Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 58 Dr Dloch's Wochenschrift. Nr. 4 ersten Chanuka-Abende versammelte sich nämlich fast die ganze Gemeinde mit dem Borstande an der Spitze, so wie die Schuljugend im hell erleuchteten Gotteshause. Nach dem Minchagebete wurde vom Obercantor das erste Lichtlein angezündet und die Benedictionen, sowie das Haneros halolu unter Chor- und Orgelbegleitung wirkungsvoll vorgetragen, worauf Se. Ehrwürden Oberrabbiner Herr Dr. Ernst die Kanzel bestieg und in schwungvoller, begeisternder Rede, in der er sich besonders an die Jugend wandte, zum Festhalten an und Ausharren bei der Fahne des Judenthums aufforderte. Nach dem Maariv-Gebete wurden alsdann im kleinen, sogenannten Wintertempel 20 arme Kinder mit Schuhen und warmen Winterkleidern beschenkt. Es war eine erhebende Chanuka-Feier, von der wir wünschten, daß sie sich fortan in jedem Jahre wiederhole. Herr v. Gerlach über die gutgekleideten Antisemiten. In der von dem Pastor Friedrich Naumann herausgegebenen nationalsocialen Wochenschrift „Die Zeit" veröffentlicht H. v. Gerlach einen Artikel „Die Bestie", in dem er den Grasen Pückler-Kleintschirne als ein Mischerzeugniß von religiösem Fanatismus und von aufregender Lectüre erscheinen läßt, den vielleicht auch unliebsame persönliche Erfahrungen dazu veranlaßt haben, in der bekannten Weise aufzutreten. Für einen Redner im volksthümlichen Sinne hält ihn Herr v. Gerlach keineswegs. „Pückler leierte vielmehr eine wörtlich auswendig gelernte Rede fast ausdruckslos herunter." Groß ist der genannte Graf nach der Charakteristik, die Herr v. Gerlach von ihm entwirft, nur im Schimpfen. Graf Pückler „improvisirt nie, er recitirt", so versichert Herr v. Gerlach, und er fügt hinzu: „der Graf faßt keinen Juden am Kragen, er läßt keiuen jüdischen Aasgeier fliegen, er vergießt keinen Tropfen jüdischen Bluls, ohne sich tagelang vorher auf diese feierlichen Acte vorbereitet zu haben". In der Verquickung religiöser Momente mit seinem wilden Judenhaß liegt nach der Versicherung des Herrn v. Gerlach für den nüchternen Zuhörer etwas „Blasphemisches". „Aber die Masse der voreingenommenen Zuhörer", so fährt er in seiner Erörterung fort, „wird gerade durch die Zusammenschweißung von Judenhaß und religiöser Inbrunst fanatisirt". „Deshalb irren sich die Herren Polizeilieutenants, wenn sie vor Gericht aussagen, daß die Versammelten die Ausführungen durchwegs nicht ernst nehmen." Herr v. Gerlach ist vielmehr auf Grund seiner außerordentlich zahlreichen, in Volksversammlungen gewonnenen Beobachtungen der Ansicht, daß der — „idealistische" Graf in seinen Hörern nur die niedersten Triebe auslöst. Der Verfasser schließt seinen Aufsatz mit folgenden Worten: „Ich habe mehr als 1000 Versammlungen mitgemacht. Aber nie habe ich so den Eindruck der menschlichen Bestialität erhalten wie in diesem Kreise der gutgekleideten Antisemiten Berlins." Herr v. Gerlach hat dem Antisemitismus nahe genug gestanden, um ihn zu kennen. Breslau. Das 60jährige Lehrerjubiläum des Dirigenten der Hebräischen Unterrichts an statt in Breslau, Herrn Rabbiner Dr. P. Neustadt bot seinen Schülern und Freunden willkommene Gelegenheit, ihm Zeichen ihrer Verehrung zu spenden; aber auch Behörden, Corporationen und Verbände wetteiferten, um ihre Glückwünsche zu einen» so seltenen Jubelfeste zum Ausdruck zu bringen, so der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in Berlin, die „Freie Vereinigung für die Ingressen des orthodoxen Judenthums" in Frankfurt a. M., der Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche, der schles.-pos. Lehrerverein, der Großherzogl. Mecklenburgische Oberrath, unter dem der Jubilar seine erste Prüfung abgelegt und ins Amt eingefübrt worden. Im Aufträge der Stadtschuldeputation überbrachte Herr Rector Speck die Glückwünsche der Schulbehörden für den Jubilar und die Anstalt, während Stadtschulrath Dr. Pfundtner und Stadtschulinspector Dr. Handlos noch besonders schriftlich bezw. telegraphisch gratulirten. Der Vorstand und die Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde ließen durch den Gemeinde-Repräsentanten Th. Oschinsky eine Jubiläumsgabe von 1000 Mark überreichen. Rabbiner Dr. Rosenthal richtete namens eines Comites an den Jubilar eine herzliche Ansprache und theilte mit, daß die Sammlungen desselben für einen Jubelfond noch nicht abgeschloffen seien, so daß der Fond erst später überreicht werden könne. Zrhllose Glück vünsche, Depeschen, Blumenspenden, Geschenke, auch poetische Widmungen liefen ein. u. A. auch von dem Vorsitzenden der Breslauer Dichterschule, Herrn Karl Biberfeld, einem ehemaligen Schüler des Jubelgreises. Darmstadt. In der „Zeitschrift für Bücherfreunde" bespricht Oberbibliothekar Dr. Adolf Schmidt in Darmstadt einige „interessante Bucheinbände der großherzoglichen Hofbibliothek in Darrnstadt", von denen einer dadurch ein höheres Interesse beansprucht, daß er ein überaus werthvolles hebräisches Manuskript einschließt. Es »st dies eine durch bildlichen Schmuck ausgezeichnete Pesach-Hagada, der ein höheres Alter zugeschrieben werden muß, als den wenigen bisher bekannten Hagadas gleicher Art. Eine große Anzahl farbenreicher Initialen und Randleisten mit Ornamenten, Menschen- und Thiergestalten, schmücken den Text. Dazu kommen die Bilder aus dem jüdischen Leben. Auf den beiden letzten Blättern stellen zwei große Miniaturen eine Hirschjagd und einen Jungbrunnen dar. Dieses Bad dürfte die älteste Darstellung des bei mittelalterlichen Dichtern und Schriftstellern oft erwähnten Jungbrunnen sein. Ein thurmartiger Aufbau mit offenen Seiten schließt das Bild ein, dem zwei Wasserspeier mit Thierköpfen das Wasser zusühren. Während Männer und Weiber in dem Bade herumplätschern, naht ein Krüppel mit der Krücke dem Thore, an dem ein Pförtner mit dem Stabe Wache hält. Alle dargestellten Gegenstände sind von hohem kulturgeschichtlichen Werthe, so daß eine genaue Untersuchung der Bilder durch einen jüdischen Archäologen sich wohl lohnen würde. Wie es scheint, gehört diese Hagada zu den Büchern, die im Jahre 1391 den Juden entrissen worden sind. Auf welche Weise sie in die Darmstädter Hofbibliothek gekommen ist, hat sich nicht ermitteln lassen. München. (Aus dem b a i e ri s ch e n R e i ch s r at h.) Die baierische Kammer der Reichsräthe hat die einfache Tagesordnung, die ihr Finanzausschuß gegenüber dem Beschluß der Abgeordnetenkammer (Israeliten »nöglichst nur im Verhältniß der israelitischen Bevölkerung zur Gesammtbevölkerung in der Justizverwaltung aufzunehmen) empfohlen hatte, nicht gutgeheißen. Sie bat vielmehr der Motivirung, daß die Anstellung der Richter ein Recht der Krone bilde, die Hinzufügung gemacht: „Sowie im Hinblick auf die von der Staatsregierung am 29. November 1901 in der Kammer der Abgeordneten abgegebene Erklärung". — Diese Erklärung besagte, daß der Justizminister der Stimmung der Bevölkerung Rechnung tragen wolle. Damit ist dieses „Rechnung tragen" gegenüber einer Forderung der Ungerechtigkeit auch von der baierischen Kammer der Reichsräthe gebilligt. Hamburg. Der Pfarrer Krösell-Kloxin hat auch hier einen Pyrrhus-Sieg erfochten, indem er gegen den freisinnigen Versicherungsinspector Christian Timme eine Privatklage wegen Beleidigung erhoben hatte. Timme schrieb, nachdem er die berüchtigten Thesen des pommrrschen Pfarrers in Sachen der Blutlüge gelesen hatte, an Pfarrer Krösell eine offene Postkarte folgenden Inhalts: „Ich halte Sie für den größten Schuft und nicht würdig, die Kanzel einer Christengemeinde zu betreten, so lange Sie nicht den Beweis der Wahrheit antreten über das, was Sie gegen die Juden geschrieben haben." Die Karte unterschrieb Timme mit seiner vollen Adresse. Pfarrer Krösell machte der Staatsanwaltschaft Anzüge, aber diese lehnte den Antrag auf Echebung einer Anklage gegen Timme ab. Nun erhob Krösell Pcivatklage. Der Vertreter des Klägers, Rechtsanwalt Doctor Schwartze, beantragte eine erhebliche Gcfängnißstrafe, während der Vertheidiger für Zuerkennung, einer geringen Geldstrafe eintrat. Das Gericht verurtheilte den Beklagten zu 30 Mark Geldstrafe oder drei Tagen Gesäugniß. In den Entscheidungsgründen erklärte der Gerichtshof: Die Beleidigung sei zwar eine sehr schwere, aber in subjektiver Beziehung stehe dem Angeklagten, der offensichtlich von sehr impulsiver Natur sei, viel Milderndes zur Seite. Er habe sich zweifellos durch die Thesen des Pfarrers schwer gereizt gefühlt. Und dabei ist der Beklagte selbstverständlich kein Jude. Heidelberg. Hierselbst feierte am 25. December der Sanskritsorscher Salomo» Lefmann, Professor an der sffuprecht- Karls-Universität, seinen siebzigsten Geburtstag. Lefmann, zu Telgte in Westfalen geboren, war zuerst Volksschullehrvr und machte dann unter schwierigen äußeren Verhältnissen seine philosophischen, philologischen und sprachwissenschaftlichen Studien. Zum Abschluffe brachte er sie in Berlin, wo er 1864 mit einer Abhandlung über Aristoteles' Grundsätze über Erziehung zum Doctor promovirte. Die Zeit nach der Promotion verwandte Lefmann auf die Vorbereitung für die akademische .Laufbahn. Ende der Sechziger-Jahre erwirkte er seine Zulassung als Privatdocent bei der philosophischen Facultät der Universität Heidelberg. Dort fand er eine dauernde, ergiebige Stätte für seine