Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 34 Dr Bloch's Wochenfrhrifl. Nr. 3 Es ist kein Wunder, wenn die Unehrlichkeit des Kaufmannes geradezu zum Sprichwort wurde. Es gab bei Athen einen eigenen |ogenanntett »Diebeshafen" für die Schiffe, die den Staat um den Zoll prellten, in Athen selbst einen »Lügenmarkt'', wo man gestohlene Sachen sehr billig „zum Selbstkostenpreis" feilbot. Gelogen wurde schon an der arischen Börse der Athener, falsche Börsengerüchte bewirkten eme künstliche Brrlheuernng der Lebensmittel. Sie Alle kennen die dunklen Ehrenmänner in Shakespeare's »Timon von Athen". So ist denn Odysseus geradezu entrüstet, wenn ihn die Phäakeu für einen Kaufmann halten. So niedrig wurde dort die Ehre des Kaufmannes eingeschätzt. Demosthenes, der erste Manu seiner Zeit, sagt in seiner Rede gegen Phormion, einen Großhändler Arhens: »Ein betriebsamer und dabei ehrlicher Kaufmann ist ein Wunderding". Und immer wieder bis in die Neuzeit wird lenes wegwerfende Urtheil wiederholt, welches Plato über den Handel gefällt hat. Und doch, auch Plato hat nebenbei manch Geschäftchen gemacht. Seine Reise nach Egypten soll er nur unternommen haben, um dort fern Ott loszuwerdeu. Der mußte also doch die Praxis des griechischen Kaufmannes aus eigenster Erfahrung kennen. Und das ist Griechenlands idealster Denker. So steht es um die kaufmännische Ehre an jenen Stätten, die dem Arier der Nimbus unsterblichen Geistesadels verklärt. Und nun gar Rom! Da setzt die Geschichte gleich mit einem Wucherfcandal ein. Die Bauern sind durch die beständigen Kriege mit den Sabinern, Latinern und anderen Nachbarn so verarmt, daß sie sich rettungslos in die Hände der Wucherer geliefert sehen. Es kommt zur offenen Spaltung, zu jener ersten von der Geschichte so bezeichneten »Secession", welche Menenius Agrippa durch die vekaiinte Fabel vdn dem Streit der Glieder mit dem Magen soll geschlichtet haben. Mit der Ausdehnung der römischen Herrschaft sehen wir Capitalisten aus Rom in die Provi.lzen, selbst in btc kleinsten Städte wandern, das Leihgeschäfl wird geradezu Monopol des römischen Bürgers, und nicht nur des Bürgers, sondern auch des zarten G:s.chechres. Es ist bekannt, daß die römischen Frauen ihre eigenen Männer ausgewuchert haben. Und vor Allem sind es die Equites, die römischen Ritter, die sich zu Gesellschaften zusammenschließen und vom Staat alle, aber auch alle Einkünfte in Pacht nehmen. Diese Einkünfte wurden, um die Aufftellung eines Budgets zu ermöglichen, jährlich auf dem Forum öffentlich versteigert und man begann mit den Einkünften aus dem Lucriner See, weil das als ein günstiges Omen für eine lucrative und ausgiebige Auction galt. Wir begegnen auch in Rom den merkwürdigen Typen von Junkern und Agrariern, die in einer Person zugleich Schlotbarone sind und die Gärtner an dem Giftbaum der Börse. Selbst die Regierung, selbst die kaiserliche Familie betheiligt sich in rührenoer Ernmüthigkeit mit dem Landesadel an finanziellen Unternehmungen. Cato, der sittenstrenge Cato, römischer als jeder andere Römer, sagt offen und ehrlich: »Geld verdienen ist die erste Aufgabe des Menschen, der Handel, wäre er nur nicht manchmal so gefährlich, ist an sich ein guter Erwerb, und auch der Wucher ist es, wäre er nur nicht so anrüchig." Und doch, in der. Sprache der stolzen Roma ist es geprägt, ja gerade von Bespasian, dem blutigen Bezwinger Judäas, geprägt und durch ihn unsterblich geworden das böse Wort: »non ölet", das Geld ist nicht anrüchig, es plaudert nicht aus, woher es kommt. Es ist geradezu eia Moment von völkerpsychologischer Bedeutung, wenn im römischrn.Pantheon ein Gott thront, der zugleich der Gott der Kaufleute und der Diebe ist, und dieser Gott Mercur, den der Römer verwandter Züge wegen mit dem"nordischen Odhin in eins setzt, dieser Mercur war, wie Tacitus in der Germania berichtet, der Hauptgott der Germanen. Wie würde Houston Stewart Cyamverlain aus solchen Thatsachen seine Raceutheorie gestalten! Gestatten Sie mir aber eine einzige merkwürdige und hochbedeutsame Wahrnehmung. Derselbe Tacitus, der doch sonst an den Juden nicht ein gutes Haar läßt, und all' die römischen Satiriker, die mit so beißendem Spott den Wucher der Römer in Rom geißeln, von einem wiffen sie nichts zu berichten, von dem Wucher, dem unlauteren Geschäftsgebahren der römischen Juden. Und noch schärfer und überraschender tritt das hervor in der Geschichte des Handels im christlichen Mittelalter. Das römische Reich in seiner volle» Machtentfaltung rings um das Mittelmeer stellt sich uns dar als ein ungeheures Fceihafengebiet. Es genügt der Hinweis, daß unter dem Kaiser Claudius eine commercielle Gesandtschaft aus Ceylon in Rom erscheint und unter Marc Aurel römische Legaten am Hofe des Kaisers von China ihren Kotau machen. Dieses farbenprächtige Bild geht unter den Barbarenhänden der germanischen Eroberer in Trümmer. — Diese Trümmer, diese Splitter scheinen unheilbar und unvereinbar für alle Zeiten. Da trittein Volk in die Bresche, von der Vorsehung berufen, überall da, wo sie sich losgelöst, von Neuem anzuspinnen, die Fäden des mächtigen Netzes, das wir die Cultur der Menschheit nennen. Juden sind es, die jene Scherben und Splitter kaleidoskopisch von Neuem zusammensetzen. Ursprünglich und seit unvordenklichen Zeiten waren die Juden ausschließlich Ackerbauer. Der bekannte Präsident der königlichen Akademie der Wissenschaften in München Sttftsprobst Ignaz von Döllinger sagt in seiner berühmt gewordenen Rede: »Ein arbeitsames Volk waren die Juden immer. So lange sie einen eigenen Staat bildeten, waren Feldbau, Gartenbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Unter ihren Händen war Palästina eines der am besten bebauten und fruchtbarsten Länder der Erde. War doch auch das mosaische Gesetz auf die Bodencultur, auf die Förderung von Getreide-, Wein- und Ackerbau gerichtet. Auch in den ersten Jahrhunderten nach Christus und nach der Zerstreuung des Volkes blieb dieses seinen alten Sitten treu rc." Palästina litt aber an einer Ueberbevölkerung und nvthsgte zu einer Colonisirungspolitik, welche von den ereignißreichsten Folgen für die Zukunft geworden ist und die Verwandlung der jüdischen Ackerbauer in energische Handelsleute herbeigeführt hat. Aus dem ersten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung ist auf uns ein Werk gekommen, welches man bisher dem Arrian zugeschrieben, welches aber in Wahrheit wohl von einem Juden in Alexandrien herstammt, wo jüdischer Handel frühzeitig in höchster Blürhe stand. Diese Schrift schildert die Seefahrt dieses jüdischen Kaufmannes durch das erythräische Meer und die Küsten Vorderasiens entlang, ein unglaubliches Wagniß in jener Zeit. Aus dem Berichte eines arabischen Oberpostmeisters im 9. Jahrhundert, erfahren wir, daß ausschließlich und allein jüdische Kaufleute einen ununterbrochenen Handel zwischen der Meerenge von Gibraltar und dem chinesischen Reiche unterhielten. Man denke sich einen 'enggeschlossenen Gürtel von jüdischen Cvlonien rings um das Mittelmeer bis tief in das Binnenland hinein! Vom Mittelmeer aus ging es entweder zu Lande nördlich durch die Steppen Vorder- und Mittelasiens, vor denen noch heute der Fuß des kühnen Forschers zurückbebt, oder man wagte sich südlich zu Schiff über das weite Meer. Welch eine Perspective herrlichsten Schaffens im Dienste der völkeremenden Cultur! Da darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn schon im 4. Jahrhundert der Kirchenvater Augustin erzählt, daß jüdische Kaufleute oft als Jünglinge die Heimat verließen, um als Greise heimzukehren. Da darf es uns nicht wundern, wenn im 12. Jahrhundert der jüdische Weltreisende Benjamin von Tudela, wohin er auch den Fuß setzt, überall Juden findet, daß die Kreuzritter zur Vorsicht gemahnt werden vor den Juden im Orient, die das Deutsche meist verstünden. Ja. als Vasco de Gama den Boden Indiens betritt, da begrüßt ihn, wie der portugiesische Chronist berichtet, als Dolmetsch »e i n I u d e a u s P 0 l e n" — ein weltgeschichtlicher Beleg für das alte Sprüchlein: Aus einem Bocher kann man Alles machen. Die Verdienste der Juden um Handel und Industrie und das Kunsthandwerk im Avendlande sind leider Gottes selbst unseren Glaubensgenossen zu wenig bekannt. Es ist bisher unbekannt und dennoch wohl erweislich: die Juden sind die Begründer der venetianischen Glasindustrie. Sie waren in Tyrus darin fast allein Meister und genau mit der Eroberung von Tyrus durch die stolze Dogenstadt in den Kreuzzügen beginnt der Aufschwung jener Industrie in Venedig. Auch als Rheder und Seefahrer sind die Juden bisher noch lange nicht genug gewürdigt, sie waren es nicht nur in Egypten, in der Levante, in Südfrankceich, und ich brauche nicht zu wiederholen, welche Dienste sie als Lotsen und Matrosen den Portugiesen, Holländern und Engländern auf ihren Entdeckungs¬ und Eroberungszügen geleistet haben. Nein, auch im Norden finden wir sie in früher Zeit. Karl der Große streift einmal mit seinem Gefolge die normannische Küste, und als hier Schiffe in Sicht kommen, da vermuthen seine Leute sogleich, das seien jüdische Seefahrer. Und im siebzehnten Jahrhundert betreiben die Juden in Altona eine so schwunghafte Schiffahrt nach Grönland, daß anerkanntermaßen erst diese jüdische Concurrenz den Eifer des benachbarten Hamburg gestachelt und so die Blüthe des größten festländischen Emporiums wesentlich gefördert hat.