Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wochsnfchrifk. Seite 27 Sache, sie hat aber no an andere, und daß sich gegen die uiamand g'wehrt hat, macht dem Gemeinderath der freisinnigen Landeshauptstadt leider sehr wianig Ehre. Der Beschluß ist nämlich net nur ungesetzlich, sondern a obendrein a' no unanständig, denn a' Partei, dö durch volle 35 Jahre ihren Zins pünktlich gezahlt hat und dear außerdem net das mindeste Neble nachg'sagt werden kann, kündigt man net auf oamal mir nix dir nix unter aso an Borwand 's G'schäftslokal. Das ist net nur ungesetzlich und unanständig, sondern obendrein grad vom angeblich volkswirthschaftlichen Standpunkt a' no dumm, denn wenn dear Beschluß in der Welt bekannt wird und niamand dagegen energisch Stellung nimmt, nachher werden die reichen Wiener Juden, dö bis dato fast alle Sommerfrischorte um Innsbruck ummer mehr als zur Halbscheid bevölkert haben, stutzig werden und nimmer heargiahn, und nachher kann Innsbruck schauen, was es mit seinen Jgler- und Stubaierbahn-Actien anfangt, und die Wirthe in Jgls, 'Mutters, Rätters, Steinach, Stubai rc. können ihre Fremdenzimmer zuasperren, wann sie wollen, denn es ist den Wiener Juden net zu verdenken, daß sie unter der glorreichen, „volkswirthschaftlichen" Aera Luegers wenigstens im Sommer vom Antisemitismus a Ruah haben wöllen. Dö haben sie bei uns bis dato a' g'habt und werden sie ohne Zweifel a' weiterhin haben, weil dö paar Gemeinderath-Antisemiten in der Masse unseres friedlichen Volkes gottlob verschwinden. Verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Verkehrs-Section aber war's g'wes'n, schon aus rein volkswirthschaftlichen Rücksichten gegen den Antrag Stellung z'nehmen, statt sich in dear Weis', wia's g'scheh'n ist. in den Theater-Quatsch z'misch'n. Hoffentlich wird dear voreilige Beschluß vom Bürgermeister, dear in dear denkwürdigen Sitzung net den Vorsitz g'habt hat, als ungesetzlich für Rull und nichtig erklärt und aus der Welt g'schafft, vor die Statthalterei sich einmischt und dadurch die Dummheit au die große Glogg'n hängt. G'schicht das aber net, und stellen die befürchteten Folgen sich wirklich ein, nachher, kann sein, schlagt dö bis dato für die Gemeindewirthschaft günstige Stimmung im Volk um, und dear Beschluß wird der Anfang vom Ende unserer freisinnigen Stadtverwaltung. Das alles zu sagen, war Pflicht der auf Grund des liberalen Programms gewählten Gemeinderäthe wie a' der Verkehrs-Section g'wes'n. Leider hat aber koan oanziger von ihnen die Gurrasch aufbracht, die anderen vor aso an unüberlegten Beschluß z'warnen. a deutlicher Beweis, wia nothwendig der Gemeinderath a Hecht hätt', dear sei Maul am rechten Fleck und toll Haar auf den Zähnen hat. Weil aber net lei die sogenannten liberalen Gemeinderäth, sondern a die ganze Presse aus Furcht vor dem Titel „Judenknecht" zu dear offenkundigen Ungesetzlichkeit und Dummheit stoanfest 's Maul g'halten hat, dös Hirschauerstückl aber durchaus auf guat Deutsch ban rechten Namen g'nannt werden muaß, wenn die Stadt net arg z'schaden kemmen soll, so muaß halt wieder amal i mein Kroaten Buggl Hinhalten und mi, weil's grad Neujahr ist. zur Abwechslung wieder amal auffressen lass'n. Also Judenfresser schnappt's zua, aber gebt's acht, daß Enk net a Boandl in den gabichen Schlund kimmt, denn sell ist so v'l zwider. Budapest. Bor einem auserlesenen Publicum fand unter dem Vorsitze Adolf Agai's eine Borlesesitzung der „Ungarischisraelitischen literarischen Gesellschaft" statt. Zunächst las Andor Roboz seine biblische Legende „Rachel", welche die beifälligste Aufnahme fand. Nun trat Frau Dr.- Armin Neumann vor den Vorlesetisch, um in einem geistvollen^Vortrage die Mittel zur Milderung des Arbeiterelends zu erörtern. Der Vortrag führte den T tel: „Ueber sociale Fragen" und die Vortragende bot in interessanter und instruktiver Weise ein klares Bild der modernen socialen Bestrebungen. Das Arbeiterelend — führte sie aus — bildet jetzt, im traurigen Zeitalter der allgemeinen Geschäftsstockung, für die Volksschichten eine doppelte Last. Die Aristokratie, die in erster Reihe berufen wäre, das Elend der Hungernden zu mildern, befaßt sich statt mit dieser edlen und humanitären Aufgabe mit clericalen und agrarischen Fragen. Solchermaßen wird - die Hilfsaction der Mittelklasse aufgebürdet, die wieder — da sie den ehrlichen armen Arbeiter vom arbeitslosen Agitator nicht zu unterscheiden vermag — die Arbeiter als gefährliche Naturerscheinung betrachtet. Vortragende erachtet das Platzgreifen und die Vermehrung der Demokraten für gefährlich, weil dieselben ianstatt für Hilfe Sorge zu tragen, wohlklingende Schlagwörter ns Volk werfen und sich zum Princip machen, gegen Alles, was mir der Macht in Verbindung steht, Stellung zu nehmen. Mit solchen Mitteln kann man aber dem Arbeiterelend nicht abhelfen. Aufgabe der Regierung wäre es, den socialen Uebeln abzuhelfen; Aufgabe des Parlaments, die Regierung hiezu zu nöthigen. Der Staat müffe für Nothstandsarbeiten Sorge tragen, er müffe den Arbeitslosen staatliche Arbeit bieten, nur so könne das gesellschaftliche Gleichgewicht hergestellt werden; dann könne man auch von der Ausdehnung der potilischen Rechte sprechen. Zum Schluffe empfiehlt Frau Dr. Neumann zur Besserung der Lage der Arbeiter die Verbreitung der Hausindustrie, wobei auch die Frauen thätig Mitwirken können. Langanhalteuder, stürmischer Beifall und lebhafte Eljenrufe lohnten die genußreichen Ausführungen der Vortragenden, welchen das Auditorium mit gefesselter Aufmerksamkeit gefolgt war. Zum Schluffe las Dr. Alexander Büchler unter großem Beifall fesselnde Reminiscenzen aus der „guten alten Zeit". Berlin. Im Saale des „Vereins junger Kaufleute" fand eine Versammlung des Hitfsvereins der deutschen Juden statt. Der Vorsitzende, Herr James Simon, eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in der er der erfreulichen Aufnahme gedachte, welche die Gründung des Vereines allenthalben gefunden habe. Die Zahl der Mitglieder in Berlin betrage 1200, und auch in der Provinz bekunde sich das lebhafteste Jntereffe. Alsdann nahm der Referent Herr Dr. Paul Nathan das Wort, um die Ziele des Hilfsvereins darzulegen. Bisher seien es in Deutschland nur Specialcomitss, wie das russische und rumänische Comitö, gewesen, die sich die Aufgabe gestellt hätten, die Nothlage der Glaubensgenossen im Auslande in einzelnen besonderen Fällen zu lindern. Diese Comitäs hätten infolge ihrer eiligen Zusammensetzung und ihres provisorischen Charakters nicht so eingreifend wirken können, wie es die Verhältnisse erfordert hätten. Daher sei eine dauernde Organisation in dem Hilfsverein der d utschen Juden geschaffen worden. Die Aufgaben desselben in den verschiedenen Ländern würde sich stets nach den localen Bedürfnissen richten müssen. Für die nothleidenden Glaubensgenossen in Galizien komme vor Allem die Schaffung, respective Förderung von Hausindustrie, für Rumänien die Errichtung von Vorschußcassen in Betracht. Im Orient, vor Allem in Kleinasien und Anatolien, sollen den Bedürfnissen der dortigen deutschfprechenden jüdischen Bevölkerung gemäß deutsche Schulen errichtet werden. Der Redner schloß, indem er betonte, daß man durch die Hebung der Juden im Osten gleichzeitig den allgemeinen Culturbestrebungen diene. An das Referat schloß sich eine lebhafte Discuffion an. Zunächst gab Herr S. Berget der Zuversicht Ausdruck, daß aller Gegensatz der Parteien, wie er' noch jüngst aus Anlaß der Repräsentantenwahlen in der Berliner Gemeinde zutage getreten sei, schwinden werde, gegenüber dieser gemeinsamen Aufgabe. Auch die übrigen Redner, die Herren Rabbiner Dr. Maybaum, Landtagsabgeordneter Dr. Mox Hirsch, W. Löwenthal, Jacoby, gaben mannigfache Anregungen und begegneten sich in dem warmen Appell an die Versammlung, nach Kräften für das Gedeihen des Vereins zu wirken. Dasselbe, thaten die als Gäste anwesenden auswärtigen Herren. Senator Fischer aus Hannover und Rabbiner Dr. Finkel-Pasewalk, welche bekundeten, daß auch in der Provinz dasselbe warme Interesse für den Verein bestehe, wie in der Reichshauptstadt. Im Schlußworte führte Herr Justizrath Cassel aus, daß der Antisemitismus die Inden in Deutschland wieder einander genähert habe. Die deutschen Juden hätten die Verpflichtung, nicht nur die Verfolgung im Innern abzuwehren, sondern auch ihre östlichen Glaubensgenossen in ihrem Streben nach geistiger und materieller Hebung nachdrücklich zu unterstützen. Zahlreiche Besucher der Versammlung zeichneten sich in die Liste des Vereins ein und erklärten sich bereit, auch ihrerseits Mitglieder zu werben. London. (Die Bibel als Kriegshandbuch.) Wie die Buren das Kriegführen lernten — nämlich aus der Bibel — erzählt der bekannte englische Kriegscorrefpondent A. G. Hales in einem Londoner Blatte in folgender Weise: Bor Ausbruch des jetzigen Krieges wußte keiner von den Männern, die mit so großem Erfolg als Führer der Truppen der Buren eine Rolle spielen, etwas vom Kriege zwischen Weißen. Louis Botha. Christian De Wet, Delarey. Ölivier, Smuts. Prinsloo — sie Alle, die die Transvaalflagge so erfolgreich getragen haben, find das Product des Augenblicks. Alle die Männer, die zu den höchsten Stellungen kamen, stammen vom Beldt und wußten vor zwei Jahren nichts von der Kriegführung, und doch beweist ein genaues Studium ihrer Methoden, daß sie ihre Eingebungen aus derselben Quelle schöpften. Jeder Führer kämpf! in einem sehr hohen Grade auf eigene Faust und bandelt unabhängig von seinen Gefährten. Und doch muß der oberflächliche» Kannte der Kriegsgeschichte eine Gleichheit in ihren Methoden bemerkt haben; sie greifen an, ziehen sich zurück, fallen ab. zerstreuen sich und vereinigen sich alle wieder nach demselben Princip. Wenn ein neues Commando gebildet und ein neuer Führer gewählt wird, beginnt