Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 31 wäre. Der Agadist, auch der Prediger geht mit dem geschriebenen Worte öfter frei um, aber vor Willkür (eine solche fanden wir in der Uebersetzung von Jes. 40. 6) sollte doch den Redner auch sein philologisches Gewissen schützen. Im Uebrigen aber, das sind wir gewiß, werden Dr. Flesch's Reden den Leser anregen und in eine weihevolle, andächtige Stimmung versetzen. Mögen sie nur recht viele Leser finden! Prag-Karolinenthal. Dr. I. Hirsch. R. Israel Baal'Schem-tOb, sein Leben und Wirken von Abraham Kahana-Gitomir 1901, S. 117. Des wackeren Verfassers Verdienste auf dem Gebiete kabbalistischer Forschung sind längst bekannt, und in den Spalten dieses Blattes selbst öfters näher beleuchtet worden. Es gereicht uns zur Freude, wiederum ein derartiges Werkchen von ihm anzeigen zu können. Die vorliegende Monographie über den ersten Begründer des Chassidismus und dessen neue Lehre verdient eine besondere Aufmerksamkeit und Würdigung, nicht sowohl als eine solche, die eine umfassende und zugleich tiefeindringende Ueber- und Durchsicht von dem ganzen, immerhin sehr verwickelten Bau der neuen kabbalistischen Mystik aufstellt, als vielmehr wegen der historischen Stellung, welche der Verfasser dem Chassidismus gibt, und der ersten Grundsätze, die er als leitende Principien desselben nachweist, um ihm zugleich eine echt philosophisch-kabbalistische Anschauung zu vindiciren, die aus den Systemen früherer Kabbalisten ihre Säfte gesogen. In jüngster Zeit ist die ChassidismuSfrage mit viel Gründlichkeit und mehr eingehender scharfer Kritik behandelt worden Aber noch hat sie keinen Abschluß gefunden. Der Verfasser stellt sich zur Aufgabe, den ganzen vorhandenen Stoff zu sammeln und systematftch zu ordnen, und zu gleicher Zeit die Dogmatik des Chassidismus, seine metaphysisch-religiösen Anschauungen, das Verhältniß desselben zu dem Rabbinismus, zur lurjanischen Mystik und zu dem in derselben Zeit auftauchenden franklstischen Sabbatianismus in leichtfaßlicher Darstellung zu veranschaulichen. Schon die Eintheilung des Buches gibt ein schönes Zeugniß von der Einsicht und Sachkenntniß des Verfassers. Er gibt nämlich zuerst eine kurze allgemeine Uebersicht der verschiedenen Sagen über die Geburt des Stifters des Chassidismus, sucht dann die Ursache seiner Entstehung recht anschaulich nachzuweisen, schildert den Zustand des polnischen Reiches, besonders unter Israel V a a l - S ch e m, macht'uns mit dem Charakter der polnischen Juden damaliger Zeit bekannt und führt uns allmälig zu dem Zeitpunkte, wo die Entwicklung dieser neuen Secte ihren Höhepunkt erreicht. Die Entstehung und Entwicklung des Chassidismus ist für die jüdische Geschichte von besonderer Bedeutung, weil durch ihn die Kabbala zu ihrer letzten Consequenz, zum fanatischen Antagonismus gegen den Talmud und zur Einmündung ins Christenthum geführt wurde. Nach der Entlarvung des Pseudomessias Sabbathai Zwi und des schrecklichen Fiaskos der von ihm gestifteten Secte der Sabbatianer, die, aus dem Judenthum verwiesen, sich nur noch in der Türkei durch ihren Uebertritt zum Islam und in Europa durch die Taufe als Scheinchristen erhalten konnte, war zwar die erfolgte sabbatinische Verirrung mit ihrer feindlichen Stellung gegen den Fortbestand des talmudischen Judenthums aus der Mitte der Judenheit gebannt, aber die bei den Juden eingetretene Erregtheit der Gemüther konnte nicht wieder zurückgedrängt und eingedämmt werden; sie schuf sich neue Wege und folgte gerne jeder sich ihr darbietenden Phantasterei mit entsprechenden Gebilden zu ihrer Befriedigung. Es war der Chassidismus, der sich nun der durch den Sabbatianismus in Fluß gekommenen Aufregung der Gemüther mit ihren Hoffnungen und Erwartungen bemächtigte und in sein Bett leitete. Als die Hauptfactoren, die diese neue Richtung anbahnten, sind Jehuda C h a s s i d und Chaim M a l a ch zu betrachten (S. 30). Beide gehören zusammen, obwohl der Erstere nicht geradezu als Sabbatianer bezeichnet wird (vgl. Graetz, Bd. 10, Note 4, IV). Die Lehrer dieser neuen Secte setzten sich nicht in directen Widerspruch mit dem bestehenden Judenthum, er war klüger als der Sabbatianismus, der die Vernichtung des talmudischen Judenthums predigte, und erklärte sich mit demselben eins, der nur die Gemüther frommer machen und sie ihm wieder wolle zuführen. Auch der Chassidismus hatte die Kabbala zu seinem Boden, war eine Geburt derselben, bildete, wie der Sabbatianismus, eine kabbalistische Secte, aber gehörte einer anderen Richtung der Kabbala an. Man unterscheidet nämlich zwei Theile in der Kabbala, der eine ist die speculative Kabbala, Ladbala ijjunith, und der andere ist die praktische Kabbala, Labbala maasitli. Das Wesen jener ist die Vertiefung und Erweiterung ihrer Lehren, aber diese hat die Praxis, dre Wunderthäterei, die Vollziehung von Wunderwerken zu ihrer Aufgabe. Der Sabbatianismus mit seiner Lehre von der Zweiheit und Dreiheit des göttlichen Wesens, der Menschwerdung Gottes u. A. m. hatte den ersten Theil der Kabbala zu seinem Boden, dessen wilder Auswuchs er geworden. Dagegen gehörte der andere Theil, die praktische Kabbala, die Wunderthäterei zur Grundlage des Chassidismus. Diese neue Richtung, wozu der Keim, wie der Verfasser richtig bemerkt, schon in der Lurjanischen Theorie gelegen hat, wurde von zwei Männern eingeführt, die mit ihrer Schwärmerei und ihren Verzückungen einen immer größeren Kreis ansteckten, von Israel aus Miedziboth und seinem Jünger Beer aus Mizriz. Israel aus Miedziboth, der Stifter des neuen Ordens, war ein Mann aus Htm Volke, gehörte nicht zu dem Staude der Gelehrten und wollte sich auch nicht demselben zuzählen Er war ein Fuhrmann, der von seinen Anhängern als Wunderthäter angestaunt und „Baal-Schem" oder „Baal-Schem-tob", „Wunderthäter mittelst des Gottesnamens", abgekürzt „Bescht" hieß, im Gegensatz zu den Wunderthätern, die wegen ihrer Verschwörungen böser Geister „Baale Sched" genannt wurden. Von seinen Jugenderlebnissen weiß K a h a n e etwas mehr als alle seine früheren Biographen zu erzählen. Er hat die Angaben Graetz's niild berichtigt, theils ergänzt. Sein Geburtsjahr setzt Kahane — gegen die Annahme Graetz's — auf das Jahr 1695 an Nach ihm soll „Bescht" in T l u st, einem kleinem Städtchen an der Grenze der Walachei, geboren worden sein. Später ließ er sich in Miedziboth in Podolien dauernd nieder. Im Karpathengebirge soll er von den Frauen, die Heilkräuter daselbst auftuchten, um dieselben unter Herflüstern gewisser Sprüche bei Kranken anzuwenden, abgesehen haben, Heilcuren unter Hersagen hebräischer Bibelverse zu vollbringen, so daß »r bald als Wunderarzt von der Menge aufgesucht wurde Derartige Heilcuren sollen übrigens auch die Essäer in dem Jahrhundert vor und nach der Eroberung Jerusalems durch Titus vollbracht haben. Er erzählte seinen Schülern, was er auf seinen Seelenfahrten in den Himmel erfahren, er heilte Kranke, erlöste die in Thiere gebannten und gefesselten Seelen u a. m Bei der Verrichtung des Gebetes sah man ihn in gewaltigen Exaltationen und Körverwendungen; er gab vor, durch solche Erregungen Einblicke in die Unendlichkeit zu erlangen. So war er das erste Oberhaupt seiner Secte, der als solcher die EhrennelMung „Zaddik" führte. Der weitere Inhalt des Buches, die Analyse der chassidischen Lehren und Grundsätze und die Erwägung ihres Ursprungs, ist ebenso interessant und lehrreich wie die früheren Capitel, wenn auch die einzelnen Lehren, Gesetze und Bräuche noch eine größere Ausführlichkeit erforderten und die Argumentation des Verfassers manche Schwäche darbietet. Was diese Lehren und Manieren betrifft, so bemerkt der Verfasser zunächst im Allgemeinen, daß sie dazu bestimmt waren, das Himmelreich auf Erden vorzubereiten und Bürger des Himmelreiches zu bilden. Es versteht sich, daß diese Erziehung und Bildung im kabbalistischen Sinne und nach Anweisung der Mystik bestimmt wurde. Sie bestanden hauptsächlich in öfteren Waschungen und Baden, in begeisternden (Hithlaha-wut) und langanhaltendem Beten, in einer geweckten Laune und einem heitern Wesen, welche wohl vom ersten Stifter stammten. Er behauptete, nur in heiterer Stimmung müssen die Gebete an Gott gerichtet werden, und nur solche wirken auf Die Seele wie auch die Eröffnung der Gnadenströme. Nicht Scharfsinn, nicht Gelehrsamkeit, nicht Wissenschaft führen zur wahren Weisheit und zur Erkenntniß Gottes. Nur einen Weg gebe es zu diesem Ziele: Die Andacht und die Inbrunst des Gebetes. Jede quälende Sorge, jeder störende Gedanke, jeder Anlaß zur Unruhe müsse überwunden werden, wenn die Seele auf den Fittigen des Gebetes sich fiei emporschwingen solle zu ihrem Schöpfer In diesem Wahne verflieg er sich zu der lästerlichen Aeußernng: das Gebet sei eine Art ehelicher Verbindung (Siwug) des Menschen mit der Gottheit (Scheschinah), und darum müsse es unter Erregung vor sich gehen. (Hier lehnte sich der Chassidismus an die Lurjanische Kabbala an.) Wir hätten gewünscht, daß der Verfaffer, dem die Quellen so reichlich offen stehen, sich derselben auch mehr bedient und sie mehr und bestimmter nachgewiesen, und daß er mit Auslassung überflüssiger Phrasen und der Kritik dessen, was längst überwunden ist, desto tiefer in das Innere der Untersuchung eingedrungen und den Leser eingeführt hätte. — Was die Sprache betrifft, so ist sie an vielen Stellen hart und holperig, wie auch hie und da in's Breite gehend. Ungeachtet dieser und ähnlicher kleiner Mängel des Buches bleibt ihm doch ein großer Werth gesichert und der Verfasser würde die Sachkenntniß sehr fördern, wenn er die im Schlußwort bereits erwähnte Untersuchung über die spätern Häupter des Chaffidismus recht bald ans Licht treten ließe und dabei alles Uebrige was zur Aufklärung dieser dunklen Materie dienen kann, aus dem Schatze seines Wissens hinzufügte. L o s ch i tz (Mähren). Rabbiner Dr. I. G ü n z i g. Briefkasten. I. F. in B. Gut geschrieben, doch für uns nicht verwendbar. Antizionistische Enunciationen erachten wir nicht für zeitgemäß. SA LiJ. B. in L. Berichte werden blos publicirt, wenn sie dem Rahmen unseres Blattes entsprechen. K. in Czernowitz. Für den deutsch-politischen Verein unter den Juden eine Propaganda zu unternehmen, erachten wir nicht als unsere Aufgabe. Ignaz St. in B. Wenden Sie sich an den Prager Oberrabbiner Herrn Dr. Ehrenfeld. X. in P. Die Befugnisse des mährischen Landesrabbiners einer. Kritik zu unterwerfen, ist unseres Erachtens vollständig zwecklos. L. in Budapest. Herr Nicolaus von Szemere, welcher dem Grafen Potocki in einer Nacht im Hazardspiel anderthalb Millionen abgenommen, ist bekanntlich das Ideal der arisch-nationalistischen Jugend an der Budapester Universität. Warum sollten solche Ritter nicht über jüdische Corruption wettern?