Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 83 Im Zusammenhangs mit dieser vermeintlichen Humoreske, die darauf berechnet ist, die Juden, die zufrieden und glücklich wären, wenn ihnen die gesetzliche Duldung ihrer bürgerlichen und religiösen Existenz gegönnt wäre, besprach Herr Doctor Lueger den Beschluß des Gemeinderathes in der Kirchenbaufrage und die bekannte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes, und er sagt wörtlich: »Es gehört ein ganz unglaubliches Maß von Bosheit und Niedertracht dazu, daß gegen einen derartigen Beschluß des Gemeinderathes überhaupt angekämpft wurde/ Dem gegenüber stellen wir fest, daß nach dem Gesetze Niemand verhalten werden kann, für die confessionellen Zwecke Andersgläubiger Beiträge zu leisten. Der Beschluß des Gemeinderathes, einige Millionen Steuergelder, die nicht nur von Katholiken, sondern auch von Protestanten und Juden geleistet werden, zu Kirchenbauten zu verwenden, widersprach som t den ausdrücklichen Bestimmungen des Gesetzes. Es ist nun unerhört, daß ein Mann des Rechtes, der ja Dr. Lueger sein soll, die legale Anfechtung des gesetzwidrigen Beschlusses als Bosheit und Niedertracht zu kennzeichnen sich erkühnt, dies umsomehr, als der Verwaltungsgerichtshof, diese hoch über alle Parteien stehende Instanz, genau in jenem Sinne entschieden hat, welchem der Bürgermeister von Wien den Charakter der Bosheit und Niedertracht beizumessen wagt. Dies genügt aber noch nicht, um die ganze Verwerflichkeit der Lueger'schen Kampfmethode klar erkennen zu lassen. Er erklärt die Anrufung des Verwaltungsgerichtsbofes als einen Ausfluß des Hasses gegen die katholische Kirche! Diese niedrige Denkungsart des Dr. Lueger ist durch den einfachen Hinweis darauf, daß jenes Gesetz, welches vor dem Berwaltungsgerichtshofe angerufen wurde, doch unmöglich von Haß gegen die katholische Kirche beeinflußt worden sein kann, hinlänglich gerichtet. Das Parlament und die Regierung, die dieses Gesetz geschaffen, ja der Verwaltungsgerichtshof selbst, könnten mit dem gleichen Rechte des Hasses gegen die katholische Kirche bezichtigt werden. Nun könnte man sich freilich vorstellen, daß um des lieben Friedens willen und um zu keiner Discussiou Anlaß zu geben, die Wiener Juden sich ohneweiters bereit gefunden hätten, zu den Kirchenbauten beizutragen', obgleich sie dazu nicht verpflichtet werden können. Allein es ist nicht zu verkennen, daß wir in Wien es mit einem Gemeinderathe zu thun haben, dessen Mehrheit die verfassungsmäßigen Rechte der Juden mit Füßen tritt und ihre politische und wmbschaftliche Unterdrückung als eine der wichtigsten Aufgaben der communalen Verwaltung ansieht. Die Anfechtung des Gemeinderaths-Beschlusses dem Haß gegen die katholische Kirche zuzuschreiben, ist eilte beispiellose Frivolität. Sie war nichts, als eine Kundgebung' des Mißtrauens gegenüber der derzeitigen Gemeinderathsmajorität, und nur in diesem Sinne haben die Wiener Juden den ihnen nicht sehr sympathischen Schritt eines Einzelnen aufgefaßt. * * * Nach rechtlichen oder ethischen Motiven haben wir in den Reden und Handlungen der Antisemiten freilich nicht zu suchen. Da besprach beispielsweise Ernst Schneider in einer Versammlung die bevorstehenden Handelskammerwahlen und machte darauf aufmerksam, daß nach der Wahlordnung in dem Falle, als einer der Gewählten stirbt, der mit den meisten Stimmen in der Minorität gebliebene Candidat Mitglied der Kammer wird. Mit Bezug darauf sagte Ernst Schneider: »So wollen wir hoffen, daß unser Herrgott vielleicht so gnädig ist und er dem Teufel erlaubt, vier bis fünf Juden zu holen/ Von dem genannten Individuum, welches ja auch das Schußgeld für die Juden erfunden hat, überrascht es uns keineswegs, daß er den frohen Wunsch, es mögen den Handelskammerwahlen zuliebe ein Paar Juden mit dem Tod abgehen, in öffentlicher Versammlung ausspricht. Es ist charakteristisch, daß Ernst Schneider für die Erfüllung dieses Wunsches die Gnade Gottes anruft, und es ist fast überflüsfig, zu sagen, daß »Freund Schneider" lebhaften Beifall fand. Das geschah in derselben Versammlung, in welcher der Bürgermeister der Stadt Wien den Ausspruch that: »Niederösterreich wird ein Hort und eine Stütze für den Antisemitismus sein, für immerwährende Zeiten". * * * Die gesammte öffentliche Preffe beschäftigt sich mit den zuerst von uns publicirten Bestimmungen des neuen rumänischen Fremdengesetzes, das die rumänischen Juden vollständig der Willkür und den Erpressungen preisgibt. Gleichzeitig wird uns aus Bukarest eine Zeitung übersendet, in welcher eine Beschwerde der dortigen Hausbesitzer enthalten ist. Der Inhalt dieses lehrreichen Schriftstückes läßt sich dahin resumiren, daß seit der Vertreibung zahlreicher Juden aus Rumänien eine rapide Entwerthung des Hausbefitzes eingetreten ist, daß die Häuser zu Schleuderpreisen verkauft werden, viele Häuser leer stehen und die Hypotheken nicht bezahlt werden können. Zur Abhilfe werden Maffendemolirungen verlangt, um die leerstehenden Wohnungen anzubringen. Eine schwere Krisis ist über die Stadt Bukarest hereingebrochen und sie ist ein mustergiltiges Beispiel für die wirthschaftliche Blüthe, die der praktische Äntisemitismus nach den Vorspiegelungen der Christlich-Socialen herbeizuführen geeignet ist. 18 e g r i m. Zum jüdischen Eide. Am 25. Februar 1869 sagte Herr von Thadden in der Herrenkammer: .Ich habe eine dreißigjährige richterliche Erfahrung; hiernach nehmen es die Juden mit dem Eide sehr gewissenhaft. Auf die Form kommt es nicht an. Wenn der Jude bei seinem Gott schwört, so schwört er wohl niemals falsch". „Es leben die Inden!" »Die Preffe", im Abendblatt Nr. 107, vom Samstag den 20. April 1861, meldete aus Graz folgende Thatsache: Bei dem Bürgermeisterbankett in Graz hielt der katholische Professor der Theologie Dr. Wagl einen mit Jubel aufgenommenen Trinkspruch, in dem sich folgende Stelle befand: »Es leben die Juden! Ich glaube allerdings, daß Niemand etwas Begründetes dagegen einwenden kann, denn die ersten Verkünder der christlichen Humanität, welche die Welt umgebüdet, waren Juden, und Diejenige, die wir mit so vielem Rechte unseren Frauen und Jungfrauen als Muster der Nachahmung voi stellen, war eine jüdische Jungfrau. Doch das gehört weniger bieher. Ich meinte mit meinem Rufe insbesondere zwei sehr schätzenswerthe Eigenschaften, die diesem Volke eigen sind; Erstens das tiesgewurzelte Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und dann den felsenfesten Glauben an eine glückliche Zukunft, welchen bis zur Stunde kein Unglück und keine Schande in ihnen zu erst'cken im Stande waren/ Die Epidemien des Mittelalters. Aus dem gleichnamigen Werke von I. F. G. Hocker. Der schwarze Tod hat seinen Namen von den auf eine faulige Säftezersetzung hindeutenden schwarzen Flecken, die auf der Haut zum Vorschein kamen, und daß diese Krankheit außerordentlich ansteckend war, scheint keinem Zweifel zu unterliegen. Sie wurde von den Kranken den Gesunden mitgetheilt »wie Feuer unter trockenen und öligen Brennstoff", und nicht nur Menschen, sondern auch Thiere gingen gleichzeitig daran zu Grunde, wenn sie nur das Geringste berührten, was den Todten gehört hatte. Boccaccio, selbst ein Arzt, erzählt, daß er zwei Schweine auf den Lumpen einer Person, welche an dieser Pest gestorben war, nach kurzem Taumeln tobt niederfallen sah, als wenn sie Gift genommen hätten. Cypern verlor fast alle seine Einwohner und »Schiffe ohne Bemannungen sah man oft auf dem Mittelmeere, wie später auf der Nordsee umhertreiben und die Seuche verbreiten, wo immer sie das Land berührten". Lübeck, damals eine unermeßlich wichtige Stadt, wurde in eine solche Bestürzung versetzt, daß die Bürger sich, wie von Wahnsinn befallen, selbst tödteten. In Paris starben im Hotel Dien 500 Menschen täglich. Der »schwarze Tod" verschonte nicht einmal das königliche Geblüt, denn die Königinnen von Navarra und von Frankreich fielen ihm zum Opfer. Venedig und London verloren jedes 100.000 Menschen von ihrer Bevölkerung und München 50.000, d. h. also fast seine ganze Einwohnerschaft. Bon den Schätzungen der Lebensverluste in Europa ist die wahrscheinlichste, daß im Ganzen ein Viertel der Einwohner weggerafft wurde. Es läßt sich daher ohne Uebertreibung annehmen, daß Europa während der Herrschaft des schwarzen Todes fünfundzwanzig Millionen Menschen verlor. Dann aber kann man wohl fragen, wie es sich so schnell wieder von einem derartigen Schlage erholte. Nach dem Aufhören der schwarzen Pest wurde überall eine größere Fruchtbarkeit bei den Frauen bemerkbar — eine großartige Erscheinung, die nach jeder verheerenden Seuche vorkommt. Man hatte zur Beseitigung dieser fürchterlichen Krankheit damals zwei, von dem nicht ärztlichen Theil der europäischen Bölkerfamilie mit besonderer Gunst aufgenommene richtige Rathschläge ertheilt. Der eine war die Bildung der Gesellschaft der Flagellanten, welche Edle und Unedle, Mte und Junge, mit nichts als eine Schärpe um ihre Lenden und einer