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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Blvch's Wochenschrift. Sette 63 dis Fensterläden zu schließen, jedenfalls nicht mit einem Stock anszugehen, geschweige denn damit die Börse zu besuchen. Das Bürgermilitär, welches man an allen gefährdeten Stellen Wache halten ließ, gab seinem Unwillen, der Juden wegen die Arbeit versäumen zu müssen, darin einen Ausdruck, daß es selbst bei leichten Uebertretungen der den Juden von der Behörde ertheilten Vorschriften grausam einschritt. So wurde ein Schullehrer, der wie gewohnt am Sabbathmorgen in aller Frühe zur Andacht gehen wollte, von einem Posten mißhandelt. Eine Dienstmagd, welche die Schabbeskugel, das jüdische Ambrosia, vom Bäcker holte, wurde ausgezogen und bis in ihr Haus verhöhnt. Selbst Officiere zeigten sich von Vorurtheilen gegen die Juden befangen. Als die Truppen mit Steinen beworfen wurden und es hieß, die Juden hätten's gethan, so meldeten sie dies dem Senat, ohne sich von dem Sachverhalt zu überzeugen. Daß die Juden sich in solchem Schutze nicht sicher fühlten, ist ihnen nicht zu verübeln. Zudem hieß es allgemein, am nächsten Tage, am Sonntag, sollten alle arbeitsfreien Handwerksgesellen mit den Schiffern vereint gegen die Juden losziehen. So flüchteten sich diese noch am Abend durch das allein offen gelaffene Dammthor nach Altona oder über die Alster nach den benachbarten Dörfern, deren Schulzen sie sich befreundet wußten. Die Zurückgebliebenen suchten Schutz in ihren Wohnungen oder an ihren Andachtsstätten oder bei befreundeten christlichen Nachbarn. Die ganze Zeit über hatte sich der Senat, an seiner Spitze der Bürgermeister Sillem in eigener Person, um die Herstellung der Ordnung bemüht. Noch am späten Abend fährt der Bürgermeister nach der Elbstraße, um sich an Ort und Stelle' zu überzeugen, wer jene Steine auf das Militär werfe. Er durchsucht selbst das Haus eines Juden, den die Menge dessen verdächtigt, und überzeugt sich von der Haltlosigkeit dieses Vorwurfes. So vorbereitet, konnte man dem kommenden Tage ohne Sorgen und Bangen entgegensetzen. Der äußerst energische Commandant ließ spanische Reiter auspflanzen, so daß der Zugang zu den gefährdeten Straßen und Gassen von vornherein gesperrt war. An die Capitäne aller im Hafen liegenden Schiffe erging die Aufforderung, unverzüglich ihre Mannschaft an Bord zu beordern. Dieses wichtigsten Contingentes, der „Bootsleute", beraubt, verlief sich der Straßenpöbel und die alte Ordnung kehrte wieder. Aus einem Erlaß vom 13. September erfahren wir Näheres über die Anstifter des Tumultes und ihre Bestrafung. Darin heißt es: „Hinrich Stopelfeldt ist praestita urph6da (b. h. gegen das eidliche Versprechen, keine Wiedervergeltung üben zu wollen) seines Arrestes zu entschlagen, Jürgen Holst nebst ernstlicher Bedeutung, hinführo bey Vermeidung schwehrer Ahndung die Wache gebührend zu respectiren, mit einer Geldbuße von 10 Rhthlrn. zu bestrafen, Gerhard Schmidt, Frantz Joachim Kummick und Johann Husmann auf einige Tage nach der Roggen-Kiste bey Wasser und Brodt setzen zu lassen und demnechst praestita urpsteäa zu dimittiren, mit dem Juden Samuel Joseph aber nach Gutbefinden zu verfahren". In dem Letzteren dürfen wir vielleicht den Juden vermuthen, vor dessen Hause die Geschichte mit dem Milchtopf sich abgespielt, welch' letzterer der „Geserath Henkelpöttche", d. h. der mit jenem Henkeltöpschen in Verbindung stehenden Judenverfolgung, den Namen gegeben hat. Für die Befreiung aus der ihnen drohenden Gefahr dankten die Juden Gott in einem besonderen Gottesdienste in der „schönen" Synagoge zu Altona, wie ein Augenzeuge des Tumultes sie nennt. Ferner wurde aus diesem Anlasse ein Fasten gehalten. Hiervon heißt es in einer Proclamation der drei Gemeinden, welche am Sabbath darauf in den Synagogen zur Verlesung kam: „Demnach offenkundig und bekannt ist. welch' ein Tumult dieser Tage in unserer Gemeinde — Gott schütze sie! — gewesen, und wie Gott in seiner großen Barmherzigkeit und Gnade das Erbarmen einer hohen Regierung für uns wachgerufen. so daß sie uns mit aller Macht beschützt hat, also gehört es sich, day ^Jeder, der Gott fürchtet und sein Wort achtet, sich dies zu Herzen nehme und Gott danke und preise, daß er uns auf so wahrhaft wunderbare Weise errettet hat. Zu ihm lasset uns beten, er möge auch in Zukunft die hohe Regierung uns günstig stimmen! Zumal in den Bußtagen, die jetzt vor der Thür stehen, suchet den Herrn, da er sich finden läßt! (Jes. 55, 6). Jeder Einzelne soll sein Thun und Treiben prüfen und gründlich Buße thun; vielleicht erbarmt sich Gott unser. So hat denn die Gemeinde im Verein mit dem ehrwürdigen Herrn Oberrabbiner für gut befunden, auf den kommenden Freitag so Gott will einen Fasttag anzufttzen für das männliche Geschlecht vom 15., für das weibliche vom 14. Lebensjahre an. Wer aber das Fasten ablösen will, der soll, ist es ein einfacher Mann, für jede Seele 18 (bekanntlich 18 cb[a]j „lebend") Heller, ist es ein Reicher, das Doppelte zahlen, unv gibt einer mehr, so mehre ihm der Himmel das Seine!" u. s. w., u. s. w. Im folgenden Jahre wird zur Erinnerung an die Schreckenstage des August 1730 für das nächste Jahrzehnt der 13. Elul, der Tag, an welchem der Aufruhr damals seinen Höhepunkt erreicht hatte, zum Fasttag bestimmt. Nach dieser Zeit sollte es den Gemeindebehörden Vorbehalten bleiben, diese Bestimmung aufzuheben oder zu verlängern. Noch lange nachher hielt die dankbare Gemeinde in der Hamburger Synagoge (Iteinweg) an diesem Tag ein halbes Fasten, und heut noch wird am 13. Elul in der Klaus (Peterstraße) der Psalter recitirt. (Lchluß folgt.) Literatur. Münz Dr. P, prakt. Arzt in Nürnberg. Handbuch der Ernährung für Gesunde und Magenkranke. Mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Speisegesetze. Mainz 19ol. Wirth'sche Hofbuchdruckerei. Das vorliegende Buch darf in heutiger Zeit mit Recht den Anspruch auf Originalität erheben. Was wir durch den Eintritt der neuen Zeit und der mit ihr leider einhergehenden Lauheit in religiösen Fragen, zumal hinsichtlich der Beobachtung der rituellen Speisegesetzc für immer verdrängt geglaubt: die Bemühung, das Jahrtausende alte, biblische und talmudische Speisegesetz mit den Anforderungen der fortgeschrittenen medicinischen Wissenschaft und Praxis, der modernen Hygiene und Diätlchre in Einklang zu bringen, richtiger eine Uebereinstlmmung zwischen ihnen beiden als vorhanden zu erweisen, eine Bemühung, der wir hervorragende Werke unserer berühmten mittelalterlichen jüdischen Aerzte verdanken - sie feiert hier eine glänzende Wiederauferstehung. Doch nicht von diesem Gesichtspunkt allein betrachtet, verdient dieses Buch unsere Aufmerksamkeit und Beachtung, nicht als Bereicherung oder Erneuerung elner seit Langem ausgestorbenen Literaturgattung will es betrachtet und angesehen fein, nicht um literarischen Ruhm ist der Verfasser ausgezogen, nein, dieser Ruhm hätte den als Arzt sowie als Philanthrop vielbeschäftigten Verfasser wohl schwerlich zu der mühevollen Arbeit zu veranlassen vermocht. Vielmehr ist es das Leben, auf das er wirken und Einfluß nehmen will. Wie in seiner sonstigen Thätigkeit, so tritt er auch hier zunächst als edler Menschenfreund, sodann als der für die hohen Güter des Judenthums glühend begeisterte Jude uns gegenüber. Die erschreckend hohe Zahl von Magenkranken innerhalb unseres Stammes erregt sein mitfühlendes jüdisches Herz und er sinnt auf Maßnahmen, wie man der von hier aus drohenden Schwächung und Tcgenerirung Vorbeugen und, auf conservativem Boden stehend, selbst den weitestgehenden Forderungen moderner Hygiene und rationeller Diät gerecht werden könne. Er untersucht den durch chemische Analyse gewonnenen Nährwerth der einzelnen Speisen, bespricht die modernen therapeutischen Nahrungsersatzmittel, prüft sie auf ihren Nährwerth und ihre Verdaulichkeit, macht auf die rituelle Unzulässigkeit einzelner aufmerksam und gelangt hierbei zu dem für den gläubigen und frommen Juden freilich nicht überraschenden Resultat, daß man jene Präparate durch rituell znbereitete Speisen im Allgemeinen nicht nur ersetzen, sondern sogar theilweise übertrcffen könne, daß überhaupt das Religionsgesetz weit entfernt, die Gesundheit zu schwächen'oder den Kranken irgendwie zn gefährden, die größtmögliche Bürgschaft bietet für rationelle Behandlung und Pflege des Körpers, den .es in hohem Maße widerstandsfähig und gegen viele tückische Krankheiten immun macht. Ohne es zu beabsichtigen, ist das Buch eine Apologie, ja eine Apotheose des rituellen Speisegesetzes geworden, wie es auch anderseits sowohl dank der prächtigen, auch dem Laien leicht verständlichen, geradezu elastisch zu nennenden Darstellung, als auch dem tiefen ethischen Gehalt, der großen Erfahrung und dem ausgedehnten Wissen, auf das es sich stützt, das Niveau ähnlicher populär-wissenschaftlicher Schriften weit, weit überragt. Ter Leser wird es mit Entzücken lesen und die gewonnenen Kenntnisse zu seinem und seiner Nächsten Nutz und Frommen verwerthen. Schwedt a. O. Dr. I Holzer. „Ozar Hasisruth". Monatsschrift für hebräische Literatur uno Wissenschaft. Herausgeber: Eisig Gräber, Redacteur: Doctor M. M a r g e l. I. Heft. Krakau, Jänner 1902. Das unter Mitwirkung hervorragender jüdischer Schriftsteller und Gelehrter von Herrn Gräber redigirte Jahrbuch „Ozar Hasifruth" wird nunmehr unter der Redacliou des Herrn Dr. M. Margel als Monatsschrift herausgegeben. Weder die Aenderung der Herausgabe, noch der Umstand, daß der redaktionelle Theil in andere berufenere Hände überging, hatten die Nothwendigkeit zur Folge gehabt, daß Name und Tendenz des „Ozar" geändert werde. Der „Ozar" wird fürderhin all die mannigfaltigen literarischen Erzeugnisse der

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