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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Bloches Wochenfthrifk« Sette 39 Buchhalters von Baden Herrn W a st l, der die Kleinigkeit von 135.000 Kronen unterschlug, nur zum Vortheile gereichen, daß er ein eifriger Agitator der Christlich-Socialen war. Die antisemitische Gesinnung beginnt ein bequemer Deckmantel für jede Lumperei zu werden. Die Juden haben niemals beansprucht, für Ausnahmsmenschen zu gelten. In Wirklichkeit waren und sind sie es, denn wer den Zusammenhang zwischen Criminalität und socialen Verhältnissen kennt, muß darüber staunen, wie gering der Procentsatz jüdischer Verbrecher gegenüber dem jüdischen Massenelend ist, obwohl ja die beiden wichtigsten Antriebe der Menschheit, Hunger und Liebe, auf uns nicht anders wirken wie auf andere Menschen und das Blut durch unsere Adern nicht träger pnlsirt. Der Judenhaß aber begeht eine dreifache Nichtswürdigkeit au uns. Er beurtheilt nicht nur das Verbrechen des einzelnen Juden strenger als jenes des einzelnen Christen, er macht auch die Gesammtheit für die Uebelthat des Einzelnen verantwortlich. Der Selbstdiebstahl des Dr. Tomka wurde vom „Deutschen Volksblatt" als „ein echtes Judenstück" bezeichnet, als ob alle Juden nur auf die Gelegenheit warteten, bei sich selber einzubrechen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Der Antisemitismus hat es auch dazu gebracht, daß alle jene Vergehungen gegen Gesetz und öffentliche Moral, die den Juden als solchen fälschlich angedichtet werden, mehr und mehr von den Christen geübt und noch förmlich als Heldenthaten gepriesen werden. Das Beispiel Wolf's, der von den Eltern des von ihm in ehebrecherischer Lust verführten Mädchens unter Preisgebung jeder Scham öffentlich verhimmelt wird und den die Alldeutschen Böhmens noch immer als Blüthe aller männlichen und aller germanischen Tugenden preisen, zeigt mit erschreckender Deutlichkeit den trostlosen Verfall der öffentlichen Sitten Tief in unser ganzes Staats- und Gesellfchaftsleben hat sich diese antisemitische Moral, diese Nichtachtung von Recht und Gesetz, von Treue und Glauben, von Ehre und Anständigkeit eingefressen. Wir sind krank daran bis ins innerste Mark. Man verfolge nur die Verbiete unserer Geschwornengerichte, die Verfügungen unserer administrativen und autonomen Organe, man beachte, wie die Rechtsunsicherheit immer weiter um sich greift, wie die Willkür wahre Triumphe feiert. Das Parlament beschließt aus Grund einer Regierungsvorlage ein Reichsgesetz zur Regelung des Heimatsrechtes. Die Gemeinde Wien trotzt diesem Gesetze, trotzt den Verfügungen der Staatsbehörde, trotzt der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes, und Niemand wagt es. sie zur Erfüllung ihrer Pflicht zu zwingen. Welche Mysterien antisemitischer Verrohung die Schule b.irgt, haben wir schaudernd aus einer Gerichtsverhandlung der jüngsten Tage erfahren. Der betreffende Professor ist Vorstandsmitglied eines antisemitischen Vereines, der geradezu die Prügelgarde der Wiener Christlich-Socialen repräsentirt. Die Entsittlichung wird in der Volksschule begonnen, in der Mittelschule fortgesetzt und durch eine zügellose Presse, welche das Verbrechen zu entschuldigen sucht oder gar als Tugend preist, vollendet. Und aus diesem Milieu soll die staatliche Wiedergeburt Oesterreichs, die kulturelle und materielle Erhebung seiner Bevölkerung erfolgen! Die Defraudationen sind an der Tagesordnung. Aber längst hat der Antisemitismus in Oesterreich Ehre und Sitte, Gesetzlichkeit und Rechtlichkeit defraudirt Und in diesem Punkte haben einander Christlich-Sociale und Alldeutsche nichts vorzuwerfen. 4- * * „Deutsche Frauen und Jungfrauen, hütet Euch vor dem Verkehr mit Juden!" In großen Lettern, ähnlich der Aufschrift .Kaust nur bei Gesinnungsgenossen", mit welcher das Wiener Antisemitenblatt auf den Brodneid der Gewerbetreibenden speculirt, prangt diese Warnung in den nordböhmischen Blättern Wölfischer Couleur. Die holde Unschuld teutscher Jungfrauen wird als gefährdet hingestellt, wenn ein Jude nur in ihre Nähe kommt; die Tugend und die Keuschheit sind das Merkmal und die Zier des teutschen Jünglings. Karl Hermann Wolf. Du Jdealgestalt des teutschen Mannes. Du Inbegriff ostgothischer Treue und Biederkeit, wie hast Du Dich verschandelt! „Heil der Braut, die sein erkiest!" Das Dichterwort ist schön, aber nur. wenn der Erkieste ledig ist. So ist es nicht gemeint, daß die Braut einen Anderen erkiest, der nicht ihr Bräutigam ist, noch dazu, wenn dieser Andere schon eine Andere erkiest hat, wenn daheim eine brave Frau, eine teutsche Kameradin, seiner wartet in züchtiglicher Minne, wenn liebe Kinder fragen: „Mama, wo ist der Papa?" Einen so gründlich verheirateten Mann darf keine Braut erkiesen. Der große Teutoburger mag es uns verzeihen, oder, wenn er will, er kann es auch bleiben lasien, aber wir können uns nicht helfen, wir können das hohle Pathos, mit welchem er sein nordböhmisches Liebesabenteuer öffentlich behandelt, nicht ernst nehmen, sondern finden seine Situation überaus lächerlich, Die Verächtlichkeit der Rolle, die er spielt, gestaltet dieses Pathos komisch und widerlich zugleich, und seine Rechtfertigungsversuche erinnern uns allzusehr an ein von Goethe in humorvollen Hexametern geschildertes Erlebniß des Reinecke Fuchs, wo dieser die stattliche Wölfin in einer Situation eingeklemmt findet, in welcher sie der Hinterlist und den sündigen Gelüsten'des vielgewandten Reinecke wehrlos preisgegeben ist. Und wie in Goethe's Reinecke Fuchs der betrogene Gatte seinen tiefen Schmerz preisgibt in der großen Versammlung der Thiere, so bildet auch der Verrath, den der'ostgothische Kämpe am Freunde begangen, den Gegenstand einer öffentlichen Discussion, wie man sie in einem politischen Wahlkampfe bisher wohl noch niemals erlebt hat. Die arme Frau, die vor der gesammten Oeffentlichkeit das Geheimniß einer Verirrung preisgeqeben sieht, erweckt unser Mitleid. Die Figur des dubiosen Ehrenmannes, der durch die Drohung mit Selbstmord ein gutes Sittenzeugniß in Form eines Reichsrathsmandat zu erpressen unternimmt, erweckt Empfindungen, die sich aus Spott und Verachtung zusammensetzen. Zur Stunde, wo wir diese Zeilen schreiben, wissen wir nicht, ob die Wählerschaft des Trautener Bezirkes sich wirklich so weit herabgewürdigt hat. eine begangene Ehrlosigkeit durch ihr politisches Verbiet zu decken. Mag aber die Wahl, deren Resultat erst heute Mittwoch Abends bekannt werden wird, wie immer ausfallen. so muß ein für alle Mal constatirt werden, daß der moralische Bankerott dieses kecken, anmaßenden Faiseurs auch durch die Ertheilung des Reichsrathsmandats nicht verhüllt werden kann. * * * Um jedem Mißverständniß vorzubeugen, als ob wir an der Compromittirung des K. H. Wolf durch irgend einen persönlichen Scandal ein Behagen finden würden, müssen wir auf die Ansichten verweisen, die wir über die Fähigkeit und über den Charakter dieses Mannes, sowie über seine politische Bedeutung wiederholt ui einer Zeit ausgesprochen haben, wo seine privaten Erlebnifie Niemanden interessirten. Wir wußten, daß er als Soldschreiber früher ein liberaler Journalist war, daß er dann der angestellte Mitarbeiter des Ernst Vergani war, wo er sein antisemitisches Herz entdeckte und daß er sodann jenes Organ des Urteutonenthums gründete, dessen Schreibweise ein Hohn auf die deutsche Sprache und den guten Styl ist. Was den Mann überhaupt dazu brachte, im politischen Leben sich in den Vordergrund zu drängen, war die Eloquenz des Bierschwefels, der nationale Chauvinismus, die burschikose Anmaßung. Das Auftauchen und Emporkommen solcher Personen in der Volksgunst ist in der Geschichte kein vereinzeltes Beispiel. Wir wollen nicht vom Gerber Cleon sprechen, deffen Figur uns etwas zu ferne liegt, sondern erinnern an den General Boulanger, von dem man niemals irgend eine Heldenthat vernahm, der weder tüchtig noch tapfer war. sondern ein großmäuliger Blagueur, und der doch für einen Theil der französischen Nation eine Zeitlang der allverehrte Abgott war. Auch dem Boulanger flogen die Herzen der Chauvinisten zu, denen er Elsaß-Lothringen versprach, und so manche Frau kam ihm mit patriotischer Begeisterung und Hingebung entgegen. An Ruhmredigkeit und an sieghaftem Erfolg bei der national begeisterten Menge erinnert die Erscheinung und der Erfolg des K. H. Wolf in so manchem Betracht an den General Boulanger, nur mit dem Unterschiede, daß der militärisch-politische Gaukler, der einige Zeit lang als französischer Nationalheld galt, den Revolver an die Schläfe setzte, als die Schmach über ihn gekommen war. Das hat K. H. Wolf freilich bisher nicht gethan; er setzte den Revolver nicht an die Schläfe, sondern den Wählern auf die Brust, damit das Schreckditd seines enffeelten Leibes sie davon abhielte, ihm die Stimmen zu verweigern. Wir haben

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