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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 54 Nr. 4 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Peitsche aus ledernen Riemen in ihren Händen durch die Straßen zogen. „Nicht nur während des Tages, sondern selbst bei Nacht und im strengsten Winter durchzogen sie die Städte mit brennenden Fackeln und Fahnen, zu Tausenden und zu Zehntausenden. Sie begaben sich auf dieselbe Weise in die Dörfer, und Wälder und Berge wiederhallteu von den Stimmen derer, welche ihre Gebete zu Gott emporschickten. Der melancholische Gesang der Büßer war das Einzige, was man noch hörte" das zweite große Heilmittel war weit volksthümlicher, da kein Christenleib darunter litt — nämlich das allgemeine Verbrennen von Juden, und der Rath wurde in dieser Angelegenheit mit weit größerer Bereitwilligkeit befolgt. Wir können uns das Entzücken eines guten Bürgers der damaligen Zeit denken, dem, wenn er für sich selbst die neunschwänzige Katze erwartete, der Rath gegeben wurde, statt besten irgend eine andere Person, der er überdies vielleicht Geld schuldig war, zu opfern. Sämmtliche Juden in Basel wurden in einem eigens zu diesem Zweck gebauten hölzernen Hause eingesperrt, und auf die bloße gewaltthätige Aufforderung des Volkes hin ohne Verhör und Urtheil insgesammt darin verbrannt. In Straßburg wurden 2000 Juden auf ihrem Begräbnißplatze verbrannt, in Mainz 12.000. In Spehr und Eßlingen ahnte die ganze jüdische Gemeinde diese Aufmerksamkeiten und verbrannte sich selbst in ihren Synagogen.. Kurz, „alle Thaten, zu deren Verübung zügelloser Fanatismus, Geiz und Verzweiflung, in furchtbarer. Verbindung miteinander, die Menschheit aufstacheln konnten, wurden im Jahre 1349 in Deutschland, Italien und Frankreich ungestraft und vor den Augen der ganzen Welt begangen". Und doch, sonderbar genug, werden gerade ungefähr in jene Zeit von vielen einfältigen Personen „die guten alten Zeiten" gesetzt. Selbst die Aerzte dieser Periode scheinen ziemlich eigenthümliche Ansichten von der Heilung und Ursache dieser furchtbaren Krankheit gehabt zu haben, da wir die mediciuische Facultät in Paris amtlich beauftragt finden, ihre Ansicht über die Sache abzugeben; sie empfahl, man solle nach dem Mittagfsten ein wenig „feinen Theriak" nehmen und „fette Leute sollten sich keineswegs in den Sonnenschein setzen". Kaum waren die Gräber der Millionen geschloffen, welche durch den „schwarzen Tod" ihren Untergang gefunden hatten, so brach in Deutschland und den Niederlanden die „Tanzwuth" aus. Sie war nicht auf eine besondere Oertlichkeit beschränkt, sondern pflanzte sich gleich einer dämonischen Seuche durch den bloßen Anblick der davon Befallenen fort. Personen welche mit diesem St. Johannistanz, wie man ihn nannte, behaftet waren, erschienen mit Blumerigewinden in ihrem Haar und ihre Hüften mit Tüchern umgürtet, damit sie, sobald der Paroxismus vorüber, sofort Erleichterung erhalten könnten, beim Anfall der Windwaffersucht (Tympany). Diese Tuchumgürtung wurde durch Einschiebung eines Stockes sachte fest zusammengedreht; viele erhielten indeß mehr Erleichterung von Fußtritten und Schlägen, zu deren Ertheilung sih eine Menge Leute bereit fanden. Diese besessenen Personen schüchterten das Volk in einem solchen Grade ein. daß eine ausdrückliche Verordnung erlasten wurde, des Inhalts, es solle Niemand andere als stumpfe Schuhe machen, weil jene Finatiker eine krankhafte Abneigung gegen die damals Mode gewordenen Sp'tzschuhe an den Tag gelegt hattrn." So behielten dies: krankhaften Jünger Terpsichorens in ihrer Tollheit — wie man es im Durchschnitt bei diesen Arten von Fanatikern findet — einen sehr beträchtlichen Sinn für das. was ihnen weh thun würde, sie konnten einige Fußtritte ertragen, allein sie mußten mit Stumpfschuhen ertheilt werden. Warum sie beim Anblick von etwas Rothem so wüthend wurden, daß sie auf Leute, welche Kleider von dieser Farbe trugen, losstürzten und ihnen dieselben zerriffen, ist weniger verständlich; allein in Folge dessen wurde ein zweites amtliches Verbot erlaffen, welches das Tragen rother Kleider untersagte. Die Tänzer — die Billigkeit erheischt diese Bemerkung — zerriffen in ihrem Paroxismus sowohl ihre eigenen Kleider, wie die anderer Leute, und mißhandelten sich selbst in der That so sehr, daß die Vermöglichen vertraute Diener aufstellten, Um dieselben zu begleiten und geziemend zu überwachen. Man fand, daß die Musik besondere Reize auf diese armen Geschöpfe hatte, und deswegen dingten die Obrigkeiten Musikanten, um den Anfällen einen rascheren Verlauf zu verschaffen, uttd kräftige Männer wurden unter sie hinein gesendet, um ihre Erschöpfung zu beschleunigen, da sie ungemein eifersüchtig auf hohe Sprünge waren. Bei den Tarantela-Tänzern — welcher Name dieser Manie in Italien beigelegt wurde, nach einer kleiren Spinne, die, wie man vermuthete, die Ursache von alledem sei — war roth hingegen die beliebteste Farbe, so daß es kaum einen Kranken gab, der nicht irgend einen Gegenstand von dieser Farbe besaß, an dem er seine Augen weidete und nach dem er wie ein Liebender nach der Geliebten sehnsüchtige Blicke warf. („Die Presse" von August Zang, Nr. 46, Mittwoch, 15. Februar 1860.) Die Jntercalation eines Monates. Weil unsere großen Feste (Wallfahrtsfeste genannt) immer mit den Epochen der Ernte zusammentreffen und gefeiert werden müssen, das Pessachfest im Frühlinge, da die Gerstencrnte in Egypten und Palästina im April stattfindet,. so wurde beim Auszuge unserer Vorfahren aus Egypten, im Gegensätze zum egyptischen Kalender, das israelitische Kalenderwesen von Moses geordnet (2. B. M. K. 12) Bekanntlich bewegt sich die Erde um die Sonne in 365 Tagen, 6 Stunden, 9 Minuten und 10 Secunden. Diese Zeit nennt man ein Sonnenjahr. Der Mond bewegt sich in 29 Tagen. 12 Stunden, 44 Minuten und 3 Secunden um die Erde. Diese Zeit nennt man einen synodischen Monat. Zwölf solche Umläufe des Mondes um die Erde sind 354 Tage, 8 Stunden, 48 Minuten und 36 Secunden, und diese geben ein gewöhnliches Mondjahr. Es ist daher zu ersehen, daß das Sonnenjahr um circa elf Tage mehr zählt, als das Mondjahr. In 19 Sonnenjahren, welchen Zeitraum man den kleinen Mondcyklus nennt, gibt es 7 Schaltjahre, weil 7 Monate zu je 30 Tagen eingeschaltet werden, und zwar im 3., 6., 8., 11., 14., l7. und 19. Jahre. (Rambam Kiiuseh hacbaudescb 6. 11.) In Egypten, wo unsere Vorfahren 210 Jahre lebten, gab es eine Zeit, wo man das Jahr nur nach den Phasen des Mondes berechnete, eine andere Zeit, wo dasselbe ans 2 Monaten bestand. Horos soll es auf 2 und Json soll es auf 4 Monate bestimmt haben, bis König Sethos I. ein Mondjahr von 354 Tagen einfiihrte und König Ramses II. ein Sonnenjahr von 360 Tagen bestimmte. Das Sonnenjahr soll bei den Egyptern mit dem Aufgange des Sirius angefangen haben. Da der Sirius oder Hundsstern von Jahr zu Jahr immer um 6 Stunden später aufgeht, so traf das Jahr der Egypter, ohne daß es einer Jntercalation bedurfte, so ziemlich mit unserem Sonnenjahre, welches aus 365 Tagen rc. besteht, zusammen. „Die Egypter und Chaldäer beobachteten." wie der griechische Geschichtschreiber sagt, „die Bewegungen und den Umlauf der Planeten und ihre guten und bösen Aspectcn sorgfältig. Sie stellten Allen das Horoskop, sagten ihnen oft ihr künftiges Schicksal. Die Planeten, auf welche sie ununterbrochen ihr Augenmerk richteten, erklärten sie, decken demjenigen, welcher sich, auf ihre Bewegungen und Phasen gut versteht, den Schleier auf, der die Zukunft vor den Augen der Sterblichen verhüllt. Vieles zeigen sie durch ihren Aufgang, Vieles durch ihren Untergang, Vieles durch ihre Farbe den beobachtenden Menschen an. Bald verkünden sie Sturm, bald dichte Regengüsse, bald brennende Hitze, oder auch Kometen, Sonnen- und Mondesfinsternisse, Erdbeben und Meteore, welche Städten und' Nationen, Königen oder Privatpersonen Heil oder Verderben bringen." (Diodor. L. 2. C. 30.) Die Ursache dieser Beobachtungen lag in dem bekannten Aberglauben dieser Völker. In ihrem Aberglauben hielt n die Egypter einen Schalttag für eine der Welt so schreckliche Gefahr, daß es sogar von ihren Priestern verboten war, ihn zu nenncu. Da sie nun die Epagomeneu für das größte Unglück erachteten, so verstärkten sie die Olympiaden mit dem nothwendigen Schalttage nicht, was zur Folge hatte, daß in einem Zeiträume von 730 Jahren der Frühling auf den Herbst und der Sommer auf den Winter fiel. Indem unsere mosaischen Feste sich nach dem Mondjahre richten, das Pessachfest im Frühlinge gefeiert werden muß (2. B. M. i3 und 5. B. M. >6), so mußte das Mondjahr mit dem Sonnenjahre ausgeglichen werden, was dadurch geordnet wurde, daß man den Uebersluß des Sonnenjahres, so oft er einen Monat ausmachte, als solchen einschaltete. Und dieses aus 13 Monaten bestehende Jahr (wie in diesem Jahre) wird ein Schaltjahr (Ibbur) genannt- (Llatmouides K h. 1, 2 ) In solchen Schalt- oder Jbburjahren ist es gebräuchlich, 8 aufeinanderfolgende Donnerstage, beziehungsweise Montage, und zwar von der Zeit, wo der Wochenabschnitt Schemot bis zur Zeit, wo der Wochenabschnitt Tezaweh verlesen wird (in diesem Schaltjahre, an den erwähnten Tagen, vom 2. Jänner angefangen bis inclusive 20. Februar) zu fasten, beim Morgengottesdienste besondere Bußgebete (Leliebot) zu verrichten und beim Abendgebete (wenn zehn Leute fasten) aus der Thora den Abschnitt (^'ajseball) zu verlesen. Diese Fasttage „Lebobbsbtm" unterstützte besonders Rabbi Jesaia Hurwitz s. A., geboren 1570, Oberrabbiner in den berühmten Gemeinden Frankfurt, Posen, Krakau und Prag, der im Jahre 1621 nach dem heiligen Lande pilgerte und sich in Jerusalem niederließ. Hurwitz, der im Jahre 1630 in Tiberias starb, verfaßte das vielgelesene kabbalistische Werk „Lebens luebot haberit“ (Die. beiden Bundestafeln), bekannt unter dem Namen „8cb6lob“, das sich über das ganze Gebiet des jüdisch-religiösen Lebens im kabbalistischen Sinne erstreckt und neben den reinsten Lehren der Sittlichkeit und der Nächstenliebe viele hochinteressante Betrachtungen enthält. In diesem seinem meisterhaften.Werke „Lobelob" gibt der weltberühmte Gelehrte als Veranlassung der eingeführten 8 wöchentlichen Fasten „Schobbebim“ nachstehendes Motiv an:

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