Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 40 dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 3 also vom K. H. Wolf überhaupt niemals etwas gehalten und befanden uns da vollständig im Einklang mit der Meinung aller ernsten Politiker, aber auch im Einklang mit der überwiegendsten Majorität der Deutschen in Oesterreich und der Deutschen draußen im Reiche. Weder die extrem-nationale Unduldsamkeit, die in ihrer äußersten Conftquenz zur gewaltsamen und brutalen Unterdrückung, ja zur Ausrottung aller nichtdeutschen Völkerschaften in Oesterreich führen müßte, noch der Antisemitismus, der die gleiche Ungerechtigkeit und Barbarei gegenüber den Juden bedeutet, konnten die Zustimmung des gebildeten und vernünftigen deutschen Volkes finden; die Anbiederung der durch Schönerer und Wolf geführten radicalen Gruppe an das deutsche Reich wurde von dort aus wiederholt mit einer Geringschätzung und einem Tadel zurückgewiesen, die drastisch zeigten, wie politisch werthlos diese allveutsche Gruppe ist. Umso unerträglicher und umso anwidernder war die Anmaßung, mit der diese Leute, insbesondere aber K. H. Wolf sich als die berufenen Repräsentanten des deutschen Volkes, ja als dessen Blüthe zu geriren unterfingen. Der Herr Karl Hermann Wolf maßte sich ja förmlich die Entscheidung darüber an, wer sich als Angehöriger des deutschen Volkes betrachten dürste oder nicht, und der Teutoburger Größenwahn nahm immer groteskere Formen an, und der Judenhetze bediente sich auch K. H. Wolf in seiner ^Ostdeutschen Rundschau" derselben [gemeinen Mittel, wie der Vergani im „Deutschen Volksblatt". Von dem Besitzer des Antisemiten-Hofes in der Josefsgafie unterschied sich K. H. Wolf wenigstens bisher durch die bürgerliche Achtbarkeit. Wie weit der Ernst Vergani ein Ehrenmann ist, das haben wir ja bereits wiederholt festgestellt: vom Scheitel aufwärts und von der Sohle abwärts. Wie weit nach den neuesten Enthüllungen der K. H Wolf ein Ehrenmann ist — diese heikle Frage ließe sich in einem medicinischen Fachblatte leichter beantworten, als es hier möglich ist. So viel ist sicher, nach dem eigenen Geständnisse des K. H. Wolf: Er hat schmählichen Verrath an seinem Gastfceunde geübt, er hat die nationale Begeisterung, die sich an seinem Namen knüpfte, den Nimbus, mit welchem die Gestalt eines viel genannten Politikers nach der Vorstellung seiner Anhänger und Anhängerinnen umgeben ist, dazu benützt, um eine jener deutschen Jungfrauen, die er und seine Gesinuungsgenvssen so laut und eindringlich vor dem Verkehre mit Juden warnen, ihrer Unschuld zu berauben. Die Dreiräder-Theorie, die Herr Wolf vor seinen Wählern aufstellt, hat keinen Bestand vor den primitivsten und unveräußerlichen Begriffen der bürgerlichen Ehre. Das wäre traurig bestellt, wenn jenes vierte Rad, das in dem Gefühlsleben des Herrn K. H. Wolf eine so unwiderstehliche Rolle zu spielen scheint, so ohneweiters über die Unbescholtenheit und das Glück achtbarer Familien Hinwegrollen dürfte, die sich geschmeichelt fühlen durch die Ehre, daß ein gefeierter Bolksmann in ihrem Hause einkehrt und die sich nachträglich geschändet sehen durch die Nacht, die der große Sohn des Edelvolkes unter ihrem Dache verlebt und verliebt hat. Mag Herr K. H. Wolf seinen Wählern von der geheuchelten Entrüstung des Nochnichtei wischten erzählen, was er will, so wird ihm doch jeder achtbare Mann und insbesondere jeder Vater wohlerzogener Töchter ruhig und entschieden ins Gesicht sagen: „Herr K. H. Wolf, Sie haben keine durch irgendwelche Aufwallung des Blutes entschuldbare Verirrung begangen, sondern eine ehrlose Handlung, eine niedrige Lumperei!" Nochmals sei es betont, wir empfinden ob dieser persönlichen Compromittirung dieses Gegners wahrlich nicht die geringste Freude, freuen mag. sich dessen allenfalls jener publicistische Anwalt der Christlich-Socialen, der im gemeinsamen Schicksale der Ehrlosigkeit den College» von der ostdeutschen Fraction gerührt und getröstet umarmen mag. * * * Bei dieser Beurtheilung des Herrn K. H. Wolf sehen wir vollständig ab von dem, was über sein nachträgliches Verhalten gegenüber der durch den Verkehr mit ihm unglücklich gewordenen deutschen Jungfrau und deren nachmaligen Gatten bekannt geworden ist. Als dem Töchterchen des Ehepaares Tschau das seidene Röckchen zu enge geworden, soll K. H. Wolf nach der Angabe der nunmehrigen Gattin des Professor Seidl einen Rath ertheilt haben, dessen Ausführung sich als Verbrechen gegen das keimende Leben dargestellt hätte. Er wohnte der Trauung der deutschen Jungfrau mit ihrem Gatten bei, dem er das jus primae noctis vorweg genommen hatte, und merkte sich vor für die Pathenschaft zum ersten Kinde. Welch' herrliches Bild von einem treudeutschen Manne, von dieser Zierde eines Edelvolkes. Vielleicht hat Herr Wolf da von seinem College« Herzog profitirt, gleichfalls einen ostgothischen Recken in der alldeutschen Tafelrunde, der seine Braut verlassen und sie dann wegen des hier angedeuteten Verbrechens der Staatsanwaltschaft denuncirt hat. Herr Herzog ist ja heute noch Rerchsrathsabgeordneter und ein Angehöriger der alldeutschen Partei. Die häßlichen Flecken schaden ihm weder im Ansehen seiner engen Parteigenossen, noch im Bezüge seiner Diäten. Der Karl Herman Wolf, falls er mittlerweile gewählt worden ist, wird sich auf den Bezug der Diäten mit Nachsicht der Achtung beschränken müssen. Aus diesem Grunde nehmen wir seine eventuell erfolgte Wiederwahl von der heiteren Seite. Ein Haus, in welchem ein Mittermayer Platz gefunden, in welchem heute noch ein Ernst Schneider sitzt, darf auch einen K. H. Wolf in seiner Mitte haben, wenn er auch unter die moralisch Hevarirten gegangen ist. Die Juden, die Herr K. H. Wolf in seinem Blatte beschimpft, mögen sich jetzt leichter darüber trösten, und wenn die Ostdeutsche Rundschau" mit wahrer Freude erzählt, es sei in Rumänien ein Redner, der für die Gleichberechtigung der Juden sprach, jämmerlich durchgeprügelt worden, so sei dieser freudigen Constatirung der „Ostdeutschen Rundschau" die betrübende Nachricht an die Seite gestellt, daß in der Gegend von' Trautenau ein deutschnationaler Antisemit, nicht durchgeprügelt, wohl aber als ehrlos gebrandmarkt worden ist. *. * * Mit treudeutschem Heilgruß gibt Frau Tschan der Anbetung des Nationalhelden die Ehre ihrer unglücklichen Tochter preis. Wir wollen uns in keine weiteren Bemerkungen über diese Dame einlaffen und nur das Eine constatiren, daß das Hereinzerren der Frauen in die häßlichsten politischen Agitationen eine Frucht der antisemitischen Bewegung ist. Die Luegergarde in Wien hat damit angefangen, und nun sehen wir, wie eine Mutter einen Fehltritt ihrer Tochter damit entschuldigt, es sei ja „ein Wolf gewesen", und wie sie inmitten der Wahlagitation zur Feder greift, um mit Preisgebung ihrer häuslichen Ehre für das Mandat des Herrn K. H. Wolf zu werben. * * * Die Erwischten und die Nochnichterwischten, das ist eine Eintheilnng der menschlichen Pflanzen, auf die ein Linnß stolz sein könnte und die wir von der Anregung des Herrn K. H. Wolf recht gern für unsere Antisemiten acceptiren wollen. Die Erwischten und die Nochnichterwischten — wenn wir genauer zusehen, ist es einigermaßen schwer, sie von einander zu unterscheiden. Gehört der Vergani zu den Erwischten oder zu den Nochnichterwischten? Bei den verjährten Defraudationen, und wenn Einer schon so viel eigene Wiesen besitzt, daß er genug Gras hat, um es über alle Lumpereien wachsen zu lassen, wird man eigentlich nicht so gründlich erwischt, wie es dem öffentlichen Rechtsbewußtsein entsprechen würde, und wenn wir die einzelnen Exemplare aus der Garde überblicken, die in Wien öffentlich Moral predigt und vor dem Verkehr mit Juden warnt, so möchte man bei Manchem fragen: Ist er schon erwischt oder noch nicht erwischt? Zn den unbestrittenermaßen Erwischten gehört einer der Häuptlinge der christlich-socialen Partei in Baden, der dortige städtische Buchhalter Anton Wastl, der mit dem Rufe „Nieder mit den Juden" die Stadt Baden zu durchziehen pflegte, ein principieller Verächter des mühelosen Gewinnes und der jüdischen Corruption. Und siehe da > Die christlich-sociale Gemeindevertretung von Baden fühlt sich v e r g a n i s i r t durch die Entdeckung, daß aus der Gemeindecaffe 135.000 L fehlen, die Herr Anton Wastl, der stramme Antisemit, theils beim Totaliseur verspielt, theils für Zechgelage mit Gesinnungsgenossen verausgabt hat. Er spendete Fahnenbanner für antisemitische Vereine, und wenn der Doctor Lueger zu so erhebenden Feierlichkeiten nach Baden kam, reichte ihm Herr Wastl die Hand und begrüßte ihn in wohlgesetzter Rede. Schmerzlich berührt ist wohl der antisemitisch angehauchte Badener Trabrennverein durch den Verlust einer Kundschaft, die ihm beim nächsten Meeting fehlen wird. Es ist doch merkwürdig, wie die schönen Principien, die der Antisemitismus verficht, bei seinen eigenen Anhängern so häufig Schiffbruch leiden, daß die Eintheilung der Antisemiten in Christlich-Sociale und Deutschnationale nachgerade veraltet ist. Theilen wir sie lieber ein, frei nach Linne, in kryptogame und phanerogame Ehrenmänner oder nach K. H. Wolf in die Erwischten und Nochnichterwischten.