Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 55 „Da das synodische Mondjahr, nach welchem wir unsere Festtage genau bestimmen, um 11 Tage weniger als das Sonnenjahr zählt, und da die Schaltjahre nach der Ankunft des „Messias", den wir täglich erwarten, nicht mehr stattfinden werden, weil die beiden Lichter' (Sonne und Mond) gleich groß und das Mond- und Sonnenjahr ausgeglichen fein werden, daher ist es unsere Pflicht, indem wir durch unsere Verirrungen die Ankunft des Messias verzögern, während der Schaltjahre durch Fasten und Bubgebete uns mit dem Schöpfer der Lichter auszusöhnen." (ZeveloN 306, S. 2.) Eigentlich hätte man blas im Schalt- oder Jbburmonate (^.clar scheni) fasten sollen, es wurde jedoch bestimmt, (Ateret sekenim 568) an den bereits erwähnten Tagen, von dem Wochenabschnitte Schemot angefangen bis Mischpatim (im Zeiträume von 40 Tagen) zu fasten, weil diese 40 Tage die geeignetsten sind, für unsere Verirrungen Sühne zu erlangen. Später änderte man die in Rede stehenden Fasttage dahin, daß man sie auf noch 2 darauffolgende Wochen ausdehnte, und zwar aus Gründen, welche im „Seheloh“ klar und deutlich enthalten sind. Wien-Josef st ad t, 6. Jänner 1902. Dr. Adolf Hahn, Rabbiner. „Babel und Bibel". Den Zusammenhang zwischen diesen Worten legte Herr Professor Dr. Delitzsch in einem so benannten Vortrage dar, zu welchem die „Orientalische Gesellschaft" zu Berlin einen großen erlesenen Interessentenkreis nach der Singakademie geladen hatte, in deren Königsloge auch der Kaiser mit einigem Gefolge von Prinzen und Herren des Hofes den Ausführungen des Redners folgte. Die Deutung der beiden Worte läßt sich kurz so zusammenfassen: Babel wird uns zum Interpreten und Illustrator der Bibel. Bis von 50) Jahren vor Christus aufwärts war uns früher die Bibel die einzige Quelle der babylonischen und assyrischen Geschichte. Sie bot uns noch eine Fülle von dunklen Stellen und Räthseln. Nun ist — so sagte der Redner - - aus dem Osten ein frischer, belebender Wind gekommen, und das ehrwürdige Buch wird in helleres Licht gebracht durch die zahlreichen, .in Museen befindlichen Ausgrabungsobjecte aus der Thalebene zwischen Euphrat und Tigris, besonders aus den Ruinenstätten von Babylon und Ninive. Leider läßt sich die Fülle von Einzelheiten, welche in dem fesselnden Vortrag zu Tage gefördert wurde, nicht in den Nahmen eines Berichtes einspannen; wir müssen uns an wenigen Details und an einem allgemeinen Umriß genügen lassen. Es wurde in Projectionsbildern eine lange Reihe von Funden babylonischer und assyrischer Herkunft vorgeführt und erläutert, Steinreliefs. Tbontafeln und Ziegeln mit Keilschriften. Herrscherfiguren, Königspaläste, Architekturdarstellungen und Volksfiguren. Wie der Herr Vortragende ausführte, gewinnen durch solche Funde die geschichtlichen Persönlichkeiten Leben; die da gefundenen Zeitangaben lauten klar und bestimmt. Vor Allem werden uns viele Stellen der Bibel illustrirt mit Königsbildern, Soldaten, Kämpfen mit Löwen, militärischen Darstellungen, Scenen aus dem Hofleben, Architekturen und Thierfiguren. Die Ausgrabungen auf babylonischem Boden ermöglichen uns nach den Forschungen der Archäologen einen bistorischen Rückblick bis in das fünfte Jahrtausend. Um 1050 vor Christus finden wir da schon in Babylon einen entwickelten Rechtsstaat mit vorgeschrittener Cultur vor. Privatbriefe in unerschöpflicher Fülle weisen auf innigen Familienverkehr, Blüthe von Handel und Industrie, Ackerbau und Viehzucht hin, und die Höhe, auf der. die Wissenschaften, besonders die der Geometrie, Arithmetik und Astronomie, standen, erregt staunende Bewunderung. Zweitausend Jahre hat Babylon seinen Einfluß weithin ausgeübt und auch über Kanaan ausgebreitet. Dadurch wird uns erst manche hebräische Tradition erklärt. So wußte man nicht recht Bescheid über den Ursprung des hebräischen Sabbaths. Jetzt besteht darüber kein Zweifel, daß derselbe in der Cultur am Euphrat und Tigris zu finden sei. Weiter ist eine Reihe von biblischen Erzählungen, welche als hebräische Weisheit angesehen wurden, auf babylonischen Ziegeln gefunden worden. Auf die Sintflut Herzählung der Bibel paßt Zug für Zug eine Beschreibung auf der babylonischen Sintfluthtafel ans der Zeit 2000 Jahre vor Christus. Diese babylonische Ueberlieferung wanderte nach Kanaan, es wurde da aber vergessen, daß in der babylonischen Katastrophe das Meer die Hauptrolle spielte. Ein enger Zusammenhang zwischen biblischer und babylonischer Erzählung besteht auch in der Schöpfungsgeschichte und der Darstellung vom Werden des ersten Menschenpaares. Auch die Grundgebote des menschlichen Erhaltungstriebes und der Sittlichkeit wie das der Nächstenliebe zeigt uns babylonische Herkunft. Desselben Ursprungs ist die Sage von dem Sündenfall durch die Verführung der Schlange. An dem Relief auf einem uralten babylonischen Siegelcylinder sah man, durch den bekannten Baum getrennt, Mann -und Weib einander gegenüber und hinter dem Weib die sich ringelnde Schlange. Des Weiteren erörtert der Herr Vortragende den Zusammenhang der babylonischen und hebräischen Vorstellung von der Fortdauer des Menschen nach dem Tode, von der Strafe der Bösen in der Hölle und der Belohnung der Frommen im Paradiese. Die Hölle ist aus der babylonischen Darstellung von der Hitze in der Wüste entstanden, der Himmel der Frommen aus der Vorstellung von dem Labsal, welches das frische Wasser dem Dürstenden gewährt. Verschiedene Reliefs weisen uns auch auf den babylonischen Ursprung der Engel und Dämonen hin. Hastet nun so der Bibel manches Babylonische an, so geht doch aus dem Proceß bei den Hebräern die Religiosität gereinigt hervor. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Monotheismus und der Gottesbegriff ist hier ausgeprägt und in der Tiefe und Hoheit erfaßt worden. Das Ziel freilich, zu dem der Mensch hinstrebt, ist von Babylon schon gezeichnet. „Jahve ist Gott", so lesen wir auf einer Jnschrifttafel, die der Zeit von 2300 vor Christus entstammt. 900 Jahre vor Moses! Unter bildlicher Vorführung des Expeditionshauses der Deutschen Orientgesellschaft, von welchem aus die weiteren Ausgrabungen und Forschungen auf dem Gebiet zwischen Euphrat und Tigris geleitet werden, schloß der Herr Vortragende mit der Versicherung, die Deutsche Orientgesellschaft werde diesen Platz — auf welchem sie bereits einige Jahre an der Arbeit ist - siegreich behaupten und unter dem Ausdruck des Dankes an den Kaiser für seinen der Gesellschaft gewährten Schutz. Nach beendeter Vorlesung wurden Herr Professor Dr. Delitzsch sowie die Vorstandsmitglieder der Orientalischen Gesellschaft, Herr Rechtsanwalt Hermann, Herr Commercienrath James Simon, sowie Herr Schwabach zum Kaiser in seine Loge befohlen. Correspondemen. Wien. Der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde, Herr kais. Rath Heinrich Klinger, richtete nachstehendes Schreiben an den Borstand des „Politischen Volksvereines" in Wien, zu Händen seines Präsidenten des Herrn Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Hermann F i a l l a, Wien: Meine vor Kurzem geäußerte Absicht, aus Gesundheitsrücksichten aus dem Cultusvorstande zu scheiden, hat Sie, sehr geehrte Herren, veranlaßt, an mich zu appelliren, das ebenso ehrenvolle wie mühevolle Amt eines Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde im Interesse dieser Gemeinde weiter zu bekleiden. In Ihrer mich besonders ehrenden Kundgebung erblicke ich ein werthvolles Zeichen des Vertrauens Ihrer angesehenen Körperschaft in meine bisherige, der Gemeinde durch 16 Jahre gewidmete Thätigkeit, und ich darf es aussprechen, daß es mir zur großen Beftiedigung gereicht, aus Ihrer und ähnlichen Kundgebungen entnehmen zu dürfen, daß mein bisheriges Wirken die Zustimmung der Gemeindemitglieder gefunden hat. Dieser Umstand war für mich gewiß mitbestimmend, wenn ich, dem Wunsche des Gesammtvorstandes der Cultusgemeinde entsprechend, mich nunmehr entschlossen habe, das Amt eines Präsidenten, soweit meine Kraft reicht, weiter zu bekleiden. Genehmigen Sie, hochgeehrte Herren, den Ausdruck der vorzüglichen Hochachtung, mit der ich die Ehre habe zu zeichnen Der Secretär: Der Präsident: Dr. Lieben m. p. H. Klinger m. p. Wien. (Eine Spende.) Vom Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern erhält die „N. Fr. Pr." folgende Zuschrift: „Hochgeehrter Herr Redacteur! Zu Beginn der gestrigen Gemeinderathssitzung gab der Herr Bürgermeister, wie üblich, die eingelaufenen Spenden bekannt, unter denen er auch einer von mir herrührenden Spende von 100 Kronen erwähnte. Gleich den anderen Spendern wurde wohl auch mir in herkömmlicher Weise der Dank des Bürgermeisters und des Gemeinderathes ausgesprochen. Ich kann und darf jedoch nicht einen Dank entgegennehmen, der mir nicht gebührt. Ich habe weder dem Herrn Bürgermeister noch dem Stadt¬ oder Gemeinderathe eine Spende übermittelt. Wohl aber habe ich dem Vorstande des II. Bezirkes, Herrn Niebauer. in dessen Humanität und Unparteilichkeit ich, sowie Jedermann, der ihn kennt, das vollste Vertrauen setze, jenen Betrag mit der Widmung übergeben, daß er persönlich nach seinem freien Ermessen die Vertheilung unter Arme des Bezirkes ohne Unterschied der Confession vornehmen möge. Hievon dürfte der Bezirksvorstand die Anzeige dem Herrn Bürgermeister erstattet haben. Ich ersuche Sie höflichst, dieser Richtigstellung oder Ergänzung obiger Mittheilung des Herrn Bürgermeisters in Ihrem hochgeschätzten Blatte gefälligst Raum geben zu wollen. Wien, 18. Januar. Dr. Alfred Stern." Landesgerichtsrath Dr. Jacob Kohn. Die Wiener Judenschaft hat durch den unerwartet frühen Hingang eines ihrer besten und edelsten Männer einen schmerzli i en Verlust erlitten. Montag den 20. d. M. starb nach kurzem Krankenlager Herr Landesgerichtsrath Dr.