Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 3 Dr. Bloch’s Iahrsams m Crntralvrgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. ---- Wien^ 17. Iiinner 1902. '-»ja« -H' -»-<->- Erscheint jeden Freitag. - ■> -fr - Brief-Adresie: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. %— ■ — -x K. kr. Pofksparraksen-Anck Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Red Eon und AdministraNon: Wien IX/1, Verggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. S - — --* =X »rflrgsxrri» fitr Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Lroaen. Ein,e»exrmplare 50 Heller. FLr'» Awalsind: Halbjährig 10 Aronen. Ganzjährig 20 » Anzeige«: Die4«algespaltene Petitzeile 24 Heller. m= Inhalt: Leitartikel: Der jüdische Kaufmann in der Handelsgeschichte der Völker. — V o m^?J a h r m a r k t desLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Correspondenzen: Oesterreichisch-Jsraelitische Union. Tie Vollendung des Rothschild- Pavillons. Wien. Mädchenraub. Olmiitz. Regensburg. Warschau. Verlustliste aus dem zweiten Jahre des südafrikanischen Krieges. London. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden 2c. 2c. Wien-Mariahilf, Wien, Floridsdorf. Bielitz, Djaccovar, Teltsch, Budapest, Agram, Wodnian, Austerlitz, Mähr.-Ostrau, Strakonitz, Löthcn. — Feuilleton: Naomi und Ruth. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der jüdische Kaufmann in der Handeisgeschichte der WUrer. Vortrag von Dr. Max Grunwald aus Hamburg. Für pöbelhafte antisemitische Beschimpfungen haben wir allgemach die Empfindung verloren, die täglichen Wiederholungen haben uns dagegen abgestumpft und immun gemacht. Nur wenn wir Zeuge sind einer geradezu brutalen Grabesschändung, dann zuckt es noch in uns, dann fahren wir auf. Ein Wiener Schriftsteller, von welchem seine Freunde geschäftig die Kunde verbreiten, der deutsche Kaiser lasse lhm die Sonne seiner Gnade leuchten, Houston Stewart Chamberlain, hat in einem vielgenannten Buche den Versuch unternommen, das Andenken unserer Märtyrer, welche für eine Idee nicht blos alle Güter des Lebens, sondern das Leben selbst und das Leben von Weib und Kind jederzeit zu opfern bereit waren und diese Bereitschaft tausendfach in grausigem Feuertode bekundet haben, im Grabe zu verunglimpfen, ja mit einer Fülle erborgter Scheingelehrsamkeit unsere Vorfahren im babylonischen Exil und vordem bereits als Roßtäuscher und profitwüthige Wucherer zu zeichnen, als Kaufleute ohne einen Funken kaufmännischen Ehrgefühles. Als dieses Buch auf dem Büchermarkt erschien, kam gerade a tempo der Sturz der arischen P o m m e r b a n k e n , der muckerischen S p i e l h a g e n b a n ken, der Dresdener Credita u st a l t, des sogenannten K u m m e r w e r k e s, der L e i pziger Bank, kurz der Krach einer ganzen Anzahl judenreiner Geldinstitute, deren Zusammenbruch nicht durch den Sturm einer Alles erschütternden Weltkrisis, sondern durch die persönliche Unredlichkeit ihrer arisch-germanischen Leiter verschuldet worden, welche, frömmelnde Phrasen auf den Lippen, das Nationalvermögen mit einer in der Geschichte der Bankdefraudationen beispiellosen Frivolität um viele Hunderte von Millionen betrogen haben. Die Art und Weise, wie deutsche Richter in einigen ver bereits abgeschlossenen Bankprocesse gegen die Hauptschuldigen Direktoren geurtheilt haben, fesselte aus diesem Grunde die Aufmerksamkeit nicht nur des zünftigen Juristen, sondern auch des Culturhistorikers. Und siehe da! Von all den principiellen Fragen, die man hierbei in Betracht zog, blieb eine, vielleicht die wichtigste, unberührt, die Frage, inwieweit sich denn die Angeklagten an der kaufmännischen Ehre vergangen haben. Aus den Urtheilsgründen blieb die „kaufmännische Ehre" ausgeschaliet. Das ist unsere Gegenwart. Und wenn wir die Vergangenheit überblicken, uns in der Geschichte des Handels umsehen. und wenn wir da die Methode historischer Argumentation ä la Chamberlain anwenden, gelangen wir ebenfalls zu Resultaten, die er qelbst am wenigsten erwarten würde. Schon an der Wiege der arischen Cultur im alten Indien' finden mir einen Gott des Geldes. Indra, einen Gott, zu dem mau nicht nur betet, er möge Einem Geld bescheeren, sondern auch, er möge das Herz nach Geld gierig machen. Und damit vergleiche man einmal die Gebete des Judenkönigs David und das Gebet seines Sohnes, als ihn Gott zu Gibeon auffordert, ein hohes Gut sich auszubitten. Der weise König bittet nicht um Gold und Reichthum, er bittet um ein verständig Herz, das Volk zu richten und zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Im alten Hellas, dem Ideal arischer Geistesbildung, da gilt schon in grauer Vorzeit der Satz Hefiod's: Odremat' aner „Geld ist der Manu". In dem hochgebildeten Athen wüthet kaum 100 Jahre nach der allgemeinen Einführung des Geldes ein solcher Wucher, daß Solon, um den Staat zu retten, zu einem Gewaltact greift. Er ändert die Währung und gestattet, in leichterem Gelbe Schulden zu bezahlen, die in schwerer Münze contrahirt sind. Einen festen Zinsfuß gibt es nicht, unter zehn Percent wird nie genommen. Zinseszinsen sind ebenso an der Tagesordnung, wie das Verfahren der modernen „harmlosen" Wucherer, schon beim Ausleihen vom Capital sogleich die Zinsen abzuziehen. Die Tempel der Götter werden zu Depositenbanken, der Tempel der Artemis in Ephesus gilt als das Hauptbankinstitut für das gesammte Abend- und Morgenland. Sie sehen schon hier die intimen Beziehungen zwischen Bankgeschäft und Kirchenbauten, welche neuerdings freilich durch die fatalen Mißerfolge der Herren Sanden und Consorten in Berlin ein wenig an Credit verloren haben, ja, uns begegnen schon hier im Alterthum lebendige Vorbilder dieser judenreinen Bankdirectionen, wie jener Bankerotteur in einer Komödie des Plautus, der von sich sagt: „Ich gelte für reich, allein ich habe da eben einen kleinen Ueberschlag gemacht, wie viel von meinem Betriebscapital mir und wie viel den Andern gehört. Reich bin ich freilich, wenn ich meine Gläubiger nicht bezahle", — und er zieht es vor, reich zu sein. Wir finden im Alterthum auch schon den Typus Terlinden, den Typus jener fixen Gesellen, die im rechten Moment verduften und in einem Weltbad, wie Bajä, das gestohlene Geld statt in sicheren Actien einer arischen Bank, in Austern und Wein anlegen.