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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
19 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 30 Dl BUrrffs Wochen schrifk. Nr. 2 war, verlassen und hätte hineilen mögen zu den beiden ihr so theueren Wesen, um mit ihnen gemeinsam zu beten und den Peffachbeginn zu feiern. Da dies jedoch unmöglich war, vertiefte sie sich in dem Inhalt der vor ihr liegenden Hagada, ohne auf die ihr gleichgiltigen Gespräcde der Anderen zu achten, denen man sie nicht einmal vorgestellt hatte, die also nicht für sie existirten. Unwillkürlich bemerkte Fanni, daß einer der anwesenden Herren zur Zielscheibe des harmlosen Spottes seiner Gefährten wurde. „Aber Doctor, wenn Du so gar fromm beten wolltest, dann hättest Du Dir eine Einladung zum hiesigen Oberrabbiner erwirken sollen, aber nicht zu unserem wackeren Gastgeber, dem Großhändler Pereles. Da wird bekanntlich gut gespeist, da werden für die Gäste die besten Weine geliefert, aber nicht so viel gebetet, wie Du es liebst. Daran hättest Du denken sollen". „ita", entgegnete der Doctor, „wir spielen mit vertheiltcn Rollen. Ihr habt die Aufgabe des Essens u«d Trinkens übernommen, ich wiederum sorge fürs gebräuchliche Gebet. Jst's so recht, Herr Pereles?" Dieser nickte nur beistimmend mit dem Kopfe, ohne sich im Heruntersagen der „Gude" zu unterbrechen. Vermutlich fürchtete er, im Falle des Unterbrechens dann nicht wieder den richtigen Faden finden zu können. Ein anderer der jungen Herren, welchem der schwere Wein schon zu Kopfe gestiegen sein mochte, fuhr neckend fort: „Wo, um Gotteswillen, hast Du in Prag so viel Frömmigkeit aufgetrieben? Ich fürchte sehr, Du hast allen Anderen nicht so viel übrig gelaffen, um morgen mit Anstand den „Tal" benschen zu können". „Ei", unterbrach ihn lachend und ebenfalls in Weinlaune der erste der Spötter, „glaubt Ihr denn, der Doctor habe hier in Prag seine sprichwörtlich gewordene Frömmigkeit aufgegabelt? O nein! Die hat er aus seiner Heimat mitgebracht. Er stammt nämlich aus solch einer frommen Familie, daß er nur gegen das ausdrückliche Verbot seines Vaters Medicin studirte, weil er, es ist lächerlich, davon zu sprechen, weil er ein Kohen ist! Der „Doctor" genannte Mann fuhr erregt von seinem Sitze auf und rief mit bebender Stimme. „Ich verbiete mir derlei. Jndiscretionen. Was ich Euch einst in vertrauter Stunde anvertraut habe, macht nicht hier zur Zielscheibe Eures schlecht angebrachten Witzes." Während alle Anwesenden, betroffen über die ernste Wendung, welche das scherzhafte Gespräch genommen hatte, vor sich blickten, war Fanni durch das eben Gehörte aufmerksam geworden. Blitzschnell durchfuhr ihren Kopf eine Idee, und sie überwand muthig alle bis jetzt bewiesene Zurückhaltung, indem sie sich an den noch immer zornig dareinblickenden Doctor mit der Frage wendete: „Bitte Herr Doctor! entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, stammen Sie nicht aus der Stadt G. in Preußisch- Schlefien?" „Jawohl, mein Fräulein! Aber woher wissen Sie dies?" „Und Sie sind Doctor Victor Ahrons, der Sohn von Samuel Ahrons, gewesenen Kaufmannes daselbst?" „Sicherlich! Aber noch einmal, woher wiffen Sie dies so genau?" „Ihre Frau Mutter sagte mir die Salles." Bei dem Worte „Mutter" wandte sich Victor in höchster Erregung an das von ihm vor Kurzem kaum beachtete Mädchen. Er bemerkte es nicht, daß er mit dieser raschen Bewegung seinen Weinbecher umgestoßen hatte, so daß das rothe Naß sich über das feine weiße Damasttischtuch ergoß und herunter auf fein Festgewand rieselte, er hörte nicht das unwillige Murmeln der Hausfrau, er vernahm blos das eine Wort: „Mutter"! „Meine Mutter? Wo sahen Sie diese, wo lebt sie?" „Ihre Frau Mutter sitzt vermuthlich jetzt eben beim Seder an einem Tische mit meinem alten Vater. Sie kam, ihren Söhn suchend, zu uns, von wo aus sie einstmals das letzte Lebenszeichen von ihm erhielt. Bei uns angekommen, erkrankte sie schwer. Wir überließen ihr ein leeres Stübchen unserer Wohnung, und so hielten wir gute Nachbarschaft, bis ich meinen Posten hier bei meiner gnädigen Herrschaft antrat. Jetzt versieht sie meine Stelle in unserem kleinen Haushalte. O, wie glücklich wird sie sein, die gute Frau Gutta!" Athemlos lauschend hatte Victor die kurze Auseinandersetzung des Mädchens angehört, dann sagte er: „Wäre nicht Feiertag, so wäre ich sofort zu der theuren Mutter geeilt, so aber muß ich mich mit einer telegraphischen Anzeige über meine Auffindung begnügen, und Ihnen, Fräulein, tausend Dank!" „O, bitte", entgegnete Fanni bescheiden, „ich verdiene keinen Dank, aber bitte sehr, unterlaffen Sie, es zu telegraphiren. Es würde die Frau Mutter zu sehr erschrecken. Wenn sie schon so lange geduldig gehaart hat, wird sie es wohl noch zwei Tage aushalten. Wenn Herr Doctor übermorgen Abends von hier abreisen, so sind Sie vor Tagesanbruch in meiner Heimat, und werden gleich in der Früh Ihr treues Mütterchen umarmen können. Eine unerwartete Depesche könnte aber auf den Gesundheitszustand der zarten Frau sehr schädlich wirken. Die ganze Tischgesellschaft war über die glückliche, ungeahnte Wendung der Dinge hocherfreut. Jeder wollte den eigentlichen Sachverhalt erfahren, jedoch die tactvolle Hausfrau schnitt alle Fragen mit der Bemerkung ab, daß dies eine Familienangelegenheit sei, welche nur die Betheiligten selbst angehe. Zu Fanni wendete sich die Dame mit den Worten: „Das war ein prächtiger Einfall von Ihnen, Fanni, daß Sie in unseren lieben Doctor den Sohn Ihrer Freundin herausfanden, und kann ich auch errathen, was Sie gerade jetzt in Gedanken haben." „Gnädige Frau sind allgemein als überaus geistreich bekannt, und haben auch mir schon Proben Ihres Scharfsinnes gegeben, aber meine innersten Gedanken zu errathen, wäre doch höchst wunderbar!" „O doch, und gestehen Sie mir es, wenn ich recht gerathen habe. Also Sie wünschten sich Zeugin des Wiedersehens zwischen Mutter und Sohn zu sein, überhaupt bei diesem Wiedersehen vermittelnd eingreifen zu dürfen, schon des Gesundheitszustandes Ihrer alten Freundin wegen." „Gnädige Frau sind eine Zauberin!" rief Fanni überrascht aus und tiefe Röthe überflog ihr feines Gesichtchen. Alle lachten und betrachteten bei dem Umstande, wie leichtbegreiflich ein solcher Wunsch ist, das Errathen desselben als keine Zauberei. „Dieser Wunsch kann in Erfüllung gehen", sagte Frau Pereles, „wenn nämlich Doctor Ahrons einen Platz in den Wagen, den er zu der Reise nimmt, frei hat." „Wie könnte ich nach der kurzen Dienstzeit schon einen Urlaub erbitten wollen, besonders während der Feiertage, wo im Hause so viel zu thun ist?", entgegnete Fanni. „Diesen Urlaub haben Sie redlich durch Ihren superben Einfall verdient und der Herr Doctor wird unterwegs gerne von Ihnen Alles erfahren wollen, was sein liebes Mütterchen betrifft." (Schluß folgt.) Literatur. Vier Reden von Dr. Flesch, Rabbiner in Kanitz. Dr. Flesch, in fachgenössischen Kreisen als strebsamer Gelehrter bestens bekannt, hat anläßlich des Amtsjubiläums des ihm nahestehenden Marburger Rabbiners aus seinem Predigtmagazin 4 Reden veröffentlicht. Dr. Flesch kennt das Vorurtheil, das gemeinhin gegen gedruckte Predigten besteht, undberuft sich bescheidener Weise auf das Güdemann'sche Kriterium für eine gute Predigt, auf den Eindruck bei den Zuhörern, um diese Reden dem Wohlwollen des Lesers und dem Schütze des Kritikers zu empfehlen. Ich möchte nicht auf das Wort des Meisters Güdemann schwören, denn ich halte den Eindruck, d. i. das Gefallen, für kein untrügliches Kriterium einer guten Predigt. Das Gefallen ist etwas sehr Subjektives. Aber Dr. Flesch's Reden bedürfen keines Schutz- und Geleitbriefes für die Oeffentlichkeit. Wir hätten von selbst aus dem gedruckten auf das gesprochene Wort geschloffen und hätten keinen Fehlschuß mit der Annahme gethan, daß diese 4 Reden auf die Zuhörer entschieden Eindruck gemacht haben mußten. Machen sie doch auch beim Lesen Eindruck — vor Allem durch die Kraft der Darstellung, durch das Gedankenvolle der Bilder, durch den Schwung im Ausdruck und durch die Wärme des religiösen Gefühls. Im Besonderen gereicht es Dr. Flesch nur zum Lobe, daß er auch aus den Reden der alten Magidim die Goldkörner heraussucht und sie in moderne stilistische Fassung bringt. Für den Edelgehalt in den Worten des Midrasch hat er nun gar einen feinen, geschulten Spürsinn — und läßt die nur zart, versteckt angedeuteten Gedanken des Midrasch klar vor uns aufblitzen. Dr. Flesch gibt aber auch Eigenes, Selbstgedachtes. Man lese nur die Rede: „Wahre Elternliebe" mit ihrer feinen psychologischen Analyse des Mutterherzens einer Sara und einer Hagar. Erquickend ist auch die Rede: Israels Trost — obgleich wir gewünscht hätten, daß in ihr die Klage über eine unerquickliche Erscheinung des Gemeindelebens nicht wiederholt worden

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