu deuten und aus dem Umstande, daß die Herren im Rathhause es für angemessen fanden, diesen Mann in die Reihen der Borzustellenden einzuschmuggeln, eine Reclame für sich herauszuschlagen. „Manche Rufer im Streite gegen des Judenthum" befanden sich unter den Allgesprochenen, sagt das Berganiblatt und es behauptet, die Judenpresse „knirscht natürlich vor Wuth über diese Vorgänge, aber sie wagt es ebenso selbstverständlich nicht, ihrem Zorn offen Ausdruck zu geben." „Deshalb schweigt sie, schweigt sogar über die schreckliche Thatsache, daß sich unter den dem Monarchen vorgestellten Personen diesmal auch ihr Todfeind Ernst Vergani befand." Wir knirschen nicht vor Wuth, aber wir schweigen auch nicht. Wir begnügen uns damit, zu sagen, daß es für die l-itenden Persönlichkeiten im Rathhause eine Pflicht des Anstandes und der Ehrerbietung gewesen wäre, bei der Zusammenstellung der Liste auf die Vergangenheit und auf den Charakter der vorzustellenden Personen sorgfältiger Bedacht zu nehmen. Die primitivsten Gebote des Tactes hätten es Herrn Dr. Lueger verbieten müssen, den Herrn Ernst Vergani, dessen persönliche Qualitäten und dessen Wirksamkeit wir bei diesem Anlasse nicht klarer kennzeichüen wollen, in eine Situation zu bringen, hinsichtlich deren schon der Commentar, mit welchem er sein Eclebniß nachträglich beleuchtet, den Beweis liefert, daß er ihrer unwürdig erscheint. „Daß aber der schreckliche Vcrgani, der Mann, der, soweit man auch seine Spuren zurückvee folgt, nie etwas Anderes war als Antisemit, und zwar ein Antisemit, der keinerlei Consessionen kennt, der mit unerbitterlicher Zähigkeit, seinem Programme getreu, den Kampf gegen das Judenthum auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ausgenommen hat und diesen Kampf mit zähester Consequenz fortführt, daß dieser verhaßte antisemitische Wauwau dem Kaiser persönlich vorgestellt, werden konnte und daß man dazu schweigen mußte, das hat die Söhne Israels in einen Zorn versetzt, der jeder Beschreibung jpottet." So steht es wörtlich im „Deutschen Bolksblatt" geschrieben. Vielleicht wird man gegenüber einem Vergani die Frage naiv finden, aber wir müssen sie doch stellen: Ist es schicklich, über eine Auszeichnung, die Einem durch die kaiserliche Gnade widerfahren, in solchem Tone und in solcher Tendenz zu schreiben? Wir glauben nicht, daß irgend ein Bürger, von welchem man sich solcher nachträglicher Aeußerungen und Auslegungen zu versehen hätte, jemals der in Rede stehenden Auszeichnung theilhastig werden könnte. Die Spuren des Herrn Vergani „in die Vergangenheit zurückzuverfolgen", finden wir bei diesem Anlasse nicht paffend; nur vermeinen wir, daß Herr Vergani klüger daran gethan hätte, jede Erinnerung an seine Vergangenheit zu vermeiden. * * * Hunderte von Studenten in Wien kämpfen mit Entbehrungen und in einer großen Versammlung besprachen sie ihre Nothlage. Wenn sie die „Deutsche Zeitung" gelesen hätten, brauchten sie nicht erst über die Mittel zu berathen, wie dem Studentenelend abzuhelfen sei. Es gibt ja für alle socialen Uebel ein wirksames Remedium, und das ist der Antisemitismus. Ein studentisches Arbeitsamt, von Ariern in arischem Sinne geleitet, Organisation der lectionirenden Studentenschaft gegen „mchtarische Elemente" — und allen armen Studenten ist geholfen, wenigstens den „arischen". Denn wie sagt die „Deutsche Zeitung?" „Neunzig unter hundertmal sind es Mische Eltern, welche aus der Norhlage eines Studenten einen Hofmeister ihrer Söhne erpressen, und neunzig unter hundertmal sind es jüdische Studenten, welche ein solches Angebot zum Schaden der Gesammtheit annehmen." Die antisemitische Katze kann man werfen, wie man will, sie fällt immer auf dieselben Füße. Notorisch ist, daß die meisten jüdischen Hochschüler fleißiger sind, als die meisten ihrer arischen College» in den deutschnationalen, antisemitischen und clericalen Burschenschaften, daß sie also der Unterstützung mindestens ebenso würdig sind wie diese. Auch haben sie wenigstens ein bescheidenes

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