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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 36 Dr. Bloch's Wochrnfchrrfl. M. 3 den Wucher, und wie oft sieht man sich genöthigt, die Juden zurückzurufen, um sich der christlichen Wucherer zu erwehren. Wer war es denn aber, der unter solchen Umständen das Geldgeschäft der Juden zur Anklage wider sie schmiedete? Auch darüber sind wir unterrichtet. Die höchsten geistlichen und weltlichen Herren haben jüdischen Händen ihre Geldgeschäfte anvertraut. Seitdem der Papst Alexander HL damit begonnen, hat sich diese Tradition im Vatican bekanntlich bis heute erhalten. Ein Jude, Jakob Daniels, leitet im 14. Jahrhundert im Aufträge des Erzbischofes von Trier, eines der tüchtigsten Fürsten im Mittelalter, die ganze Finanzwirthschaft des Mosellandes. Bei der Gründung der Krakauer Universität läßt König Kasimir sogleich Juden sich ansiedeln, um die Studenten vor Wuchererhänden zu bewahren. Ein Herzog von Schlesien macht einen Juden sogar zum Verwalter seines Haushaltes und seiner Küche. Gewiß ein Zeichen seltenen Vertrauens. Allein dieses Bild hatte auch seine Kehrseite. In dem schönen Wien finden wir auch, wie anderswo, Juden als Geldleiyer. Besonders war es ein Jude David Steuß, der mit einem Consortium den Wiener Weltmarkt, wie man sagt beherrschte. Ihm verfallen, rechtmäßig natürlich als Pfänder die Feste Rabenstein, die Feste Schaumberg und andere Liegenschaften des verschuldeten Adels. Das machte böses Blut. Neben dem Adel war es die hohe Geistlichkeit, die durch leichtfertige Wirthschaft tief in die Schuld der Juden gerieth, und man griff zu dem radicalsten Mittel der Schuldentilgung, indem man die Gläubiger mundtodt machte. Was haben nun aber die Juden bei diesem traurigen Handel verdient? Das Märchen vom jüdischen Reichthum ist damals aufgekommen. Der Pöbel sah die silbernen und goldenen Pfänder im Haus der Juden und braute sich daraus jenes Märchen zurecht. In Wahrheit hören wir, daß Silberschmuck in jüdischem Besitz so. selten war, daß man silberne Schüsseln »christliche Schöffeln" nannte, und daß man in einem solchen mit fremden Schmuck ausstaffrrtenHaus vor Armuth oft die Chanukalichtchen in Eierschalen anzünven mußte. Aber nichts ist so bezeichnend, wie das Judenprivilegium Ottokars von Böhmen, worin es heißt: man müffe den Juden einen höheren Zinsfuß ge ähren, denn nach Abzug der Steuern und Abgaben, die sie zu zahlen hätten, bliebe ihnen ja sonst nichts, wovon sie das nackte Leben fristen könnten. Und welche Culturarbeit haben die Juden auch in dieser traurigen Zeit geleistet! Leopold der Glorreiche von Oesterreich hat mit jüoischem Gelbe, hauptsächlich dem Gelde der Wiener Juden, die Straße über den Semmering gebaut, die Venedig mit dem deutschen Norden, die Levante mit der Nordsee verband. Und ein Forscher wie Karl Lamprecht hat es betont, daß gerade in dieser Zeit die Juden durch Ausbildung eines festen Finanzsystems zur Bildung von Territorien wesentlich beigetragen und somitdie Grundlagen zur deutschen Staatenbildung mitgeschaffen haben. Die Juden sehen wir aus dem Geldgeschäft verdrängt und an ihre Stelle traten die Fugger, die Welser, die deutsche Hansa. Daß mit diesem Wechsel der Acteure gleichzeitig eine Hebung der kaufmännischen Moral und eine größere Förderung des allgemeinen Bolkswohls stattgefunden, wagt kein besonnener und objectiver Geschichtsschreiber zu behaupten. Was zunächst die Hanseaten angeht, so haben die die nordischen Länder, besonders Scandinavien und England, derart ausgebeutet, daß die erste Regung der Selbstständigkeit jener nordischen Völker sich darin äußert, daß sie die deutschen Kaufleute aus dem Lande treiben. Von den Welfern hören wir, daß sie selbst die nothwendigsten Lebensmittel monopolisirt und den Kornwucher gemeinster Art getrieben haben. Lucas Rem erzählt in seinem Tagebuche, wie er 18 Jahre lang für die Welser Gut und Blut in die Schanze geschlagen habe. Als er aber, wie er sich ausdrückt, »die Büberei der Herren" entdeckt, da kündigt er und wird sang- und klanglos vor die Thür gesetzt. An solchem Handel haben sich auch hohe deutsche Herren betheiligt. Ich rede nicht von dem Sclavenhandel der deutschen Fürsten im 18. Jahrhundert, die mit dem Leben ihrer Unterthanen Geschäfte machten, sondern ich rede von jenen Monopolgeschäften, an denen sich unter Anderen auch der Kurfürst von Sachsen, August der Starke, betheiligt hat. Nun, die Fugger haben dafür gesorgt, daß im Volksmund fuggern und wuchern identisch wurde. Sie haben sich aber nicht mit Kleinigkeiten abgegeben. Als der Ablaßkrämer Tetzel die deutschen Lande durchzog, da begleitete ihn ein Commis der Fugger, der jeden Ablaßpfennig sogleich mit Beschlag belegte. Die Kirche hatte den Fuggern das Ablaßgeld verpfänden müssen. Und als die Kurfürsten zwischen Franz von Frankreich und -Carl von Spanien entscheiden sollten, da wiffen wir genau, wie viel diese hohen Herren von Frankreich als Douceur erhielten, eine Sitte, die sich, wie noch in unseren Tagen der Judenfresser Lagarde zeigte, sehr wohl mit dem Furor teutonicus verträgt, aber noch genauer wissen wir, was vom stolzesten Kurfürsten bis zum kleinsten Schreiberlein diese Vertreter der deutschen Ehre von Karl bekamen. Diese Einnahmen sind gebucht bis heute erhalten, denn der sie auszahlte, das war ein genauer Rechner und gewiegter Kaufmann. Die Fugger haben Karl die Kaiserkrone gekauft und ohne Scheu erinnert Fugger gelegentlich den deutschen Kaiser: »Majestät wiffen ja, wem sie die Krone zu danken haben." So hat man mit den heiligsten Gütern des deutschen Volkes Schacher und Wucher getrieben. Wir können es wohl begreifen, mit welcher Entrüstung ein Luther, ein Hans Sachs, ein Gailer von Kaisersberg über das schändliche Treiben ihrer Volks- und Religionsgenossen, der damaligen christlich-germanischen Kaufleute, losziehen. Und da wollen wir Juden schweigen, da sollen wir dulden, daß man das Andenken unserer Väter, daß man die Ehre des jüdischen Kaufmannes schändet? Wir stehen nun vor der wichtigen Frage: Was wurde denn nun aus den Juden, welche aus den Städten aufs Land getrieben waren? Mußten sie nicht sammt und sonders zu Bettlern, zu Verbrechern, zu Landstreichern werden? Nein, das ist ein goldenes Blatt in der Geschichte Israels, hier zeigt sich die unverwüstliche moralische Kraft des Juden. Wenn jener größte Feldherr unserer Tage Recht hatte, als er sagtc, ein Heer bewährt sich nicht so sehr im Sieg, als auf dem Rückzug, dann gebührt diesen Streitern Gottes hundertfacher Lorber. Die Juden wurden damals das, was sie bis heut in Ehren geblieben sind. Es entstand die Figur des jüdischen Hausirers. Und diesem jüdischen Hausirer hat ein unvergängliches Denkmal kein Geringerer ' gesetzt, als Gustav Freytag. Ec schildert die Verwilderung Deutschlands nach dem 30jährigen Krieg. Handel und Wandel stockt. Ueberall fehlt es an dem Nöthigsteu, am Gelde. Da erscheinen als die Retter wiederum die Juden und zwar jene verachteten, von Dorf zu Dorf gehetzten Schacherjuden; die haben, wie die Ameisen ihre Gänge durch die Erde bohren, durch diesen Wirwarr, durch dieses Chaos unsichtbar und geräuschlos vom äußersten Osten von Rußland über Brody und Breslau nach dem Westen und Norden ihre Fäden gezogen, die sich allmählich wieder zum Netz ausspinnen lassen. Ja der Schacher, der Handel mit alten gebrauchten Sachen, zu dem der Jude nun verurtheilt war, die Kunst, aus alten Sachen neue wieder herzustellen, dieser Schacher, sagt Kiesselbach, ist vorbildlich geworden für die große Culturmission Israels, die Stoffe absterbender Gebilde zu neuen Organisationen umzugestalten. Und aus diesen kleinen Finanzgenies, aus diesen Häusirern, die das Leben wirklich und meisterhaft zu einer Kunst ausbilden, die aus Saatkörnern, die andere achtlos in den Staub getreten, blühenden Weizen zu ernten wissen, aus ihnen werden die großen Finanziers, die Hofjuden des XVIII. Jahrhunderts. Und wie diese jüdischen Reichen die Pflichten des Reichthums verstanden, welche Wohlthätigkeit sie bis heute entfalten, bis heute ohne Unterschied der Confession, davon auch nur ein Wort zu reden, hieße ihr Verdienst verdunkeln. Als 1680 Wilhelm von Oranien seinen Zug gegen England unternahm, fand sich nur ein Banquier, der zu dem waghalsigen Unternehmen Geld hergab, es war Jsak Lopez Suasso. Und als der Prinz überZinsen und Sicherheit verhandeln wollte (es handelte sich um die Kleinigkeit von 2 Millionen Gulden), da gab ihm Suaffo zur Antwort: »Sind Sie glücklich, so bin ich überzeugt, daß die Summe mir zurückerstattet wird, sind Sie unglücklich, nun dann soll sie für mich verloren sein. Diese heroische That berichtet als ein Muster edelster Unterthanentreue ein Memoirenschreiber, der Ihnen allen bekannt ist. Allein dieser Memoirenschreiber hat leider daraus keine Nutzanwendung gezogen. Die Geschichte nennt ihn Friedrich den Großen. Doch wozu in die Ferne schweifen? In der großen Hungersnoth (1816) suchte Kaiser Franz bei einigen Wiener Banquiers eine Privatanleihe aufzunehmen, um die schreckliche Noth des Volkes in etwas zu mildern. Es fand sich nur ein jüdischer Bauquier, der lieh die 300.000 Silbergulden auf unbestimmte Zeit und erklärte ausdrücklich: »Da der Kaiser das Geld ausnimmt, um der allgemeinen Noth zu steuern, so leiste ich auf jede Verzinsung Verzicht." Nach dreiviertel Jahren erhält er das Geld zurück und es wird ihm angedeutet, daß man an seine Erhebung in den Adelsstand denke. Doch der Jude erbittet sich eine andere Gnade, die Gunst, im Lande bleiben zu dürfen. Denn er weiß sehr wohl, auch der Adel schützt den Juden nicht vor dem Elend, heimatlos zu werden.

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