Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 52 Dr Bloches Wochenschrift. Nr. 4 Sechste Sitzung. Dr. Steuermann referirte über die Schulprogramme. Rabbiner Dr. Nacht schilderte unter großem Beifall des Congresses die Bedeutung der jüdischen Erziehung und die Wichtigkeit des Religionsunterrichtes für die Schüler höherer Schulen. Folgende vom Rabbiner Dr. Niemiroiver gestellten und begründeten Anträge wurden angenommen: 1. Der Gemeindebund soll sich bestreben, einen Lehre rcongreß einzuberufen, der über die Hebung der mat.riellen und moralischen Lage der Juden, Anlegung eines Pensionsfondes, Gründung eines Lehrerverbandes und Feststellung der Schulprogramme berathen soll. 2. Der Congreß soll die jüdischen Zeitungen im Lande ersuchen, sich in regulärer Weise mit den theoretischen und praktischen Fragen des Schulwesens zu beschäftigen. 3. Solange das Ideal der rumänischen Juden, die Glüudung eines hebräischen Seminars, nicht zu erfüllen ist. sollen die Jewish Colonisation Affociation und die Alliance ersucht werden, die rumänisch-jüdischen Schüler der Ecole normale, besonders für das Fach des hebräischen Unterrichts in Rumänien vorzubereiten. 4. Der Congreß erklärt es als die heilige Pflicht der Rabbinen und Gemeinden, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Schüler und Schülerinnen der Secundarschulen zur Theilnahme am Mischen Religionsunterrichte verpflichtet werden. 5. Der Congreß erklärt es als eine heilige Pflicht jüdischer Eltern, ihre Töchter im jüdischen Geiste zu erziehen und vor fremden Geiste (Nonnenschulen) zu bewahren. 6. Der Congreß erklärt es als Pflicht der Gemeinden, für Abhaltung von Vorträgen über jüdische Geschichte und Literatur Sorge zu tragen.. 7. Der Cvugi.rß spricht den Wunsch aus. daß man in jüdischen Schulen auf körperliche Erziehung (Reinlichkeit und Gymnastik) Gewicht legen soll, daß in Bezug auf Religion die praktische Uebung einerseits und die Hebung des Gefühles durch Jugendgottesdienst mit Schülerpredigt andererseits zu achten ist. daß der Geschichlsunterricht sich auch auf die nachbiblische Zeit, bis auf die Gegenwart erstrecken soll und daß die hebräische Sprache, so weit als möglich, als lebendige, nach den neuesten Methoden, unterrichtet werden soll. Der Journalist Mcx Kaufmann referirte über die Emigration und schilderte die Geschichte derselben. Der Congreß sprach auf Antrag Kaufmann den ausländischen Gesellschaften, welche die Emigranten unterstützten,.seinen Dank aus und brachte den Wunsch zum Ausdruck-', daß die Gemeinden die zurückgebliebenen Emigranteufamilien unterstützen und die ausländische Philanthropie das Emigrationswerk fortsetze. Der Referent Juster Verlad führte aus, daß nur die Gemeinden und nicht die Behörden das Recht haben, Schächter zu ernennen. Rabbiner Dr. Niemirower protestirte gegen die Jaffyer Behörden, die sich die Vormundschaft in die Schächterfrage anmaßen. Referent Moritz Wachtel ermahnte die Gemeinden zur Besserung der Lage der Lehrer und Rabbiner. Dr. Steuermann referirte über „Die Juden in der rumäschen Presse und die jüdische Presse in Rumänien" und regte die Gründung eines jüdischen Tagblattes an. Herr Agent (Braila) begründete humorvoll den Zionismus und die Versammlung nahm eine Resolution im zionistischen Sinne an. Die Herren Agent, Wachtel und Rabbiner Dr. Nacht sammelten für den jüdischen Nationalfond. Präsident Brociner hielt die feierliche Schlußrede und Rabbiner Dr. Niemirower das Schlußgebet für den neu gegründeten Gemeindebund in Rumänien, für die verschiedenen Alliancegesellschaften, den B'nei Brith-Orden, für Zionsvereine und Gesammtisrael. Abends veranstaltete die B'nei Brith-Loge ein Bankett, bei welchem die Herren Josef Brociner, A. S. Goldentbal, Dr. Niemirower, Dr. Nacht, Agent-Brociner (Braila). Kohn Podul-Hoaci, Adler, Redacteur Petreamu u. s. w. Toaste hielten: Der frühere Antisemit Rosianu, der alle G e m e i nheilen der Antisemitenliga in der Presse enthüllte, stellte sich ein und hielt eine Ansprache. Brociner wies in seiner Antwort auf den Patriotismus der Juden und auf den Umstand hin, daß nicht die wahren Rumänen, sondern die Griechenlinge die Judenfeinde find. Die rumänischen Zeitungen heben hervor, daß alle großen Gemeinden des Landes, wie Galatz, Braila. Peatros, Neametz, Dorohoi, Roman, Folticeni, Constantin, Hast u. s. w. bei dem Congresse vertreten waren. Jsraelowitz. Glossen zur Tagesgeschichte. (L ue g er - Sp ässe in ernster Beleuchtung. — Die „interessante Nation" und der Wiener Gemeinderath. — B o m Teufelholen undvonderGnadeGottes — Antisemitismus und Häuserkrach.) Einen Igel kann man leichter fassen als einen Aal. Der Igel hat zwar Stacheln, die vielleicht verwunden können, aber er ist sozusagen ein ehrlicheres Thier als der schlangenartige, schlüpfrige Aal, der dem Angreifer geschickt aus den Händen schleicht. Dieser Vergleich drängt sich uns in dem Augenblicke auf, in welchem uns die Nothwendigkeit obliegt, dem geehrten Bürgermeister von Wien anläßlich einiger verlogener Behauptungen, die er öffentlich aufgestellt, ein wenig auf die Finger zu klopfen. Die Methode, mit welcher dieser Herr sein Publicum zum Judenhaß erzieht, haben, mir wiederholt gekennzeichnet. Seine Virtuosität besteht in der künstlichen Verwirrung der Begriffe, in der wissentlich falschen Gruppirung und Aneinanderreihung von Argumenten, und je aufmerksamer man seine Rede liest, desto mehr kommen wir zur Ueberzeugnng, daß dieser Mann gegen sein eigenes besseres Wissen spricht. Seine gläubigen Zuhörer, die ihn nicht durchschauen, halten die falschen Bilanzen, dre er aus willkürlich construirten Thatsachen zieht, für bare Münze, und darum dürfen wir, mag es auch schwer sein, gegen eine solche Kampfesweise zu Polemisiren, nicht schweigen. In der Generalversammlung des Wiener Kirchenbauvereiues meinte Herr Dr.' Lueger, es sei höchst gefährlich, wenn er als Bürgermeister der Stadt Wien in Angelegenheit des Kirchenbauvereiues spreche. Es könnte ja leicht sich Einer finden, welcher der interessanten Nation angehört und sagt: „Mein lieber Bürgermeister von Wien, Du bist ein interconfessioneller Bürgermeister und hast über katholische Kirchen gar nichts zu reden." Herr . Dr. Lueger mag sich dessen versichert halten, daß wir seine Spässe über die Juden nicht mit Aerger, sondern mit der ihnen und darum auch dem Spaßmacher selbst gebührenden Geringschätzung entgegennehmen. Wenn es ihm eine Freude macht und er damit in irgend einer Versammlung einen Lacherfolg erzielt, so regen wir uns darüber nicht weiter, auf. Eine andere Frage ist es, ob der Anstand und der Taet es zu? lassen, daß der Bürgermeister einer Stadt sich über einen Bruchtheil ihrer Bewohner in solcher Weise lustig macht. An Tactlosigkeiten des Herrn Dr. Lueger hat man sich allerdings bereits gewöhnt Nun soll es ein neckischer Scherz sein, wenn Herr Dr. Lueger sein öffentliches Eintreten für katholische Bestrebungen für gefährlich hält. Wir wollen ihm auf diesen Scherz ernst antworten. Es ist das unveräußerliche Recht jedes einzelnen Bürgers, also auch des Bürgermeisters von Wien, frei und offen zu dem Glauben sich zu bekennen und begeistert für den Glauben einzutreten, dem er angehört. Herr Dr. Lueger möge doch das frivole Spiel nicht cultiviren, die Geltendmachung der gleichen bürgerlichen Rechte mit der Bekämpfung des katholischen Glaubens absichtlich zu verwechseln. Herr Dr. Lueger verwechselt ferner absichtlich seine Eigenschaft als Chef der städtischen Verwaltung mit seiner Eigenschaft als gläubiger Katholik. Das sind Dinge, die miteinander gänzlich außerhalb jedes Zusammenhanges stehen. Als Bürgermeister hat er die gesetzliche Pflicht der Öbjectivität allen Bewohnern dieser Stadt gegenüber ohne Unterschied der Confeffion. Und in diesem Sinne verlangen wir allerdings, daß er interconfessioneller Bürgermeister sei. Wie erfüllt aber Herr Dr. Lueger diese Pflicht der Öbjectivität? Wir sehen ls ja alle Tage. Er verhöhnt die Juden, er hetzt gegen sie, er reizt gegen sie zum wirthschaftlichen Boycott auf. Kein einziger Tag in der Woche vergeht, in welcher nicht die jüdischen Bewohner dieser Stadt über ebenso verletzende als ungerechte Angriffe seitens dieses ihres Bürgermeisters sich zu beklagen hätten. Uebermuth und Ueberhebung zeigt dieser Spaß, in welchem Herr Dr. Lueger es als gefährlich für den Bürgermeister bezeichnet, in katholischen Dingen dreinzureden.