Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 3 Dt. Viottz's Wochensürrift. Seue 47 Thora und Gemarah gelernt, theils weil es der Wunsch seines Vaters war, theils weil er für dieses Studium ungewöhnliches Interesse halte. Die Mutter versuchte wohl öfters, ihn daraus vorzubereiten, daß seine Berufswahl bei dem Bater und zwar aus religiösen Gründen auf großen Widerstand stoßen werde, uns gab sich alle erdenkliche Mühe, aus den Sohn dahin zu wirken, daß er lieber Rabvmer werde. Jedoch in diesem Falle besaß Blctoc den berüchtigten Starrsinn des Vaters, den nicht einmal seine kindliche Liebe und Verehrung für die Mutter beugen konnte. Wie es die arme Gutta vorausgesehen, kam es zu einer furchtbaren Scene zwischen Vater und Sohn, und Letzterer verließ grollend das Vaterhaus, von dem Fluche des Vaters begleitet. Sein nächster Weg führte ihn nach Berlin. Nur sehr schwer gelang es dem unbemittelten Studenten, sich daselbst durch Unterricht im Hebräischen sortzubringen. Große Entbehrungen mußte er leiden, gar oft hungrig sein kahles, ärmliches Lager aufsuchen, aber zu einer Bitte an seine Mutter um eme Unterstützung hatte er sich dennoch nicht entschließen können. Da orach der Krieg mit Oesterreich aus. Es fehlte allenthalben an Aerzten und die Studenten der Medicin wurden gerne zum Sanitätsdienst ausgenommen. So kam Victor mit seinem Regrmente bis ins Herz Böhmens, von wo man zur Belagerung der Hauptstadt des Lantus, Prag, welterrücken sollte. In der Heimalsstaot Fanni's, woselbst ein Rasttag gehalten wurde, überkam Victor das Gefühl, daß er doch endlich seiner sich um ihn ängstigenden Mutter em Lebenszeichen geben solle. Dees that er auch und schrieb an sie jenen Brief, der einige Jahre später seiner Mutter zum Wegweiser dienen sollte. Fast ohne Schwertstreich zogen die siegreichen preußischen Schaaren in die königliche Hauptstadt Prag ein. Während seines Aufenthaltes in Prag machte Victor die Bekanntschaft anderer einheimischer Mediclner, welche ihn dazu veranlatzleii, sem in Berlin begonnenes Studium m Prag fouzusetzen, da er sich hier leichter werde sorlbringen können, Nach Friedensschluß mutzte er Mil seinem Regunente nach Deutschland ziehen. Frei geworden, das heißt, aus dem MiUlälvervande emlassen, suchte er seine Heimat auf, um daselbst Verzeihung von dem zürnenden Vater zu erbitten, da öefjeii Finch schwer auf ihm lastete. Wie erschrak er aber, als er in dem Geschäfte des Vaters fremde Leute vorsand. Der Vater und der einzige Bruder, der sanfte, seelengute Jakob, wareii gestorben, rasch nach einander an der Cholera, die Mutter hatte Alles verkauft und war weggezogen. Wohin? Das wußte Niemand. So kam er zurück nach Prag, woselbst die Universität ihre Tyore geöffnet halle, um ihre treuen Jünger wieder auszunehmen, welche der Krieg und die nachherige Invasion der feindlichen Truppen verscheucht und in alle Theüe des Landes versprengt hatte. Seme Studien waren ui Berlm schon soweit vorgeschritten gewesen, daß er sie in Prag bald beendigt und kurz vor Pessach den Doclvrhut erworben hatte. Da er den Aufenthalt seines theueren Mütterchens trotz aller Anstrengung, die er aufmeudete, nicht ermitteln konnte, so widerstrebte es ihm, oei dieser Gelegenheit irgend einen Prunk, wie er üblich ist, zu entfalten. In der Perelcs'schen Familie war der Docior schon früher eingesüyr! worden und seither war er ein oster, gerne gesehener Gast des Hauses. Trotz seiner Sehnsucht nach dem theuren Mütterchen verlief dem Doctor die Reise sehr rasch, denn die kluge, hübsche Fanni wußte mu ihrer Schilderung der Lebensweise seiner Mutter den jungen Mann derart zu fesseln, daß er an sein Reiseziel anlangte, ohne recht zu gtaubeu, daß er schon da sei. Frau Ayrons deckte eben den Tisch zum Mittagmahle für sich und den alten Reb Löo Zimmer, Fanni's Vater, als leise an die Tyüre geklopft wurde und auf das einladende »Herein" Fanni eiutrat. »Welche UeberrasHrng, liebe Fanni", rief Frau Gutta freudig aus. »Das nenn' ich einmal einen schönen Chal-hamoed, wenn Sie gekommen sind." Fanni begrüßte nun auch den kranken Vater, dann sagte sie: »Es hat sich nur eine passende Gelegenheit gelroffm, so hat mir meine Herrschaft die Erlaubniß zur Heimreise gegeoen." »Legen Sie ab, liebes Kmo", sagte Guita freundlich, »und erzählen Sie. Was ist das für eine Gelegenheit?" »Gm in Prag lebender Doctor besucht sein hier lebendes Mütterchen und der nahm mich in seinem Wagen mit." Bei diesen Worten Fanni's bemächtigte sich tiefe Traurigkeit der armen Frau. »Jeder Mutter ist gestattet, ihr Kmd ans Herz zu drücken, nur ich habe beide meine Söhne verloren." »Das wissen Sie nicht, ob alle bube“, meinte Fanni. »Wenn man Jhnell auch beim Regimente keinen Bescheid zu geben wußte, das läßt sich leicht auf die Verwirrung, die nach einem Kriege herrscht, zurücksühreu. Warten Sie, mir fällt eben etwas em. Der freundliche Herr, mit dem ich hieherfuhr, ist Medlciner, wir. werden ihn fragen, ob er nicht etwas über Herrii Victor weiß. Die Herren haben em Verzeichniß über ihre in- und auslaiidische Collegen." »Nem, bas wäre geradezu ein Wunder!" »Wer weiß, der Zufall, oder vielmehr oie göttliche Vorsehung ist mächtiger, als wir fündige, zweifelnde Menschenkinder glauben. Wenn ich nur wüßte, ob Sw mcht zu sehr erschrecken, wenn Ihnen mein Reisegefährte sichere Nachricht über Ihren Victor orächte, Sie find noch so schwach und gleich so aufgeregr, ich getraue mich nicht recht —" ' »O, Sie wissen mehr, als Sie verrathen haben", fiel ihr Gutta iltS Wort, »und ich kann Alles hören. Wenn der Körper noch so hinfällig ist, das Mutterherz, das ist stark genug. Dieses starke Herz hat ein Uebermaß des Schmerzes ertragen, das wird an der Freuoe auch nicht zu Gründe gehen." Im Eifer des Gespräches überhörte es Gutta, daß sich die Thüre geöffnet hatte. Erst als sie aufblickte, gewahrte sie die hohe Mannergeslalt, welche eingetreten war. Da stand er vor ihr, der verloren geglaubte Sohn, schön und stattlich, wie es sich ihre kühnste Pyanlusie nicht hatte träumen lassen. »VictorI“ und »Mutter!" das war Alles, was die Glücklichen yervorstammelu konnten. Fanni hatte sich in eure Fensternische zurückgezogen, um durch iyre Gegenwart keine Störung in diesem freudigen Wlederfiuden yervorzubrulgeu. Doch der Doctor trat bald au sie heran, saßte sie bei der Harro und führte sie der Mutter zu: »Mütterchen", sagte er, »wir hätten uns noch lange vergeblich suchen können, wenn der Scharfsinn dieses holden Kindes mich nicht erkannt und Drr zugefuyrl hätte. Danke Du thr selbst, lieb Mütterchen! Ich bin zu schwach dazu." Hold erröihend wollte Fanni öen Dank der alten Frau abwehren, doch die Umarmung und der herzliche Kuß Frau Gulta's sagte ihr, daß die Mutterlose irr Fcau Galla eirre zärtliche Mutter gefunden habe. Was ist da noch viel zu erzählen? Fcau Ayrons uoersiedeue nach Prag, woselbst sie zu ihrem Lebensunterhalt — bevor Victor so viel für Beide erwerben tonnte, daß sie eine größere Wohnung miethete — mehrere Mediclner, Freunde ihres Sohnes, m gänzliche Verpflegung übernayui. Als nach einem Jahre Fannr's Valer, der inzwischen in fremder Pflege lebte, von seinen langjährigen qualvollen Leiden erlöst wurde, verließ Fanni auf Frau Ayrons Wunsch ihren Posten, um derselben m ihrem Haushalte behilflich zu fein. Victor Halle feine Studien an der Klinik, an der er thätig war, beendet und rüstete sich, mit der Mutter aus immer in die Heimat zu ziehen, wo er ui seiner Geburtsstabt feine ärztliche Tyaligkerr beginnen wollte. Frau Gutta kam nicht als Mara, als Verbitterte, Vergrämte in ihre Vaterstadt zurück, sondern als eme Naemi, die Frohe, Glückliche, und mit ihr war Fanni, welche ihr als treue Ruth zur Sette stand. Der Abgott Gulta's, Victor, wurde auch der Avgolt Fanni's, deren Heimat wurde die ihre und sie zog mit ihr, um sie für dieses Leven nicht mehr zu verlaffen — als die Galtm Victor s. Diese beiden jungen Menschen hatten Wohlgefallen an einander gesunden, voll dem erstenmale, ,wo sie sich beim Seder im Pereles'schen Hause begegneten. Angeborener Wissensdrang, eifriges Lesen guter Bücher, sowie der stete Verkehr Mit den beiden hocygevi.oeren Leuten, Doctor Ahrons und seiner Mutter, hatten bald den Mangel an höherer Bildung ausgeglichen, oer sich anfangs bei Fanni fühlbar machte. Als geistig ebenbürtige Geno,si» war Fanni mtt ihrem geliebten Victor unter dem Trauhimmel getreten. Literatur. Kleiner Weinberg, Exhorten für das ganze Schuljahr gehalten, beim Jugendgotlesdieuste m der Synagoge zu Kremsier von Rabbiner Dr. Frankl-Grün. (I. Kaufmann, Frankfurt a. M.) Der gelehrte Verfasser, der durch seine „Geschichte der Juden in Kremsier und Nachbargememden", sowie durch sieben andere literarische Arbeiten rühmlichst bekannt ist, hat sich durch Veröffentlichung der Exhorten auch als gediegener Kanzelredner für die studierende Jugend gezeigt. Bedeutsam und interessant ist es, aus der Einlettung zu erfahren, daß der Jugendgoitesdienst in der Kremsierer Eultusgemeinde seit 25 Jahren datirt, und diese segensreiche Einrichtung, von