Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 35 Prinzen" an, der, vom Ausschüsse des Centralvereines zu Ehren des Gastes veranstaltet, von dem nachhaltigen Eindruck, den die glanzvolle rednerische Leistung, sowie die sympathische Persönlichkeit Professor Philippson's geweckt, Zeugniß ablegte. Der Reigen der Trinksprüche wurde vom Obmanne Herrn kais. Rath Falkowicz eröffnet, der, mit zündenden Gedankenblitzen einzelne Stellen des Vortrages paraphrasirend, dem Redner für seine so bereitwillige Hierherkunft dankte, welchem Danke sich auch Herr Denhof namens der Prager Cultusgemeinde-Repräsentanz anschloß. Herr Professor Dr. Kisch erinnerte in geist- und gemüthvoller Rede an den unvergeßlichen Vater des Gastes Dr. Ludwig Philippson, worauf sich noch weitere gedankenreiche Toaste der Herren Doctoren Brandeis, Weltsch Grün und Kohner anschlossen, die allseits lebhafter Zustimmung begegneten. Die schlichten aber herzlichen Lorte, mit denen Professor Philippson für alle Ovationen dankte, verfehlten gleichfalls ihre Wirkung nicht, und erst in später Abendstunde schieden die Anwesenden mit dem Bewußtsein, geistige Anregung vornehmster Art genossen zu haben. Lemberg. (Das Elend der Juden in Galizien.) Biel wurde über dieses Thema geschrieben und debattirt, verschiedene Versammlungen einberufen, berathen, Vorschläge gemacht, dieselben dann kritisirt, Vereine und Comites gegründet, als nicht zweckentsprechend wieder aufgelöst. Das Elend der galizischen Juden blieb, griff sogar mit jedem Tag um sich, und es ist ernstlich zu befürchten, daß bald Niemandem mehr zu helfen sein wird. Die verschiedenen Actionen, welche man betreffs der Lösung dieses Problems eingeleitet hat, erinnern mich an folgende Anekdote: Zu einer tagenden Philanthropenversammlung eilt ein Mitglied, und unterwegs bemerkt er, wie ein Mann, ein in den Kinderwickeln eingehülltes Kind in einem in der Nähe sich befindenden Fluß werfen will. Der Philanthrop entreißt noch rechtzeitig dem Manne das Kind, letzterer über die Ursache dieses grauenhaften Schrittes befragt, gibt mit Thränen in den Augen zur Antwort, daß Elend und Noth ihm zu diesem verzweifelten Schritte getrieben haben, denn er ist nicht im Stande, diesem armen Wurm, die nothdürftigste Nahrung zu geben. — Der Philanthrop eilt mit dem Kinde auf den Händen zur Versammlung, dort angelangt, schildert er den Versammelten in kurzen Worten das Erlebte. — Man übergeht die Tagesordnung und fängt zu berathen an, was man mit dem Kinde machen soll. Das Kind wird einstweilen auf einen im anstoßenden Zimmer sich befindlichen Tische gebettet, und jeder der Herren stellt feinen Antrag. Der eine schlägt vor, das Kind der Gemeinde zu übergeben, denn in erster Reihe ist die Gemeinde verpflichtet, für solche Kinder zu sorgen, der andere behauptet aber, daß man es einer privaten christlichen Findelkinder-Anstalt übergeben soll, weil man es dort gut christlich erziehen wird, der vierte bemerkt, daß vielleicht das Kind jüdischer Abstammung sei, und es vielleicht rathsamer sei, es einem jüdischen Institute zu übergeben, — man rathet her, man'rathet hin, es sind einige Stunden verflossen, man kann es. zu keinem Resultate bringen. Endlich wird es spät, und man beschließt, die Sitzung zu schließen. — Bor dem Verlassen des Sitzungssaales erinnert man sich erst des Kindes und eilt zu demselben; erschrocken weicht man zurück, denn in der Zwischenzeit war das Kind vor Hunger gestorben. Ueber Alles hat man gesprochen, über Alles berathen, aber an die Hauptsache, dem Kinde ein wenig Milch zu verabreichen um es dem Hungertode zu entreißen, daran hatte man vergessen. So verhält sich auch die Sache mit dem Elend der Juden in Galizien; man beräth, projectirt, untersucht, spricht, schreibt, man will diejenigen ermitteln, die die Schuld an dem Elend der Juden in Galizien tragen, und inzwischen wird es spät, das Elend wächst von Tag zu Tag, so daß am Ende die Hilfe zu spät kommen wird. Wer das Elend der Juden am flachen Lande in Galizien nicht gesehen, wer dort zwifchen ihnen nicht gelebt hat, der kann sich kein genaues Bild davon machen. Das Elend der galizischen Juden ist schrecklich, die Leute sterben vor Hunger und Kälte; vom Erwerb ist nicht zu reden, denn die Juden hierzulande, mit Ausnahme einiger Schuster, Schneider und Tischler, haben keinen einzigen Erwerbszweig in den Händen. Die Noth ist groß, hat bereits den Höhepunkt erreicht, rasch muß zur Abhilfe dieser Noth und dieses Elends geschritten werden, nicht mit Worten, nur mit der That kann hier geholfen werden. Manche Optimisten glauben, daß Galizien im Allgemeinen, und den galizianischen Juden insbesondere, mit Errichtung von Fabriken im großen Stile geholfen werden kann, leider ist das eine Utopie, schon in Folge der geographischen Lage Galiziens. Ich bin der Ansicht, daß den Juden in Galizien nur durch die Einführung einer gesunden Hausindustrie geholfen werden kann. Schon der Umstand, daß die Erzeugnisse der Hausindustrie qualitativ bester sind als die Erzeugnisse der Fabriken, sichert der Waare Abgang im In- und Auslande. Wir sehen ja beispielsweise, daß persische Teppiche auch in Oesterreich großen und bedeutenden Absatz, sibirische Hausindustrie vielen Anklang in allen Welttheilen finden. Als Hausindustrie ließe sich sehr gut und rasch hier in Galizien einsühren: Kleppelei, Herstellung von künstlichem Battist, Papier- und Blechblumen, Kinderspielzeug, Zwirnknöpfe, Korbflechtwaaren. Haus- und Küchengeräthschaften, Taschnerei, Wirkerei, Knüpfteppiche und noch Anderes. Es frägt sich aber, woher die Mittel nehmen, um diese Hausindustrie bei unseren armen Brüdern in Galizien einzuführen, woher das Geld nehmen? Denn es ist allgemein bekannt, daß in einem Lande, wo die Industrie noch in Kinderschuhen steckt, sehr bedeutendes Capital nöthig ist, um neue Industrien einzuführen, und daß das Anlagecapital nicht nur keinen Nutzen bringen, in manchen Fällen sogar verloren werden kann. Und wer wird Anlagecapital hergeben in der sicheren Voraussetzung, dadurch Verluste zu erleiden? Ich glaube aber doch ein Mittel gefunden zu haben, und dieses wäre meiner Ansicht nach, folgendes: Man gründe eine Genoffenfchaft m. b. H. (zweifache Haftung), den Antheil zu 5 K, entwickle dann eine starke Agitation unter unseren Glaubensgenossen, und werbe Mitglieder für diesen heiligen Zweck im Jn- und Auslande. 5 Kronen sind keine große Summe. Ein Mitglied darf mehrere Antheile zeichnen und einzahlen. Aus diese Weise kann man eine größere Summe zusammenbringen. Nachdem man ein genügendes Capital gesammelt hat. schreitet man fuccessive zur Einführung der Hausindustrie unter den Juden in Galizien, und gleichzeitig errichtet man in den größeren Städten, besonders in Lemberg und Wien, Bazare, wo Muster der jüdischen Hausindustrie in Galizien aufliegen. Man versuche dann die Kaufmannschaft und Exporteure des In- und Auslandes zu gewinnen, und ich bin überzeugt daß großartige Resultate erzielt werden. Auf diese Weise kann man eine gesunde Hausindustrie schaffen und zugleich sicheren Abgang für die erzeugte Waare erzielen. Durch diejes einfache Mittel schaffen wir Brod für unsere Brüder, welche in Elend und Noth vegetiren. Ein Einziger kann nicht helfen, die Gesammtheit ist es aber im Stande. Dank der Initiative und dem unermüdlichen Bestreben des Herrn Dr. Wittlie, Landesadvocaten in Lemberg, Dr. Elias Goldhammer, Landesadvocaten in Tarnov, und noch einiger Herren, gelang es endlich am 16. October 1901 hier einen Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden galizischen Erwerbs- und Wirthschaftsgenoffenfchaften zu gründen. Der Ausschuß dieses Verbandes besteht aus den Herren Dr. Elias Goldhammer, Landes advocat in Tarnov, als Präsident, Dr. Bernhard Wittlie, Landesadvocat in Lemberg, als Bicepräsident, Dr. Michael Schwarz, Landesadvocat in Przemysl, Dr. Emil Fried, Landesadvocat in Kozora, Herm. Wilhelm Goldhamwer und Jzak Nagelberg in Lemberg, David Zins, Kammerrath, Censor der Oesterr.-ungar. Bank in Tarnov, Moses Aschheim in Mielec und Jacob Rosen in Gliniany als Ausschußmitglieder. Speciell für unsere jüdischen Genossenschaften in Galizien (450 an der Zahl) ist die Entstehung dieses Institutes von großer Bedeutung, da ihnen jetzt die Möglichkeit geboten wird, die Behauptungen des hiesigen antisemitischen „Zwi^zek storaszyszen“, welcher die Genossenschaften, an deren Spitzen jüdische Functionäre stehen, in seinen Jahresberichten anfällt und dieselben als wirthschaftlich schädliche Institute darstellt, zu wiederlegen und Lügen zu strafen. Durch strenge Controle seitens des »Allgemeinen Verbandes" werden unsere jüdischen Genossenschaften die Gesammtheit überzeugen, daß ihr Thun und Schaffen, sogar im höheren Maße wie die dem antisemitischen „Zwi^zek storaszyszen“ in