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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 56 . Zr. VlvÄr's WochenMirttr. Nr 4 Jacob Kohn im 54. Lebensjahre. In männlicher Vollkraft wurde er seiner Familie, seinen zahlreichen Freunden und seinem herrlichen Berufe entrissen. Nicht auf lautem Markt werden die Verdienste und die seltenen Charaktereigenschaften Dr. Jacob Kohn's gepriesen. Er war kein Mann der Oeffentlichkeit, er geizte nicht nach äußeren Ehren und Würden. Aber der österreichische Richterstand zahlte ihn zu seinen Zierden und das Judenthum beweint in ihm einen seiner treuesten und hingebendsten Söhne. Richter und Jude — diese beiden in Oesterreich fast immer noch incompatiblen Begriffe kennzeichnen das innerste Wesen des Verstorbenen. Mit eisernem Fleiße, mit unbestechlichem Rechtssinne, mit glänzenden Fachkenntnissen oblag er den erhabenen Pflichten seines Amtes, und in diesem Wirkungskreise hat erdurch seine schlichte Persönlichkeit allein für die siegreiche Widerlegung gegnerischer Verleumdungen mehr gethan als Tausend Andere, die auf offener Wahlstatt den Kampf führten. Denn 'wie er sein Lebenswerk erfüllte, geachtet von seinen Vorgesetzten, geehrt von seinen Collegen, ein Muster persönlicher und beruflicher Rechtlichkeit, war er ein lebendiges Zeuguiß für die Unwahrheit der Behauptung, daß den Juden aus diesen und jenen von der Bosheit ersonnenen Gründen die heiligen Hallen der Themis verschlossen bleiben müßten. Er war der erste juridische Rathssecretär und der erste jüdische Landesgerichtsrath in Oesterreich, er stand lange Zeit dem Bezirksgerichte Innere Stadt I vor und führte in den letzten Jahren wichtige Referate im. Laudesgericht für Civilsachen und den Vorsitz in mehreren bedeutenden Processen, und überall galt er als das Vorbild eines ausgezeichneten humanen aber auch streng objectiven Richters. Was wir aber an dem edlen Todten noch viel, viel höher veranschlagen müssen, ist der Mannesmuth und die Ehrlichkeit, womit er sich jederzeit und überall nicht nur offen zu seinem Glauben bekannte, sondern die Pflichten dieses Glaubens auch ohne Rücksicht auf feindselige Strömungen bethätigte. Sein Beruf war ihm kein Hiuderniß, ein frommer Jude zu sein und zu bleiben, wohl aber hat er durch die ehrenvolle Ausübung dieses Berufes das Judenthum selbst geehrt. In seiner Brust wohnte ein nüldes, von warmer Menschenliebe überströmendes Herz, das in tiefem Erbarmen alle Leiden und Verfolgungen feiner Glaubensgenossen mitempfand. Ein Ausfluß seines festgewurzelten Rechtsgefühles war es, daß er in einem Augenblicke, wo alle politischen Parteien, auch die angeblich freisinnigen, die Gefolgschaft der Juden von sich abzustoßeu begannen, freudig mithalf an der Schaffung des ersten jüdisch-politischen Vereines. Er war einer der Gründer der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" und im Vereine mit dem Herausgeber dieses Blattes hat er den Organisationsentwurf und die Statuten dieser heute so mächtigen und so segensreich wirkenden jüdischen Vereinigung ausgearbeitet. Vierzehn Jahre stand er als Vicepräsident an der Spitze der „Union" und hat als solcher an all' ihren Schöpfungen, au all' ihren Anregungen und Leistungen hervorragenden Antheil genommen. Das war in der Stellung, die Dr. Jacob Kehn als Richter bekleidete, eine tapfere Thal, zu der sich nicht leicht ein Anderer aufgeschwungen hätte. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat ihm unendlich Vieles zu danken. Schon die Thatsache allein, daß ein hochgeschätztes Mitglied des Richterstandes an ihrer Spitze stand, schützte sie vor der üblichen Verleumdung, daß sie Zwecke verfolge, die mit den Staatsgesetzen, mit den Grundsätzen der öffentlichen Moral und mit den Interessen der bürgerlichen Gemeinschaft nicht im Einklang stünden. Sein maßvoller, besonnener Geist bewahrte die Leitung der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" in einer Zeit heißen Kampfes und leidenschaftlicher Erbitterung vor der Gefahr, sich zu extremen Schritten Hinreißen zu lassen. Er war ein temperirendes, aber bei alledem kein hemmendes Element, wo es galt, gegen eine Welt in Waffen die Ehre und die Rechte der österreichischen Judenschaft zu verfechten. Mit inniger Freude begrüßte und förderte er vor fünf Jahren den Plan der Begründung eines Rechtsschutzbureaus, in dessen Führung er sich mit hingebungsvollem Eifer mit seinen Collegen im Präsidium theiltss. Als er vor Jahresfrist aus der Leitung der „Union" schied, ehrte ihn die Generalversammlung durch die einstimmig erfolgte Ernennung zum Ehrenmitgliede. Aber auch in letzter Zeit nahm er noch an der Wirksamkeit und den Erfolgen dieses Vereines, der ihm wahrhaft ans Herz gewachsen war, dem lebhaftesten Antheil, und sein Tod wird vom Vorstande und allen Mitgliedern der „Union" als ein unwiederbringlicher Verlust empfunden werden. Nun ist er dahingegangen, wo es keinen Kampf und keine Vorurtheile mehr gibt In unseren Herzen aber bleibt sein leuchtendes Andenken zurück, das Andenken eines wahrhaft guten, treuen und gerechten Menschen, der die ganze Menschheit in Liebe umfaßte. Wir werden nimmer sein vergessen — Friede seiner Asche! 8. F. Professor Dr. Wilhelm Bacher aus Budapest hielt am 8. Jänner Abends in der Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums einen Vortrag über „das alljüdische Schulwesen", ein Thema, das schon vielfach, u. A. von Dr. Bloch, Dr. Neustadt (Breslau). Dr. Marcus. Dr. Löb (Emden) bearbeitet worden ist. Der Redner charakterisirte zuerst den Gegensatz zwischen jüdischer und griechisch-römischer Cultur und legte sodann den Unterschied zwischen Synagoge und Lehrhaus dar. In diesen beiden Schöpfungen der jüdischen Cultur habe das jüdische Volk, als es seiner staatlichen Selbstständigkeit beraubt war, eine neue Dasei nsthätigkeit gefunden. Dr. Bacher schilderte sodann den Zustand, die Lehrziele und die Ergebnisse der jüdischen Schulen zur Zeit des zweiten Tempels, indem er von den historischen Anschauungen über den Ursprung des Jugendunterrichtes beim jüdischen Volke überhaupt ausging und im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen bemerkenswerthe Details vorbrachte, die in das Lehren und Lernen in den Schulen, welche die sittliche Vervollkommnung des jüdischen Volkes zum Hauptziele hatten, einen klaren Einblick gewährten. Zum Schluffe seines höchst interessanten Vortrages widmete Professor Dr. Bacher der verdienstvollen Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums überaus warme Worte der Anerkennung. Der Vortragende erntete großen Beifall. Karlsbad. Das deutsch-freisinnige „KarlsbaderTagblatt" erhält folgende Zuschrift: Wer über das Stadium der Verhandlungen zwischen der hiesigen deutschfortschrittlichen und alldeutschen Partei im Laufenden erhalten bleiben will, braucht nur das hiesige Organ der alldeutschen Partei zur Hand zu nehmen und in den Localnachrichten zu suchen, wie der „Judenpunkt" steht. Sowie das Thermometer bei schönem Wetter steigt und bei schlechtem Wetter fällt, so vermindern sich die spitzigen Redensarten gegen die hiesigen Israeliten, sobald die alldeutsche Partei ein wenig mehr Aussicht hat, mit ihren Forderungen durchzudringen; sobald aber die Aussichten ungünstiger sind, kann man dies sofort aus den verletzenden Bemerkungen des genannten Blattes ersehen. Am 14. Jänner 1902 brachte das alldeutsche „Karlsbader Badeblatt" unter der Ueberschrift: „Für den großen Faschingszug" eine Notiz, in welcher es heißt: „damals herrschte noch die alte Karlsbader Gemüthlichkeit vor; da fanden sich die Karlsbader noch zusammen und hielten etwas auf echtes heimisches deutsches Karlsbaderthum. Dasselbe ging aber im Laufe der Jahre dank des fremden Einflusses verloren, und es soll uns herzlich freuen, wenn es den Bundesortsgruppen gelingt, dieses alte Karlsbaderthum wieder lebendig zu machen." — W?r mit diesen „Fremden" gemeint ist, läßt sich an den Fingern abzählen. Wenn der Schreiber von dem „Verlorengehkn der alten Karlsbader Gemüthlichkeit" und des „echten, heimischen deutschen Karlsbaderthums" spricht, dann hat er den Nagel auf den Kopf getroffen; allein nicht die sogenannten „Fremden" oder richtiger gesagt „Juden" sind es, die die Karlsbader Gemüthlichkeit und das Karlsbaderthum vernichtet haben, sondern jene „streberischen Hetzbrüder" von der Classe des Schreibers jener Notiz sind es, welche die Karlsbader Gemüthlichkeit und das gemüthliche Karlsbaderthum zerstört haben, und sie tragen die Schuld, daß gegenwärtig in den Hauptstädten Europas Listen mit vielen Hunderten Unterschriften circuliren, mit welchen bezweckt wird, Karlsbad in den nächsten Jahren zu boycottiren. Nicht ein großer Faschingszug ist es daher, welcher Sonntag

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