Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift, Seite 57 den 26. d. M. nach den Zeilen des alldeutschen Organes in Karlsbad stattfinden soll, sondern ein großes „antisemitisches Hetzfest^, in welchem die Bevölkerung ihre Antipathie gegen das Judenthum zum Ausdrucke bringen soll. Diese Absicht geht aus der betreffenden Notiz hervor, wenn schon einmal so weit gegangen wird, dann möge die in den letzten Tagen so sattsam erwiesene alldeutsche Treue einen weiteren Trumpf ausspielen und vor allen Zugängen zum internationalen Curort Karlsbad große Tafeln mit der Aufschrift errichten: „Hier ist den „Fremden" der Eintritt verboten, da sie der Karlsbader Gemüthlichkeit und dem heimischen deutschen Karlsbaderthum im Wege stehen". Ein hier wellender „Fremder". Budapest. Am 6. Jänner begann hier die Conferenz der orthodoxen israelitischen Durchführungscommission. Es nahmen an derselben theil: Die Rabbiner aus Nagyvärad (Großwardein), BeregßLß, Hußt, Kereßt, Nagymärton (Mattersdorf), Surärry, KismLrton (Eisenstadt) und Budapest und einige Gemeinde-Vorsteher. Zweck der Conferenz: Ausarbeitung eines Memorandums an das Cultusministerium, um das von dem IV. Neologen-Gemeinde-Districte an derselben Stelle einzureichende Memorandum, die Schaffung einer einheitlichen Organisation bezweckend, zu paralysiren. Budapest. (Das Elend der Juden in Galizien.) Das Elend eines Theiles unserer Glaubensbrüder in Galizien ist unstreitig herzzerreißend und geeignet, das Mitgefühl aller bessersituirten Glaubensgenossen zu erwecken. Wer wird es wagen, gegen die Unterstützung der unendlich bedauernswerthen Rumänen schreiben zu wollen, wer aber andererseits kann leugnen, daß das Rettungswerk in Galizien nimmermehr darunter leiden darf?! Die elementare Wucht der Ereignisse in Rumänien hat gerade in den Kreisen, welche sich um die Förderung unserer östlichen Stammesgenossen bemühen, eine große Verwirrung hervorgerufen. Zum ersten Male tritt die verhängnißvolle Frage auf: Rumänien oder Galizien? Zum ersten Male werden die rumänischen und die galizischen Juden antagonistisch einander gegenübergestellt, als ob nur das eine oder das andere Land den Beistand der westlichen Juden verdiene und auch nur erhalten könne. Da sagen die Einen: Unsere Fürsorge kann nur Galizien gelten, hier kann besser und leichter eingegriffen werden, auch ist die rumänische Roth, so tragisch sie ist, doch nur eine augenblickliche, und schon wegen der geringeren Anzahl von Menschen, die sie betrifft, nicht mit der galizischen Kalamität zu. vergleichen. Die Anderen hingegen erklären es geradezu für einen Frevel, im Augenblick der höchsten Roth in Rumänien überhaupt Galiziens zu erwähnen. Ich halte beide Standpunkte für einseitig und gefährlich. Es gibt hier keinen Gegensatz. Man darf hier keinen solchen künstlich schaffen. Nur in anderer Form tritt uns der Judenhaß, die Judennoth in den beiden Ländern entgegen; wie es heute in Rumänien hergeht, so kann es morgen in Galizien sein und so wird es voraussichtlich werden, wenn nicht dort vorher gründliche Aenderung erzielt wird. Darum darf die galizische Hilfsaction nicht zurückgestellt werden, sonst werden wir uns als Mitschuldige zu fühlen haben, wenn dort über kurz oder lang dieselbe plan- und systemlose Massenauswanderung beginnen wird, wie sie in Rumänien stattfand. Durch bloßes Almosengeben wäre unseren nothleidenden Glaubensbrüdern in Galizien nicht viel geholfen, es erniedrigt den Empfänger, es verhärtet und erniedrigt den Geber und es hält den wirthschaftlichen Fortschritt immer wieder zurück. **£V, Um eine radicale Abhilfe leisten zu können, müßte ein Comitö gebildet werden, dessen Aufgabe es sein muß, ein Circular aufzusetzen, dem ein Sammelbogen beizulegen ist; dieses Circular sammt Sammelbogen soll an alle Cultusvorstände der Großgemeinden Europas verschickt werden, die Großgemeinden hingegen sollen verhalten werden, dieses Circular auch an die kleinen Gemeinden zu verschicken, und ich will der angenehmen Hoffnung Raum aeben, daß kein Mitglied unseres wohlthätigen Judenthums sich au§schließen wird, sein Scherflein dazu beizutragen, um unseren hartbedrängten Glaubensbrüdern zu helfen. Die eingesammelten Gelder, welche als Anlagecapital zu dienen haben,, mögen an das zu bildende Comite geleitet werden. Aus diesem Anlagecapital sollen Colonien in Galizien'angekauft und die dort nothleidenden Juden der Bodencultur zugeführt werden. Die erste Colonie wird, nachdem sie das Anlagecapital zurückgezahlt hat, aus eigenstem Interesse an ihrer Erweiterung arbeiten; auf diese Weise wird allmälig ein großer Theil der Judenheit der Urproduction wieder zugeführt werden. Ein mäßiges Capital auf die Ansiedlung einer größeren Anzahl von Familien in Galizien verwandt, wird der Quell unendlichen Segens sein. Es bedarf hier nur des ersten Anstoßes, um die Idee der Ueberführung der Judenheit zur Bodencultur in die Praxis zu übertragen. Hoffen wir, daß das sociale Berständniß für seine Richtigkeit um sich greife und daß ein umfassendes Hilfswerk zu Stande komme, den Plan zur Ausführung zu bringen. Budapest, den 19. Jänner 1902. Hochachtungsvoll Sigmund Läufer. Nachschrift der Redaction. Unseres Erachtens ist es vor Allem nothwendig, den neugegründeten Hilfsverein für Galizien. Wien I., Tuchlauben 10, welcher das gesammte Hilfswerk in großem Maßstabe und Umfange übernommen, zu unterstützen und in seinen Actionen zu fördern. Krosno (Westgalizien). Die Sicherheitszustände beginnen hierzulande wieder so kritisch zu werden, wie vor den Unruhen im Jahre 1898. Am Donnerstag den 26. December a. p. wurde ein Wiener Spediteur, Namens Sische Nagel, der eine Depesche nach Wien aufgegeben hatte und in seinem offenen Wagen zur Bahn fuhr, durch einen wohlgezielten schweren Stein, welcher meuchlings über die Kirchhofsmauer geschleudert wurde, getödtet. Das geschah am helllichten Tage in Anwesenheit einer großen Menschenmenge, welche gerade die Kirche verließ. Vorläufig fehlt j de Spur von den Mördern. Der Erschlagene dinterläßt eine Witwe mit sechs unmündigen Kindern. — Einem Einwohner aus dem benachbarten Städtchen Rymanow, der auf der Landstraße d 'n Weg nach Krosno nahm, wurde vorige Woche von polnischen Bauern ein Ohr abgeschuitten. Vnlleicht als Beitrag zum Wreschenfonds? — In Sawiszo, Bezirk Sokal, wurde am 25. v. M. der Gastwirth Moses Deutscher, dessen Frau Chase und ein neunjähriges Kind getödtet, wobei der Mutter die Hände abgehauen und dem Mädchen der Bauch aufgeschlitzt wurde. Bon den Raubmördern keine Spur! — In Alwernia bei Chrzanow kamen vor 14 Tagen einige Bauern in die Dorfschänke, nachdem sie früher in einem Nachbardorfe gezecht und den Schänker bedroht und geschworen hatten, sie müßten noch heute einen Juden tödten. Der jüdische Wirth von Alwernia, ein 73jähriger Mann, aber sehr rüstig und sein Sohn verabreichten den Bauern den verlangten Schnaps, und als sie Bezahlung forderten, erhielt der Alte einen Stich in den Hals, der ihn sofort tödtete. Inzwischen war ein Gendarm, den der Schänker im Nachbardorfe aufmerksam gemacht hatte, herbeigeeilt, aber zu spät gekommen, um den Mord zu verhüten. Aus Lemberg berichtet man noch: In der Ortschaft Zawisznia bei Sokal sind der dortige Gasthausbesitzer, dessen Frau und deren zwölfjährige Tochter durch Beilhiebe und Messerstiche in bestialischer Weise ermordet und sodann beraubt worden. Der Gastwirth lag, als Nachbarsleute seine Wohnung betraten, mit zerschmetterter Schädeldecke und zahlreichen schweren Wunden in einer Blutlache; da er noch am Leben war, wurde eine Gerichtscommission Herbeigerusen, vor welcher er drei wohlhabende Grundbesitzer des Octes. darunter auch den Stellvertreter des Dorfschulzen, als die Raubmörder bezeichnete. Kurz darauf erlag der Gastwirth seinen Verletzungen. Die Gendarmerie nahm bei den drei des Raubmordes bezichtigten LTttsinsassen eine Hausdurchsuchung vor und fand die mit Blut getränkten Mordwerkzeuge und einen Theil der geraubten Baarschaft. Die Unholde wurden dem vokaler Gericht gefesselt eingeliefert. Warasdin. Die im vorigen Monate vorgenommene Neuwahl des Vorstandes der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde gestaltete sich so lebhaft, wie noch nie zuvor. Zwei Parteien standen sich schroff gegenüber und auf beiden Seiten wurde kräftig agitirt und Stimmung gemacht. Die Verdienste des abgetretenen Vorstandes um unsere Gemeinde und ihre Institutionen sind jedoch so allgemein anerkannt, daß derselbe mit einer erdrückenden Majorität wiedergewählt wurde und nur wenige unwesentliche Veränderungen in seiner Zusammensetzung aufweist. Die Agitation selbst aber, welche der Wahl vorausging, ist ein bemerkenswerthes Zeichen des lebendigen Jntereffes, das sich in unserer Gemeinde für jüdische Angelegenheiten kundgibt. Ein weiteres Zeichen hiefüc bildet auch die schöne Chanukafeier, welche auf Anregung eines Mitgliedes des wiedergewählten Vorstandes Heuer zum erstenmale im Tempel abgehalten wurde. Am