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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite öl Nr. I ausgiebigen Erpressungen, benützen könne. Eine Denunciation eines beliebigen Lumpen — und wo gäbe es deren in Rumänien nicht — genügt, um eine gewissenlose oder erpresserische Gemeindeverwaltung zu den verbrecherischesten — in Rumänien nun gesetzlichen — Verfolgungen zu autorisiren. Dabei speculirt das Gesetz mit einer wahrhaft teuflischen Bosheit auf den Concurrenzneid. Es braucht irgend ein falliter rumänischer Bäcker, Greißler, Wirth und dergleichen nur im jüdischen Gewerbetreibenden einen Concurrenten zu erblicken, so vermag er ihn nach freut neuen Gesetze zur Auswanderung zu zwingen. Auswandern — gut! Aber wohin? Der rumänische Jude ist nirgends heimatsberechtigt! Er war immer nur in Rumänien! Seine Vorfahren waren früher dort als die Rumänen. Er ist wahrhaftes Landeskind. Die Eindringlinge aber stoßen ihn fort, quälen ihn, rauben ihm sein Landes-, ja sein Menschenrecht, wüthen gegen ihn ärger wie die Kannibalen. Da er keine andere Heimat hat, kann er nicht fort, und da er im Lande nicht leben kann, wird er auf gesetzlichem Wege zum Verhungern gezwungen. Das geschieht in Europa im zwanzigsten Jahrhundert, im Zeitalter der Civilisation, im Lande, das unter den Balkanstaaten eine führende Rolle sich arrogireu wollte, seitens eines Volkes, das sich römischer Abstammung berühmt, aber diese Abstammung thatsächlich beschimpft. Indischer Grmeinde-Corrgreß in Iaffy. Seit Monaten beschäftigt die rumänischen Juden die Idee eines Congresses, welche von Josef Brociner (Bukarest), Flittmann (Focsani) und Kaufmann (Jassy) ausgegangen ist. Aus verschiedenen Gründen wurde davon Abstand genommen, den Congreß in Focsani abzuhalten. In Verbindung mit Herrn Brociner haben der Bnei-Bnth-Präsident Goldenthal und Rabbiner Dr. Niemirower neue Einladungen zum Congresse ergehen lassen. Am 25., 26. und 27. December a. St. tagte im Schullocal „Cultura" der Congreß. Einunddreißig Gemeinden waren vertreten. Wenn auch leider das officielle Bukarest und mehrere kleinere Ortschaften nicht vertreten waren, so ist doch dieser Congreß, im Vergleich zu dem im Jahre 1896 in Galatz, auf welchem blos gegen zwanzig Gemeinden vertreten waren, als großer Fortschritt im Bestreben der rumänischen Juden nach Organisation zu betrachten. Die lebhaften Unterhandlungen leiteten Herr I. B. Brociner, dessen Bruder Secretär des Königs ist. als Präsident Goldenthal (Jassy) und Juster Verlad als Vice-Präsident. Erster Tag, erste Sitzung. Gegen fünfzig Delegirte, Vertreter der jüdischen und rumänischen Presse und ein zahlreiches Publicum sind anwesend. Der Präsident zeigt, wie schon vor Jahrhunderten die jüdischen Communitäten und Rabbinate in Rumänien anerkannt waren, schildert die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden und die Nothwendigkeit einer gemeinsamen Organisation. Rabbiner Dr. Niemirower fordert die rumänischen Juden zur Vereinigung auf, schildert die Bedeutung der Congresse in Israel, die Wichtigkeit Jassys in der Geschichte der rumänischen Juden, und schließt mit einem Appell an die rumänische Regierung, im Interesse Rumäniens den Juden eine Ocganisatiorl zu gewähren, und mit einem Appell an die Vertreter der Juden, im Geiste des Judenthumes und im Dienste der Stammestreue zu wirken. Herr Agent (Braila) betont den zionistischen Standpunkt und Herr Rabbiner Dr. Nacht (Focsani) den zionistisch-orthodoxen. Zweite Sitzung. Die Gründung eines jüdischen Gent e i n d eb u n d e s wurde beschlossen und die von Brociner vorgeschlagenen Statuten mit einigen Aenderuugen angenommen. Rabbiner Dr. Niemirower beantragt, daß in religiösen Fragen der Gemeindebund den Rath einer Rabbinercommission im Lande anzurufen und zu befolgen haben soll. Solange aber in vielen Gemeinden die Lage der Rabbiner nicht präcisirt ist und es viele „Luftrabbiner" gibt, soll der Gemeindebund die Pflicht habeu, in religiösen Fragen den Rath zwölf ausländischer Rabbiner verschiedener Länder einzuholen. Nach einer langen Debatte, an der die Herren Brociner (Braila), Dr. Mrrgulies, Kaufmann, Horowitz (Jassy). Rabbiner Dr. Nacht (Focsani) theilnahmen, wurde dieser Antrag angenommen. Abends fand in der zionistischen Lesehalle eine Versammlung statt, in der Dr. Gelehrter, Rabbiner Dr. Niemirower und Herr Agent (Braila) über „jüdische Schulideale" sprachen. Zweiter Tag, dritte Sitzung. Es wurde beschlossen, ein Central-Comits des Gemeindebundes zu wählen, und zwar aus elf Personen bestehend, einen Präsidenten, fünf Mitgliedern in Bukarest und fünf Mitgliedern in Jassy. Die Wahl der Bukarester wird später nach Vorschlag des Präsidenten auf schriftlichem Wege vorgenommen werden. Es wurden gewählt als Präsident Josef Brociner, (Bukarest) und ins Comite A. S. Goldenthal, Rabbiner Dr. Niemirower, Fabrikant Moritz Wachtel. Ingenieur Finkelstein und Kaufmann Salomon Rapoport (Jassy). Per Acclamation ernannte man Beiräthe aus allen Gemeinden des Landes. Vierte Sitzung. Die wichtige Frage von „More judaico“, die alle Gemüther erregte, stand auf der Tagesordnung. Rabbiner Dr. Nacht hielt ein geehrtes Referat, aus welchem hervorging, daß „More judaico“ eine unjüdifche und unmoralische Eidesform ist. Rabbiner Dr. Niemirower schloß sich diesem Urtheile an und berief sich auch auf Nichtrabbiner, Professor Lazarus, Narcis Lewin und Salomon Reinach, die ihre Stimme gegen diesen Schwur in Rumänien erhoben. Brociner und Agent (Braila) verlangten stürmisch, daß alle Synagogenbehörden, Rabbiner, Vorbeter und Schamussl-n jede Hilfeleistung bei diesem Schwure verweigern, damit die ganze Judenheit des Landes gegen denselben demonstrirt. Präsident Brociner rieth zu einer Petition an den Justizminister. Nach erregten Debatten, an welchen auch Juster, Wachtel und Dr. Margulies theilgenommen, wurde der Antrag Brociner-Agent in milder Form und auch der des Präsidenten angenommen. I. B. Brociner schlug einen „Modus" vor, wie man nach den neuesten rumänischen Gesetzen jüdische Wohlthätigkeitsanstalten auf legaler Weise organisiren könnte. Auf Antrag Bernfeld wurde das Comite des Gemeindebundes beauftragt, nach dieser Richtung alle Schritte zu machen. Die Herren A. S. Goldenthal und S. Javovics referirten über die Nothwendigkeit der Gründung einer Ackerbau- und Handwerkerschule in Jassy. Sie zeigten in klarer Weise, welche Bedeutung eine solche Schule für die rumänischen Juden haben könnte, welche Erfolge die jüdischen Ackerbauer in Canada und hier im Lande zu Sculein aufzuweisen haben, wie der den Jaffyer Juden gehörige, in der Nähe des Friedhofes liegende Boden nach autoritären Gutachten sich zu diesem Zwecke eignet und daß die Jassyer Biei-Brith- Loge für diese Schule 5000 Francs gespendet. Unter stürmischem Beifall sprach Delegirter Wechsler, ein Handwerker in Botoschani. in gelehrter und interessanter Weise über die Nothwendigkeit der Ausbildung der jüdischen Handwerker. Der Congreß gab dem Projecte der Gründung einer Ackerbau- und Handwerkerfchule in Jassy seine Zustimmung. Abends hielt der Schriftsteller Dr. Steuermann einen lehrreichen Vortrag: „Die Jassyer in der Geschichte der rumänischen Juden und die rumänischen Juden in der Geschichte Jassys". Er begann mit dem XV. Jahrhundert und schloß mit den antisemitischen Brutalitäten des 16. Mai 1899. Herr Agent hielt einen humoristischen Bortrag. Dritter Tag. fünfte Sitzung. Die Frage der Organisation der jüdischen Handwerker stand auf der Tagesordnung. Die Arbeiterdelegirten Michel Goldenthal und Buchbinder Rosenfeld suchten einen Gegensatz zwischen Handwerkern und Nichthandwerkern heraufzubeschwören, was andere Delegirte veranlaßte, den Luxus der Handwerker zu geißeln. Rabbuier Dr. Niemirower protestirte sowohl gegen den C l a s s e n h a ß, den man von draußen dem Congresse einimpfen möchte, als auch gegen die Vertreter jener Kreise, die selbst Luxus treiben und nur den Handwerkern Moral predigen. Der Antrag Dr. Niemirower, daß in Fragen, die die Handwerker betreffen, eine Hand-, werkereommifsion, die rn Bukarest, Galatz, Jassy. Botoschani u. s. w. zu wählen ist, in Verbindung mit dem Central-Comits zu arbeiten habe, wurde angenommen. Hierauf hielt der Rabbiner Dr. Niemirower sein Referat „Ueber die Bertheidigung der Moralprincipien des Judenthums". Unter besonderem Beifall beschloß der Congreß, dieses Referat zu drucken und in Tausenden von Exemplaren im ganzen Lande zu verbreiten.

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