Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Dr. Bkrrch's Wochenschrift. Gerte 43 Hermann Ellbogen u. A. m. In Vertretung des beruflich verhindert gewesenen Vereinsobmanncs Primarius Dr. Sigmund Kornfeld eröffnete Vorstandsmitglied Jakob Krauß die Feier mit einer Begrüßungsrede an die Erschienenen, in welcher Redner die Eatst'hungsgeschichte des Vereines und seiner Schule vertrug, den Gründern und Förderern des Vereines, dem „Jüdischen Volksverein", der Cultusgemeinde, den polilischen und Schulbehörden den Dank des Vereines abstattete und sowohl an dieselben, wie auch an die übrigen Glaubensgenossen den Appell richtete, diese echt jüdisch-culturelle Institution auch in Zukunft thatkräftig zu unterstützen. Hierauf executirt? Obercantor Bauer in gewohnter meisterhafter Weise das Mali-Towu, worauf der Delegirte der Cultusgemeinde zu einer Erklärung das Wort ergriff, in welcher er dem Verein versicherte, daß die Cultusgemeinde die Bestrebungen yes Schulvereincs mit Freuden begrüße und dieselben auch nach Thunlichkeit unterstützen werde. Herr Dr. Hermann Chajes, als Honorärschuleninspector des Vereines, übergab dann in Begleitung einer wohldurchdachten, die Bedeutung der hebräischen Sprache in Schule und Haus darthuenden, mit großem Beifall anfgenommenen Rede Schule und Schüler an die zum Unterricht berufenen Lehrer, im Namen welcher Herr Rabbiner Dr. Rosenfeld in einer gehaltvollen Rede die Wichtigkeit des Zusammenwirkens der Eltern mit den Lehrern hervorhob und das Lehrprogramm entwickelte. Nachdem noch Herr Jakob Krauß, auf die Worte des Delegirten der Cultusgemeinde hinweisend, betonte, daß dieser Verein und dessen Schule ein geheiligter Boden seien, auf welchem nur Fnkde und Einigkeit herrschen können und daß diese neue jüdische Culturstätte weder geg-n eine bestehende Institution, noch gegen eine Körperschaft, sondern zum Wohle und Frommen des Judenthums ins Leben gerufen wurde, schloß die erhebende Feier. Wir können es uns nicht versagen, der Verdienste zu gedenken, welche sich der Director des Creditinstitutes für jüdische Kaufleute und Beamte, Herr Max Pappenheim, um das Zustandekommen dieses für die Juden im IX. Bezirke so wichtigen Vereines und seiner Anstalt erworben hat. Mädchenraub. Die „Wiener Extrapost" meldet: Vergangenen Mittwoch entfernte sich die fünfzehnjährige Tochter Judith des in Kamionka wohnhaften begüterten Kaufmannes Moses Wasservogel aus dem Elternhause und kam seither nicht zurück. Das Mädchen äußerte sich vor dem Weggehen, sie wolle eine im Orte wohnende Freundin besuchen und nach einer Stunde kommen. Als jedoch mehrere Stunden vergangen waren und die Nacht hereinbrach, wurden die Eltern besorgt und schickten in das Haus der Freundin, um nach deren Verbleib zu forschen. Die Magd kam jedoch mit der Meldung zurück, daß das Mädchen überhaupt bei der Freundin nicht zu Besuch war. Die Besorgniß der Eltern wuchs natürlich noch mehr, und sie fragten bei verschiedenen Verwandten, ob sie ihr Kind nicht gesehen hätten. Nirgends konnte man ihnen eine beruhigende Antwort geben. Nach einer schlaflos vollbrachten Nacht machte sich Wasservogel neuerdings ans die Suche nach seinem Kinde. Er erfuhr nun von einem Bauern, daß dieser seine Tochter am Tage vorher in einen Wagen steigen und wegfahren sah. Die näheren Umstände schilderte dieser folgendermaßen: Das Mädchen verließ mit raschen Schritten das Gebiet der Ortschaft und wendete sich, oftmals zurückblickend, gegen das Feld. Auf dem Feldwege stand ein zweispänniger, geschlossener Wagen, dem sie entgegenging. Als sie die Nähe desselben erreicht hatte, wurde der Schlag des Wagens von innen geöffnet, und der Bauer sah im Fond desselben eine Frauensperson sitzen, welche dem Mädchen winkte. Judith bestieg rasch das Coups und der Wagen fuhr davon. Der Bauer gab ferner an, daß er die Frauensperson ihrer Kleidung nach für eine Klosterschwester hielt und daß die Vorhänge der Wageufenster herabgelassen waren. Bei dieser Schilderung erinnerte sich Wasservogel an einen Vorfall, der sich vierzehn Tage vorher in seinem Wohnhause abspielte. Damals hielt sich eine Nonne im Orte auf, um milde Gaben zu sammeln. Sie kam auch in sein Haus und wurde beschenkt. Beim Weggehen ließ sie sich mit seiner Tochter in ein auffallend lange dauerndes Gespräch ein, dem er jedoch weiter keine Beachtung schenkte. Am Nachmittag ging seine Tochter Plötzlich fort, kam erst nach zwei Stunden zurück und antwortete auf die Frage, wo sie war, mit Ausflüchten. Aus diesem Vorfälle gewann nun Herr Wasservogel die Ansicht, daß sein Kind von der Nonne beredet wurde, das Haus der Eltern zu verlassen, um ins Kloster zu gehen, oder gar listigerweise weggelockt wurde. Er kam Freitag nach Lemberg, um die Behörde um Intervention zu bitten. Sie wird diesmal hl.fs.:'.tlich rascher eingreifen als im Falle Araten und bte Schuldigen ausliefern. Olumtz. Nach dem nunmehr vorliegenden Jahresberichte des hiesigen israelitischen Armen- und Kranken-Unterstützungsvrreines pro 1901 hat sich die Zahl der Mitglieder wieder vergrößert und beträgt derzeit 350 Mitglieder, und auch die Höhe der Spenden übersteigt diejenige des Vorjahres. Es wurden betheilt: 30 Arme mit monatlichen Unterstützungen per Kronen 1690, 75 Arme mit temporären Unterstützungen per Kronen 1120, 6 sieche Frauen Kronen 710, Cm kosten für 4 Kranke Kronen 200. für Ausbildung von 2 Mädchen zu Näherinnen Kronen 160, weiters wurden 34 arme Schulkinder mit einem Kvstenaufwande von Kronen 884'98 mit vollständigen Winterkleidern, Stiefel und Wäsche aüsgestattet. Dieses erfreuliche Resultat verdanken wir zunächst der dauernden Unterstützung unserer verehrlichen Mitglieder, sow'e der so zahlreichen edlen Gönner des Vereines und sogen wir namens der Armen, Kranken, Witwen und Waisen, deren Roth gelindert wurde, jedem Einzelnen den herzlichsten Dank. Regensburg. Ein katholischer Geistlicher schreibt in der „Augsb. Abendzeitung" vom 6. Jänner: „Das Wort Religion und der religiöse Standpunkt wird viel zu sehr betont im öffentlichen Leben. Einzig ausschlaggebend kann nur sein die virtus, die volle, ernste, ganze Männlichkeit. Ein charakterfester, edler Mann muß geachtet und protegirt werden ohne jede Rücksicht auf seinen katholischen oder protestantischen Taufschein. Darum verschlägt es an sich nichts, ob auf dem Richterstuhl ein Katholik oder Protestant oder ein Jude sitzt, wenn er nur das Wahre und einzig Richtige sina ira et studio gegen die Parteien vertritt. Wer dagegen nicht ganz und voll die Wahrheit verkündet aus Liebe und Freundschaft zu einer Partei, der ist ebenso Parteimann wie ein atheistischer Socialdemokrat, der für seine socialen Reformen Propaganda macht. Ein Parteimann (im eigentlichen Sinne) in der Ausübung seines Berufes für die Allgemeinheit, ist ein unfähiges Subject. Es gibt für einen Beamten in seinen. Staatsobliegenheiten nur einen Weg, und das ist der Weg der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Was sollen daher nützen alle die Kämpfe und Streitigkeiten über die Conf'ssionalität, da diese in erster Linie bei der Aufstellung der Beamten nicht in Frage kommen kann." Aus der bairischen Kammer der Reichsrälhe. Wie erinnerlich, hat die baierische Abgeordnetenkammer vor Kurzem folgenden Antrag Heim über die Zulassung von Israeliten zur Justizverwaltung angenommen: „An die königliche Staatsregierung die Bitte zu stellen, Israeliten möglichst nur im Berhältniß der israelitischen Bevölkerung zur Gesammtbevölkerung in der Justizverwaltung aufzunehmen." — Der Finanzausschuß der Kammer der Reichsräthe hat dagegen auf Antrag des Referenten Ritter v. Massai beschlosien, über jenen Beschluß der Abgeordnetenkammer zur Tagesordnung überzugehen. Warschau. In der russischen Armee gibt es Regimenter, die zum großen Theile aus Juden bestehen. Auch in unserer Vorstadt Prag« liegen sehr viele Juden in Garnison. Seit 3 Jahren sammeln die jüdischen Soldaten des 4. Infanterie- Regimentes Beiträge, um zum Andenken an die Krönung Nikolaus II. eine Seser Thora schreiben zu lassen. Das Ziel ist erreicht. Am 19. December, dem Namenstag des Kaisers, wurde die Thora vollendet und unter großen Festlichkeiten, welcher circa 3000 Personen beiwohnten, unter ihnen sämmtliche Osflciere, der großen Synagoge in Praga übergeben, unter der Bedingung, daß sie Eigenthnm des Regiments bleibt. Rabbiner Maimon trug unter einem Baldachin die Thorarolle itr feierlichem Zuge in die Synagoge. In Praga erhalten die jüdischen Soldaten durch einen Verein unentgeltlich koschere Kost. Warschau. (Johann G o t t l i e b Bloch.) Der am 7. Jänner in Warschau verstorbene große Friedensapostel Johann G. Bloch wurde 1836 als Sohn armer jüdischer Eltern zu Radom geboren. Nachdem er in Warschau eine Realschule beendet hatte, fand er eine Anstellung in einer nahe bei Petersburg gelegenen Dampsmühle, wo er sich bald als organisatorisches und kaufmännisches Genie derart auszeichnete, daß ihm als 21jährigen Jüngling der Bau einer Zweigbahn der Warschau- Petersburger Linie übertragen wurde. Einige Jahre später